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Titel des Drittmittelprojekts:

"'Türkendeutsch' in interaktional-linguistischer Perspektive" (DFG-gefördert seit 01/2004);

Projektleitung: Prof. Dr. Margret Selting; WM: Dr. Friederike Kern, Yazgül Simsek

 

Beschreibung des Projekts

In deutschen Großstädten hat sich mit dem ‚interkulturellen’ Zusammenleben ein eigenständiger, neuer, ethnischer Sprech- und Interaktionsstil des Deutschen herausgebildet, der derzeit hinsichtlich seiner Formen und Funktionen noch relativ unerforscht ist: das v.a. von türkischen Jugendlichen gesprochene ‚Türkendeutsch’. Im Projekt werden Struktur und Funktion dieses primär deutschsprachigen ethnischen Stils aus inter­aktionslinguistischer Per­spektive beschrieben, d.h. seine phonetisch-phonologischen und syntaktischen Strukturen werden hinsichtlich ihrer Aufgaben für die Praktiken und Regeln der Gesprächsorganisation in realen Situationen untersucht.

Daten

Grundlage der Analysen unseres Forschungsprojekts sind authentische Telefon- und face-to-face-Gespräche von türkischen Mädchen bzw. jungen Frauen aus Berlin. Die Probanden sind im Alter von 17-22 Jahren und gehören der sogenannten 2. Generation der türkischen Migranten an. Sie sind in Deutschland geboren und/oder haben den größten Teil ihrer Schullaufbahn hier absolviert. Um eine Vergleichsbasis zu bekommen, werden ebenfalls Aufnahmen mit deutschsprachigen Jugendlichen gemacht.

Methode

Die Untersuchungen basieren auf der Methodologie der „interaktionalen Linguistik“, die einzelsprachliche und sprachvergleichende linguistische Untersuchungen auf der Grundlage linguistischer und konversationsanalytischer Prinzipien vornimmt. Dabei werden linguistische Strukturen als Ressource zur Gesprächsorganisation und Aktivitätskonstitution aufgefasst.

Die Daten werden durch die Transkription nach GAT - Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (Selting u.a. 1998) - der Analyse zugänglich gemacht. Für akustische Analysen wird das Programm PRAAT eingesetzt, um prosodische Phänomene durch akustische Datenanalyse zu stützen und zu belegen.

Ziele

Das Projekt verfolgt die Generalhypothese, dass das Türkendeutsch türkisch-deutscher Jugendlicher keinesfalls als fossilisierte Zweitspracherwerbsstufe und damit als Sprach(erwerbs)defizit o.ä. aufgefaßt werden kann, sondern als Sprechstil beschrieben werden muss. Das Türkendeutsche wird in diesem Sinn als ein von den Jugendlichen gewählter eigenständiger Sprech- und Interaktionsstil beschrieben. Unser Hauptinteresse liegt dabei auf der Beschreibung von grammatischen und prosodischen Strukturen und deren Funktionen für die Praktiken und Regeln der Gesprächsorganisation.

Einige vorläufige Ergebnisse (Stand April 2005)

1          Zur Einheitenkonstruktion

Bisherige Analysen haben gezeigt, dass das Zusammenspiel syntaktischer und prosodischer Strukturen wie auch die rhythmische Struktur des Türkendeutschen – hervorgebracht u.a. durch eine spezifische Akzentdichte – eine wesentliche Rolle bei der Konstruktion von Einheiten und der Gestaltung von Gattungen wie dem Erzählen spielt. 

1) Prosodisch exponierte Voranstellungen, spezifische Formen von Nachstellungen und kurze prosodische Einheiten fungieren als diskurspragmatische Fokussierungsstrategien in Erzählungen und werden als Mittel zur Herstellung von Kohäsion und Kohärenz verwendet.

Im Türkendeutschen haben Voranstellungen, die prosodisch exponiert sind und ihren eigenen Akzent tragen, offensichtlich die Funktion, bestimmte Ereignisse im Rahmen einer Erzählung zu fokussieren und als Höhepunkte zu präsentieren (vgl. Beispiel 1).

