Internationale Fachkonferenz „Verschwörungstheorien in der aktuellen europäischen Krise: Argumentationsstrategien, Kognitive Konzepte, Stereotypenbildung und Bildrhetorik.“

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Die Tagung fand vom 2.-4. März 2015 statt. Eine Zusammenfassung der erreichten Ziele finden Sie bald auf dieser Seite...

 

 

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1. Arbeitsthema und Forschungsstand

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ wird seit Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet (anderen Quellen zufolge bereits seit den 1870er Jahren). Er dient als Bezeichnung für weit verbreitete Erzählungen, die bestimmte historische, soziale und politische Phänomene als Resultat geheimer – meist illegaler oder grenzwertig legaler – Aktivitäten verschiedener Gruppen oder Institutionen erklären (siehe Barry und Swan 2004; Wippermann 2007; Zwierlein und de Graaf 2013). Ein neueres Beispiel für eine Verschwörungstheorie bezieht sich auf das Attentat auf das World Trade Center vom 11. September 2011. Demnach war es nicht der Aufprall der Flugzeuge im Rahmen eines von Al-Qaida geplanten Attentats, der die Twin Towers zum Einsturz brachte, sondern eine kontrollierte Zerstörung durch eine andere (üblicherweise staatliche) Institution (Bröckers 2006; Dunban und Reagan 2006).
Auch wenn in zunehmendem Maß Literatur zum Thema Verschwörungstheorien erscheint, so bezieht sich diese meist auf die USA (Hofstadter 1965; Johnson 1983; Mintz 1985; Fenster 1999; Melley 1999; Goldberg 2001; Barkun 2003; Chase 2003; DeHaven-Smith 2013). Viele Forscherinnen und Forscher legen den Fokus auf die Ätiologie von Verschwörungstheorien (Anton, Schetsche und Walter 2013). Warum entstehen Verschwörungstheorien? Warum verbreiten sie sich? Welche sozialen und psychologischen Bedürfnisse befriedigen sie? Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konzentrieren sich auf die argumentative Logik von Verschwörungstheorien (Anton 2011): wie konstruieren Verschwörungstheorien ihre Argumentation (Reinalter 2002); auf der Basis welcher Beweise? Wie schaffen sie es, Beweise offizieller oder Mainstream-Theorien zu ignorieren, zu leugnen oder zu untergraben? Anhand welcher rhetorischen Strategien werden sie verbreitet, trotz mangelnder Tatsachenbeweise und widerlegbarer Hypothesen (Grüter 2008). Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neigen zur Stigmatisierung von Verschwörungstheorien und deren Tendenz politische Großstadtmythen, soziale oder sogar rassistische Stereotype zu bilden oder vorhandene zu stärken. Andere betonen im Gegensatz dazu, wie die Ausgestaltung von Verschwörungstheorien eine Folge von und eine Reaktion auf das geheimnistuerische Gebaren von Institutionen, Unternehmen und anderer globaler Behörden in der heutigen Welt ist (Caumanns und Niendorf 2001).

