Prof. Dr. Ottmar Ette

Professur für französisch- und spanischsprachige Literatur

 

Publikationen

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Ette, Ottmar / Fontius, Martin / Haßler, Gerda / Jehle, Peter (Hg.):

Werner Krauss

Wege - Werke - Wirkungen

Berlin: Berlin Verlag (Reihe Aufklärung und Europa) 1999 [324 p.]

 

Berlin Verlag

Vorbemerkung // Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Die außergewöhnliche Stellung, die dem Romanisten Werner Krauss in der deutschen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts zukommt, ist durch seine politische Parteinahme für das Experiment des Sozialismus bis heute überschattet geblieben. Durch den Wechsel aus dem Westen in den Osten Deutschlands im beginnenden Kalten Krieg 1947 blieb seinen Arbeiten, wie er schon bald erkennen mußte, ein beträchtlicher Teil ihres zeitgenössischen Wirkungsraumes in der späteren Bundesrepublik entzogen. Mit dem Abschluß der achtbändigen Ausgabe seiner wissenschaftlichen Arbeiten 1997 durch den Verlag de Gruyter steht sein Werk nun, 20 Jahre nach seinem Tod, gleichsam kompensatorisch in einer mit ungewöhnlichem philologischem Aufwand erarbeiteten Monumentalform zur Verfügung.

Von einem solchen Denkmal, dessen stolzer Anschaffungspreis die Verbreitung von vornherein auf die großen Bibliotheken einschränkt, ist eine durchgreifende Veränderung der Geltung und Wirksamkeit der Krauss’schen Gedanken in der Öffentlichkeit nicht zu erwarten. Anstoßen und in die Wege leiten kann eine solche Veränderung dagegen eine Briefauswahl, die sowohl über die Motive der einzelnen persönlichen Entscheidungen wie über die Ziele, die mit den verschiedenen Arbeiten verfolgt wurden, zuverlässige Auskünfte geben kann.

Seit Beginn 1997 wird an einer solchen Briefausgabe in zwei Bänden am Potsdamer Forschungszentrum Europäische Aufklärung mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft gearbeitet, von einer Arbeitsgruppe, die unter Leitung von Peter Jehle auch den Krauss-Nachlaß betreut. Die Auswahl wird insgesamt knapp 600 Briefe enthalten. Der erste ist von Krauss selbst 1923 aus Barcelona an Ortega y Gasset geschrieben, der letzte von Hans-Robert Jauß 1976 aus New Haven, wenige Monate vor dem Tode von Krauss. Weniger die zeitlichen Grenzen der Korrespondenz als ihre räumlichen Dimensionen sind dabei bemerkenswert. Denn die Sicht aus der Ferne kann eine Weisheit im Urteil ermöglichen, zu der gewöhnlich erst die Nachwelt sich bereit findet. Das Wirken von Krauss erfuhr durch emigrierte deutsche Fachkollegen in der Tat einen Zuspruch und eine Würdigung, wie sie in den politischen und ideologischen Zerrissenheiten des Nachkriegsdeutschlands unvorstellbar waren.

Über die erste Zwischenbilanz der Krauss’schen Arbeiten, die 1949 in Frankfurt bei Klostermann erschienenen "Gesammelten Aufsätze zur Literatur- und Sprachwissenschaft", sind insgesamt drei Anzeigen erschienen, alle drei in der Bundesrepublik, keine in der DDR oder im Ausland. Aus Toronto beanstandete der emigrierte deutsche Romanist Ulrich Leo, der über Venezuela und die USA schließlich nach Kanada gelangt war, das für Ausländer abschreckende "Aristokraten-Deutsch" und fand auch den Titel des Bandes "zu sehr ‘rückschauend’ - als wäre die Aufsatzsammlung von einem alten Manne, während Ihr Wesen so lebendig voll Gegenwart und Zukunft in der Betrachtung der Vergangenheit ist." Wie kein anderer aber hat Ulrich Leo die außerordentliche Bedeutung der Aufsätze und das unverwechselbare geistige Profil ihres Verfassers zu charakterisieren gewußt, als er seine Leseeindrücke so zusammenfaßte: "Ihre ganze, mir ja schon seit Deutschland ... vertraute und imponierende Persönlichkeit eines Mannes, der Folgendes vereinigt: tiefe, breite und originale Quellenkenntnis; stilistisch-ästhetisches Feingefühl; und ein immer vorhandenes Bewußtsein des politisch-kulturellen Horizontes - besser 'Welt' - der von Ihnen behandelten literarischen Episode. Das heißt, Sie vereinigen 3 'philologische' (ein außerhalb Deutschlands fast verpöntes Wort!) Typen in sich, von denen die meisten von uns im günstigsten Falle einen wirklich verkörpern; die drei zusammen nur wenige."