Weiterhin typisch für das Türkendeutsche sind prosodisch fortgesetzte Nachstellungen mit eigenem und einzigem Primärakzent (also mit integrierender Akzentsetzung), die offenbar dazu dienen, rhematische Informationen hervorzuheben und als relevant zu kennzeichnen (vgl. Beispiel 2).

Prosodisch exponierte Voranstellungen und verschiedene Formen von Nachstellungen bewirken u.a. eine Aufspaltung der Informationen in kurze Einheiten mit je eigenen Fokussierungen. Vor allem in Erzählungen werden Ereignisse oft entsprechend ihrer zeitlichen Abfolge formuliert und in kurze prosodische Einheiten verpackt, die auch, aber nicht nur, mit Hilfe von Voran- und Nachstellungen konstruiert werden. Die kleinschrittigen Formulierungsweisen, teilweise zusammen mit erhöhter Akzentdichte, dienen dazu, Spannung und Dramatisierung zu erzeugen und Kohäsion und Kohärenz zwischen den Einheiten herzustellen (vgl. Beispiel 3).

Beispiel (1): Prosodisch exponierte Voranstellung zur Fokussierung und Präsentation eines Ereignisses als Höhepunkt einer Erzählung

tkdtw08_Esi3

   42   Sem:   gestern hat DING'=

   43          =isch hAb dings es em es geSCHICKT, (.)

   44          .h äh ich meinte n:

   45          <<all> (wie geht s dir)> und so weiter, (-)

   46          wenn Ich dir nicht sch:reibe

   47          SCHREIBST du mir nich hAb ich gesagt; (-)

-> 48          und daNACH, (.)

-> 49          <auf EINmal ich KhUKke er ruft AN;>=

               <mit Wechsel der Stimmqualität, mit Flüsteranteil?>

   50          =aber <<len> ich HAB verGESsen> mein nAme

   51          raufzuschreiben, (--)

   52          ähm (.) danach sagt (.) hat er ANgerufen,

   53          <<all> wer bist ¯DU;> (-)

   54          ich hab geSAGT- (.)

   55          ich bin SEma;=

                       ((falsche Akzentuierung des Namens))

   56           =ruf mich in fÜnf minuten wieder AN;

Beispiel (2): Prosodisch fortgesetzte Nachstellung mit integrierender Akzentsetzung zur Hervorhebung rhematischer Information

tkdtwVor_Ha/Zey

 

   01   FR   ich SEH dis immer gar nicht;

-> 02   HA   musst du mal gehen KOTT[busser tor;]

   03   FR                          [hehehe     ]

   04   HA   ubahn KOTTbusser tor;

   05        (--)

   06   HA   dann SIEHST du=n bisschen; (-)

   07   FR   ja,=

Beispiel (3): Kurze Einheiten

tkdtw_Vor_Ha/Ze

 

   63   FR   =ECHT,

-> 64   HA   =isch hab GESTern gesEhn;

-> 65        sO=ne ThÜte? (.)

   66        dis war bestimmt ZEHN gramm;=

   67        =oder t| sch| zwanzisch GRAMM; (-)

-> 68        der mann hat geGEben, (.)

-> 69        <<rall> und denn GELD geGEben;>

   70   ZE   einfach SO: [<<f> mei:n gott (ey man ey)>

   71   HA               [<<ff, höher>einfach so,

   72        da warn auch BULlen da;>

   73        die war auch <<singend> polizei war AUCH da;>

2) Akzentuierung und Rhythmus werden als eigene Mittel zur Herstellung von Kohäsion und Kohärenz verwendet

Das Türkendeutsche zeichnet sich zum Teil durch eigene Prinzipien der Wort- und Äußerungsakzentsetzung aus. Ein besonderes Akzentuierungsprinzip zeigt sich bei der Verschiebung von Wortakzenten: Hier wird besonders deutlich, wie Sprechende des Türkendeutschen spielerisch auf Ressourcen zurückgreifen, die aus dem Türkischen stammen, um damit bestimmte kommunikative und gesprächsorganisatorische Aufgaben zu erfüllen(vgl. Beispiel 4).