2. Forschungsdefizite und Spezifizierung des Konferenzthemas

Auf dem Forschungsstand aufbauend werden zunächst Verschwörungstheorien über die europäische Krise in den Blickpunkt gerückt, die bis jetzt noch kaum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sind, und zwar solche, die die Krise und ihre Auswirkungen geheimen Gruppierungen oder Behörden zuschreiben. Historisch gesehen gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Zeiten schwerer wirtschaftlicher Krisen und der Ausgestaltung von Verschwörungstheorien (Meyer zu Uptrup 2003). So kursierten zum Beispiel während wirtschaftlicher oder finanzieller Krisen in Europa und den USA verschiedene antisemitische Darstellungen über die jüdische Bevölkerung und das Bankwesen, einschließlich der Mythen, dass die Familie Rothschild das Weltbankwesen dominiere, oder dass Juden die Wall Street und die US-Notenbank kontrollieren würden. Es ist insofern naheliegend, dass Verschwörungstheorien durch ihre globale Verbreitung über die neuen digitalen Medien – insbesondere die digitalen sozialen Netzwerke – eine neue, extrem vielseitige und mächtige Plattform erhalten haben, um neue Wirtschaftslegenden zu gestalten oder alte, z.B. antisemitische Verschwörungstheorien, wiederaufleben zu lassen (Jaecker 2004). Die enorme Komplexität der aktuellen Wirtschafts- und vor allem der Finanzkrise, sowie die politische und wirtschaftliche Handlungsunfähigkeit, die zum jetzigen Zeitpunkt nationale Regierungen lähmt, verstärken den Kontext eines globalen erkenntnistheoretischen Chaos, in dem Verschwörungstheorien Aufschwung erhalten (Campion-Vincent 2005).
Im Zentrum unserer Diskussion steht jedoch nicht die wirtschaftliche Perspektive der Verschwörungstheorien über die europäische Krise. Wir wollen diese vielmehr aus soziokultureller und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive beleuchten, um ihre Auswirkungen auf nationale Stimmungen und Stereotypenbildung einschätzen zu können. Das Internet hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf breite Bevölkerungsschichten. Selbst zum Mythos grenzenloser Information geworden, bietet es Verschwörern wie Wahrheitssuchern einen endlosen Kosmos an Kommunikaten. Der Schwerpunkt liegt daher nicht auf der faktischen Wahrheit oder Unwahrheit von Verschwörungstheorien, sondern auf der facettenreichen Diskurs- und Bildproduktion (Francescutti 2007), die durch Verschwörungstheorien in Gang gesetzt werden, um ihre Dogmen auszubilden, zu legitimieren und zu verbreiten, und zwar nicht nur durch Worte, sondern auch und wohl vor allem durch (bewegte) Bilder (Arnold 2008; Carter 2012). Insofern ist die Frage „wer erschafft Verschwörungstheorien“ genauso wenig sinnvoll wie die Frage „wer erschafft Großstadtmythen“ (Heath 2007).
Aufschlussreich hingegen sind Fragen nach kollektiven Bedürfnissen bzw. Ängsten, die durch solche Theorien konkretisiert werden, und nach den kommunikativen und persuasiven Mustern durch die – trotz des Mangels an Beweisen oder deren Fadenscheinigkeit – soziale Gruppen und sogar ganze Gesellschaften die Wirtschaftskrise mit Volksmythen und deren Verschwörungselemente erklären. Dabei, und das ist eine ernst zu nehmende Gefahr, werden nationale oder ethnische Schuldige benannt (West und Sanders 2003). So ist der Aufschwung von Verschwörungstheorien, die die heutige europäische Wirtschaft mit Handlungen geheimer Vereinigungen und Gruppen auf europäischer und globaler Ebene verbinden, einerseits mit dem mehr als bedenklichen Anstieg von Antisemitismus in Europa verbunden. Diese Theorien entwerfen eine angebliche Vormachtstellung von Juden, die auch als Gewinner der Krise dargestellt werden. Seit der Jahrtausendwende sind beispielsweise digitale Remakes des berüchtigten Protocols of the Elders of Zion im Internet weit verbreitet (Pipes 1998; Gray 2010; Nefes 2013).
Gleichzeitig wird durch die tiefe wirtschaftliche Kluft zwischen Nord- und Südeuropa, insbesondere zwischen der relativ stabilen deutschen Wirtschaft und der instabilen Wirtschaft Zyperns, Griechenlands, Italiens, Portugals und Spaniens auch die Bildung oder Bekräftigung von nationalen und ethnischen Stereotypen begünstigt. In den Medien, vor allem in Social Network Sites, kursieren daher andererseits Verschwörungstheorien, denen zufolge Deutschland bzw. deutsche Gruppierungen die Krise anheizen und mit ihr spekulieren würden. Wie die Ergebnisse der letzten Europawahlen in den meisten Ländern zeigen, tragen diese Stereotypen und Verschwörungstheorien dazu bei, ein Klima zu erzeugen, in dem gegenseitiges Vertrauen und Zusammenarbeit zwischen europäischen Ländern zunehmend durch ein Gefühl tiefen Misstrauens ersetzt wird, das oft mit der unbegründeten Stigmatisierung nationaler oder ethnischer Schuldiger einhergeht, die gegebenenfalls auch handlungsanleitend wirken können.