Von solchen Enthusiasmus ist unsere Zeit weit entfernt, und Hans-Ulrich Gumbrecht brachte die Distanz auf den Punkt, als er in seiner Besprechung zum Abschluß der Werkausgabe 1998 es überraschend fand, "daß den Schriften von Krauss und nicht denen seiner unvergleichlich bekannteren Fachkollegen Erich Auerbach, Ernst Robert Curtius und Leo Spitzer" eine so opulente Edition gewidmet wurde. Die Folgen der politischen Entscheidung für den Osten sind so mit Händen zu greifen. Denn 1949 sah Ulrich Leo die Dinge noch in einem ganz anderen Licht, als er fragend hinzufügte: " Ich nehme an, daß Sie sich Olschki und Curtius (auch Auerbach?) - geistig - nahefühlen? Was Sie vor beiden voraushaben, ist das ‘Politische’ im engeren Sinne."

Mit dem vom 27.-29. März 1998 durchgeführten Kolloquium "Werner Krauss: Wege - Werke - Wirkungen", dessen Ergebnisse hier vorgelegt werden, sollte ein erster Schritt bei der Abtragung jener inneren Blockaden unternommen werden, die mit dem Kalten Krieg in beiden deutschen Staaten die produktive Rezeption seines Werkes behindert oder doch vereinseitigt haben. Gerade dem politischen Lagerdenken hat er als Wissenschaftler nach Kräften entgegengearbeitet. Die nähere Beschäftigung mit den Spuren dieses "Grenzgängers" unter den deutschen Geisteswissenschaftlern kann, davon sind die Herausgeber überzeugt, einen wesentlichen Beitrag für die innere Vereinigung der Deutschen am Ausgang des Jahrhunderts leisten. Das Kolloquium bildete nicht nur ein Gemeinschaftswerk zwischen dem Werner-Krauss-Nachlaß, dem Forschungszentrum Europäische Aufklärung und dem Institut für Romanistik der Universität Potsdam, sondern auch zwischen jenen, die Werner Krauss persönlich kannten, und jenen anderen, die ihn nur aus seinen Schriften kennen - und nicht zuletzt zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Osten wie dem Westen einer hier wie dort grundlegend veränderten Republik.

Inhaltsverzeichnis

Frank-Rutger Hausmann
Werner Krauss und der Kriegseinsatz der deutschen Romanisten 1940

Joseph Jurt
Literaturwissenschaft im Kontext von Positivismus und Geistesgeschichte

Martin Fontius
Deutsche Geistesgeschichte im Spiegel der Krauss-Korrespondenz

Richard Faber
Jean Bodin und de Bonald bei Werner Krauss und Carl Schmitt. Ein Vergleich

Ottmar Ette
"Von einer höheren Warte aus". Werner Krauss - eine Literaturwissenschaft der Grundprobleme

Elisabeth Fillmann
Formen und Funktionen der literarischen Umsetzung biografischen Erlebens bei Werner Krauss

Karlheinz Barck
Gracián-Lektüre in Plötzensee

Martin Franzbach
Von Sonderlingen und ihren Schutzengeln. Zur politischen Antonomasie von Werner Krauss

Martin Vialon
Freya Hobohm - Werner Krauss: eine unbekannte Freundschaft

Werner Röhr
Werner Krauss und die Anthropologie

Dietrich Briesemeister
Zur Sicht des spanischen 18. Jahrhunderts bei Werner Krauss

Helga Bergmann
Das Verhältnis von Werner Krauss zu Voltaire

Ulrich Ricken
Ansätze zur Begriffsgeschichte in der Aufklärung?

Gerda Haßler
Begriffsgeschichte und Wortgeschichte

Kurt Schnelle
Ad usum delphini. Zwei unbekannte Texte von Werner Krauss zum Romanistikstudium

Peter Jehle
"Mein Standpunkt ist weder ein östlicher noch ein westlicher". Zur Konzeption der Werner-Krauss-Briefausgabe

Peter-Volker Springborn
Briefe von und an Werner Krauss

Siglen

Personenregister

 

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