Dr. Albrecht Buschmann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für
Romanische Literaturwissenschaft (Französisch / Spanisch)

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Max Aub: Jusep Torres Campalans. Eintrag im Nachtragsband zu Kindlers Neues Literaturlexikon (1998), Bd. 21, S. 69-71.

Albrecht Buschmann

"Jusep Torres Campalans"

(html-Version ohne Fußnoten)

Max Aub (* 2.6.1903 Paris, gest. 22.7.1972 Mexico City)

Muñoz Molina, Antonio, "Destierro y destiempo de Max Aub" (in El País 17.6.1996, S. 34-35).- M. Figueras, "Max Aub", in KLFG, 1998 (im Druck).

Jusep Torres Campalans

(span.; Ü: Jusep Torres Campalans). Roman von Max Aub. - Das Buch beschreibt Leben und Werk des katalanischen Malers Jusep Torres Campalans, der Anfang des Jahrhunderts gemeinsam mit Pablo Picasso die kubistische Malerei entwickelt haben soll. Die Veröffentlichung der mexikanischen Erstausgabe (1958) wurde begleitet von einer Ausstellung seiner wiederentdeckten Gemälde, deren Reproduktionen in dem Buch enthalten sind. Doch Campalans hat als Person nie existiert, die Bilder hatte Aub selbst gemalt, und der Roman ist "der raffinierteste literarische Coup des Jahrhunderts, ein tiefsinniges Schelmenstück, dem keines gleicht." (W. Schütte) Auch in anderen Büchern hat Max Aub mit Apokryphen gespielt: In Antología traducida, 1963 (Übersetzte Anthologie) stellte er vermeintliche Übersetzungen von Werken aus verschiedenen Sprachen und Epochen zusammen, die er jedoch alle selbst geschrieben hatte; in Luis Alvarez Petreña, 1934/1970 (Luis Alvarez Petreña) dokumentierte er Leben und Werk eines befreundeten Schriftstellers, den es nie gegeben hat. Wie Jusep Torres Campalans belegen diese Bücher sowohl Aubs spielerische Neigungen, als auch seine erkenntniskritische Beschäftigung mit poetologischen Fragestellungen, die in seinen historisch-dokumentarischen Werken des Magischen Labyrinths eher im Hintergrund stehen.

In Anlehnung an die kanonisierte Form der Künstlermonographie gliedert sich Jusep Torres Campalans in sieben Teile. An die "Notwendigen Vorbemerkungen" und die "Danksagungen" schließen sich die "Annalen" an, die historische Daten zu Kunst, Technik und Zeitgeschehen aus den Jahren 1886 bis 1914 auflisten, vom Geburtsjahr des Malers bis zu seiner Abreise von Paris nach Mexiko. Den Hauptteil des Buches bildet die "Biographie", in der das Leben des Malers in diesen Jahren erzählt wird. Geboren in einfachsten Verhältnissen in der katalanischen Provinz, lernt er bei einer Reise nach Barcelona den jungen Picasso kennen, in dessen Gefolge er die Welt der Künstler entdeckt. Zurück in seinem Heimatort schlägt sich Campalans als Kofferträger durch. Geprägt von katholischer Erziehung, anarchistischen Lektüren und getrieben von kreativen Träumen eckt der unbeirrbare junge Mann immer wieder an, und als er seinen Gestellungsbefehl erhält, flieht er nach Paris. Dort beginnt er zu malen, trifft seinen Freund Picasso wieder, und gemeinsam mit anderen jungen Malern entwickeln sie die Formensprache der kubistischen Malerei. Campalans, der in anarchistischen Zirkeln verkehrt und deren Geist in die Malerei tragen möchte, ist einer der Wortführer der Gruppe, stellt jedoch seine eigenen Bilder nicht aus. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges bricht für ihn, der fest an die Weltrevolution und die internationale Solidarität der Arbeiter geglaubt hatte, eine Welt zusammen. Weil seine politischen Überzeugungen offenbar falsch waren, traut er nun auch seinen künstlerischen Maximen nicht mehr; er beschließt, nach Mexiko auszuwandern und nie wieder zu malen.

