Dr. Albrecht Buschmann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für
Romanische Literaturwissenschaft (Französisch / Spanisch)

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Heribert Härtinger, Oppositionstheater in der Diktatur. Spanienkritik im Werk des Dramatikers Antonio Buero Vallejo vor dem Hintergrund der franquistischen Zensur, Wilhelmsfeld, Gottfied Egert Verlag 1997, in: Iberoamericana 73 (1999), S. 64f.

Albrecht Buschmann

Rezension zu

Heribert Härtinger, Oppositionstheater in der Diktatur. Spanienkritik im Werk des Dramatikers Antonio Buero Vallejo vor dem Hintergrund der franquistischen Zensur

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Kritische spanische Autoren der Franco-Zeit hatten außerhalb ihres Landes immer mit dem Problem zu kämpfen, daß veröffentlichten Werken der Ruch des Anpaßlerischen anhaftete. Mehr noch als für Prosaautoren galt dies für Dramatiker, deren Werke seinerzeit unter den Bedingungen der Zensur aufgeführt wurden: Selbst Antonio Buero Vallejo, der - nimmt man als Maßstab die Zahl der aufgeführten Stücke - erfolgreichste unter ihnen, wurde und wird im Ausland kaum gespielt, und Gegenstand von monographischen Untersuchungen wurde sein Gesamtwerk fast ausschließlich im englischsprachigen Raum. Diesem Forschungsdefizit stellt sich die Arbeit von Heribert Härtlinger, 1996 in Mainz als Dissertationschrift angenommen, die erstmals seit Rainer Müllers Disseration (Köln 1970) Buero Vallejo in den Mittelpunkt einer Einzeluntersuchung rückt. Anders als Müller kann Härtlinger die Bedingungen kritischer Dramenproduktion unter Zensurbedingungen aus historischer Distanz beurteilen und die Archive Ziviladministration in Alcalà de Henares sowie die des Ministerio de Cultura auswerten. Der vom Vf. gewählten Konzentration auf die bis 1975 aufgeführten Werke ist es wohl geschuldet, daß die für die Frage nach dem ästhetischen Wirken der Zensur vielversprechende Untersuchung des weiteren Wirkens Buero Vallejos in Zeiten der Postzensur ausgeklammert bleibt.

Nach der historischen und verfahrenstechnischen Darstellung der franquistischen Zensur und insbes. ihres Umgangs mit Theaterstücken (Kap.1, S. 8-42) geht Vf. auf die Rolle Buero Vallejos im Verhältnis zu den anderen Theaterautoren seiner Zeit ein (Kap. 2, S. 43-66), um im Kap. 3 "Dramtisches Schaffen unter Zensurbedingungen. Annäherungen an den Diskurs eines politischen Theaters" (S.67-115) die methodischen Grundlagen seiner Arbeit zu entwickeln. In enger Anlehnung an Neuschäfers, auf Gadamers hermeneutischem Modell und Freuds Traumdeutung basierenden Vorarbeiten (vgl. H-J. Neuschäfer, Macht und Ohnmacht der Zensur, Stuttgart 1991) zur Analyse von unter Zensurbedingungen entstandenen literarischen Werken trifft Härtlinger eine für seine Werkanalyse fruchtbare Unterscheidung zwischen der Zensurbedingtheit und der Zensurrelevanz diskursiver Elemente: Den methodisch kaum schlüssig zu führenden Nachweis, daß bestimmte Diskurselemente (allein) der Umgehung der Zensur geschuldet seine, will Vf. nicht führen; stattdessen entwickelt er einen Katalog von dramatischen Motiven und Verfahren, die in der retrospektiven Textanalyse und in Kenntnis der Zensurakten als zensurrelevant bezeichnet werden können: Zeitliche und räumliche Verschiebungen, Sinnverdichtungen in Symbolen, in Pars-pro-toto- und Huis-clos-Konstruktionen sowie Verfahren der Mobilisierung des Zuschauers. Umfangreichster Teil der Arbeit sind drei kontrastive Werkanalysen (Kap. 4, S. 116-195), die drei für Buero Vallejo zentrale Themenkomplexe an je einem frühen und einem späteren Stück exemplifizieren. (A. Folgen des Bürgerkriegs: Historia de una escalera (1949) / El tragaluz (1967). B. Der Mythos der beiden Spanien: Un soñador para un pueblo (1958) / El sueño de la razón (1970). C. Die Erhaltung der Macht: Las palabras en la arena (1949) / La doble historia del doctor Valmy (1964/76)).

In der Schlußbetrachtung (Kap. 5, S.196-202) faßt Vf. die Faktoren zusammen, die zu dem "überraschenden Zensurerfolg" (196) Buero Vallejos geführt haben und stellt neben den im Kap.3 beschriebenen Verfahren den Nimbus als "angesehenster Autor" (197) sowie den Willen zur "maximalen Publikumswirksamkeit" (200) in den Vordergrund, womit er den Kernbegriff der posibilismo-Strategie und damit eine der Prämissen seiner Arbeit (vgl. S. 53f) wiederholt. Hieran wird der in der Anlage der Arbeit als Werkanalyse begründete blinde Fleck erkennbar, der dazu führt, daß die Einbindung der Werke in Traditionslinien zu Kurz kommt und präzisierende Vergleiche mit anderen Autoren ausgespart bleiben. Zwei Beispiele: Das Thema "Spanienkritik", das immerhin im Untertitel der Arbeit auftaucht und das für spanische Autoren eine längere Tradition hat als die vom Vf. erwähnten Bezüge zur 98er-Generation (vgl. B. Schmidt, Spanien im Urteil spanischer Autoren, Berlin 1975), hätte spätestens im Zusammenhang mit Buero Vallejos Rückgriff auf Stoffe der Aufklärungszeit in Kap.4.2. ausführlicher behandelt werden sollen. Kontrastive Werkanalysen, die nicht nur Stücke Buero Vallejos untersuchen und werkimmanente Kontinuitäten hervorheben, sondern seine Theaterpraxis mit der anderer spanischer Dramatiker konfrontieren, hätte die letztlich Buero Vallejos Perspektive verpflichteten Standpunkt des Vf. insbes. in Bezug auf die Polemiken der 60er Jahre relativiert und eine polemisch verkürzende Aussage vermieden wie die, daß Buero Vallejos Zeitgenossen - gemeint sind die Vertreter des Nuevo Teatro - für die "ideologische Simplifizierung des umstürzlerischen Thesendramas" (197) stehen. Abgesehen davon leistet Vf. einen wichtigen Betrag zur schrittweisen Aufarbeitung der Zensurarchive im Allgemeinen (einige Dokumente sind im Anhang faksimile wiedergegeben) sowie zur wirkungsgeschichlichen Einordnung einer der prägenden Figuren des spanischen Nachkriegstheaters.

 

 

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