Marcel
Vejmelka

Rowan Oak, William Faulkner’s Mansion, Oxford, Mississippi (Quelle: University of Mississippi)
Das von William Faulkner im Zuge zahlreicher Romane und Erzählungen um
die Stadt Jefferson herum ausgestaltete, fiktive Yoknapatawpha County
enthält historische Dimensionen, die es mit anderen Räumen des
amerikanischen Kontinents verbinden. Die Grundlogiken der kolonialen
und postkolonialen Konfiguration seiner Kultur, die in Yoknapatawpha
sichtbar werden, setzen Faulkners Süden der USA in komplexe
Wechselbeziehungen mit anderen Regionen des von der zugleich kolonialen
wie kapitalistischen Maschinerie der
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Plantagenwirtschaft geprägten
Plantation America.1
Die von Faulkner zur Darstellung gebrachte
historische Erfahrung der Plantagenwirtschaft – der weißen Landbesitzer
und afrikanischen Sklaven, des vom modernen Norden der USA eroberten
Deep South, des Leidens einer
Region, die gewaltsam in das moderne
nationale Projekt der (nördlichen) USA eingegliedert und intern
kolonisiert wurde, die zugleich aber um ihre Schuldhaftigkeit als
Sklavengesellschaft weiß – bilden eine relationale Logik, die es
ermöglicht, Yoknapatawpha County aus seiner regionalen Spezifik heraus
im Hinblick auf grundlegende Fragen der kulturellen Konfiguration und
Identitäten der Amerikas zu analysieren. Es finden sich im Blick auf
die literarischen Entwicklungen in den Amerikas im 20. Jahrhundert
verschiedene Wege der Annäherung an Faulkners Deep South von einem
anderen Süden her. Das sich hier eröffnende Geflecht von Einflüssen,
Rezeptionen, Abgrenzungen und Dialogen ist nicht zu trennen von den
kulturellen und literaturgeschichtlichen Übergängen und
Überschneidungen, die Faulkner und sein Werk mal in ihrer Bedeutung für
die lateinamerikanische Literatur, mal als selbst „lateinamerikanisch
lesbar“ beleuchten. Diese verschiedenen Bewegungen machen deutlich, in
welcher Weise der von Faulkner so intensiv bearbeitete und dargestellte
Süden der USA einerseits die Alterität innerhalb des amerikanischen
Nordens, andererseits den Übergang oder die Schleuse von „Süden nach
Süden“ bildet, über welche sein Werk wie kaum ein anderes seine
Wirksamkeit entfaltet. Es situiert sich somit auf der Grenze innerhalb
der Amerikas, die jeweils von Norden und Süden her angenommen,
behauptet, angezweifelt oder problematisiert wird.
Auch der brasilianische Anthropologe Darcy Ribeiro weist nachdrücklich darauf, dass gerade die für zahlreiche kulturräumliche Differenzierungen so wichtige Trennung zwischen nord- und südamerikanischen Gesellschaften auf der Ebene seiner Typologie der amerikanischen Völker von einer Annäherung und Gemeinsamkeit durchkreuzt wird. Die anglo-amerikanischen und neo-romanischen Völker Amerikas – genauer die Argentinier und Urugayer – verbindet in seiner Perspektive die gemeinsame Erfahrung der massiven europäischen Einwanderung und daraus resultierenden Neustrukturierung ihrer zunächst neo-amerikanischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert zu
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„verpflanzten Völkern“ (Ribeiro 1985: 486) und
spezifiziert sogleich die Konfiguration im Norden des Kontinents:
Bei
den verpflanzten Völkern in
Nordamerika ist besonders wichtig, dass sie
die Kolonisierung in eigener Regie betrieben haben im Gegensatz zu der
von außen gelenkten Kolonisierung der übrigen Konfiguration, wo es zu
einer Unterwerfung, Versklavung und Überlagerung kulturell sehr
hochstehender Völker (wie im Falle der residualen Völker) kam bzw. zu
einer Versklavung von weniger hochentwickelten Indios und Schwarzen im
Rahmen einer auf Landwirtschaft und Bergbau basierenden Wirtschaft (wie
im Falle der neuen Völker).
(487)
Hinzu kommt die Bedeutung, welche die Rezeption Faulkners durch
lateinamerikanische Schriftsteller für die dortige Literatur hatte, die
über den Kontakt zu den Techniken und Sprachformen des
nordamerikanischen Modernism
Impulse für die bereits erfolgenden Umwälzungen ihres eigenen Schreibens aufnahmen. Im Falle Faulkners
verbinden sich für Cohn die Sphäre der literarischen Sprache und die
ihres kulturellen Raumes. Auch auf diesem Weg einer
literarisch-thematischen Konvergenz dringt das Verständnis in die
Kultur der USA ein und hebelt die simplistische Dichotomie von
Nordamerika und Südamerika aus (Cohn 1997: 166)2.
Deborah
Cohn setzt mit ihren Untersuchungen zu den Querverbindungen
zwischen Faulkner und der lateinamerikanischen Literatur, aber auch
Kultur, beim bekannten Topos der außerordentlichen Bedeutung des
Schriftstellers in „anderen“ Süden des Kontinents an. „In Faulkner in
particular- Faulkner the modernist and Faulkner the southerner-the
Latin Americans at once found a model, a discursive mode, and a writer
whom they could, at long last, call their own.“3 (162-163)
Für Cohn
führen die literarische Bedeutung des Deep
South und auch die Rolle
Faulkners als Vorbild und in der Öffentlichkeit wirkender
Intellektueller unmittelbar zu seiner umfassenden Rezeption und großem
Einfluss in Lateinamerika. Entscheidend ist für diese Wahrnehmung die
bei Faulkner wirksame Auseinandersetzung mit Vergangenheit und
Gegenwart der Südstaaten, ihr Leiden unter dem verlorenen
Sezessionskrieg und ihre Schuldhaftigkeit als ehemalige
Sklavengesellschaft.4
In einer weiteren Konkretisierung solcher peripherer Aneignungen kann der Nordamerikaner somit bewusst zweideutig als „Süd“-Amerikaner verstanden werden. Allgemein wird die Behandlung dieser möglichen Bewegung von Faulkners Auseinandersetzung mit der Geschichte des besiegten
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Südens als Gemeinsamkeit mit der Unterdrückung
Lateinamerikas gleichgesetzt oder assoziiert:
William Faulkner, of
course, stands out as perhaps the most accomplished southern author to
have addressed the burden of his history. And from the moment that his
works became available in Spanish in the early 1930s, Faulkner and the
South that he depicted captured the imagination of Latin American
writers. The latter interpreted the South’s experiences, its Civil War
and resulting sense of regional difference and marginalization, its
exclusion from the economic and military successes of the rest of the
nation, as well as its problems of underdevelopment in the early
decades of this century, as analogous to their own nations’ struggles
to break the yoke of colonialism and dependency, and to break out of
the „backward” position to which they had been relegated. (150)5
Entscheidend ist hier die regionale Dimension des Werkes als
privilegierte Verbindung für die lateinamerikanische Rezeption, die in
anderen Studien zu Faulkner in Lateinamerika nicht beachtet wird.
Unterentwicklung und Ausbeutung durch den Norden bzw. Nordosten nach
verlorenem Sezessionskrieg 1861-65 wird gedeutet als Hauptparallele zur
Situation Lateinamerikas nach der Unabhängigkeit im Zuge des 19.
Jahrhunderts.
These circumstances resulted in a semi-colonial economic dependency on
the North, primarily on the Northeast, and were detrimental to the
region’s long-term development: in the 1920s, the region’s standard of
living had dropped to the lowest in the nation, its illiteracy rate the
highest; by 1938, it had become, in President Roosevelt’s words, the
nation’s “number one economic problem.” Comparable difficulties have
long plagued the Latin American nations. (1997: 151)
Entscheidend ist für Cohn, die Kategorie des „Einflusses“ und die ihr
eingeschriebene Asymmetrie zu überwinden und die regionale und
historische Dimension zu fokussieren, um diese Verbindung zwischen
Anglo- und Lateinamerika bei Faulkner herzustellen. So können über
thematische und literaturtechnische Analogien und Entsprechungen
Reflexionen artikuliert werden, die tiefer in die räumlichen und
historischen Fragestellungen eindringen, die von Faulkner und
lateinamerikanischen Schriftstellern behandelt werden und die den Topos
ihrer erklärten und nachvollziehbaren Bewunderung für den Südstaatler
produktiv integrieren können.6
These common issues and attitudes
included: fatalism; the collapse of traditional value systems and the
concomitant nostalgia for a lost past; and the search for new beliefs
to replace those that had been invalidated. […] He [Irby] attributed
the fascination with the southerner in particular to the latter’s use
of a specific, regional setting - the writer’s own littler „postage
stamp of native soil” - to play
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out upheavals and express a sense of
disillusionment and moral bankruptcy that resonated strongly with the
Latin Americans. (Cohn 1997: 153)7
Die gemeinsame Geschichte eines
„hybriden Südens“ beleuchtet Matthew Pratt Guterl eingebettet sowohl in
das System der karibischen wie der hemisphärischen Dynamiken im 19.
