Dr. Albrecht Buschmann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für
Romanische Literaturwissenschaft (Französisch / Spanisch)
Publikationen online
Das tödliche Labyrinth des Max Aub oder warum am 18. Juli 1936 nichts mehr geht. Nachwort zu Max Aub, Nichts geht mehr (Das Magische Labyrinth Bd. 1), Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1999 (mit Mercedes Figueras), S. 265-270.
Albrecht Buschmann / Mercedes Figueras
Das tödliche Labyrinth des Max Aub
oder warum am 18. Juli 1936 nichts mehr geht
(html-Version ohne Fußnoten)
Erster Februar 1939. Max Aub überquert bei Cerbère die französische Grenze, auf der Flucht in Richtung Paris. Nach drei Jahren Bürgerkrieg haben Francos Truppen den Ebro überschritten und Barcelona eingenommen, zehntausende Flüchtlinge versuchen, auf überfüllten Straßen die rettende Grenze zu erreichen. Im März fällt die Hauptstadt Madrid, am 1. April erklärt Franco den Bürgerkrieg für beendet.
Max Aub ist inzwischen in einer Pariser Dachkammer in der Rue Capitaine Ferber untergekommen und beginnt mit der Niederschrift des Romans Nichts geht mehr (Campo cerrado), den er innerhalb von vier Monaten, zwischen Mai und August 1939, fertigstellt. So steht es am Ende des Manuskripts, so bestätigen es auch die Tagebucheintragungen über sein Arbeitspensum in dieser Zeit: "Ich begann mit der Niederschrift von Campo cerrado, zehn Manuskriptseiten täglich, vormittags handschriftlich, nachmittags mit der Schreibmaschine, außer an den Tagen, an denen ich in die Studios ging." Nach dem ruhelosen Leben der Kriegsjahre, in denen er wegen seiner offiziellen Ämter (als Theaterleiter in Valencia, als Kulturattaché in Paris) und seiner politischen Aktivitäten für die Sache der Republik kaum zum Schreiben gekommen war, genießt er nun das Alleinsein: "Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mich ans Schreiben setzen und dabei nur ans Schreiben denken. Allein, völlig allein, Stunde um Stunde." Nur sein Schriftstellerkollege José María Quiroga Pla schaut ab und an vorbei und liest ein Kapitel des entstehenden Romans. Vereinsamt ist Aub allerdings nicht: Regelmäßig trifft er sich mit André Malraux, Louis Aragon, Ilja Ehrenburg, und gemeinsam mit anderen spanischen Intellektuellen im Exil wie José Bergamín und Rafael Alberti versucht er, das Geschehen der nationalen Tragödie zu ordnen, ihre Zukunft zu planen. Diese Zukunft wird für Aub gefährlicher als die Jahre des Krieges. Am 5. April 1940 denunziert man ihn als Kommunist, er wird im Tennisstadion Roland Garros interniert und am 30. April ins südfranzösische Konzentrationslager Le Vernet deportiert. Damit beginnt Aubs zweijährige Odyssee durch Konzentrationslager und Gefängnisse in Südfrankreich und Algerien, bis er sich am 10. September 1942, versehen mit lebensrettenden falschen Papieren der mexikanischen Botschaft, von Casablanca aus nach Mexico einschifft. Das 1939 fertiggestellte Manuskript von Nichts geht mehr rettet er über den Atlantik, und bereits 1943 kann der Roman in Mexiko erscheinen: Als erster Band jenes sechsbändigen Zyklus’ namens "Das magische Labyrinth", in dem Aub in den folgenden Jahrzehnten das Thema Spanischer Bürgerkrieg umkreisen, jenes Trauma seines Lebens verarbeiten wird. Doch bereits in Nichts geht mehr wird klar, daß ihm bei der Planung dieses Werkes keine erzählerische Geschichtsstunde vorschwebt. Sicher treten vom katalanischen Präsidenten Companys über den Anarchistenführer Durruti bis zu den aufständischen Generälen Mola oder Godet zahlreiche Gestalten der Geschichte auf und sagen Sätze, die historisch belegt sind, und insbesondere die Schilderung der Kämpfe des 18. Juli lehnt sich eng an die dokumentierten Berichte von Zeitzeugen an. Vor allem aber will Aub diesen Bürgerkrieg als Prototyp jener besonders unmenschlichen und unerbittlichen Form des modernen Krieges, des Krieges um Ideologien vorführen, und als solcher ist er nur Hintergrund für die Beschreibung menschlicher Schicksale.
Der Spanische Bürgerkrieg. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Öffnung der Moskauer Archive hat eine neue Phase seiner Beurteilung begonnen, die noch lange nicht beendet sein wird. Wie auch immer die abschließenden historischen Urteile ausfallen mögen, Max Aub kannte nur die Vorgeschichte und die unmittelbaren Folgen: Etwa 600 000 Menschen waren zwischen 1936 und 1939 umgekommen, davon etwa 150 000 bei Kampfhandlungen, aber über 400 000 hinter den Linien durch Erschießungen, Attentate, politische Morde. Ein halbe Million Menschen verließ Spanien 1939 aus politischen Gründen, ein maßloser Aderlaß in einem Land mit 12 Millionen Einwohnern. In den folgenden Jahren ermorden die Franquisten noch einmal über 150 000 Republikaner (oder wen sie dafür halten). Industrieanlagen, Verkehrswege, Wohnhäuser sind im ganzen Land zerstört oder stark beschädigt, das Land ist bankrott, das Volkseinkommen liegt auf dem Stand von 1914. Ein Desaster.
