Lateinamerika im Suhrkamp-Archiv
Leitung: PD Dr. Gesine Müller
Teilprojekt 1:
Die Übersetzung eines Kontinents: der Lateinamerika-Bestand des Suhrkamp-Nachlasses (Arbeitstitel)
Dissertationsprojekt von Katharina Einert
‚Ein Verlag denkt und der Übersetzer lenkt‘, schreibt Ende der 70er Jahre eine Suhrkamp-Lektorin – beiläufig und sicher nicht frei von Ironie und impliziter Kritik – in einem Brief an einen Journalisten als Antwort auf eine Kritik an Suhrkamps Lateinamerika-Programm. Dieses Programm ist als der Prozess und das Ergebnis der transatlantischen Über-Setzung eines Kontinents zu begreifen, der sich dieses Dissertationsprojekt aus verschiedenen Richtungen nähern möchte. Als Corpus dient hierfür der Lateinamerika-Bestand des Suhrkamp-Archives, also interne Verlagskorrespondenz, Korrespondenz mit Autoren und Übersetzern, Manuskripte und Pressematerialien, insbesondere zwischen den (Schlüssel-)Jahren 1976 (Lateinamerika als Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse) und 1982 (Zweites Festival der Weltkulturen ‚Horizonte‘ in Berlin, gewidmet Lateinamerika). Dabei soll auch problematisiert werden, inwiefern Literatur aus den verschiedenen Ländern Lateinamerikas wenig differenziert und unabhängig von ihrem spezifisch sozio-kulturellen und politischen Entstehungskontext in die BRD der 70er Jahre übersetzt wird. Und inwieweit fungierte zum Beispiel Latein- bzw. Hispanoamerika in den 60er und 70er Jahren für die deutsche Linke als große Hoffnung oder gesellschaftspolitisches Labor?
Zum einen soll die besondere Rolle der literarischen Übersetzer für die Herausgabe fremdsprachlicher Literatur beleuchtet werden. Besonders nicht nur als ‚Überträger‘ aus der einen in die andere Sprache, sondern auch in ihrer Position innerhalb des Literatur- und Wissenschaftsbetriebes, der sie zwar nicht an einen bestimmten Verlag bindet, trotzdem aber von den Verlagen abhängig macht (und umgekehrt), aber auch als besondere Experten ausweist, die vertraut sind mit (mindestens) zwei Sprachen und Kulturen, in der Regel ohne in die akademische Welt integriert zu sein. Zum anderen sollen ausgewählte Fälle ganz konkreter Übersetzungen untersucht werden. Hierfür eignen sich zum Beispiel das jahrelange Ringen um die Übersetzung Cortázars Rayuela oder die Schwierigkeit, ‚barocke‘ Autoren wie Alejo Carpentier oder José Lezama Lima angemessen zu übersetzen.
Ziel dieses Projektes ist also, die Bedeutung von Übersetzungen und Verlagen für die Entwicklung intellektueller und literarischer Netzwerke zwischen Deutschland und Lateinamerika zwischen 1976 und 1982 zu enthüllen und zu analysieren, wie sich gewisse Formen kultureller Übersetzung entwickeln und welche Folgen diese für die Interpretation anderer Kulturen und Gesellschaften – in diesem Fall ‚Lateinamerika‘– haben.

