Wie viel
       Transnationalismus
                      verträgt die Kultur?

               

                 INTERNATIONALES SYMPOSIUM 20./21. OKTOBER 2008
                 UNIVERSITÄT POTSDAM
                 INSTITUT FÜR GERMANISTIK/JÜDISCHE STUDIEN

  ABSTRACTS

 

_______________________________________________________________Panel Sprache/Literatur

Dr. Frederike Kern: “Türkendeutsch – Mehrsprachigkeit als Ressource“

Friederike Kern hat in Berlin und London Germanistik und Philosophie studiert und an der Universität Hamburg mit der Arbeit “Kulturen der Selbstdarstellung - Ost- und Westdeutsche in Bewerbungsgesprächen” (Wiesbaden 2000) promoviert. Sie arbeitete einige Zeit als DaF-Lehrerin und Assessment-Trainerin für einen privaten Bildungsträger in Berlin; anschließend forschte sie an der Universität Dortmund über die Entwicklung diskursstruktureller Fähigkeiten bei Kindern in Erzählungen und Erklärungen. Seit April 2003 ist sie Assistentin am Lehrstuhl für Kommunikationstheorie (Prof. Selting) am Institut für Germanistik der Uni Potsdam tätig und schreibt z. Zt. an ihrer Habilitation, die grammatische und prosodische Strukturen des Türkendeutschen zum Thema hat.

Gemeinsam mit Margret Stölting: Einheitenkonstruktion im Türkendeutschen. (in Vorb.b).
Culture, genres and the problem of sequentiality – An attempt to describe local organization and global structures in talk-in-situation, in: Fetzer, Anita & Meyerkord, Christiane (Hrg.): Rethinking Sequentiality. Benejamins Amsterdam 2002.
Vorurteile im Gespräch - Die soziale Konstruktion der Kategorien Ost und West bei Berliner/innen, in: Heinemann, M. (Hrg.): Sprachliche und soziale Stereotype. Peter Lang Frankfurt 1998.

Abstract:

In deutschen Großstädten hat sich mit dem 'interkulturellen' Zusammenleben im Rahmen des deut­schen Kultur- und Kommunikationskontextes mittlerweile eine eigenständige, neue‚ ethnische Variante des Deutschen herausgebildet: ‚Kanakisch‘ oder ‚Türkendeutsch‘, wie es von türkischen und z.T. auch deutschen Jugendlichen in einigen deutschen Großstädten gesprochen wird. Auch in der Metropole Berlin haben türkische Jugendliche und Jugendgruppen einen solchen ethnischen Sprech- und Interaktionsstil herausgebildet.
In meinem Beitrag möchte ich aufzeigen, wie türkischdeutsche Jugendliche aus Berlin sprachliche Merkmale des Türkendeutsch benutzen, um kulturelle Wertsysteme auf spielerische Art und Weise darzustellen und sich gleichzeitig davon zu distanzieren. Hauptaugenmerk liegt dabei auf den phonologischen Ressourcen der beiden Sprachen Deusch und Türkisch, die die Sprecher/innen auf kreative Art und Weise miteinander vermischen, um neue sprachliche Strukturen zu schaffen. Daran knüpft sich die Frage. Grundlage der linguistisch ausgerichteten Analysen sind ca. 30 Stunden authentische Telefongespräche und face-to-face-Gespräche zwischen jungen türkendeutschen Männern und Frauen, die im Rahmen des Potsdamer DFG-Projekts "Türkendeutsche aus interaktional-linguistischer Perspektive" in den Jahren 2003 bis 2006 aufgenommen wurden.

Prof. Dr. h.c. Konrad Ehlich: “Mehrsprachigkeit in ihrer transnationalen Bedeutung für die Philologien“

Konrad Ehlich, geboren 1942, begründete mit Jochen Rehbein die Funktionale Pragmatik als Sprachtheorie, in der die Kategorie des Zwecks sprachlichen Handelns zentral gestellt ist und die gesellschaftlich fundierte Zweckhaftigkeit in die Analyse sprachlicher Mittel eingeht. Er promovierte 1976 über das hebräische deiktische System; im Rahmen seiner Düsseldorfer Habilitation in Allgemeiner Sprachwissenschaft (1980) analysierte er Interjektionen. Er war von 1992 bis 2007 am Institut für Deutsch als Fremdsprache / Transnationale Germanistik in München tätig und war dessen Vorsitzender. Bevor er an die Ludwig-Maximilians-Universität München berufen wurde, arbeitete er an der Freien Universität Berlin sowie den Universitäten Düsseldorf, Tilburg (Niederlande) und Dortmund.
Im März 2000 wurde ihm auf Beschluß des Germaniko Tmima (der Deutschen Abteilung) der Aristoteles-Universität Thessaloniki im Rahmen der Feier des 75jährigen Bestehens von deren Philologischer Fakultät die Ehrendoktorwürde verliehen. Von 2001 bis 2004 war er zudem Erster Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes.