Beispiel (4): Platzierung von Wortakzenten

tkdtw_Vor_Yi

 

   01   YI   .h und nicht mal (.) ein BAby?

-> 02   ME   ba­BY:- (.)

   03        in DEUTSCHland?

-> 04        <<noch übertriebener> ein kartoffelba­BY::->

   05        NEI::N;

   06        um gottes WI:LLN;

   07        NEI:N;

-> 08        ich HAB ein baby schon;=

   09        =neun JAHre lang;=

   10        =dieser HUND;

Dass es sich bei diesem Fall einer Akzentverschiebung um ein Stilmittel handelt – also das Produkt einer Wahl des Sprechers und nicht das Resultat mangelnder Kenntnisse des Deutschen ist – zeigt sich daran, dass Mehmet an anderen Stellen baby (Z. 08) mit korrektem Wortakzent ohne weitere prosodische Stili­sierungen verwendet. Daran wird sichtbar, dass es sich bei der Akzentverschiebung und prosodischen Stilisierung nicht um die Folge unzureichender Deutschkenntnisse handelt, sondern um echte Stilmittel, die hier zur spielerischen Distanzierung eines heiklen Themas verwendet werden. Solche Akzentverschiebungen werden von den türkendeutschen Jugendlichen offensichtlich kreativ als sprachliche Ressource genutzt.

Auch bei der Akzentsetzung auf Äußerungsebene zeigen sich z.T. eigene Prinzipien: Die Platzierung des Primärakzents und die Herstellung eines spezifischen Rhythmus spielen im Türkendeutschen offenbar bei der lokalen Herstellung von Kohäsion und Kohärenz eine entscheidende Rolle. Primärakzentuierung wird hier in vielen Fällen rein prosodisch-phonologisch organisiert; der Akzent wird dann an der letzten Silbe oder am letzten Wort einer Einheit oder am Rhythmus der vorherigen Äußerung ausgerichtet. Damit unterscheidet sich das Türkendeutsche ganz offensichtlich vom Standarddeutschen, in dem der Primärakzent vor allem zur Signalisierung des semantischen Fokus der Äußerung verwendet wird (vgl. Beispiel 5).

Beispiel (5): Platzierung von Primärkakzenten in Äußerungen

tkdtw05_Esra1

   330  Ayl   ja

   331        ilyaza bi e mail yolladım.

              ilyaz habe ich eine e mail geschickt

-> 332  Esr   ja WAS:: hast du geSCHRIEben;

   333        (---)

-> 334  Ayl   ja warUm (.) er nich SCHREIBT-

-> 335        warum muss ich immer als erstes SCHREIben-

   336  Esr   Ä=ä;

In ihren beiden aufeinander folgenden Äußerungen in den Zeilen 334 und 335 produziert Ayla den Primärakzent auf ‚schreiben‘ und stellt damit eine enge Verbindung zwischen beiden Äußerungen her. Es liegt überdies nahe, dass sie auch Kohärenz zwischen ihren Äußerungen und der vorhergehenden Äußerung von Esra nahe legen will, in der ebenfalls eine Form des Verbs ‚schreiben‘ am Einheitenende akzentuiert wurde. Hier wird lokale Kohärenz auch schon durch die Tatsache hergestellt, dass eine Frage-Antwort-Sequenz durchgeführt wird; und auch Aylas Wiederaufnahme der Formulierung [ja + W-Wort] dient hier als Kohäsionsmittel möglicherweise demselben Zweck der engen Anbindung der Antwort an die Frage.

Besonders auffällig ist die Setzung des Primärakzents auf das Wort SCHREIben in Zeile 335, durch die ein weiter Fokus festgelegt wird. Nach der Vorgängeräußerung ja warUm (.) er nich SCHREIBT wäre hier aber ein Primärakzent auf ich oder erstes zur Signalisierung eines engen Fokus erwartbar, um den inhaltlich nahegelegten Kontrast zwischen den aufeinanderfolgenden Äußerungen prosodisch zu signalisieren. Hier scheint die Akzentsetzung also vor allem zur zusätzlichen Herstellung von Kohäsion und Kohärenz durch parallele Akzentsetzung zu dienen.