Jahrhundert vor dem US-amerikanischen Bürgerkrieg. Darin erweisen sich
die Landbesitzer der Südstaaten als Teil derselben neuweltlichen
Herrscherkaste wie die karibischen oder auch brasilianischen
Sklavenhalter und Plantagenbesitzer (Pratt Guterl 2006: 447). Deborah
Cohn wendet diese historische Verschränkung im Hinblick auf die
Darstellung des Südens in Faulkners Werk in ein schönes geographisches
Bild: „Yoknapathawpha County does not just share a border with the
Caribbean, it shares a history as well.“ (Cohn 1997: 166) Ein Bild, das
sich anhand der mythisch-symbolischen Bedeutung des Mississippi
verdichtet, den Pratt Guterl als Zufluss in das karibische mare nostrum
als gemeinsamen Kulturraum versteht:
The Caribbean and the Mississippi
appear in their [the Southeners’] imaginings as a singular American
Mediterranean, mare nostrum as both the Romans and Thomas Hart Benton
would call it, with the scattered New World economies and fledging
republics standing in for the ancient cities and empires of the
classical world. The antebellum South, here, was Rome, with all its
vices and appetites and all its fortune and magnificence. (Pratt Guterl
2006: 447)8
Diese hier bestimmte Schnittstelle der kulturhistorischen Annäherung
von nördlichem und südlichem Teil der amerikanischen Hemisphäre über
die Region des Mississippideltas und des zirkumkaribischen Raums kann
zu einer hypothetischen Parallelführung der historischen Entwicklungen
ausgeweitet werden, die unter ihren geopolitisch und kartographisch
sichtbaren Auswirkungen auch die kolonialgeschichtlichen
Konfigurationen sichtbar macht, die den Prozessen der Unabhängigkeit
und Nationenbildung in Nord und Süd gemeinsam sind.
Der US-amerikanische Lateinamerikanist Charles Wagley weist mit seinem Vorschlag einer Kategorisierung lateinamerikanischer Kulturformen und -räume in teilweiser Überlappung und Gleichzeitigkeit darauf hin, dass die klare Abgrenzung von Nord- und Südamerika sich kaum aufrechterhalten lässt (Wagley 1968). Mit seinen zunächst auf Lateinamerika zugeschnittenen neun „subcultures“ bietet er Anwendungen auf die Südstaaten der USA, die
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strukturelle, historische und
soziokulturelle Gemeinsamkeiten mit anderen Regionen und Räumen im
Süden der Hemisphäre beinhalten.9 Besonders
interessant ist hier seine
Unterscheidung zwischen der traditionellen Plantagenwirtschaft der
Kolonialzeit als „Engenho Plantation“ und der industrialisierten Form
nach de Unabhängigkeit als „Usina Plantation“. Für Faulkner von
Interesse sind die Subkulturen „Peasant“ (wie das Kapitel in The
Hamlet, Faulkner 1990b) und „Town“ (wie der Roman The Town aus der
Snopes-Trilogie, Faulkner 1999), die die beiden Variationen der
Plantagenkultur einrahmen.10
Katalin
Kulin wies in ihrer 1971 abgefassten und 1975 auf Spanisch
veröffentlichten Studie zum Werk Faulkners im Hinblick auf seine große
Bedeutung in Lateinamerika auf die dialektische Bewegung hin, die im
fiktiven Raum von Yoknapatawpha entwickelt wird und universelle
Thematiken mit partikulär regionalen Schauplätzen und Kontexten
verbindet.
No hay armonía entre el fin y el escenario escogido: el
mensaje de dimensiones universales se transmite a través de un círculo
provinciano. Su condado imaginario – y Yoknapatawpha es lo bastante
sugestivo aun para que los pequeños pueblos que existen parezcan
pertenecer a él - sirve el propósito de reducción deliberada: tras el
estado real de Mississippi todos los Estados Unidos serían el
escenario, pero Yoknapatawpha sólo representa sus propias dimensiones –
su pequeñez, su insignificancia, un rincón del mundo olvidado por Dios.
(Kulin 1975: 24)
Diese in der historischen Entwicklung und Verwicklung der Kulturen in
der Neuen Welt begründete Annäherung des Schreibens und seiner
Universen bildet für Edouard Glissant die sich verzweigende Spur, der
er während einer Reise durch die Südstaaten der USA und das Werk
Faulkners zu folgen sucht. Über die gemeinsame Küstenlinie von Karibik
und USA dringt Glissant in diese Geschichte ein, die ihm als
karibischem Dichter und Theoretiker mit Faulkners Deep South gemeinsam
ist. Diesen Weg von der Küste bis zum Anwesen des Schriftstellers in
der Nähe von Oxford – von einem Süden in einen anderen Süden –
rekonstruiert Glissant der reiseliterairschen Skizze „Vers Rowan Oak“,
die seine dem Werk und der Figur Faulkners gewidmete Textsammlung
Faulkner, Mississippi eröffnet. Eindrucksvoll
erblickt Glissant bei
seinem Besuch in Rowan Oak denn auch als erstes auf dem Anwesen die vom
Anthropologen Gilberto Freyre 1933 im brasilianischen Nordosten
untersuchte
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Konstellation von „Herrenhaus und Sklavenhütte“, von
Casa-grande & senzala
(Freyre 2002):
En même temps une maison de Planteur (Casa grande) et une habitation
familière. Nous découvrirons plus tard que l’écurie en est un petit
hangar pathétique, aux planches déguenillées et rouillées, tel même
qu’on en pourrait trouver à côté d’une case de nègre (Sencilla). Le
titre de Gilberto Freyre est toujours pertinent, et la structure des
Plantations fut partout la même, du nord-est du Brésil à la Caraïbe au
sud des États-Unis : Casa grande e
senzala, la grande Maison et la
case, maîtres et esclaves. (Glissant 1998: 21)

Planta em perspectiva da casa-grande do engenho Noruega desenhada por Cícero Dias e que ilustra Casa-Grande e senzala. Reprodução de João Tavares, 1993 (Freyre 2002, Quelle: Fundação Joaquim Nabuco).
In Rowan Oak entsteht für Glissant das Bild einer typischen Zuckerplantage des brasilianischen Nordostens (engenho), wie es in der obigen Abbildung dem Werk Gilberto Freyres in seiner Originalausgabe vorangestellt wird. Glissant überträgt diese räumliche Miniatur Brasiliens – seiner ökonomischen, sozialen und insbesondere ethnischen Entstehung – auf die Plantagen des US-amerikanischen Südens, in dem Leben und Werk Faulkners angesiedelt sind. Die symbolische Übertragung wird durch den gemeinsamen historischen
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Hintergrund des Plantagensystems der Neuen Welt
ermöglicht, und die bedeutsamen Unterschiede zwischen den beiden
Regionen sind der Antrieb für die Übergänge und Bewegungen in Glissants
Lektüre. Ein erster grundlegender Effekt, noch vor dem ersten
Eindringen in die Dimensionen des literarischen Werkes ist denn auch
für Glissant die Überlappung und Durchdringung der kulturellen Räume,
eine „Archipelisierung“ der vormals als homogen wahrgenommenen USA als
vielschichtiges und komplexes kulturelles Universum:
Ces lieux communs
de l’analyse politique soulignent qu’en tant que continent, les
États-Unis s’archipélisent, rendant les Etats (qui les constituent) à
leur réalité de régions autonomes, par un mouvement de diversification
centrifuge dont on ne sait plus s’il est progressiste ou totalement
réactionnaire, et dont on ne sait pas davantage s’il est irréversible
ou s’il ne prépare pas plutôt à une centralisation impériale accrue.
(Glissant 1998: 36)
Wichtig ist dabei die Richtung der Bewegung, ihr Ursprung und ihr Ziel,
letztlich ihr Vektor, der die Möglichkeiten und die Bereitschaft der
Wahrnehmung des Eigenen und des Anderen im komplexen Wechselspiel
bestimmt. Für den karibischen Reisenden erscheinen die Südstaaten der
USA seiner eigenen kulturellen Wirklichkeit wie selbstverständlich sehr
nahe, dem Norden der USA oder auch den Weißen Südstaatlern dagegen
erscheint eine solche Bewegung nach Süden hin unheimlich und
bedrohlich.
Nous savons déjà que la Louisiane est à beaucoup d’égards
proche de la Caraïbe, et des Antilles surtout : le système des
Plantations, l’émouvante persistance des langues créoles,
l’arrière-fond de la langue française, et le plus pressant, mais commun
à tous les pays esclavagistes, la souffrance et le marronage des
nègres.
Je remarquerai plus tard que les Louisianais (les blancs) refusent
généralement de concevoir de tels rapports. (46-47)
Ein Nachverfolgen solcher Verdichtung und Gleichzeitigkeit anhand des
für Faulkner zentralen Topos der geschichtlich gewachsenen,
schicksalhaft gewordenen Schuld des Einzelnen und des Südens in der
Dualität von Inzest und metizaje,
wie sie im Folgenden anhand von
Glissants Lektüre des Romans Absalom,
Absalom! Nachvollzogen wird. Die
in dieser Konstellation herzustellenden Verbindungen und Verschiebungen
vollziehen denn auch vollends den Übergang von der Ebene transkulturell
konstituierter Regionen der Amerikas zur Ebene einer von Prozessen der
Transkulturation durchzogenen wie verbundenen amerikanischen
Hemisphäre.
