Prof. Dr. Ottmar Ette
Professur für französisch- und spanischsprachige Literatur
Publikationen
Ottmar Ette Literatur in BewegungRaum und Dynamik grenzüberschreitenden Schreibens in Europa und AmerikaWeilerswist: Velbrück Wissenschaft 2001 [575 p.]
|
Wegmarkierung
Die Erfahrung, in einer Nach-Geschichte, einer Posthistoire zu leben, scheint sich in der Moderne Europas mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu wiederholen. Sie findet sich in unterschiedlichen Ausprägungen gegen Ende des 18. Jahrhunderts etwa bei Georg Forster, um die Mitte des 19. Jahrhunderts beispielsweise bei Jules Michelet oder in der jüngst vergangenen Gegenwart. Die Erfahrung nach-geschichtlicher Zeiten ist auf besondere Weise mit der Entfaltung geschichtlichen Denkens überhaupt verknüpft. Eine Reihe von Indizien spricht dafür, daß wir das in Nordamerika wie Europa, aber auch andernorts weit verbreitete Empfinden, in einer Nach-Geschichte zu leben, überwunden haben. Damit beginnt zugleich ein Zeitabschnitt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts historisch zu werden, der als Postmoderne bezeichnet worden ist, des öfteren als eine eigene Epoche gedeutet wurde, sich aber wohl in einem gemeinsamen Raum von Moderne und Postmoderne ansiedelt.
Vor dem Hintergrund dieser neuen Situation und in Erwartung einer Neubestimmung kultureller Zielsetzungen, die von einem in territorialer wie nichtterritorialer Hinsicht grundlegend veränderten Raumgefüge her geprägt sein müssen, ist - soweit diese erste Bestimmung eines wieder in Bewegung gekommenen Spielraumes - das vorliegende Buch geschrieben. Es umfaßt folglich im chronologischen Sinne den Zeit-Raum von Moderne und Postmoderne zwischen der zweiten Hälfte des 18. und dem Ende des 20. Jahrhunderts. Zugleich richtet es an die Literatur die Frage nach der Entfaltung spatialer Konzeptionen, die - oft auch im Dialog mit anderen Medien, insbesondere den visuellen Künsten - für das letzte Viertel des zweiten Jahrtausends bedeutsam waren und im doppelten Sinne aus einer Ästhetik und »Räumlichkeit« der Moderne herausragen. Den Ausgangspunkt für eine grenzüberschreitende, in Bewegung befindliche Literatur wird die Reiseliteratur bilden, von der aus sich der Blick auf andere Räume, Dimensionen und Bewegungsmuster hin öffnen soll, welche die Literaturen des 21. Jahrhunderts prägen werden. Und diese werden, dazu bedarf es keiner prophetischen Gabe, zu einem Gutteil Literaturen ohne festen Wohnsitz sein.
Inhaltsverzeichnis
Eins.
Parcours.
Kartierung einer Welt in Bewegung.
Annäherung an die Bewegung. Dimensionen des Reiseberichts. Literatur und Reisen. Reiseliteratur als friktionale Literatur. Die Orte des Reiseberichts: Abschied, Höhepunkt, Ankunft, Rückkehr. Reiseliterarischer Ort und hermeneutische Bewegung: Kreis, Pendeln, Linie, Stern, Springen. Ein Reisebericht ohne Reise?
Zwei.
Traverse.
Vom Auftauchen Amerikas zum Verschwinden Europas.
Amerika im Vogelflug. Entdeckung und Eroberung, Kreis und Linie. Erfahrung der Grenze und Grenzerfahrung. Amerika als geteilter Raum. Mobile Grenztexte. Amerikanische (T)räume und die Landschaften der Theorie. Beschleunigung und Verschwinden Europas.
Drei.
Passage.
Auge, Ohr und Ort des Schreibens.
Auge und Ohr. Ort des Schreibens und Brennspiegel. Autorisierung und Textpansion. Das Auge und der verdoppelte Ort des Schreibens. Bestseller und Longseller, Bild und Text. Der Blick auf den Leser. Ikonotextualität und Inszenierung des Schreibtischs. Ein Schreibtisch im Urwald. Ein Schreibtisch in Berlin.