2          Zum Rezeptionsverhalten

Auffallend ist zudem die Organisation von Zuhöreraktivitäten wie beispielsweise der Gebrauch türkischer Rezeptionssignale und Partikeln sowie der Einsatz von Wiederholungen zur Signalisierung von Zustimmung und emphatischem „Dabeisein“.

In den folgenden Beispielen von primär deutschsprachigen Erzählungen aus unserem Korpus zeigt sich, dass die verschiedenen Rezeptionssignale aus dem Türkischen nach oder in bestimmten Phasen einer Erzählung vorkommen: nach einer Ereigniskette, nach Detaillierungen und in bewertenden Phasen. Die sequenziellen Verwendungsweisen der türkischen Rezeptionssignale decken sich daher offensichtlich mit den standarddeutschen (dazu sind noch vergleichende Analysen mit Daten der deutschen Kontrollgruppen geplant). Warum die Wahl eines Rezeptionssignals aus dem Türkischen erfolgt, läßt sich bislang noch nicht erkennen und muss noch anhand weiterer Daten genauer beschrieben werden.

Es folgen einige Beispiele türkischer Rezeptionssignale, die hinsichtlich ihrer Form und funktionalen Verwendung im Kontext von Erzählungen diskutiert werden.

(1) ay

Im folgenden Beispiel (6) wird das türkische ay von der Hörerin Melisa in zwei verschiedenen Phasen der Erzählung in jeweils zwei verschiedenen phonetischen Varianten realisiert: in Zeile 426 mit einer Längung des Vokals und in Zeile 435 mit einer Längung des Halbvokals.

Beispiel (6): ay als emphatisches Rezeptionssignal beim Erzählen

tkdtw02_Melisa2

   425   Dam:        [(und dewegen) (.) böyle yeliz nası aªlıyodu,

                                        so    yeliz wie  weine-progr.-perf.

                                        wie yeliz so geweint hat

-> 426   Mel:   A::Y;

                ach

                ((türkisches Rezeptionssignal der Anteilnahme))

   427   Dam:   <<all> sie so dann er sagt zu mir er würd (mich) nicht mehr

   428          ANrufen;>

   429          =bi  de   yelize     demi¶       ki,=

                eins auch yeliz-dat. sag-m.perf. dass

                und noch hat (er) zu yeliz gesagt

   430          =ja du wirst bEsseres finden und ich würd AUCH was bEsseres

   431          finden felan filan;

                       dies und das

   432   Mel:   WA:S,

   433   Dam:   JA;

   434          yeliz de   diyodu          es ist AUS mann diyodu;

                yeliz auch sag-progr.-perf.                sag-prog.-perf.

                yeliz sagte auch                           sagte sie

-> 435   Mel:   AY:;

                ach

                ((türkisches Rezeptionssignal))

 

Durch das A::Y in Zeile 426 wird das Weinen von Yeliz emphatisch bedauernd aufgenommen. Durch AY: in Zeile 435 wird das Ende der Darstellung der Ereigniskette mit AY: ratifiziert. Auch diese Form von ay ist Ausdruck emotionalen Bedauerns, bezieht sich in diesem Fall jedoch offensichtlich auf die gesamte Ereigniskette. Was den exakten Unterschied zwischen diesen phonetischen Varianten ausmacht, muss durch nähere Betrachtung der Sequenz und eine detailliertere prosodische Analyse weiter untersucht werden.

(2) ha

Ebenso häufig ist der Gebrauch des türkischen Rezeptionssignals ha und seiner phonetischen Varianten. Dieses Element kann entsprechend der Wortstellung des Türkischen in äußerungseinleitender bzw. -abschließender Position entweder prosodisch integriert oder klitisiert erscheinen, oder als eigenständige prosodische Einheit und als eigener Redebeitrag im Gespräch.