3. Forschungsfragen und zu erwartende Ergebnisse

Es ist insofern dringend, dass diese Problematik im Rahmen der DAAD-Initiative „Hochschuldialog mit Südeuropa 2014“ beforscht werden kann. Die geplante Fachkonferenz soll neues Wissen über und Einsicht in die soziokulturellen Kontexte sowie in die kommunikativen Prozesse und vor allem in die narrativen und interpretativen Strategien vermitteln, die zu dieser Situation geführt haben (Ciuffoletti 1993, Francescutti 2007). Es soll folgenden Fragen nachgegangen werden: Welche Verschwörungstheorien über die Ursachen und Interessen der Wirtschaftskrise kursieren heute in Europa? Wie trägt die wirtschaftliche Schere zwischen Nord- und Südeuropa zu mythenhaften Erzählungen über die Rolle Deutschlands in der europäischen Wirtschaft bei? Wie interagieren diese populären Wirtschaftstheorien mit der Entstehung nationaler Stereotype, antisemitischer Propaganda und wirtschaftlicher Legenden? Welche kognitiven Konzepte und rhetorischen Strategien kommen dabei zum Einsatz und was wird durch sie ausgeblendet? Welche (traditionellen) Bildmotive werden genutzt oder modifiziert, um im kollektiven Gedächtnis verankerte Affekte freizusetzen? Welche Handlungsempfehlungen könnten europäischen Institutionen und Wirtschaftsbehörden gegeben werden, damit diese ihre Kommunikation verbessern und irrationalen Argumentationen den Nährboden entziehen bzw. vorbeugen könnten? 
Deutsche Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und junge Forschende, sowie Expertinnen und Experten europäischer Kommunikationskulturen aus den durch die Krise am meisten betroffenen Ländern werden zusammenarbeiten, um die jeweils in ihrem Land kursierenden Verschwörungstheorien zu analysieren und heuristische Modelle zur Beantwortung dieser Fragen für ein besseres Verständnis heutiger europäischer Gesellschaften zu erarbeiten.
Die Aktivitäten unserer Fachkonferenz sollen Kommunikations- und Argumentations­strategien offenlegen und den Verantwortungstragenden in Politik, Wirtschaft und Medien ein analytisches und ein pragmatisches Instrumentarium an die Hand zu geben, mit dem Einblick in diese bedenkliche Entwicklung genommen werden, und mit dem gezielt bzw. vorbeugend auf die Kommunikationsprozesse und Rhetorik von Schuldzuweisungen und Stereotypenbildung eingewirkt werden kann.

4. Einbindung des wissenschaftlichen Nachwuchses und von Studierenden

Studierende, Promovierende, Postdoktorandinnen und Postdoktoranden werden sich aktiv am Konzeptualisierungsworkshop und an der Fachkonferenz beteiligen:
Am Institut für Romanistik in Potsdam und am CIRCE an der Universität Turin werden im Wintersemester 2014/15 Seminare zum Thema Verschwörung und Stereotypenbildung angeboten, bei denen auch die jeweiligen Expertinnen und Experten vor Ort (aus Berlin bzw. aus Turin und Bologna) eingebunden werden. Gemeinsam mit den jeweiligen Doktorandinnen und Doktoranden wird in diesen Seminaren eine Onlinepräsentation  „Rhetorik und Bildsemiotik der Verschwörungstheorien - Fallstudien aus Deutschland und Südeuropa“  mit Diskussionsforum  erarbeitet, die auf der Plattform „Kulturen im Fokus“ eingestellt wird und am Einstein-Forum der Öffentlichkeit mit Begleitvorträgen der Studierenden und Promovierenden präsentiert werden soll. Die von einem Webmaster betreute Onlinepräsentation wird eine exemplarische Auswahl von rhetorischen Strategien, metaphorischen Konzepten und Bildsymboliken zeigen, die im Rahmen aktueller, in den Medien kursierender Verschwörungstheorien eingesetzt werden. Sie werden semiotisch aufgeschlüsselt, ihre persuasiven Strategien und ihre kulturhistorischen  Kontexte bzw. Motive und deren affektive Besetzung offengelegt.

5. Mehrwert der internationalen Kooperation der Veranstaltung und erstrebte Ergebnisse für die innereuropäischen Beziehungen in den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur

Vertrauen ist ein fundamentaler Bestandteil internationaler Zusammenarbeit. Das Projekt der „Vereinigten Staaten Europas“ entstand in der Nachkriegszeit, als viele europäischen Staaten das Bedürfnis hatten, dem Ausbruch eines weiteren verheerenden Krieges durch Abschluss politischer, ökonomischer und kultureller Vereinbarungen vorzubeugen. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Europäische Union sind - mit gewissen Einschränkungen -Verkörperungen dieses Bedürfnisses nach Einheit und Harmonie. Gleichzeitig trugen im Bildungssektor internationale Kooperationen wie SOCRATES und ERASMUS dazu bei, eine intellektuelle europäische Gemeinschaft entstehen zu lassen, die mehrere Sprachen spricht, bereit ist geographische und kulturelle Grenzen zu überschreiten und mit Begeisterung multinationale Arbeitsziele verfolgt. Zum jetzigen Zeitpunkt, nach den Europa belastenden Folgen der ökonomischen Krise, wird deutlich, wie fragil dieses Klima des Vertrauens und der Zusammenarbeit ist. Es wird durch die sich vermehrenden Verschwörungstheorien zunehmend gestört, so dass eine gegenläufige Tendenz sichtbar wird: gegenseitiges Misstrauen und Schuldzuweisungen entzweien ethnische und religiöse, aber auch Bevölkerungsgruppen.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken ist die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der betroffenen Länder unabdingbar, denn sie verspricht  Erkenntnisse über  grundlegende Strukturen  solcher Kommunikate. Aus diesen lassen sich rhetorische Gegenstrategien entwickeln.

 


 

 

Prof. Dr. Eva Kimminich

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