Prof. Dr. Ottmar Ette
Professur für französisch- und spanischsprachige Literatur
Publikationen
Birle, Peter / Braig, Marianne / Ette, Ottmar / Ingenschay, Dieter (Hg.): Hemisphärische Konstruktionen der Amerikas.Frankfurt am Main - Madrid: Vervuert Verlag - Iberoamericana (Reihe Bibliotheca Ibero-Americana, Bd. 109) 2006 [170 p.]
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Vorwort
Im Vorwort zum ersten, 1768 zu Berlin in französischer Sprache erschienenen Band seiner Recherches philosophiques sur les Américains hielt der 1739 in Amsterdam geborene Cornelius de Pauw nicht nur den scharfen Gegensatz zwischen der geistig und technologisch wohlvorbereiteten Tat der »Entdeckung Amerikas« und den durch nichts zu rechtfertigenden menschenverachtenden Greueltaten der Eroberung weiter Teile des Kontinents fest, sondern betonte auch und vor allem die Kluft zwischen Alter und Neuer Welt, die sich am Ende des 15. Jahrhunderts aufgetan habe:
Welcher Gelehrte der Antike hätte jemals vermutet, daß derselbe Planet zwei so unterschiedliche Hemisphären besitzt, wobei die eine von der anderen besiegt, unterworfen und geradezu verschlungen wurde, nachdem die letztere – nach langen Jahrhunderten, die sich in der Nacht und im Abgrund der Zeiten verlieren – Kenntnis von deren Existenz erhalten hatte? (Pauw 1768: 2)
Binnen kürzester Frist, so der holländische Abbé in seinem ebenso berühmten wie (auf Grund der radikal verfochtenen These von der naturgegebenen Inferiorität alles Amerikanischen) berüchtigten Werk, hätten sich durch diese Ereignisse, die die wichtigsten innerhalb der gesamten Menschheitsgeschichte darstellten, völlig konträre Machtverhältnisse etabliert, die auf unabsehbare Zeit zu einem fundamentalen Ungleichgewicht zugunsten der Europäer führen mußten. Auf der Seite dieser Europäer aber hätten – so de Pauw, dessen Schrift jahrzehntelange Auseinandersetzungen und Polemiken um die Neue Welt auslösen sollte – von Beginn an “alle Gewalt und alle Ungerechtigkeit” (Pauw 1768: 2) gelegen.
Kein Zweifel: Hemisphärische Konstruktionen spielen im europäisch-amerikanischen Spannungsfeld bereits seit dem Ende des 15. Jahrhunderts und der Erkenntnis Amerigo Vespuccis, bei den von Columbus für die Europäer zugänglich gemachten Gebieten handele es sich nicht um Asien und damit um einen »alten«, bekannten Weltteil, sondern um einen wirklichen Mundus Novus, eine wichtige und prägende Rolle. Auf diskursiver und epistemischer Ebene regelte die Unterscheidung zwischen »Alter Welt« und »Neuer Welt« die Zirkulation wie die Speicherung von Wissen und materiellen Gütern ebenso wie die Implementierung von Biopolitiken, die – wie die Verdrängung der indigenen Bevölkerung in Rückzugsgebiete, die Einführung schwarzer Sklaven aus den Kolonialgebieten der »Alten Welt« oder eine kolonialistisch gesteuerte Einwanderungspolitik – ganz selbstverständlich an den Interessen der »Alten Welt« und insbesondere der iberischen Mächte ausgerichtet waren. Die kategoriale Unterscheidung zwischen beiden »Welten« erfaßte dabei alle Aspekte und Felder des Wissens, von der Konzeption eines von Europa aus zu missionierenden Kontinents und dessen Integration in einen einzigen heilsgeschichtlichen Zusammenhang bis hin zu Geognosie und Geologie, wo die Vorstellung, es handle sich bei Amerika um eine »neuere«, in ihrer Entwicklung noch nicht weit fortgeschrittene da erst vor kurzem aus dem Meer emporgestiegene Welt, über Buffon und de Pauw hinaus bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fortbestand und fortwirkte. Der sich über Jahrhunderte erstreckende »Disput um die neue Welt« belegt die Wirkmächtigkeit, aber auch die Brisanz dieser diskursiven Scheidung, deren oft unterschwellig strukturierende Kraft nicht nur im »alten Europa« noch heute keineswegs vollständig gebrochen ist.