Die unterschiedlichen gesprächsorganisatorischen Funktionen von ha sind jedoch nicht nur auf die verschiedenen syntaktischen Stellungen zurückzuführen, sondern vor allem auf deren  prosodische Strukturierung und sequenzielle Positionierung. Die Merkmale ‚einsilbig’ bzw. ‚zweisilbig‘‚ steigend-fallend‘ oder ‚steigend‘ signalisieren dem Gesprächspartner, wie seine Rede aufgenommen wird. Ein kurzes und mit einer wenig ausgeprägten Intonation geäußertes ha kann beispielsweise die Funktion eines Continuers erfüllen (Beispiel 7) oder als change-of-state-token fungieren (cf. Heritage 1984) (Beispiel 8). Ha in bestätigender Funktion zeigt einen deutlich ausgeprägteren Intonationsverlauf; d.h. die Tonhöhenbewegung weist einen hohen Gipfel auf (Beispiel 9).

(i) ha als eigenständiger Beitrag im Gespräch

Beispiel (7): Ha als Continuer

tkdtw02_Melisa1

   867   Mel:   und du hast da kEIne die so alt ist wie DU;

   868          <<rall>> mit DER dU sprechen kannst oder so;>

   869   Ela:   ja ja;=

   870          =jetzt ist eine daBEI;

   871          ja seit (.)einer WOche;

   872   Mel:   macht sie AUSbildung,

   873          oder [PRAKtikum;

   874   Ela:        [NEIN nein;

   875          au=AUShilfe;

   876   Mel:   <<p> ach SO:;>

   876   Ela:   =ama sie ist nur Ab un(d) ZU da;

                aber

-> 877   Mel:   ha:;

                ja

   878   Ela:   =bi haftadır geliyo,

                seit einer woche kommt sie

-> 878   Mel:   ha=a,

                ja

   980   Ela:   ich hab sie nur EINmal gesehen bis jetzt,

                sie is VOLL lieb böyle;

                                 so

Diese Gesprächssequenz zeigt zwei Realisierungen von ha, die genauer betrachtet dieselbe Funktion im Gespräch haben. Sie signalisieren, dass Melisa weiterhin zuhört, sind also Continuer. Während das ha in Zeile 877 eine prosodisch wenig markierte  Realisierung ist (zwar gelängt, jedoch nicht zweisilbig, mit einer flachen steigendfallenden Intonationskurve), passt sich das ha in Zeile 878 der steigenden Intonation der vorherigen Äußerung der Gesprächspartnerin an. Es zeigt damit eine weiterhin bestehende Bereitschaft zuzuhören an und ist motivierend für Ela, mit ihrer Erzählung fortzufahren.

Beispiel (8): tkdtw07_Sema2

   337   Nes:   <<lachend> JA;>

   338          DINGS ähm:; (---)

   339          was wollte ich SAgen; .hhh (1.5)

   340          WAS wollt ich denn sAgen; (.)

-> 341          <<f> ha->

                     ja

   342          er guckt mich vo(r)m SPIEgel an,

   343   Sem:   hm;

   344   Nes:   er GUCKT meine AUgen an; weißt du,

   

In diesem Beispiel wird das ha als Signal der Erinnerung gebraucht. Die Sprecherin deutet bereits in Zeile 338 an, dass sie ihren Turn behalten will, sich aber nicht erinnern kann. Sie signalisiert in Zeile 341 mit ha die Beendigung dieser Unsicherheit. In dieser Funktion wird das ha als ein Signal dafür interpretiert, dass die Sprecherin eine Entwicklung in ihrem Wissen durchlaufen hat – ha ist also ein „change-of-state-token“. Gleichzeitig zeigt die Sprecherin durch die schwebende Intonationskontur (ha) an, dass sie mit ihrem Redebeitrag noch nicht am Ende ist.

Beispiel (9): ha als Bestätigungssignal

tkdtw08_Esin1

   825   Esi:   WO ist denn deine schUle;

   826   Mer:   ah::m SPANdau;

-> 827   Esi:   yemin et,

                schwöre

-> 828   Mer:   ^ha::;

                ja

   829   Esi:   WO denn da;

Das ha in dieser Sequenz steht in einem Antwortslot. Die Sprecherin Merve reagiert damit auf die Bestätigungsanforderung von Esin. In dieser Funktion wird ha immer mit steigendfallender Intonation und mit Längung realisiert.