Der Weg Spaniens in diesen Krieg ist nicht mit wenigen Worten und eindeutigen Schuldzuweisungen auf den Punkt zu bringen, weshalb Aubs Darstellung ebenso verwirrend und unüberschaubar ist wie die politische Situation in Spanien Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre. Da führen gutbürgerliche Herren mit anarchistischen Aktivisten wirre Diskussionen über Gott und die Freiheit, revolutionäre Grünschnäbel liegen sich mit sozialistischen Anwälten oder faschistischen Schriftstellern in den Armen, und kaum hat man als Leser Namen und Fronten einander zugeordnet, springt die Handlung ins nächste Jahr oder ins nächste Café, wo die gleichen Leute plötzlich die entgegengesetzten Positionen vertreten. Klassenkampfparolen und Wortspiele, Pseudo-Philosophie und literarische Anspielungen, Zerstörungsphantasien und Visionen vom neuen spanischen Imperium aus dem Geist der Kultur des goldenen Zeitalters - alles fließt in- und durcheinander, bis sich eines herauskristallisiert: Demnächst muß es zum alles entscheidenden Kampf kommen. Daß diese Diskussionen ausweglos sind, daß dieser Kampf tödlich enden wird, deutet Aub immer wieder dadurch an, daß er seine politischen Matadore in der Sprache des Stierkampfes reden läßt und damit anspielt auf das erste Kapitel des Romans, auf den Stier in seinem Labyrinth. Diese tödliche Gewißheit vor Augen, suchen sich der Sozialist José Lledó und der Falangist Luis Salomar auf den Ramblas schon die Bäume aus, an denen sie sich aufknüpfen werden, "jeder einen für sich, falls die anderen gewinnen sollten". "Läutet mein Totenglöckchen denn schon so bald?", fragt Lledó am Ende ihrer Zechtour, und Salomar warnt seinen Freund vor der nahenden Gefahr mit den Worten, die in der Nacht des Aufstandes Losungswort sein werden: "Ja. Wir stehen Mann gegen Mann, und nichts geht mehr."
In diesem Figurenpanorama sind gut und böse nicht eindeutig zuzuordnen, selbst der künftige Falange-Führer Salomar ist über weite Strecken gewinnender beschrieben als die Hauptperson Rafael Serrador. Natürlich gilt Max Aubs Sympathie seinem Protagonisten aus dem Volk, der aus der Provinz mitten hinein in die hitzigen politischen Diskussionen der Metropole Barcelona stolpert. Aber als Identifikationsfigur für den Leser taugt Rafael nur begrenzt. Die Beweggründe für seinen Mord an der Verräterin Matilde, sein mißglücktes Attentat auf El Gordo sind nicht unbedingt überzeugend motiviert, und sein Wandel vom Zaungast linker Tertulias zum Plakatkleber der faschistischen Falange kommt ebenso unvermittelt und zufällig wie der neuerliche Frontwechsel am Tag des Aufstands der Militärs. Aber Rafaels Lebensweg kann nicht wie der eines Helden aus einem klassischen Entwicklungsromans aufbereitet werden, weil er mit seinem beschränkten ländlichen Horizont, seiner mangelnden Bildung zum Spielball der chaotischen Verhältnisse werden muß. Konsequent verweigert Aub ihm daher eine exemplarische Läuterung zum wissenden und wahrhaftig handelnden Helden. Bis zum Schluß versteht Rafael nicht, was um ihn herum passiert, und bei Lichte betrachtet ist er ein doppelter Verräter: Zunächst kündigt er für ein paar Peseten seinen Genossen die Gefolgschaft auf, dann läßt er im entscheidenden Moment seine Freunde von der Falange im Stich und versteckt sich peinlich berührt, als der zuvor bewunderte Luis Salomar als Gefangener abgeführt wird. Und am todesmutigen Sturm auf die Icaria-Kaserne ist er nur beteiligt, weil er als Schaulustiger zufällig in der Näher war.
Nichts geht mehr endet mit der Schilderung des ersten Kriegstages in Barcelona. Die kämpfenden Arbeiter, vor allem die Anarchisten, verhindern den schon sicher geglaubten Sieg der Aufständischen, die Regionalregierung des Präsidenten Lluis Companys muß ihr eigenes Versagen erkennen und die faktische Machtübernahme der Anarchisten akzeptieren. Orientierungslos irrt Rafael Serrador durch die stockfinstere Stadt, die nur von gebrandschatzten Gebäuden gespenstisch erleuchtet wird. Wie Fackeln brennen die Kirchen der Stadt, wie die Fackeln an den Hörnern des Feuerstieres, der alljährlich in einem grausamen Ritus durch das labyrinthische Gassengewirr von Viver de las Aguas getrieben worden war. Mit dieser Szene des Romans hat Aub den Bogen geschlagen von der folkloristischen Farce, der der symbolträchtige Stier zum Opfer fällt, zum Auftakt der nationalen Tragödie, die ein ganzen Volk in eine tödliches Labyrinth treibt.