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Diese Konstellationen führen nun in Edouard
Glissants Lektüre von Faulkners Werk und Süden. In seinem Discours
Antillais liefert er in einer Fußnote den Einstieg in eine
Reflexionskette, deren Verlauf hier noch von Bedeutung sein wird:
Je me rends compte que je parle ici du roman de l’« Autre Amérique »
(Antilles et Amérique du Sud) et non pas tant de celui qui s’ancre
(parole et geste) dans l’univers industriel et urbain du Nord des États
Unis. J’ai aussi tendance a rattacher l’œuvre de Faulkner (le plus
éloigné peut-être de cette Amérique, pour ce qui concerne ses idées) à
un tel ensemble, commettant par là un contresens apparent qui demande à
être explicité. J’ai tenté cette explication quand j’ai parlé du désiré
historique en littérature et du retour tragique, par où Faulkner
nous
retrouve. (Glissant 2002: 439)
Über zwei für Glissant herausragende Begriffe zur kulturellen
Verfasstheit und Relationalität des karibischen Archipels sowie des
Entwurfs einer diesen angemessenen Poetik – désiré historique und
retour tragique – verdeutlicht er hier auf zugespitzte und
gerade darin
ausdrucksstarke Weise die Verschiebung kultureller Zuordnungen, die
Faulkners Werk aus seiner Perspektive erfährt bzw. selbst in Gang
setzt. Diese Überlegungen bilden eine Spezifizierung und zugleich
Erweiterung seiner in der Karibik entwickelten Poétique de la Relation:
Glissant integriert damit einerseits die US-amerikanischen Südstaaten
in den historischen wie kulturellen Raum der Karibik, dringt aber vor
allem mit seinem karibischen Denken in diese Region ein.
L’accumulation
est la technique la plus appropriée de dévoilement d’une réalité qui
elle-même s’éparpille. Son déroulé s’apparente au ressassement de
quelques obsessions qui enracinent,
liées à des évidences qui voyagent.
Le trajet intellectuel en est voué à un itinéraire géographique, par
quoi la « pensée » du Discours explore son espace et s’y tresse.
Les Antilles, l’autre Amérique. (17)
Das „andere Amerika“ taucht aus der nordamerikanischen Perspektive in
zweifacher Codierung auf; einmal aus der allgemeinen Differenzierung
der USA gegenüber dem südlichen „Rest“ des Kontinents, dann in internen
Brechung dieser nur scheinbaren Homogenität des Blicks über den
Gegensatz von Nord- und Südstaaten. Die eigene Fremdheit
US-amerikanischen Selbstverständnisses bricht in der historischen
Befragung der eigenen Ursprünge auf und stellt so auf
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paradoxe Weise
die unmittelbare Verschränktheit von Nordamerika und seinem „anderen
Amerika“ wieder her. Diese Wendung des Denkens schließt bei Glissant
dieselbe Dimension regionaler Querbezüge über gemeinsame historische
Erfahrungen ein, die von Deborah Cohn stark gemacht wurde. Auch
Glissant vollzieht im Zuge seiner Überlegungen zum Verhältnis von
Literatur und Geschichte vor dem Hintergrund der Problematik einer
karibischen Identität in Le discours
antillais die Annäherung Faulkners
an lateinamerikanische Autoren. Mit dem Kubaner Alejo Carpentier und
dem Kolumbianer Gabriel García Márquez allerdings wählt er zugleich
zwei Vergleichsfiguren, die neben ihrer allgemein be- und anerkannten
Zugehörigkeit zum lateinamerikanischen Kontext auch dem karibischen
Raum zugerechnet werden können. Anhand von Faulkners Absalom, Absalom!,
Carpentiers Los pasos perdidos
und García Márquez’ Cien años de
soledad
bestimmt Glissant deren Suche nach einer eigenen Geschichte und die
Gefahren eines gesuchten, doch das eigene Selbstverständnis schließlich
bedrohenden Ursprungs.
Et remarquons comment dans ces univers patiente
et s’oppose à chaque fois une forêt primordiale. Sutpen la défriche en
vain, Aureliano y navigue (il y voit même la nef essentielle du temps,
échouée au haut des arbres), le narrateur du Partage la « descend » en
même temps que les âges révolus. La forêt s’oppose en participant, elle
est la chaleur primitive. La vaincre Dest l’objective, être vaincu par
elle est le vrai sujet. (260)11
Die unausweichliche Problematik dieser Selbstsuche und Selbstflucht
konkretisiert sich für Glissant bei Faulkner in Absalom, Absalom!
anhand der Dualität von Inzest und Rassendenken, wie sie der nicht
anerkannte mestizische Sohn Sutpens verkörpert, dessen beabsichtigte
Heirat mit seiner Halbschwester eine zweifache Bedrohung für die gerade
aufzubauende Dynastie darstellt.
Dans Absalon!, Absalon! de
Faulkner,
le désiré historique porte en
général sur la trace primordiale (la
fondation) de la famille des Sutpen, et en particulier sur l’origine du
personnage appelé Bon. Car, si ce dernier est nègre, sa prétention à la
possession de Juli Sutpen est calamiteuse ; mais on découvrira qu’il
est peut-être aussi le frère
(le demi-frère métis) de celle-ci.
L’inceste primordial joue en retour.
On voit bien qu’il s’agit là d’un
désir (la connaissance d’une origine, de l’origine) dont l’éclairement
sera mortel. (Glissant 2002: 256)
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mit einer Mestizin – Bons Mutter – verheiratet
war, von der er glaubte, sie sei spanischer Abstammung. Diese Spur
seines Lebens und seiner zwei Nachkommenschaften wiederum führt zurück
zur Frage der Verortung und Abgrenzung der USA, der Südstaaten
angesichts und innerhalb Amerikas.
Il s’agit d’une perversion de la
filiation originelle (celle du
Dénombrement): l’homme ici se perd et tourne dans sa trace. Comment
pourrait-il se placer au centre de ce qui est, alors que sa légitimité
lui apparaît incertaine? Une collectivité peut ainsi douter
d’elle-même, se perdre dans son vertige. (Glissant 2002: 257-258)
Eine Perversion der ursprünglichen Abkunft, deren obsessive Bekämpfung
oder Verdrängung durch Sutpen die „Ursünde“ der Gesellschafts- und
Wirtschaftsordnung der von Faulkner dargestellten US-amerikanischen
Südstaaten verkörpert. Darüber hinaus aber verweist die von Sutpen
vollzogene Bewegung aus dem angelsächsischen Bereich der Amerikas in
die frankophone Karibik auch auf die gemeinsamen Grundlagen und
gewaltsamen Grundlegungen beider Amerikas im Sinne des sich über den
gesamten Kontinent hinziehenden Plantation
America hin.12 Diese
historische Tiefendimension reicht noch weiter, wenn man sich in
Erinnerung ruft, dass Sutpen sich auf die karibische Insel begibt, wo
mit der Einführung des Zuckerrohrs und der industriellen
Zuckergewinnung zwischen 1513 und 1515 das auf massive Versklavung
angewiesene System der Plantage eingeführt wurde, das sich von dort aus
über den Kontinent ausbreiten und die Kolonialgeschichte Amerikas
entscheidend prägen sollte. Zugleich ist Sutpens haitianische Erfahrung
in den 1820er und 1830er Jahren nach den Überlegungen von John T.
Matthews sehr bewusst auf der Epochengrenze zwischen dem
nordatlantischen Sklavenhandel mit Beteiligung am Zuckerrohranbau und
dem Verbot internationalen Sklavenhandels durch die Briten mit der
Hinwendung der USA zur Baumwollplantage angesiedelt.
Of course,
Quentin’s first guesses about sugar agriculture–overseer, barns–derive
from his family knowledge of cotton agriculture; his „ignorance”
produces a palimpsest in which one may detect Deep South cotton
overlaying West Indian sugar. Some such knowledge must have informed
Faulkner’s decision to make Sutpen’s career correspond so precisely
with the historical pivot in the New World from sugar to cotton.
(Matthews 2004: 254)
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Quentin, der letzte männliche Vertreter der seit Gründerzeiten in
Yoknapatawpha ansässigen Compson-Dynastie, befindet sich als Erzähler
des Romans von Beginn an im Zentrum, an der Kreuzung der Zeiten und
Geschichten, die sich in Absalom,
Absalom! entspinnen. Er vernimmt die
verschiedenen Stimmen Jeffersons, die ihm die Geschichte Sutpens
überliefern und welche er selbst im nächtlichen Gespräch mit seinem
Zimmergenossen an der Harvard Universität zusammenführt. Als er sich im
ersten Kapitel auf sein Studium in Harvard und seinen Weggang von
Jefferson vorbereitet, kommt eine Dualität seines Seins, seiner
Position zum Tragen, deren Spannung immer stärker an ihm zerren und
zehren wird.