Vier.
Passage.
Schreiben in der Moderne.
Nur glücklich, wenn ich etwas Neues unternehme. Zum ersten Mal sah ich das Meer. Die verschiedenen Elemente einer weiten Landschaft zu erfassen. Das einförmige, trostlose Bild des entzweiten Geschlechts. Er verengt die Steppe, wie das Gemüth des Wanderers. Humboldtian Writing.
Fünf.
Traverse.
Vom modernen Erzählraum zum Orbis Tertius.
Erzählung gegen Liebe. Der Bildhauer und sein Modell. Balzac und sein Modell. Das moderne Erzählmodell. Die Leser Balzacs. Ein Leser Balzacs. Die Rahmung der Lektüre. Zwischen Fiktion und Diktion. Fiktionen der Lektüre. Enzyklopädie, Zufall und Lektüre. In Tlöns Welt. Die Dissemination des Phantastischen im Realen. Der Realitätseffekt. Die vollständige Fiktion einer Literatur der Moderne.
Sechs.
Passage.
Proteus in Uruguay.
Kinematograph und Spiegel der Ewigkeit. Predigt und Beispiel. Ein Buch in ständigem Werden. Fragmente eines Diskurses der Seele. Kontinuierliche und diskontinuierliche Lektüren. Text-Mobile und geistige Autobiographie.
Sieben.
Passage.
Iphigenie in Mexico.
Identitätsfrage und kultureller Raum. Neue kulturelle Horizonte. Modell der Antike und Abweichung. Iphigenie, grausam. Europäische Expansion und amerikanischer Raum. Lateinamerikanische Avantgarde und europäische Schwerhörigkeit.
Acht.
Traverse.
Avantgarde, Postavantgarde, Postmoderne.
Alles erfunden. Kubistisches Schreiben nach dem Kubismus. Bruch mit dem Traditionsbruch. Ein globales Gemälde. Die Impfung (der) Avantgarde. Ein bißchen Avantgarde. Die Nachhut der Vorhut. Orte des Lesens. Postavantgarde nachavantgardistisch. Postavantgarde oder Postmoderne? Nachavantgarde postmodern. Bilder von Avantgarde, Postavantgarde und Postmoderne. Nach der Postmoderne - vor der Avantgarde?
Neun.
Passage.
Die Welt im Kopf.
Von Bildern und Nachbildern. Annäherung an die Stadt. Die Stadt als Innenraum - der Innenraum als Stadt. Der Kampf der Bilder. Bilder und Gegenbilder der Stadt. Die Stadt im Untergrund. Nachbilder nach der Shoa.
Zehn.
Passage.
Auf der Schaukel.
Pfeiffer mit drei f und die Grenzen der Jugend. Der Baron auf den Bäumen und die Grenzen des Spiels. Das Mädchen, die Blätter und die Grenzen des Zeigens. Die Grenzen der Liebe im Buch der Jugend.
Elf.
Passage als Traverse.
Die Durchquerung der Mangroven.
Das Laboratorium der Menschheit. Die Logik des Weder-Noch und die Zeit der »Täten«. Das Laboratorium Maryse Condés. Romanstruktur und Raumstruktur. Strukturierung und Bewegung. Hermeneutische Bewegung und transitorische Identität. Transkulturelle Identität und transitorische Figuration. Die Mangroven als Baum. Die Mangrove als Wurzel. Die Mangrove als Rhizom. Der Baum als Mangrove. Zwei Logiken und die Landschaften der Theorie.
Zwölf.
Retour.
Wie die Neue Welt in der Alten als Neue erschien und in der Neuen zur Alten Welt wurde.
Am Ende der Bewegung? Bewegung und Tod, Bewegung als Tod. Briefe vom Ende der Welt. Personenbeschreibung als Reisebericht. Europa als Bewegung.
Kurze Auswahlbibliographie