Mit der im Kontext der Independencia entstandenen, zum Teil auf entsakralisierte heilsgeschichtliche Erwartungen sowie tradierte Denkvorstellungen der kolonialspanischen und insbesondere neuspanischen Aufklärung zurückgreifenden Konzeption des Panamerikanismus Bolívarscher Prägung entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine hemisphärische Konstruktion, die nunmehr vorrangig an den Interessen der »Neuen Welt« ausgerichtet sein und die europäischen Kolonialmächte als Machtfaktoren in Amerika ausschalten sollte. Der Entwurf der Monroe-Doktrin, die Heilserwartung des manifest destiny sowie das insgesamt wachsende territoriale, politische und wirtschaftliche Gewicht der Vereinigten Staaten auf dem amerikanischen Kontinent markieren jedoch die Herausbildung eines sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelnden anderen Panamerikanismus, der den europäischen Machtanspruch zwar ebenfalls dämpfen, zugleich aber ganz bewußt im Dienste der hegemonialen Interessen der USA stehen wollte.
Diese Konstruktion einer »eigenen« Hemisphäre und das ihr zugrunde liegende Raumverständnis von Einfluß- und Herrschaftssphären ließe sich zweifellos an die Aufteilung der Welt zwischen den iberischen Mächten im Vertrag von Tordesillas zurückbinden. Neu aber war die Tatsache, daß das über den Kontinent gebietende Machtzentrum in die »westliche Hemisphäre« selbst verlegt wurde, ein Anspruch, der im erfolgreichen Eingreifen der USA 1898 in den kubanisch-spanischen Krieg und die militärische Beseitigung der Kolonialmacht Spanien in die Tat umgesetzt wurde. José Martí, der dank seiner intimen Kenntnis der USA sowie der Verhältnisse in den hispanoamerikanischen Ländern eine derartige Entwicklung prognostiziert hatte, aktualisierte das Denken Bolívars in seiner eigenen hemisphärischen Konstruktion von Nuestra América. Ein anderes Verständnis von Moderne und zugleich die Projektion einer anderen Moderne zeichnen sich im Modernismo der Jahrhundertwende ab: Sie sind stets mit hemisphärischen Konstruktionen verbunden.
Zugleich hatte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Zweiteilung der amerikanischen Hemisphäre und die zunehmende semantische Vereinnahmung des Amerikabegriffs durch die Vereinigten Staaten verfestigt. Während der iberisch geprägte Süden aus europäischer Perspektive mehr und mehr als rückständig erschien, verkörperten die USA – wie das Beispiel von Alexis de Tocqueville zeigen mag – immer stärker ein Modell für künftige (positive wie negative) Entwicklungen in Europa. Auch in den lateinamerikanischen Ländern standen und entstanden hemisphärische Konstruktionen immer stärker unter dem Vorzeichen der Übermacht aus dem Norden. Die auf Grund der divergierenden Entwicklung offenkundige Zweiteilung des Kontinents unterband immer nachhaltiger hemisphärische Denkansätze egalitären Zuschnitts: Das Ungleichgewicht zwischen »Alter« und »Neuer« Welt war von der Ost-West- auf die Nord-Süd-Achse geblendet und mit der Einsicht in zunehmend schärfer ausgeprägte asymmetrische Wissenszirkulationen verbunden worden. Die Rede von der American Hemisphere blieb durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch am Norden ausgerichtet und imperial bestimmt.
Die Einteilung der Welt in Herrschafts- und Einflußbereiche, wie sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Unterscheidung zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt niederschlug, läßt sich – vor diesem amerikanischen Hintergrund einer beschleunigten Globalisierung an der Wende zum 20. Jahrhundert – mit hemisphärischen Konstruktionen in Verbindung bringen, die sich als hegemonial zentrierte Machtgebilde verstehen lassen. Zusätzlich zur Unterscheidung zwischen östlicher und westlicher Hemisphäre wurde auch im globalen Kontext die Gegenüberstellung von Nord- und Südhalbkugel relevant. Eine hemisphärische, nicht entlang von Längen-, sondern von Breitengraden unterscheidende Konstruktion wurde vom Nord/Süd-Diskurs entfaltet, der eine – freilich über den Äquator nach Norden hinausreichende »arme«, gering »entwickelte« Welt der Südhalbkugel einer »reichen« Welt »entwickelter« Industrieländer der Nordhalbkugel gegenüberstellte und zwischen beiden nach Ausgleichsmöglichkeiten und Formen gleichberechtigten Austauschs von Wissen, Kapital, materiellen Gütern und Menschen suchte.