Then hearing would reconcile and he would seem to listen
to two separate Quentins now—the Quentin Compson preparing for Harvard
in the South, the deep South dead since 1865 and peopled with garrulous
outraged baffled ghosts, listening, having to listen, to one of the
ghosts which had refused to lie still even linger than most had,
telling him about old ghost-times; and the Quentin Compson who was
still too young to deserve yet to be a ghost but nevertheless having to
be one for all that, since he was born and bred in the deep South the
same as she was—the two separate Quentins now talking to one another in
the long silence of notpeople in notlanguage, like this: […] (Faulkner
1990a: 6-7)
Sprache markiert auch in der Erinnerung und den Berichten eine große
Rolle, die Quentin von Sutpens erstem Erscheinen in Jefferson vernimmt.
Der unbekannte Fremde erschien 1833 in der Stadt, hatte ein großes
Stück Land von den Chickasaw gekauft und brachte Sklaven mit,
die
anders waren und mit denen Sutpen in einer unbekannten Sprache redete.
So the legend of the wild men came gradually back to town, brought by
the men who would ride out to watch what was going on, who began to
tell how Sutpen would take stand beside a game trail with the pistols
and send the negroes in to drive the swamp like a pack of hounds; it
was they who told how during that first summer and fall the negroes did
not even have (or did not use) blankets to sleep in, even before the
coon-hunter Akers claimed to have walked one of them out of the
absolute mud like a sleeping alligator and screamed just in time. The
negroes could speak no English yet and doubtless there were more than
Akers who did not know that the language in which they and Sutpen
communicated was a sort of French and not some dark and fatal tongue of
their own. (Faulkner 1990a: 29)
Diese ersten Hinweise auf „eine Art Französisch“ verweisen auf die
kreolisierte Formen der Sprache in der Karibik und bilden in der
Wahrnehmung der
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Jeffersonians die erste klare Markierung der für sie
unheimlichen und bedrohlichen Fremdheit der Ankömmlinge. Die Karibik
erscheint sowohl über Sutpens Streben nach seinem „Design“ als auch in
seiner Wahrnehmung und Wiedergabe durch die Bewohner Jeffersons als
geheimnisvolle Verheißung; die karibischen Inseln verheißen schnellen
Reichtum, unheimliche Magie, zuletzt eine faszinierende und Furcht
einflößende Fremde. Dieser Kraft folgt Sutpen nach eigenen Berichten,
die von Quentins Großvater erzählt werden. Seiner Ankunft in Jefferson
und seinen dortigen Projekten ging diese Gegenbewegung voraus:
He went
to the West Indies. That’s how he said it: not how he managed to find
where the West Indies were nor where ships departed from to go there,
nor how he got to where the ships were and got in one nor how he liked
the sea nor about the hardships of a sailor’s life and it must have
been hardship indeed for him, a boy of fourteen or fifteen who had
never seen the ocean before, going to sea in 1823. (Faulkner 1990a:
198)
So ergibt sich ein Zeitraum von zehn Jahren, 1823-33, die Sutpen auf
Haiti verbringt, um dort ein neues Leben zu beginnen. Der Traum von den
ungekannten Möglichkeiten in dieser Alterität Nordamerikas invertiert
im regionalen Raum den Mythos der „unbegrenzten Möglichkeiten“, der von
Europa aus transkontinental auf die neue Welt und speziell ihren
nördlichen Teil projiziert wurde. Sutpen wurde so aus eigenem Antrieb
zu einem Fremden, als welcher er dann wieder zurückkehrt:
That was how
I learned of the West Indies. Not where they were, though if I had
known at the time that that knowledge would someday serve me, I would
have learned that too. What I learned was that there was a place called
the West Indies to which poor men went in ships and became rich, it
didn't matter how, so long as that man was clever and courageous: the
latter of which I believed that I possessed, the former of which I
believed that, if it were to be learned by energy and will in the
school of endeavor and experience, I should learn. (Faulkner 1990a:
200)
Sutpen akkulturiert sich auf Haiti aktiv innerhalb bestimmter Grenzen,
er lernt Französisch und Patois, erarbeitet sich Wohlstand und Ansehen,
findet Zugang zur herrschenden
Gesellschaftsschicht und will sogar eine
Familie gründen:
Grandfather said the only mention he ever made to those six or seven
years which must have existed somewhere, must have actually occurred,
was about the patois he had to learn in order to verse the plantation,
and the French he had to learn, maybe not to get engaged to be married,
but which he would certainly need to be
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able to repudiate the wife
after he had already got her—how, so he told Grandfather, he had
believed that courage and shrewdness would be enough but found that he
was wrong and how sorry he was that he had not taken the schooling
along with the West Indian lore when he discovered that all people did
not speak the same tongue and realised that he would not only need
courage and skill, he would have to learn to speak a new language, else
that design to which he had dedicated himself would die still-born.
(Faulkner 1990a: 205)
Diese Episoden der Lebensgeschichte Sutpens beschreiben seinen
ursprünglichen Impuls, der allerdings mit einer für ihn substantiellen
Konfliktivität zum erliegen kommt und schließlich die wieder in die
umgekehrte Richtung ansetzt: Sutpen heiratet die Tochter eines
Plantagenbesitzers, die seines Glaubens nach spanischer Herkunft ist.
Doch nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes wird ihm klar, dass sie
auch schwarzes Blut in sich hat. Diese Vorstellung ist für ihn
unerträglich, und er verlässt Frau und Kind und Haiti, er kehrt in den
Norden, in die Südstaaten zurück, erwirbt dort eine Plantage und
beginnt noch einmal von vorn. Entscheidend ist laut John T. Matthews
bei diesem erneuten Ansatz Sutpens zur Verwirklichung seines „Designs“,
dass bis auf Quentin Compson alle in der Überlieferung seiner
haitianischen Jahre durchweg „ignorieren“, dass Sutpen sich in ein
bereits unabhängiges Haiti begab, wo er es nicht mit den Südstaaten
analogen weißen Landbesitzern und schwarzen Sklaven zu tun hatte,
sondern mit einem kreolisierten, durch wiederholte interne Umwälzungen
neu geordnetem Gesellschaftssystem, das kreolische Herren und nunmehr
sklavisch unterdrückte „Bauern“ unterschied (Matthews 2004: 252f.).
Ähnlich wie in der Wahrnehmung Jeffersons diese historischen Umstände
nicht wahrgenommen werden (wollen) bnbnb – seine vermutlich aufgrund
einer illegalen Sklavenspekulation aus Afrika herbeigeschafften fremden
Sklaven werden als „Haitianer“, der martiniquinische Architekt, der das
Anwesen Sutpen’s Hundred errichtet, und sein Sohn aus erster Ehe
Charles Bon als „Franzosen“ wahrgenommen – so „übersieht“ Sutpen selbst
auf Haiti die konkreten Umstände für seinen ersten Versuch, eine
Dynastie zu gründen. Erst bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes
erkennt er, dass mit dem „spanischen Blut“ seiner ersten Frau die
karibische Mischung europäischen, afrikanischen und indigenen Blutes
gemeint ist (vgl. 253, insbesondere FN 14). Diesen ersten Irrtum und
Fehltritt will er mit seinem zweiten Versuch eines „Designs“ in
Jefferson vergessen:
Seite 171
Sutpen is a conqueror in Haiti, fathering a design
out of the mixture of Spanish, French, and African blood. This mating
gratifies the need for labor and the lust for wealth, then is set
aside, forgotten when the sacraments of gentrification begin. Sutpen’s
white wife Ellen represents the respectability that is founded on
obliviousness to material reality; her only responsibility is to
etherealize money whose source does not bear recollection. (Faulkner
1990a: 255)
Die einzige Verbindung zur karibischen Welt, die Sutpen noch aufrecht
erhält, sind bezeichnenderweise die Patois sprechenden und für die
Bewohner Jefferson ungewohnt aussehenden Sklaven, die er auf sein
Anwesen bringt. Damit trägt er ein entscheidendes, zugleich gemeinsames
und im kulturellen Selbstverständnis trennendes Element der
amerikanischen Plantagengesellschaft ins Innere der US-Südstaaten. Im
kleinen Maßstab wiederholt sich die Bewegung der gewaltsamen
Verschiffung versklavter Afrikaner in die Karibik nun von der
karibischen Insel auf den nördlichen Kontinent. Auch die historische
Erinnerung an die Angst in den USA vor dem Beispiel der haitianischen
Sklavenrevolution 1791 ist in dieser Bewegung mit enthalten, die
Quentin als Erzähler im verbreiteten Bild des „lost island“ für Haiti
zum Ausdruck bringt (vgl. 254). Die bewegte Geschichte der Karibikinsel
ist zugleich in der US-amerikanischen Wahrnehmung so bedrohlich
aufgrund des kreolischen bzw. „mulattischen“ Charakters dieser Republik
(vgl. Ladd 1996: 142f.). Sutpen selbst ist während seines Aufenthalts
dort beteiligt an den gewalttätigen Auswirkungen dieser fundamentalen
und einzigartigen Umwälzung im amerikanischen Raum, namentlich am
Konflikt zwischen dem französisch- und spanischsprachigen Teil der
Inseln, der 1822 zum zweiten Mal ausbrach und 1844 zur endgültigen
Unabhängigkeit Santo Domingos führte.
