Hartmut Duppel
Der am 5. und 6. November 2009 am Institut für Romanistik der Universität Potsdam abgehaltene Doktoranden-Workshop zum Thema Gewalt und gesellschaftliche Konflikte in den romanischen Literaturen, zu dem Albrecht BUSCHMANN (Universität Potsdam) und Isabella von TRESKOW (Universität Regensburg) eingeladen hatten, verfolgte eine doppelte Zielsetzung. Ausgehend von aktuellen Promotions- und Forschungsarbeiten erörterten Wissenschaftler/innen der Universitäten Potsdam, Regensburg und Stuttgart im Dialog mit Nachwuchswissenschaftlern/innen und Studierenden in der Abschlussphase aus Hamburg, Potsdam und Regensburg neue literatur- und kulturwissenschaftliche Ansätze der Gewaltforschung in den romanischen Literaturen. Der Workshop sollte darüber hinaus die Gelegenheit bieten, sich über die in verschiedenen Stadien der in Arbeit befindlichen Promotionsprojekte auszutauschen. Dabei erwies es sich als sehr produktiv, dass gezielt Teilnehmer eingeladen worden waren, die sich in ganz unterschiedlichen Phasen der Promotion befinden. So konnten viele konzeptionelle und praktische Fragen derjenigen, die ihre Projekt erstmals öffentlich vorstellten, mit denjenigen, besprochen werden, die ihre Arbeit gerade abschließen.
Bereits der einführende Vortrag von Isabella von TRESKOW (Universität Regensburg) zu neuen Tendenzen der Gewaltforschung in den Literatur- und Kulturwissenschaften machte mit dem heterogenen Charakter der im Titel des Workshops angelegten Thematik vertraut. Die Wissenschaftlerin spannte ausgehend von der grundlegenden Frage nach dem Wesen der Philologie, die sie auf einer Folie zentraler Ansätze Hans Ulrich Gumbrechts, Ottmar Ettes und Márcio Seligmann Silvas erläuterte, den Bogen zu aktuellen Debatten und Themenfeldern der Gewaltforschung. Es wurde festgehalten, dass hierbei das Thema der literarischen Verarbeitung erfahrener Gewalt in unterschiedlichen Dimensionen nach wie vor virulent ist, was von Treskow unter anderem an Untersuchungen von Paul Schue, Lars Kiilerich und Sven Kramer exemplifizierte. Ausgehend von traditionellen Forschungsgebieten, die sich auf eine aus der Opferperspektive entworfene Literatur beziehen – erwähnt sei an dieser Stelle der Traumabegriff – verwies Isabella von Treskow auf die neue Tendenz der Täterforschung, einen Perspektivenwechsel, der am Beispiel von Norbert Puszkar plausibel gemacht wurde. Vorgestellt wurden auch typisch kulturwissenschaftlich argumentierende Studien, wie die von Neferti X.M. Tadiar, welche die Frage aufwirft, wie die Dialektik von Gewalt und Gegengewalt aus kulturwissenschaftlicher Sicht zu erfassen sei. Zum Schluss wurde anhand einer Arbeit von Sigrid Hackenberg Almansa der Blick auf eine durch Literatur gegen den Leser gerichtete generierte Gewalt gelenkt.
Literarische Verarbeitung erfahrener Gewalt im Kontext der Deportation konstituiert ein in der Romania zentrales Forschungsfeld, das im Workshop zweifach vertreten war. Silke SEGLER-MESSNER (Universität Stuttgart), die sich 2003 mit einer Arbeit zur Darstellung und Interpretation der Shoah in Frankreich habilitierte, skizzierte ausgehend vom Paradigma der Zeugenschaft neue Linien der Konflikt- und Genozidforschung in der Kulturwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der französischen Erinnerungskultur nach der Shoah. Ihrer These zufolge dekonstruiert die Vielzahl der Zeugnisse zur Shoah, die mit Saul Friedländer als „historisches Grenzereignis“ bezeichnet wird, den Unsagbarkeitstopos der Katastrophe. Claudia NICKEL (Universität Potsdam) präsentierte ihr Promotionsprojekt zur literarischen Produktion spanischer Inhaftierter in den am Ende des spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) eingerichteten südfranzösischen Internierungslagern. Im Zentrum steht die Funktion der in den Lagern entstandenen Texte für die spanische Erinnerungskultur. Nickel beleuchtet bei ihrer Analyse der Repräsentation und Ästhetisierung des Lagers in den Texten v.a. die Konstituierung eines geschlossenen Raumes des Lagers und dessen Auswirkung auf die literarische Produktion. Kurz angesprochen wurde in diesem Kontext das Projekt zur Studienabschlussarbeit von Hartmut DUPPEL (Universität Regensburg), der die im Konzentrationslager Buchenwald von französischen Inhaftierten verfassten Gedichte, die Bestandteil der im Jahre 1945 von André Verdet herausgegebenen Anthologie des poèmes de Buchenwald sind, unter dem Aspekt der Verarbeitung von Gewalt durch Lyrik zu fassen versucht.
Julia BLANDFORT (Universität Regensburg) stellte ihr Dissertationsprojekt zur Literatur der Roma nach 1945 vor. Es handelt sich dabei um ein bislang nahezu ausschließlich unter soziologischen und linguistischen Gesichtspunkten untersuchten Gegenstand. Blandfort erläuterte ausgehend von soziokulturellen Impulsen mögliche Entwicklungslinien der Roma-Literatur. Das Motiv der gesellschaftlichen Marginalisierung bei einer gleichzeitig sich manifestierenden kollektiven Identität der Gruppe, die sich gegen äußere Einflüsse abschirmt, wird als zentrale Konstituente der Analyse der Roma-Literatur erachtet.