 (ii) ha in äußerungsabschließender Position (als tag)

Beispiel (10): Ha als retrospektiv/prospektives Signal

tkdtw02_Melisa2

   553   Mel:   ay damla ich werde ZWANzisch;

                ach

   554   Dam:   ja d äh du bist OMA gewOrden;

-> 555   Mel:   ja ich schwöre ich bin OMA geworden; ha,

                                                     echt

   556   Dam:   vallah bIst du Oma;

                wirklich

   557   Mel:   wie wie wie alt bist DU jetzt,

Dieses Beispiel zeigt das ha in einer weiteren syntaktischen Position innerhalb der Äußerung und  gleichzeitig eine weitere Funktion, die ha übernehmen kann. Als klitisierte Form ist es vergleichbar mit Phrasen wie weißt du, die von den Sprecherinnen des Türkendeutschen in ähnlicher Weise verwendet werden. Die steigende Intonation begünstigt, aber verlangt nicht in jedem Fall, einen Sprecherwechsel und eine Reaktion des Gesprächspartners; ein Sprecherwechsel erfolgt in unseren Daten nur in der Hälfte der Fälle.

(3) Vallah und yemin et

Die folgenden zwei Beispiele geben Gesprächssequenzen wieder, in denen sogenannte „als Interjektionen verwendete Lexeme“ des Türkischen – wie vallah oder yemin et – formelhaft als Rezeptionssignale eingesetzt werden. Diese werden von der Sprecherin als Anforderung einer Bestätigung - immer mit steigender Intonation – und von der Rezipientin als Bestätigung eingesetzt – immer mit fallender Intonation. Sie bilden auf diese Art ein Äußerungspaar wie in den Beispielen (11) und (12). Bisher betrachtete Beispiele aus den vorliegenden Gesprächen zeigen auch, dass der Gebrauch dieser Äußerungspaare sich auf bestimmte Gesprächsphasen konzentriert; solch typische Gesprächsphasen sind beispielsweise Phasen, in denen neue Gesprächsthemen ausgehandelt werden.

Beispiel (11): Gebrauch von vallah

tkdtw02_Melisa1

   163   Ela:   sende(n) ne var

                was gibt es bei/von dir

   164   Mel:   bende kei nichts;= 

                bei mir

   165          =was soll pasSIEren,

   166          langeWEIle;

   167          (.)

-> 168   Ela:   vallah,

                wirklich

-> 169   Mel:   vallah;

                wirklich

   170          (äh) warum wArt ihr nicht letztens Dܪün?

                                                   hochzeit

Beispiel (12): Gebrauch von yemin et

tkdtw08_Esin1

   28   Mer:   =hast du dich eigentlich mit derya g'TROFfen?

   29   Esi:   JA:-

   30   Mer:   JA,

   31   Esi:   und DU,

   32   Mer:   =NEIN;

-> 33   Esi:   yemin et,

               schwöre

-> 34   Mer:   yemin ederim;

               ich schwöre

               (---)

   35   Esi:   GAR nich gesEhn,

   36   Mer:   NEIN;

Auch Gesprächsbeiträge, die für die Rezipientin neue unerwartete Informationen enthalten, werden mit diesen Formeln rezipiert und von der Gesprächspartnerin bestätigt.

Auch die Übersetzungen dieser Formeln werden ähnlich als Äußerungspaare verwendet (dt. wirklich, echt bzw. schwöre). Daher liegt es nahe, diese nicht nur als formelhafte Codewechsel zu betrachten, sondern als Merkmal des Türkendeutschen als kommunikativem Stil. Die fraglichen Äußerungspaare scheinen eine gesprächsorganisatorische Technik zu sein, die die Sprecherinnen zur Bewältigung bestimmter problematischer Gesprächsphasen herausgebildet haben; also eine besondere Form der Sprecher-Hörer-Kooperation.

Schluss

Insgesamt wird erkennbar, dass die Sprecher die Ressourcen beider Sprachen – Deutsch und Türkisch - nutzen, um kommunikative Aufgaben zu bewältigen.

 

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© Universität Potsdam 2003