Die von ihm zunächst produktiv gemachte Fremde kann und will er nicht annehmen. Er verbleibt in einem Zwischenstadium, in dem er an einem Punkt die Rückkehr beschließt, an dem diese schon keine mehr sein kann. Als fremd-gewordener Rückkehrer verkörpert er in bedrohlichster Form für Jefferson und die „amerikanische Unschuld“ (Matthews 2004: 238f.) das Unheimliche, das man an Darcy Ribeiros historisch hergeleitete Charakterisierung der Antillen anlehnen kann: „Die Karibik ist [...] die schwarze, versklavte, arme und elende Kehrseite des weißen, reichen und freien Nordamerika.“ (Ribeiro 1985: 412)13 Er trägt mit sich nach Jefferson, was er selbst und was der Deep South als ganzes vergessen und ignorieren muss, um seine eigene Mythisierung von der
Seite 172
Sklavenwirtschaft
zur paternalistischen Gesellschaftsordnung vollziehen zu können. Aus
diesem Grund geben alle Instanzen der Überlieferung seines Lebens vor,
nicht zu wissen, was Sutpen auf Haiti genau gemacht und woher er das
Geld und die fremden Sklaven für den Aufbau seines Anwesens und seiner
Plantage beschafft hat.
Die
nicht auflösbare oder zu unterdrückende
Konfliktivität dieses kollektiven „wissenden Nichtwissens“ setzt sich
bis auf Quentin Compson fort, der Sutpens Geschichte aus den Stimmen
seiner Familie und Jeffersons rekonstruiert und versprachlicht. In
dieser Verschränkung von Schuld, Schuldbewusstsein und Verdrängung, der
inneren Notwendigkeit des Erzählens und dem Erzählen als aufgezwungene
Aufgabe, findet sich ein entscheidendes Element für Quentin als
Erzählerfigur, von der man als Leser von Beginn an weiß, dass er sich
kurz vor seinem in The Sound and the
Fury (Faulkner 2006) bereits
dargestellten Selbstmord befindet.
What Quentin already knows has less
to do with facts than what to
do with unwanted facts.
[…] I suggest that privileged Southerners of the Compson caste found
refuge in such knowing not-knowing, in a language that displayed
historical realities without granting them visibility. The „something”
that „is missing” when Mr. Compson brings the words together, I contend
he already knows: it is the whole story of the new-world plantation
that makes Sutpen’s career from Haiti to Jefferson entirely legible as
a story of colonial crime–Amerindian genocide, slave trade, human
chattel, bigamy, rape, incest, the loveless outrage of the land.
(Matthews 2004: 256f.)
Barbara Ladd verdichtet diese Deutung Quentins als Erzähler und
Gestalter der Figur Charles Bons in der Verschränkung seiner eigenen
Angst vor der ethnischen Vermischung als „letztes sterbendes Original“
des weißen Südstaatlers (Ladd 1996: 147), der Bedrohung von gemischtem
Blut und Inzest durch Bon und seiner eigenen inzestuösen Liebe zu
seiner Schwester Candance in The
Sound and the Fury. Quentin selbst, so
vermutet Ladd, versteht miscigenation
und Inzest im Sinne des
Südstaatenzeitgeists als Synonyme, entsprechend verstehe er – immer
stellvertretend für den Süden nach dem Bürgerkrieg – sein Verhalten als
„morally black“ und sich selbst als „white nigger“:
It is a powerful
equation when read in terms of Quentin’s narrative of race and sex,
where the monster who must be destroyed, the figure who „owns the
terror”,
Seite 173
is both black and
brother, despite the rhetoric that would
deny that relationships; in other words, it is a dramatization of the
white racist’s most nightmarish vision of his future under the new
dispensation. (152)
Vor diesem Hintergrund erklärt sich die selbst für die so stark auf
Dynastien und Blutlinien fixierten Jeffersonians14
befremdliche
Intensität und Entschlossenheit, mit der Sutpen das Projekt der
Gründung und Einrichtung einer eigenen Dynastie umzusetzen sucht. Zu
diesem Zweck heiratet er Ellen Coldfield, Tochter des in Jefferson
ansässigen Händlers Goodhue Coldfield, mit der er Sohn und Tochter,
Henry und Judith hat. Ort und Zentrum dieses nun umzusetzenden
„Designs“ ist das neu erworbene Land von Sutpen’s Hundred, auf dem ein
prätentiöses und anachronistisches Haus errichtet wird: „In accordance
with his design, Sutpen builds his mansion after the model of the big
plantations of Virginia and Carolina, hence providing his mansion with
all the specific elements he connects with the grand estates of the
Tidewater aristocracy [...].“ (Gutting 1992: 134)

William Faulkner: Absalom, Absalom! Umschlagbild der Erstausgabe, New York, 1936.
Folgt man Guttings Deutung des Hauses als Charakterisierung seines Erbauers, so verbindet sich das weder an den Ort noch in die Zeit passende Anwesen mit
Seite 174
Sutpens Widersprüchlichkeiten, aufgrund derer er
nicht in die Gemeinschaft Jefferson aufgenommen wird und schließlich an
seiner Gesellschaft wie an sich selbst scheitern wird.
Due to the excessive ambition stemming from his childhood trauma,
Thomas Sutpen establishes a space of his own which stands in opposition
to the surrounding community, as the comments that the estate is
„almost as large as Jefferson itself” in the early days of the
community indirectly reflects (AA, p. 38) (137)
Ein Anwesen, das nicht nur in seinen Ambitionen mit der Stadt Jefferson
konkurriert, sondern in mehrfacher Hinsicht eine Alterität zu ihr
bildet. Sutpen’s Hundred wird von dem als Franzosen bezeichneten
Architekten aus Martinique in sich abhebender Art und Weise konzipiert,
die Welt der entstehenden Baumwollplantage isoliert sich systematisch
vom Rest Yoknapatawphas und wird im Gegenzug von der Stadtgemeinschaft
ausgeschlossen.
[...] that only an artist could have borne the dream of
grim and castlelike magnificence at which Sutpen obviously aimed, since
the place as Sutpen planned it would have been almost as large as
Jefferson itself at the time. [...] It was finished then [...] it stood
for three years more surrounded by its formal gardens and promenades,
its slave quarters and stables and smokehouses [...] (Faulkner 1990a:
31)
Sutpens Lebensweg symbolisiert die karibische Dimension der Neuen Welt,
die der US-amerikanische Süden für sein Selbstverständnis verdrängen
muss, die aber alleine schon aufgrund von Sutpens Präsenz selbst immer
wieder präsent gemacht wird. John T. Matthews erkennt sehr einfühlsam,
wie sich in der literarischen Darstellung in Absalom, Absalom! die
Figuren Sutpens, der „verlorenen Insel“ Haiti und seines Anwesens „als
Insel“ übereinander legen und diese transareale Verschränkung
visualisieren.
No wonder Sutpen’s Hundred comes to seem both like and
unlike another island in colonial sequence. Sutpen’s children behave as
if they „had been marooned at birth on a desert island: the island -
here Sutpen’s Hundred” (79) - a desert island, not tropical and so
absent of plantation evidence. Yet, the Sutpens are „marooned,” a word
evoking the isolated communities of deserter slaves and prefiguring the
return of a black half-sibling fugitive Sutpen. (Matthews 2004: 256)
Dieses Herrenhaus - das nunmehr nur noch stärker ebenfalls das von
Edouard Glissant in Rowan Oak evozierte Bild der brasilianischen
„Herrenhauses“ mit
Seite 175
seinen „Sklavenhütten“ in sich aufnimmt – verweist
zurück auf die Ursprünge des Designs in Sutpens Kindheit. Dort formt
sich in ihm die Entschlossenheit, seinem Leben Größe und Ansehen zu
geben, als er noch als kleiner Junge an der Vordertür des Herrenhauses
der Plantage, auf deren Grund seine Familie lebte, vom Haussklaven
weggejagt und gezwungen wird, es durch die Hintertür zu betreten. Der
junge Sutpen erlebt auf der Plantage erstmalig das System der
Unterdrückung schwarzer Sklaven durch weiße Landbesitzer, zugleich aber
auch die Unterdrückung armer Weißer durch die Reichen. Diese Episode
erzählt Quentin Compson seinem Zimmergenossen Shreve in Harvard auf der
Grundlage der Erzählungen seines Großvaters, der sie seinerseits von
Sutpen selbst vernommen habe.
He didn’t even know he was innocent that
day when his father sent him to the big house with a message. [...]