Transnationale Germanistik. Iudicium München 2007.
Praxen der Mehrsprachigkeit. Waxmann Münster 2006.
Sprachen und Sprachenpolitik in Europa Stauffenburg-Verl., Tübingen 2002.

 Abstract:

Die modernen Philologien sind ein Folgeprodukt der Nationalisierung von Sprachen, die für die neuzeitliche europäische Entwicklung kennzeichnend ist. Die Etablierung von „Volkssprachen“ zu leistungsfähigeren Konkurrenten der „klassischen“ Sprachen bedeutete nicht zuletzt, dass ein Austausch auratisierter Texte zu erfolgen hatte, durch den die religiösen ebenso wie die zu „klassischen“ erst gemachten der Antike ihre Bedeutung zunehmend verloren. Die Bindung der Philologien an nationale Sprachen ging in die philologische Konstitution selbst also fundierend ein, und die Philologien bezogen und beziehen ihre Legitimität wesentlich durch diesen Konnex.
Zwar ist mit dem Aufkommen eines Konzeptes von Weltliteratur scheinbar ein Übersteigen dieses Fundierungszusammenhangs gegeben, doch ist dies nicht wirklich der Fall, weil “Weltliteratur“  an die Summierung von Nationalliteraturen weithin gebunden bleibt. Gegenwärtig zeigen sich - nicht zuletzt aufgrund demographisch-ökonomischer Entwicklungen - starke Tendenzen zur Verbreitung und Verallgemeinerung von Mehrsprachigkeit. Diese strebt über die Grenzen der Nationalstaatlichkeit hinaus, stößt aber im Konzeptualisierungs-Ensemble nationalsprachlich geprägter Denkwelten weithin auf Unverständnis, das sich in der Qualifizierung von Mehrsprachigkeit als „Problem“ ausdrückt.
Die faktische Mehrsprachigkeit europäischer Gesellschaften stellt die Philologien vor die Herausforderung, ihre eigenen Grundlagen neu zu bestimmen. Verbunden mit den medialen Herausforderungen, ist die Herausforderung zur Gewinnung von Transnationalität als Horizont der eigenen Arbeit eine bisher nur wenig angenommene Aufgabe für die Zukunft der Philologien. Die Antworten auf diese Herausforderung schwanken zwischen der Prolongierung der nationalstaatlichen Option als supranationaler („globaler“) im „Globalisierungs“-Diskurs und seinen kulturpolitischen Folgen einerseits, dem Rückzug auf die behauptete ungebrochene Kontinuität und Kontinuierbarkeit der natioanalsprachlichen Diskurse andererseits. Es wird zu diskutieren sein, ob diese Alternative die Erfordernisse und Optionen der neuen Konfigurationen in hinreichender Weise beschreibt.

Dr. Philipp Gut: “Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur“

Philipp Gut, geboren 1971, studierte Geschichte, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Zürich. Nach vierjähriger Assistenz am dortigen Historischen Seminar war er Redakteur beim Tages-Anzeiger. Heute ist er Redakteur der Weltwoche in Zürich. Für sein Buch "Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur" erhielt er den Förderpreis der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft 2007.

Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2008.

Abstract:

So leidenschaftlich wie Thomas Mann hat wohl kein zweiter Autor über die Höhen und Tiefen der deutschen Kultur nachgedacht. In der Ära des ersten Weltkriegs definierte Mann die deutsche Kultur in Abgrenzung von der westlichen Zivilisation – und rückte sie gleichzeitig in die Nähe zur Barbarei. Als die Nationalsozialisten daran gingen, die Barbarei in Praxis umzusetzen, öffnete Mann seine Vorstellung der deutschen Kultur den zivilisatorischen Werten gegenüber. Im Exil musste er sein Selbstverständnis als Repräsentant der deutschen Kultur modifizieren: Er fasste ein «Weltdeutschtum» ins Auge, das die nationalen Grenzen überwand. Manns politisches Denken, das sich auch in seinen grossen Romanen vom Zauberberg (1924) bis zum Doktor Faustus (1947) niederschlägt, lotet das Feld zwischen «Nationalkultur» und «Weltzivilisation» in einer Weise aus, die stets eine selbstkritische Komponente enthält und die Abgründe der deutschen Geschichte mitreflektiert.