Vor diesem Hintergrund versuchen die in diesem Band versammelten Beiträge, im Kontext hemisphärischer Konstruktionen weniger eine Geschichte des Raumes als eine Bewegungsgeschichte zu entfalten und auszugestalten. Es geht ihnen um Transfers und Interaktionen in einem transregionalen und transkulturellen Spannungsfeld,wobei statische Raumkonzepte hinterfragt werden. Was also ist »neu« an der »Neuen« Welt? Wo beginnt, wo endet die »westliche Hemisphäre«? Welche neuen Perspektiven eröffnen transregionale und transareale Studien gerade mit Blick auf eine quer zu disziplinären Grenzziehungen agierende Verbundforschung? Im Vordergrund der sich anschließenden Überlegungen stehen folglich nicht Grenzziehungen und Territorien, sondern Grenzüberschreitungen und Wege einer transterritorialidad im Kontext hemisphärischer Konstruktionen der Amerikas. Damit ist ein Blickwechsel intendiert, der ein Verständnis für die Moderne im Plural, für die Kopräsenz verschiedener Modernen und die mit ihnen verbundenen und zwischen ihnen stattfindenden Übersetzungsprozesse eröffnen soll.
Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes sind aus der zweiten interdisziplinären Ringvorlesung des Forschungsverbundes Lateinamerika Berlin-Brandenburg (ForLaBB) hervorgegangen. Die Vorträge wurden zwischen dem 22. April und dem 1. Juli 2004 an der Universität Potsdam, dem Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz, dem Lateinamerika-Institut und am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität sowie an der Humboldt-Universität zu Berlin unter dem gemeinsamen Titel »Hemisphärische Konstruktionen der Amerikas« gehalten. Die Vorträge der ersten Ringvorlesung zum Thema »Grenzen der Macht – Macht der Grenzen« liegen bereits in Buchform vor (Braig/Ette/Ingenschay/Maihold 2005) 1 und dokumentieren die inter- und transdisziplinäre Perspektivik, mit der im Rahmen des ForLaBB sowohl Forschungsprojekte als auch internationale Symposien und Vortragsreihen durchgeführt werden. Unser besonderer Dank gilt Herrn Dr. Marcel Vejmelka (Potsdam) für die sachkundige Betreuung und Vorbereitung der hier versammelten Beiträge für den Druck.
Die Herausgeber
Literaturverzeichnis
Braig, Marianne/Ette, Ottmar/Ingenschay, Dieter/Maihold, Günther (Hrsg.) (2005): Grenzen der Macht – Macht der Grenzen. Lateinamerika im globalen Kontext. Frankfurt am Main: Vervuert Verlag.
Pauw, Cornelius de (1768): Recherches philosophiques sur les Américains ou Mémoires intéressants pour servir à l’Histoire de l’Espèce humaine. Bd. I. Berlin: Chez George Jacques Decker.
Inhaltsverzeichnis
Die Herausgeber
Vorwort
Ottmar Ette
Alexander von Humboldt: hemisphärische Konstruktionen und transregionale Wissenschaft
Marianne Braig/Christian U. Baur
Geteilte westliche Hemisphäre oder wo liegt eigentlich Mexiko?
Dieter Ingenschay
Hemisphärische Blicke auf literarische AIDS-Diskurse (vor allem im Süden der Amerikas)
Monika Walter
Postkoloniales oder postmodernes Erzählmodell? Ein hemisphärischer Blick auf Erzählpraxis und Theoriedebatten von testimonio und témoignage
Peter Birle
Brasilien und die Amerikas: Lateinamerika und die USA als Bezugspunkte der brasilianischen Außenpolitik