And now he stood there before that white door with the monkey nigger
barring it and looking down at him in his patched made-ever jeans
clothes and no shoes and I dont reckon he had even experimented with a
comb because that would be one of the things that his sister would keep
hidden good [...] at them and he never even remembered what the nigger
said, how it was the nigger told him, even before he had time to say
what he came for, never to come that front door again but to go around
to the back. (Faulkner 1990a: 189-192)
Dieses sozial verwehrte Haus
findet sich neu abgebildet im überdimensionierten und deplazierten
Projekt von Sutpen’s Hundred, welches letzten Endes die
Widersprüchlichkeit seines design
for life materialisiert. Das Anwesen
entsteht im Zuge seiner literarischen Darstellung und wird mit dem
Scheitern und Untergang seines Erbauers zerstört. Gemäß der
überzeugenden Lesart von Gabriele Gutting birgt dieser Übergang vom
herrschaftlichen Anachronismus zur an die Vergangenheit gemahnenden
Ruine die Verräumlichung von Zeit und Geschichte – und umgekehrt die
Verzeitlichung des Raumes – in Faulkners Projekt.
The Sutpen’s Hundred
of the past – as it rose and existed before Quentin knew it – is
projected to Quentin’s inner eye. When he listens to Rosa’s subjective
accounts of a demon-possessed house and to his father’s reports of the
house as a setting of ambitious design, Quentin Compson seems able to
actually see the space of the past in the present. (Gutting 1992: 138)
Nachdem sie von Sutpen verlassen wurde, zieht seine erste Frau von
Haiti nach New Orleans, wo sie ihren gemeinsamen Sohn Bon in einer der
métissage
Seite 176
gegenüber offeneren
Gesellschaft großzieht. An der
Universität von Mississippi in Oxford entsteht 1859 die Freundschaft
zwischen dem aus Sutpens zweiten Ehe entspringenden Sohn Henry und Bon,
der sich mit der Tochter Judith verlobt und Henry vorher als dessen
mestizischer, im südstaatlerischen Denken allerdings als schwarz
wahrgenommener Halbbruder zu erkennen gibt.
Daraufhin
spricht Stupen
selbst seinem zweiten, dem weißen und zum Erben bestimmten Sohn
gegenüber aus, welche Unmöglichkeit sein nicht anerkannter Sohn Bon für
ihn darstellt: „—He must not marry
her, Henry. His mother’s father told
me that her mother had been a Spanish woman. I believed him; it was not
until after he was born that I found out that his mother was part
negro.” (Faulkner 1990a: 292) Henry trägt diese Sichtweise zu
Bon
weiter, mit der gemeinsam für die Sezession kämpft. Erst Bon selbst
bringt den erstaunlichen Umstand zur Sprache, dass Sutpen und Henry so
große Furcht vor der Bedrohung der Vermischung haben, dass sie nicht
einmal an den Inzest denken, der in Heirat von Bon und Judith
inbegriffen wäre:
—So it’s the miscegenation, not the
incest, which you
cant bear. Henry doesn’t answer.
—And he sent me no word? He did not
ask you to send me to him? No word
to me, no word at all? That was all he had to do, now, today; four
years
ago or at any time during the four years. That was all. He would not
have needed to ask it, require it, of me. I would have offered it. I
would have said, I will never see her again, before he could have asked
it of me. He did not have to do this, Henry. He didn’t need to tell you
I am a nigger to stop me. He could have stopped me without that, Henry.
(Faulkner 1990a: 293)
Inzest und Rassenmischung sollen durch den Brudermord verhindert
werden. Die Zuspitzung des Dramas erfolgt vor dem Hintergrund des
Bürgerkriegs und gewinnt dadurch an symbolischer Dimension,
vervielfacht so die Ausmaße seiner Bedeutung. Über diese Episode werden
das Familiendrama und die Selbstsuche des „alten Südens“ im Kontext der
Nationsbildung der Vereinigten Staaten ineinander geblendet, die im
Sezessionskrieg gewaltsam aufbrechen.15 Henry
sagt sich schon vor dem
Krieg von seinem Vater los und schlägt sein Erbe aus, damit beendet er
Sutpens Pläne für eine eigene Dynastie. Henry hofft insgeheim auch, der
Sezessionskrieg werde ihm die Entscheidung und Schuld abnehmen, den
Inzest und mit ihm die Rassenmischung zuzulassen oder seinen Halbbruder
zu töten, wenn Bon oder er selbst oder auch beide im Kampf fielen. Doch
diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Im Gegenteil verschärft sich Henrys
Seite 177
Konflikt, als er im Gefecht verwundet und von Bon gerettet wird.
Dennoch
erschießt Henry Bon, kurz bevor dieser Judith tatsächlich
heiraten kann. Thomas Sutpen hat zwar die bedrohliche Ehe verhindern
können, aber seinen zweiten Statthalter „verloren“; und auch seine
zweite Ehefrau Ellen stirbt. Verzweifelt versucht er noch, eine weitere
Heirat zu vollziehen, um einen neuen Erben zu zeugen, scheitert damit
aber, weil Ellens Schwester Rosa Coldfield – als „Miss Rosa“ ein
Gegenüber und eine enge Vertraute von Quentin, der diese Geschichte
erzählen muss – sich nicht dazu hergibt, unter dem Vorbehalt zu
heiraten, Sutpen einen männlichen Erben zu gebären. Sutpen schwängert
daraufhin Milly, die noch junge Enkelin des weißen Landarbeiters Wash
Jones, will ihr aber keinen legitimen Status verleihen, weil das Kind
ein Mädchen ist. Daraufhin wird er von Wash Jones erschlagen.
Man glaubt oder will glauben, dass die Linie der Sutpens damit endet. Doch auf Sutpen’s Hundred lebten Judith und die schwarze Halbschwester Clytie gemeinsam und holten auch Bons unehelichen Sohn Charles Etienne de Saint Velery Bon, der in New Orleans mit einer „octoroon mistress“ gezeugt wurde, zu sich. Charles Etienne heiratet eine Schwarze und zeugt mit ihr Jim Bond. Charles Etienne und Judith sterben am Gelbfieber, nur noch Clytie und Jim Bond leben auf Sutpen’s Hundred. Rosa Coldfield entdeckt zusammen mit Quentin, dass der verschwundene Henry sterbenskrank zurückgekehrt ist und von seiner Halbschwester Clytemnestra (Clytie) dort versteckt und gepflegt wird. Rosa will Henry ins Krankenhaus bringen, doch Clytie fürchtet, dass er wegen des Mordes an Bon belangt wird, und steckt das Haus in Brand; sie und Henry kommen in den Flammen um. Als einziger überlebt Jim Bond, der in den Wäldern von Yoknapatawpha verschwindet: „[…] and he, Jim Bond, the scion, the last of his race, seeing it too now and howling with human reason now since now even he could have known what he was howling about.“ (309)
Die Erzählung von Absalom, Absalom!
gruppiert sich in weiten Teilen um
das nächtliche Gespräch der Zimmergenossen Quentin und Shreve in
Harvard, eine
Seite 178
Konstellation, die Südstaaten und Kanada als fremde und
aneinander interessierte Welten miteinander verbindet und den Norden,
Osten und Westen der USA als gemeinsame Alterität ausblendet.
[…] both
young, both born within the same year: the one in Alberta, the other in
Mississippi; born half a continent apart yet joined, connected after a
fashion in a sort of geographical transubstantiation by that
Continental Trough, that River which runs not only through the physical
land of which it is the geologic umbilical, not only runs through the
spiritual lives of the beings within its scope, but its very
Environment itself which laughs at degrees of latitude and temperature,
though some of these beings, like Shreve, have never seen it […]
(Faulkner 1990a: 213)
Quentin selbst weiß nicht, wie er mit diesen Dramen und Vorstellungen
umgehen soll, die er einerseits erzählend reflektiert und auf Distanz
zu sich bringt, denen er sich andererseits nicht zu entziehen weiß.
Sein Konflikt ist der Süden, wie er im tragisch-absurden Scheitern von
Sutpens Design und dessen tatsächlichen Nachwirkungen versinnbildlicht
wird:
„You’ve got one nigger left. One nigger Sutpen left. Of course
you cant catch him and you dont even always see him and you never will
be able to use him. But you’ve got him there still. You still hear him
at night sometimes. Dont you?”
„[…] I think that in time the Jim Bonds are going to conquer the
western hemisphere. Of course it wont quite be in our time and of
course as they spread toward the poles they will bleach out again like
rabbits and the birds do, so they wont show up so sharp against the
snow. But it will still be Jim Bond; and so in a few thousand years, I
who regard you will also have sprung from the loins of African kings.
Now I want you to tell me just one thing more. Why do you hate the
South?”
„I dont hate it,” Quentin said, quickly, at once, immediately; „I dont
hate it,” he said. I dont hate it
he thought, panting in the cold air,
the iron New England dark: I dont. I
dont! I dont hate it! I dont hate
it! (Faulkner 1990a: 310-311)16
Das Gespräch, die Erzählung von Quentin und Shreve in Absalom, Absalom!
spielt Anfang 1910 in Harvard, im Januar, denn der Brief seines Vaters,
in dem er von Rosa Coldfields Tod erfährt, ist auf den 10. Januar 1910
datiert (Faulkner 1990a: 144). Etwas später im selben Jahr – das
entsprechende Kapitel in The sound
and the Fury gibt das Datum an:
„June Second, 1910“ (Faulkner 2006: 935) – bringt er sich dort um. Er
zerbricht in letzter Instanz am Süden, der unweigerlich Teil von ihm
ist und von dem er sich unausweichlich als ein Teil empfindet.
