Wie viel
       Transnationalismus
                      verträgt die Kultur?

               

                 INTERNATIONALES SYMPOSIUM 20./21. OKTOBER 2008
                 UNIVERSITÄT POTSDAM
                 INSTITUT FÜR GERMANISTIK/JÜDISCHE STUDIEN

  ABSTRACTS

 

_____________________________________________________________________Abschlusspodium

Moderation: prof. Dr. Willi Jasper

Marieluise Beck

 

Marieluise Beck, geboren 1952 in Bramsche/Osnabrück. Studium in Bielefeld und Heidelberg (Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde). Präsidiumsmitglied in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Mitglied der Gesellschaft für bedrohte Völker und im BUND. Seit März 1980 Mitglied der GRÜNEN. 1991 bis 1994 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Mitglied des Bundestages von 1983 bis 14. April 1985, 1987 bis 1990 und seit 1994; 1998 bis 2002 Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, 2002 bis 2005 Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und gleichzeitig Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Als größte Leistung ihrer Arbeit als Integrationsbeauftragte der rot-grünen Bundesregierung hat Marieluise Beck die Verabschiedung des so genannten Zuwanderungsgesetzes benannt. Das Gesetz wurde im Juli 2004 vom Deutschen Bundestag verabschiedet und verankerte 50 Jahre nach der ersten arbeitsmigrantischen Anwerbung in der Bundesrepublik erstmals gesetzlich einen staatlichen Integrationsauftrag. Nach einem kontroversen und langwierigen Gesetzgebungsprozess war der daraus erwachsene Kompromiss des Vermittlungsausschusses aber auch nach der Verabschiedung vielfältigen Angriffen ausgesetzt. Von den C-Parteien wurde die größere Freizügigkeit bei der Zuwanderung angeprangert; Flüchtlingsinitiativen hingegen bezeichneten es als Begrenzungsgesetz und kritisierten die Indienstnahme durch ökonomische und sicherheitspolitische Interessen. Zum operativen Kernbestand des Gesetzes gehören nicht nur der Rechtsanspruch auf einen Sprachkurs für Zugewanderte, sondern auch Verschärfungen bei der Abschiebung.

 Dr. Bahman Nirumand

Der iranisch-deutsche Publizist und Autor Dr. Bahman Nirumand wurde 1936 in Teheran geboren. Mit 14 Jahren schickten seine Eltern ihn nach Deutschland. In München, Tübingen und Berlin studierte er Germanistik, Philosophie und Iranistik. Seine Doktorarbeit 1960 schrieb er über Bertold Brecht. Nach seiner Rückkehr in den Iran dozierte Dr. Nirumand an der Universität Teheran über Vergleichende Literaturwissenschaft und arbeitete nebenbei als Journalist und Schriftsteller. 1965 musste er vor einer Verhaftung von dem im Iran herrschenden Schah-Regime fliehen.

Der unerklärte Weltkrieg, Booklett 2007.
Iran. Die drohende Katastrophe, Kiepenheuer & Witsch Köln 2006.
Angst vor den Deutschen. Terror gegen Ausländer und der Zerfall des Rechtsstaates, Rowohlt, Reinbek 1992.

Sein Buch "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt", welches 1967 erschien, hat die internationale Studentenbewegung nachhaltig beeinflusst. Nach seiner Rückkehr in den Iran, nun unter islamistischem Regime, und nur dreijährigem Aufenthalt musste Bahman Nirumand wieder ins Exil gehen, erst nach Paris, danach nach Berlin. Dr. Nirumands These besagt, dass das Bild, welches der Westen vom Iran hat, lediglich auf das islamistische Regime beschränkt sei, obwohl die Kräfte um Ahmadineschad nur künstlich am Leben gehalten würden. Androhungen von Sanktionen und Kriege würden das Regime stärken, während es viele Künstler, Frauen und die Massen der Jugend gäbe, die sich einer islamistischen Radikalisierung verweigern würden.