Vier Promotionsprojekte identifizieren Paradigmen der Gewalt und gesellschaftlicher Konflikte in literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive im nord-, zentral- und südamerikanischen Raum. Julia BORST (Universität Hamburg) dechiffriert in diesem Kontext Wechselwirkungen zwischen der Gewalt in Haiti und der Literatur, um Leitgedanken einer Ästhetik der Gewalt im zeitgenössischen haitianischen Roman zu entwerfen. Hierbei arbeitet sie, basierend auf einer Klassifikation nach Orten, Räumen und Diskursen der Gewalt, narrative Strategien der textuellen Umsetzung realer Gewalt heraus. Leonor ABUJATUM (Universität Potsdam) öffnet in ihrer Untersuchung des sich 1973 in Chile anbahnenden Putsches den Blick auf die Darstellung einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft und Politisierung der Ereignisse sowohl in den wichtigsten Tageszeitungen des Landes als auch in ausgewählten chilenischen Romanen. Im Zentrum der Betrachtungen steht dabei die Identifizierung der chilenischen Presse der damaligen Zeit als Quelle der Meinungsbildung, als sogenannte „vierte Gewalt“, und der Entwurf einer literarischen Produktion als Gedächtnismedium und Schöpfer von Vergangenheits-visionen. Pablo HERNÁNDEZ HERNÁNDEZ (Universität Potsdam – Universidad de Costa Rica) postuliert in seiner Untersuchung der Beziehung zwischen Wort und Bild innerhalb der zeitgenössischen Kunst Zentralamerikas eine Neudefinition des Verhältnisses von Repräsentation, Wahrnehmung, Medialität und Produktion, die als Spiegel aktueller gesellschaftlicher Konflikte erachtet werden kann. Sein Korpus umfasst ca. 150 Werke unterschiedlicher Kunstformen aus Belize, Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica und Panama. Zentral ist für das gerade abgeschlossene Dissertationsprojekt, dass die Kunstwerke Gewalt nicht direkt darstellen wollen, sondern Diskussionsräume über Gewalt öffnen sollen. Tobias KRAFT (Universität Potsdam) stellte im Rahmen seines Dissertations-projektes, in dem er unter anderem die komplexe Wechselwirkung einer Praxis der Wissenschaft und einer Poetik der Wissenschaft im Kontext des 30-bändigen amerikanischen Reisewerks Alexander von Humboldts – der Relation historique – nachzuweisen und somit die spezifische Ausgestaltung der écriture scientifique Alexander von Humboldts zu ergründen sucht, die politische Dimension der Humboldtschen Wissenschaft ins Zentrum seiner Ausführungen. Dabei fokussierte er seine Betrachtungen auf den bereits publikationsgeschichtlich interessanten Essai politique sur l’île de Cuba, der 1825 als 28. Kapitel der Relation historique erschien und im Zusammenhang des Workshops vor allem als Kritik an der Sklaverei als gewaltsamer sozialer Praxis gelesen wurde. Diese Kritik wird in ihrer politischen Aussagekraft allein dadurch potenziert, dass die spanische Übersetzung aus dem Jahr 1827 sofort mit Zensur reagierte und John S. Trasher seine Übersetzung ins Englische – auch hier wurden die Sklaverei-Passagen getilgt – als Vehikel einer Befürwortung der Annexion Cubas durch die Vereinigten Staaten von Amerika nutzte und damit die Intention Alexander von Humboldts ins Gegenteil verkehrte.
Albrecht BUSCHMANN (Universität Potsdam) skizzierte in seinem Beitrag „Gewaltforschung als Herausforderung“ abschließend mögliche Herangehensweisen der literatur- und kulturwissenschaftlichen Gewaltforschung. Neben einer grundlegenden „Phänomenologie der Gewalt“, die danach fragt, wie am Subjekt erfahrene Gewalt begrifflich zu fassen sei, richtete er den Fokus auf eine beschreibende „Ästhetik der Gewaltdarstellung“, die im Gegensatz zu einer Moral der Gewalt die Beobachtung des Gewaltaktes vor dessen moralische Bewertung treten lässt. Im Kontext der Darstellung der Gewalt als konkretes Phänomen, die der Verletzung des Körpers eine herausgehobene Bedeutung zumisst, verwies Buschmann auf den problematischen Begriff der Authentizität und der authentischen Aussage und zog damit eine Verbindungslinie zum Terminus der Zeugenschaft. Schließlich empfahl er, das Phänomen Gewalt semiotisch als Code zu begreifen. In diesem Zusammenhang wurde die Frage aufgeworfen, wofür eine bestimmte Art eines in Kunst und Literatur dargestellten Gewaltaktes steht und welche übergeordnete Nachricht er transportiert, wie also ein „Alphabet der Gewalt“ zu konstituieren sei.
Die Tagungsbeiträge verdeutlichten an einer Vielzahl von Beispielen das weite Feld der kultur- und literaturwissenschaftlichen Gewaltforschung in der Romania. Das anregende Diskussionsklima trug dazu bei, dass nicht nur aus inhaltlicher Sicht weiterführende Impulse für die Referenten gegeben wurden, sondern bot auch die Möglichkeit, sich über praxisrelevante Fragen der Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten auszutauschen. Für 2010 ist eine weitere Tagung geplant, bei der unter anderem auch die Entwicklung der sich jetzt im Anfangsstadium befindenden Arbeiten verfolgt werden soll.
Die Organisatoren danken dem Verein der Freunde der Universität Potsdam sowie der Potsdam Graduate School (PoGS), ohne deren finanzielle Unterstützung der Workshop in dieser gelungenen Form nicht hätte stattfinden können.
PD Dr. Albrecht Buschmann (V.i.S.d.P)
Universität Potsdam
Institut für Romanistik
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