Damit schließt sich in der Chronologie der Entstehung bereits vorher, in der innerliterarischen Chronologie im Nachhinein der Teufelskreis der Schuld,
Seite 179
der sich um Inzest
und Rassendenken entspinnt, in externer
Verortung im „anderen Amerika“ der Südstaaten, in Cambridge an der
Ostküste. Quentin zerbricht einerseits an seiner inzestuösen Liebe zu
seiner Schwester Candace, Caddy, die im April 1910 den Nordstaatler
Sidney Herbert Head heiratet, während sie bereits von einem anderen
Mann schwanger ist. Quentin zerbricht ebenso am moralisch sehr lockeren
Umgang seiner Schwester, die mit mehreren Männern sexuelle Beziehungen
hatte, die dies aber auch tat, um die Beziehung zu ihrem Bruder zu
beenden.
QUENTIN III. Who loved not his sister’s body but some concept
of Compson honor precariously and (he knew well) only temporarily
supported by the minute fragile membrane of her maidenhead as a
miniature replica of all the whole vast globy earth may be poised on
the nose of a trained seal. […] But who loved death above all, who
loved only death, loved and lived in a deliberate and almost perverted
anticipation of death as a lover loves and deliberately refrains from
the waiting willing friendly tender incredible body of his beloved,
until he can no longer bear not the refraining but the restraint and so
flings, hurls himself, relinquishing, drowning. (Faulkner 2006:
1131-1132)
Quentin bündelt und radikalisiert in sich die Angst und den
Schrecken der weißen Protagonisten Yoknapatawphas vor ihrem möglichen
farbigen Erbe, das ihr Bedürfnis nach gesicherter und legitimer
Herkunft in Frage stellen würde und immer wieder für sie in Frage
stellt, ihr Selbstverständnis erschüttert. „L’opération de la Traite
(sur laquelle la pensée occidentale, l’étudiant pourtant comme
phénomène historique, fera si constamment silence en tant que signe de
relation) olige la population ainsi traitée à mettre en question
toute
ambition d’un universel généralisant. Et cela de plusieurs manières.“
(Glissant 2002: 41) So beschreibt Edouard Glissant, wie die historische
Erfahrung und das Leid der Sklaverei zunächst als Grundbedingtheit für
die Nachkommen der Sklaven wirksam bleibt. Doch lässt sich derselbe
Mechanismus auf die Seite der früheren Sklavengesellschaft übertragen,
in deren Denken diese „Spur“ und Schuldhaftigkeit immer wieder
gegenwärtig wird. Vor diesem Hintergrund repräsentiert die Ordnung der
Relationalität, die historische Bewegungen erfasst und in den
Bewegungen der Gegenwart wiedererkennt, einen solchen Schrecken für
diejenigen kulturellen Konzeptionen des Selbst und des Anderen, die auf
der trügerische Sicherheit gewährenden Vorstellung eindeutiger und
homogener Kulturen beruhen.17
Im Fall der auf legitimierende Herkunft fixierten weißen Siedler der
Seite 180
nordamerikanischen Südstaaten besteht die
Gefahr des „schwarzen Blutes“ darin, in den Strudel der Entwurzelung
mitgerissen zu werden, in den sie – die historische Kaste der weißen
Kolonisatoren – diese Anderen, ihre Gegenüber, durch die Versklavung
und den Transport von Afrika nach Amerika gewaltsam gezwungen haben.
Je
crois que ce qui fait cette différence entre un peuple qui se continue
ailleurs, qui maintient l’Être,
et une population qui se change
ailleurs en un autre peuple
(sans pourtant qu’elle succombe aux
réductions de l’Autre) et qui entre ainsi dans la variance toujours
recommencée de la Relation (du relais, du relatif), c’est que cette
population-ci n’a pas emporté avec elle ni continué collectivement les
techniques d’existence ou de survie matérielles et spirituelles qu’elle
avait pratiquées avant son transbord. Ces techniques ne subsistent
qu’en trace, ou sous forme de pulsions ou d’élans. (Glissant 2002: 42)
Dieser von den Figuren in Yoknapatawpha dargestellte und gelebte
Grundkonflikt des Deep South,
der in der verzweifelten Besessenheit von
Geschichte und Genealogie zum Ausdruck kommt, existiert nicht isoliert
im Raum des fiktiven County oder im Selbstbewusstsein seiner Bewohner.
Seine Ursachen rühren von der Grundverfasstheit der gesellschaftlichen
wie ökonomischen Ordnung des Südens der USA im 19. Jahrhundert, die
ihrerseits nicht verstanden werden können ohne die vielfältigen
Anbindungen und Verschränkungen dieser Region mit anderen, ihr in
Fremdheit und Nähe sehr ähnlichen Regionen der Amerikas. Historisch
erweist sich der Süden der nördlichen Hemisphäre als Übergang oder gar
Teil eines anderen Südens – des südlichen, iberischen Amerikas. Nicht
nur war ein beträchtlicher Teil der südlichen Territorien der USA vor
deren Entstehung als Nation spanische oder französische Kolonie, die
gemeinsame Küste mit dem von so gut wie allen europäischen
Kolonialmächten durchkreuzten und geprägten Raum des Golfs von Mexico.
Ottmar Ette spricht von der vielschichtigen, fragmentierten und
zusammenhängenden Konstitution der Karibik als Insel-Archipel, das
neben seiner vielfältigen internen Relationen eine ebenso grundlegende
Einbindung in die Dynamiken der amerikanischen Hemisphäre aufweist.
Die
Pluralität teilweise gegensätzlicher Ordnungen und Logiken, die in sich
selbst bereits hochgradig hybrid sind, darf dabei als das grundlegende
Strukturmerkmal einer geographisch, kulturell wie politisch in mehrerer
sich überlappenden Teilregionen zerfallenden und zugleich vielfältig
rückgekoppelten Inselgruppe angesehen werden, die von Beginn an weit
mehr war als ein Transitraum zwischen Europa und Amerika, zwischen dem
Norden und dem Süden
Seite 178
der Hemisphäre. Denn sie hat diese Hemisphäre im
Grunde erst geschaffen. (Ette 2005: 129)
Diese Verstricktheit wird in Absalom,
Absalom! mit der haitianischen,
in der Wahrnehmung der Bewohner von Yoknapatawpha undifferenziert
karibischen Herkunft – Anlage und Ursprung – Suptens allegorisiert,
dessen Drama zwischen Rassismus bzw. Angst vor der Hybridisierung und
Inzest die Konstellation innerster Verschränktheit im
internamerikanischen Kontext enthält. Der von ihm bis hin zum
delegierten Mord und Verlust eines weiteren Sohns und der Tochter
ausgeschlossene Schwarze ist sein eigener Sohn. Die Unausweichlichkeit
der transkulturierenden Prozesse auch im Norden der Hemisphäre werden
so bestätigt, der einzige Überlebende ist der Abkömmling karibischer
wie US-amerikanischer Schwarzer, der die Bedrohung in den Augen der
Weißen perpetuiert, gleichzeitig die Vision einer neuen und dabei
historisch bereits erfahrenen Hybridität in den offenen Raum hinaus
trägt.18 Teil und Kehrseite dieser
Allegorie ist Quentin Compson,
der sich erzählend mit der auf ihn gekommenen Schuldhaftigkeit
auseinander zu setzen sucht, erzählend diese Schuld eingesteht und doch
auch überdeckt, schließlich an ihr zerbricht oder sich ihr entzieht.
Einseitige Schlüsse und Deutungen sind auch hier nicht möglich. Die
Obsession der Vergangenheit, die oftmals gar nicht vergangen ist, die
alle Bewohner Yoknapatawphas, die Protagonisten der Literatur Faulkner,
ihr und sein immer wieder neu ansetzendes Erzählen antreibt, entspringt
der von Edouard Glissant anhand seiner Reise und Reflexion auf William
Faulkners Spuren so prägnant beschriebenen Wiederkehr, den
unauslöschlichen Spuren der erlebten Geschichte: „Ce retour contaminant
est-ce qui apparente Faulkner aux questionnements de ‚l’autre
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Rama, Ángel (2004): Transculturación
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Ribeiro, Darcy (1985): Amerika und die Zivilisation.
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Silva Gruesz, Kirsten (2006): „The Gulf of Mexico
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Dissertation.
Berkeley: University of California, Department of Comparative
Literature.
1 Diesen Begriff verwendet Charles Wagley in seiner Typologie der amerikanischen Kulturen (Wagley 1968). Ihn greift Ángel Rama für seine Konzeption der „narrativen Transkulturation“ und der „kulturellen Regionen“ Amerikas auf (Rama 2004).
2 Siehe dazu auch die vergleichenden Studien in der Spannung zwischen Region / Regionalismus und Moderne / Modernismus in Faulkners Deep South und im brasilianischen Nordeste von Daniel C. Richardson (2000) zu Jorge Amado und Sarah Ann Wells (in Vorbereitung) zu Graciliano Ramos.
