Deutungsmuster zur NS-Vergangenheit
in den Nachkriegsjahren 1945-1949

 
 

Aus Sicht der (west)deutschen Bevölkerung & der überlebenden Eliten

 
 

Konsens (parteien- und gruppenübergreifend):
"Das deutsche Volk war das erste Opfer des Nationalsozialismus."
Damit wurden die eigene (Kollektiv)Kriegsschuld, die Verbrechen in den besetzten Ländern, der Holocaust und das erzwungene Exil ausblendet bzw. relativiert.

 
  Genese des Nationalsozialismus wurde in der deutschen Öffentlichkeit (Medien, Kirche, Universitäten, Parteien etc.) in folgenden Mustern erklärt:  
 
1. irrational-emotionaler Ansatz:
unvermeidliche und unverschuldete Tragik bzw. Schicksal des Geschichtsverlaufs -> Rede von der Unbegreifbarkeit und Unbeschreibbarkeit
2. mentalitätsgeschichtlicher Ansatz:
der deutsche Volkscharakter, d.h. die durch den Geschichtsverlauf hervorgerufene bzw. habituelle politische Unmündigkeit (Maßlosigkeit, Undiszipliniertheit in Denken und Handeln)
3. sozioökonomischer Ansatz:
Hitler war 'Knecht' von Großkapital, Großgrundbesitz und Großindustrie.
Krieg war ökonomische Notwendigkeit zur Rohstoffgewinnung und Profitmaximierung (Holocaust dabei ein Aspekt)
4. kultur- und modernitätskritischer Ansatz:
Säkularisierung, Industrialisierung, Vermassung, Liberalismus, Individualismus, Werte-Beliebigkeit, Majoritätsprinzip
-> Entwurzelung, Heimatlosigkeit, Materialismus, Kollektivismus und Manipulierbarkeit, Abfall vom (christlichen) Glauben
(= Entwicklung seit Renaissance / seit Französischer Revolution / seit 1900)
Desweiteren wurde die eigene (Mit)Schuld auf folgende Weise delegiert bzw. relativiert:
a. Schuldverlagerung:
Die diplomatischen Kontakte Hitler-Deutschlands mit dem Ausland sowie die Anerkennung des Regimes durch die anderen europäischen Staaten nach 1933 haben den NS-Staat stabilisiert und für die eigene Bevölkerung legitimiert.
b. Schuldverminderung:
d.h. eine Parallelisierung- und Aufrechnungsmentalität; dadurch wurden die eigenen Verbrechen verglichen und aufgerechnet mit dem Bombenkrieg gegen Deutschland, der Vertreibung aus Ostgebieten, den Greueltaten der Roten Armee und der alltäglichen Demütigung durch die Alliierten nach 1945.
 
     
  Quelle:
Eike Wolgast: Die Wahrnehmung des Dritten Reiches in der unmittelbaren Nachkriegszeit (1945/46). Heidelberg: Winter 2001.
 
     
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