Avi Primor

Avraham („Avi“) Primor wurde 1935 in Tel Aviv geboren.Seine  Mutter Selma Goldstein war 1932 aus Frankfurt/Main nach Palästina eingewandert. Ihre  gesamte Familie wurde Opfer des Holocaust. Der Vater war Sohn  niederländischer Einwanderer. Nach dem Studium der Politikwissenschaft an der Hebräischen Universität Jerusalem,  am City College New York und an der Sorbonne (Paris) und dem Militärdienst trat Primor in den diplomatischen Dienst ein. Unter anderem war er Botschafter in Dahomey (jetzt Benin) , Gesandter in Frankreich, stellvertretender Staatssekretär im israelischen Außenministerium, Botschafter bei der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel und gleichzeitig in Belgien und Luxemburg. Bevor er 1993 als Botschafter nach Bonn berufen wurde, war er zwei Jahre lang Vizepräsident der Hebräischen Universität. Als Botschafter in Deutschland (bis 1999) erwarb er sich hohe Wertschätzung für die offene, kritische und selbstkritische Haltung  (auch gegenüber der eigenen Regierung) mit der er sich für die Verbesserung der Beziehung zwischen  Deutschen und Israelis einsetzte. Er erhielt mehrere europäische Preise, u.a. den Kulturpreis Europa 1998 und den Merite Européen in Gold. 1997 veröffentlichte er das Buch „…mit Ausnahme Deutschlands“ in deutscher Sprache, die gerade erst erlernt hatte. Er beschreibt in ungewöhnlich offener Weise seine Erfahrungen mit Deutschland und den Deutschen und spricht über die Ängste seiner Landsleute. Vor allem aber liegt Primor die gemeinsame Zukunft Deutschlands und Israels am Herzen, nicht zuletzt die wirtschaftliche Zusammenarbeit, von der er sich eine Auswirkung auf den Entspannungsprozess im Nah-Ost-Konflikt verspricht.  Seit 2005 ist Avi Primor Direktor des Zentrums für Europäische Studien an der Privatuniversität IDC in Herzliya/Israel.   

Prof Dr. Karl Schlögel

Der Historiker und Publizist Prof. Schlögel wurde im Jahr 1948 geboren. Nach seinem Studium der osteuropäischen Geschichte, der Philosophie, Soziologie und Slavistik an der Freien Universität Berlin, St. Petersburg und Moskau promovierte er zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über Arbeiterkonflikte in der poststalinistischen Sowjetunion. Daneben war er freiberuflicher Schriftsteller und Übersetzer in den USA und Osteuropa. 1990 erhielt Prof. Schlögel den Ruf auf den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz. Seit 1994 lehrt er Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Sankt Petersburg. Schauplätze einer Stadtgeschichte, Frankfurt a.M. 2007.
Planet der Nomaden Berlin 2006.
Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. Carl Hanser Verlag München 2003.
Petersburg: Das Laboratorium der Moderne 1909-1921, München 2002
Moskau lesen, Berlin 1984.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Kultur der Moderne im östlichen Europa, speziell in Russland, sowie die Geschichte des "Stalinismus als Zivilisation". Prof. Schlögel beschäftigt sich mit der Geschichte der Zwangsmigration und Kulturen der Diaspora im 20. Jahrhundert. Auch Stadtgeschichte und Urbanität im östlichen Europa und theoretische Probleme einer räumlich aufgeschlossenen Geschichtsschreibung gehören zu seinen  Forschungsgebieten.
Dabei beschritt er einen für Historiker ungewöhnlichen Weg: Weniger die schriftliche Quellenlage stand im Vordergrund seiner Betrachtungen, sondern die Wahrnehmung gebauter Strukturen sowie die Bauentwicklung während einzelner Zeitabschnitte, als auch persönliche Begegnungen im Alltagsleben.
Früher als andere Fachkollegen hob er hervor, dass Osteuropa und Russland zum kulturellen Bestand Gesamteuropas gehören. Er beschäftigte sich mit politisch und wirtschaftlich bedingten Wanderungsbewegungen sowie mit dem Alltagsleben von Minderheiten.
Mit dem Buch “Im Raume lesen wir die Zeit“ legte Prof. Karl Schlögel eine Systematisierung seiner Arbeit vor. Seinem Verständnis nach, sollten in der Geschichtswissenschaft neben theoretischem Diskurs, statistischer Empirie und Ereignisgeschichte die Beschreibung der Wirklichkeit sowie die Beurteilung von Realitätswahrnehmungen eine größere Rolle spielen.

Prof. Dr. Wilfried Schoeller
siehe Panel Sprache/Literatur