3 Neuabdruck in (Cohn 1999: 1-44), eine weitere Studie zu Echos von Faulkner in der lateinamerikanischen Literatur ist (Cohn 2004). Als „geheimer Klassiker“ und erste Referenz zu dieser Perspektivierung gilt die unveröffentlichte Masterarbeit von James Irby (1956), in der Faulkner Einfluss bei Lino Novás Calvo, Juan Carlos Onetti, José Revueltas und Juan Rulfo untersucht wird.
4 Bekannt ist in diesem Zusammenhang der auch von Cohn zitierte Essay „Central and eccentric writing“ von Carlos Fuentes, in dem er Faulkner als „yours and ours“ bezeichnet, ihn seinem US-amerikanischen Publikum zugesteht, ihn aber zugleich für allgemein periphere Erfahrungen und Lektüren einfordert (Fuentes 1988: 119).
5 Auch Lois Parkinson Zamora bezieht sich in The Usable Past auf diesen Text von Carlos Fuentes und bezeichnet solche der historischen Prekarietät bewussten Schriftsteller und Kulturen als Hüter der Erinnerung (Parkinson Zamora 1997: 8). Walt Whitman ist für sie zusammen mit Faulkner der Vorreiter eines genuin amerikanischen Ausdrucks in der US-amerikanischen Literatur, welche ebenfalls von der Frage der Bewegung, des Schreibens von „außerhalb“ geprägt sei, wie es vor allem für lateinamerikanische Autoren charakteristisch sei (11-12).
6 Damit benennt Cohn den problematischen Aspekt der ansonsten einmütig als wichtige Pionierarbeit geachteten Studie von Irby. Einen weiteren wichtigen Beitrag liefert in dieser Hinsicht Tanya T. Fayen (1995), die den Blickwinkel auf die kritische Rezeption Faulkners in Lateinamerika umgekehrt und die aktive, selektive und einschließende Geste einer „Lateinamerikanisierung“ Faulkners durch diese Autoren nachvollzieht und kritisch mit Faulkners Wahrnehmung in den USA kontrastiert.
7 Ähnliches Potenzial entwickelt der Ansatz, Faulkners US-amerikanischen Süden mit dem global South in Beziehung zu setzen, wie er von den Ansätzen Walter Mignolos oder Edward Saids politisch wie epistemisch in den Blick gerückt wird. Hosam Baoul-Ela (2007) analysiert Faulkners Ringen mit der kolonialen Bedingtheit „seines“ Südens im Lichte einer materialistischen Denktradition Lateinamerikas, die er als „Mariátegui-Tradition“ bezeichnet – „[...] a materialist vision that views global culture and history in terms of spatial inequalities [...].“ (12) –, und weist dabei zurecht auf die theoretische wie regionale Engführung explizit „postkolonialer“ Ansätze hin (13). Die Produktivität solcher Entgrenzungen und transarealer Rekontextualisierungen zeigt auch Jeffrey J. Folks (2005), der Romane Faulkners jeweils mit Werken anderer Autoren aus dem „globalen Süden“ vergleicht.
8 Ähnlich bettet Kirsten Silva Gruesz den US-amerikanischen Süden in den Golf von Mexico als ökonomisches wie kulturelles System ein (Silva Gruesz 2006).
9 Diese „subculture types“ sind: 1) Tribal Indian, 2) Modern Indian, 3) Peasant, 4) Engenho Plantation, 5) Usina Plantation, 6) Town, 7) Metropolitan Upper Class, 8) Metropolitan Middle Class.
10 Vgl. dazu das Kapitel 2 „Social Classes in the Southern Economy“ (Aboul-Ela 2007: 68-99), das die Geschichte des „Snopesism“ in den Romanen The Hamlet, The Town und The Mansion im Kontext der „comprador class“ sowohl Lateinamerikas als auch Ägyptens beleuchtet.
11 Le partage des eaux ist der Titel der französischen Übersetzung von Los pasos perdidos (aus dem Spanischen von René L. F. Durand, erschienen bei Gallimard, Paris 1955).
12 In seiner anregenden Studie weist John T. Matthews darauf hin, dass die von Faulkner selbst nicht veröffentlichte Erzählung „Evangeline“ aus den späten 1920er Jahren einen ersten Versuch über Sutpens Untergang darstellt, in dem gerade die karibische Erfahrung des Protagonisten fehlt, welche Faulkner für die Verwendung des Stoffes in Absalom, Absalom! möglicherweise nach der Lektüre von George S. Kings Roman The Last Slaver von 1933 ergänzte (Matthews 2004: 248f.).
13 „Unheimlich“ ist diese Kehrseite insbesondere deshalb, weil Nordamerika selbst teilweise in diesen karibischen Raum eingegliedert war, den es „symbiotisch“ (Ribeiro 1985: 425) für seine eigene Entwicklung ausbeutete: „Daß diese [die britische nordamerikanische] Kolonie überleben und wachsen konnte, hing allerdings wesentlich mit ihren Verbindungen zur Karibik und den Plantagen der Südstaaten zusammen. Sie versorgten nämlich die englischen – und häufig auch die anderen – Antillen-Inseln mit Lebensmitteln.“ (415). In den Südstaaten als dieser (ehemalige) Teil der karibischen Plantagenwelt und Gegenstück zum Norden wird eine Distanzierung zu oder gar Trennung von dieser Kehrseite nochmals erschwert; siehe dazu auch (de La Campa 2004). John T. Matthews deutet die geringe Beachtung für die karibischen und lateinamerikanischen Dimensionen in Faulkners Werk bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts als Auswirkungen einer Verdrängung der eigenen „Versüdlichung“ US-amerikanischen Imperialismus ab Beginn des 20. Jahrhunderts, im Sinne des Einsatzes von Elementen und Strategien des Plantagen- und Sklavenökonomie der Südstaaten zur Kontrolle von Territorien im nunmehr externen „anderen“ Süden (Matthews 2004: 239ff.).
14 Vgl. die komplizierten Genealogien der Compsons, Sartorises, McCaslins und schließlich selbst der Snopes. Sehr anschauliche Stammbäume liefert William Faulkner on the Web (http://www.mcsr.olemiss.edu/~egjbp/faulkner/gen-index.html).
15 Auch das Bild des Hauses setzt sich in dieser Ausweitung fort: Die vom damaligen Senator und späteren Präsidenten Abraham Lincoln vertretene Sicht einer geteilten, dennoch geeint zu haltenden Nation – „A house divided against itself cannot stand“, wie er in seiner berühmten Rede von 1858 formulierte (Lincoln 25.11.2008) – kontrastiert darin mit dem Selbstverständnis der Südstaaten als eigenständiger politisch-ökonomischer sowie kultureller Einheit der kurz darauf ausgerufenen Konföderation als eines „eigenen Hauses“. Ich danke Martin Lüthe für die wertvollen Hinweise auf die hier aktualisierten kulturellen Zusammenhänge im Umfeld des Sezessionskriegs.
16 Auch eine Positionierung oder besser ihr Ausdruck, den Faulkner in seinem Essay „Mississippi“ aufgreift, wo die abschließende Charakterisierung seiner autobiographischen Projektionsfigur sich wie ein Portrait Quentins liest, wie eine Erkenntis, die diesem zu Lebzeiten verwehrt blieb: „Loving all of it [Mississippi, the South] even while he had to hate some of it because he knows now that you dont love because: you love despite; not for the virtues, but for the faults.“ (Faulkner 2004: 42-43)
17 Ottmar Ette entwirft die „Konzeption eines gleichsam quantengeometrisch gedachten vektoriellen Raumes, innerhalb dessen die historisch akkumulierten Bewegungsmuster jederzeit abrufbar sind und alte Bewegungsmuster »unter« den neuen Bewegungen erscheinen“ (Ette 2005: 141) und verbindet diese interne wie externe Relationalität einzelner Regionen wie der gesamten amerikanischen Hemisphäre mit einer Neuausrichtung sowohl der Area Studies als auch der Kulturwissenschaften: „Nicht die Gegenüberstellung etwa von Latein- und Angloamerika, sondern das fundamental-komplexe (und daher nicht auf Kausalsequenzen reduzierbare) System von Wechselwirkungen und Rückkoppelungen innerhalb eines von kultureller Hybridität charakterisierten Kontinents sollte im Vordergrund stehen.“ (141)
18 Aus Quentins Perspektive, die der Vergangenheit des Old South verhaftet bleibt, bedeutet gerade dieser Weg des letzten und gemischten Nachkommen Sutpens das eigene Ende: „That Charles Bon should, in following his U.S. father (and Martinican grandfather) into the frontier wilderness of Mississippi [...] and the he should then eventuate in the figure of Jim Bond, the ‘one nigger Sutpen left’, whose howling in that wilderness has no direction, cannot be traced toward New Orleans, toward the West Indies, nor finally eastward toward Europe – no direction, in fact, except inward – is the final reclamation of a damning history by Quentin Compason, as he himself lies displaced and shivering in a ‘cold known land’.“ (Ladd 1996: 154)
PD Dr. Albrecht Buschmann (V.i.S.d.P)
Universität Potsdam
Institut für Romanistik
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