Prof. Dr. Helmut Peitsch: “Entortung und Remigrantenliteratur“

Helmut Peitsch, geboren 1948 in Minden, studierte in der Zeit von 1966 bis 1973 Germanistik, Politologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Die Promotion erfolgte 1976 über "Georg Forsters 'Ansichten vom Niederrhein'". Im Jahr 1983 habilitierte er über "'Deutschlands Gedächtnis an seine dunkelste Zeit'. Zur Funktion der Autobiographik in den Westzonen Deutschlands und den Westsektoren von Berlin 1945 bis 1949". Lehraufenthalte in Leeds, Swansea, New York und Cardiff. Seit 2001 ist er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Potsdam. In seinem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigt er sich mit der literarische Vergangenheitsbewältigung im Ost-West-Vergleich.

"No Politics"? Die Geschichte des deutschen PEN-Zentrums in London 1933-2002. Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen 2006.
Gemeinsam mit Willi Jasper, Eva Lezzi, Elke Liebs (Hrsg.): Juden und Judentum in der deutschsprachigen Literatur. Harrassowitz Wiesbaden 2006.
Gemeinsam mit Charles Burdett, Claire Gorrara: European Memories of the Second World War. Oxford New York 2006.

Abstract:
Günther Anders war ein Remigrant, aber er kehrte nicht ins zu zwei Staaten gewordene Land seiner Geburt zurück, sondern wurde Österreicher. In meinem Beitrag soll deshalb zuvorderst das Spektrum von Optionen, welches unter anderem Remigration einschloß, am Beispiel der nach Großbritannien geflohenen deutschsprachigen Autoren kurz dargestellt werden. In einem zweiten Schritt werde ich dann Günther Anders‘ “Besuch im Hades“ (1966) als Remigrantenliteratur auf das Phänomen der Entortung hin befragen, also darauf, ob im Falle des nach dem US-amerikanischen Exil österreichischer Staatsbürger gewordenen Breslauer Juden Günther Anders sich Migration als beständige, oszillierende, in mehrere Richtungen gehende Bewegung erweist, auf die der Terminus Transnationalismus angewandt werden könnte.

Prof. Dr. Wilfried Schoeller: “Was ist Weltliteratur?“

Wilfried F. Schoeller, geboren 1941 in Illertissen/Schwaben, ist Literaturkritiker und Professor für die Literatur des 20. Jahrhunderts, Literaturkritik und Medien an der Universität Bremen. Schoeller war Leiter der Abteilung »Aktuelle Kultur« im Hessischen Rundfunk/Fernsehen. Er lebt in Frankfurt am Main. 1990 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Seit 2002 ist er Generalsekretär des P.E.N.-Zentrums Deutschland.

Gemeinsam mit Johannes Veit: Transit Amsterdam : deutsche Künstler im Exil 1933 – 1945.
Allitera-Verlag München 2007.
Buch des Monats 1997 - 2006 : Auswahl, Dokumentation und Leseproben / zsgest. von Wilfried F. Schoeller. Justus-von-Liebig-Verlag Darmstadt 2006.
Diese merkwürdige Zeit : Leben nach der Stunde Null. Ein Textbuch aus der "Neuen Zeitung. Büchergilde Gutenberg Frankfurt am Main 2005.

Der Begriff der Weltliteratur ist komplementär zum Begriff der “Nationalliteratur“ entstanden. Er wurde von August Wilhelm Schlegel in seinen Berliner “Vorlesungen über die schöne Kunst und Literatur“ (1802) eingeführt und von Johann Wolfgang von Goethe als zukünftiger Auftrag der Kulturen definiert. Die Weltliteratur sollte über das gegenseitige Kennenlernen hinaus die großen Aufgaben einer gemeinsamen Welt in Angriff nehmen; Goethes Anspruch kann folglich als ausgesprochen modern bezeichnet werden. Weltliteratur war in diesem Verständnis mehr als ein Kanon der schöngeistigen Tradition und orientierte auf die Ausbildung von Wissensbeständen, die auch eine gemeinsame Weltordnung vorzeichnen sollten.

Der Begriff der “Weltliteratur“ unterlag in der Geschichte den diversen Trivialisierungen und auch Pervertierungen. Er wurde für imperialistische Bestrebungen in Anspruch genommen wie auch für ein kulturelles Sendungsbewusstsein des abendländischen Paradigmas. Die Frage steht also, inwieweit der Begriff für eine transnationale und -kulturelle Forschungsperspektive heute operabel ist.  Eignet er sich als Einfallstor für eine radikale Kritik am nationalstaatlichen, essentialistischen Literaturkonzept? Dieses schließlich ist in einer sich immer stärker globalisierenden Welt einem nicht unerheblichen Legitimationsdruck ausgesetzt. Es erscheint immer weniger plausibel, geographische Räume als Container für kulturelle Prozesse zu konzeptionalisieren. Darüber hinaus werden selbst im Rückgriff auf bereits kanonisierte literarische Werke staatsrechtliche Ordnungsprinzipien im literarischen Feld fragwürdig.