Der 5. Teil ("Das grüne Heft") enthält das Tagebuch Campalans’, in dem neben privaten Aufzeichnungen seine künstlerischen Maximen, seine Gespräche mit Malerkollegen und seine anarchistischen Überzeugungen notiert sind. Im vorletzten Kapitel rekonstruiert Aub die beiden "Gespräche in San Cristóbal", die er bei seiner ersten und einzigen Begegnung mit Campalans geführt hatte. In ihnen blickt der Siebzigjährige auf seine Pariser Jahre zurück und erläutert die Gründe für seinen Rückzug zu den Indios. Den Abschluß bildet der "Katalog", in dem Campalans’ Gemälde aufgelistet und kunsthistorisch kommentiert werden.

Aub bedient sich einer Fülle von Verfahren, um den dokumentarischen Charakter seines Buches zu unterstreichen: Einband und typographische Gestaltung der Erstausgabe lehnen sich eng an die Kunstmonographien des Schweizer Skira-Verlages an; namhafte Gewährsmänner (u.a. André Malraux, Daniel-Henry Kahnweiler) beglaubigen in den Passagen, die die eigentliche biographische Erzählung rahmen, die Faktizität der Fiktion; eine Photomontage zeigt Campalans neben Picasso in einem Café; das Künstlerambiente um Montparnasse ist, bevölkert mit historischem Personal, detailliert beschrieben; Fußnoten, lange Zitate aus kunsthistorischer Sekundärliteratur sowie bibliographische Angaben untermauern den wissenschaftlichen Anspruch des Buches. Doch parallel dazu demontiert Aub seine Dokumentation durch faktische Fehler und literarische Brechungen: In den Annalen sterben einige Personen mehrmals, und die zitierte Sekundärliteratur sagt viel über andere Maler, bricht aber ab, sobald die Rede auf Campalans kommt. Auch seine eigene Autorität als verläßlicher Biograph unterminiert Aub: So beschreibt er Campalans als friedfertigen und allem Luxus abgeneigten Mann, an anderer Stelle zitiert er dessen "Lob der Trunkenheit" und schildert, wie er Juan Gris mit dem Messer attackiert. Schließlich legt eine Szene am Ende des Buches, in der Aub beim Blick in einen Spiegel die Gestalt Campalans’ zu erkennen glaubt, eine Identifikation zwischen Autor, Erzähler und Protagonisten nahe. Damit gelingt es dem Autor, eine glaubwürdige Biographie zu schreiben und zugleich die Kategorien in Frage zu stellen, nach denen Biographien geschrieben werden. Hat der Leser diese Doppelstrategie einmal durchschaut, wird der Text zum Spielfeld für die Suche nach weiteren Brüchen.

Campalans hatte im "Grünen Heft" von der kubistischen Malerei gefordert, sie müsse "eine Bombe in den Gegenstand legen, damit er explodiert und ihn dann aus jedem Winkel malen". Da Aubs Buch ähnlich multiperspektivisch konstruiert ist, läßt es sich als kubistischer Roman bezeichnen. Sein Spielcharakter, seine die Mitarbeit des Lesers fordernde Aufbrechung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion und die Thematisierung dieses Prozesses im Text selbst machen Jusep Torres Campalans neben den wesensverwandten Erzählungen Jorge Luis Borges’ zu einem der frühen Schlüsseltexte für postmodernes Schreiben.

Ausgaben: Mexico 1958.- Barcelona 1970.- Madrid 1975. - Barcelona 1985.

Übersetzung: Jusep Torres Campalans, übers. von E. Helmlé und A. Buschmann, F.a.M. 1997.

Literatur:
G. Siebenmann, "Jusep Torres Campalans. Max Aubs Denkmal für einen unbekannten Kubisten" (in Neue Zürcher Zeitung, 30.9.1961). - M. Durán, M. A. Safyr, "Acerca de Max Aub, Jorge Luis Borges y las biografías imaginarias" (in La palabra y el hombre, Nr.14, 1975, S. 62-68). - Dolores Fernández Martínez, "La leyenda de Jusep Torres Campalans" in C. Alonso (Hg.), Actas del Congreso Internacional ‘Max Aub y el labrinto español’, Valencia 1996, S. 825-858. - Ch. Rodiek, "Jusep Torres Campalans und die Authentizität des Fiktiven", in W. Graeber, D. Steland, W. Floeck (Hg.), Romanistik als vergleichende Literaturwissenschaft, F.a.M. 1996, S. 257-265. - M. Figueras, "Wie kann es Wahrheit ohne Lüge geben?" , Nachwort zu Max Aub, Jusep Torres Campalans, F.a.M. 1997. S.419-440. - W. Schütte, "Die Geburt des Kubismus aus dem Geist der Anarchie", in Frankfurter Rundschau 9.12.1997.
A.Bu.

 

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