Ineke Phaf-Rheinberger
In diesem Essay geht es um die Rolle der Erinnerung an den
Sklavenhandel im Werk der kubanischen Autorin Nancy Morejón.1
In der
Einleitung zur zweisprachigen Anthologie ihrer Poesie schreibt
Juanamaría Cordones-Cook, dass diese Erinnerung bei ihr immer präsent
ist. Cordones-Cook (2003) entnimmt diese Feststellung dem Gedicht
„Schwarze Frau“ („Mujer Negra“, 1975), einem Text, der die Geschichte
der afrikanischen Sklaverei und der Diaspora rekonstruiert. Das Gedicht
beginnt mit den folgenden Versen:
Immer noch rieche ich den Schaum des Meeres, das sie
mich durchqueren ließen.
Die Nacht, ich kann mich nicht an sie erinnern.
Nicht einmal der Ozean würde sich an sie erinnern können.
Todavía huelo la espuma del mar que me hicieron atravesar.
La noche, no puedo recordarla.
Ni el mismo océano podría recordarla.2 (Morejón
2005b: 113)
Meeressymbole,
Gewässer, nautische Karten, Flüsse und Schiffe sind bei Morejón
omnipräsent. In diesem Essay wird dem Argument nachgegangen, dass sie
in ihrem Gedichtband Wilde Kohlen
(Carbones silvestres, 2005c)
diesen
Metaphern eine spezifische historische Dimension zufügt, die auf eine
Tradition des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Sie stimmt überein mit dem
Motiv, das Paul Gilroy in seinem Buch The
Black Atlantic. Modernity and
Double Consciousness (1993) als das Bild eines fahrenden
Schiffes
konzipiert, als einen politischen und kulturellen Mikrokosmos, dessen
Bewegung er als das organisatorische Prinzip des modernen Lebens
definiert:
I
have settled on the image of ships in motion across the spaces between
Europe, America, Africa, and the Caribbean as a central organizing
symbol for this enterprise and as my starting point. The image of the
ship – a living, micro-cultural, micro-political system in motion – is
especially important for historical and theoretical reasons that I hope
will become clearer below. (Gilroy 1993: 4)
Nach
Cheryl Finley (2004) repräsentiert eine solche bewegliche Ikone eine
„Erinnerung“, die „verpflichtet“, und sie bezieht sich dabei auf die
Anfänge des
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systematischen politischen Protestes gegen den
Sklavenhandel, die mit den Bemühungen der Abolitionisten in England
beginnen. Finley beschreibt das berühmte Pamphlet von Thomas Clarkson,
das in 1500 Exemplaren am 29. Dezember 1788 gedruckt wurde, um das
englische Parlament und andere Organisationen auf die
unmenschlichen
Bedingungen des Sklavenhandels aufmerksam zu machen. Das Pamphlet zeigt
den Querschnitt eines Sklavenschiffes, gesehen von oben, auf dem die
Lagerung der Personen im
unteren Teil gezeigt wird. Das Diagramm lässt
keinen Zweifel an der Enge, Überfüllung und dem Mangel an Luft und Raum
für die Menschen, die hier „eingezwängt sind wie irgendein käufliches
Produkt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand hierzu eine kritische
poetische und piktografische Tradition, von der das Gedicht Das
Sklavenschiff (1853-1854) von Heinrich Heine und das Gemälde Slavers
Throwing Overboard the Dead and Dying (1840) von J. M. W. Turner
nur
einige der bekannteren Beispiele sind.
Nicht
nur die Ikone des Sklavenschiffes ist typisch für die Kulturgeschichte
des 19. Jahrhunderts, sondern es geht um den Topos des Schiffes auf dem
Meer überhaupt. Er gilt als paradigmatische Metapher, um das Verlangen
nach Freiheit, nach der Flucht aus europäischer Enge und nach Reisen
voller Abenteuer und Gefahren auszudrücken. Elisabeth DeLoughrey sieht
diese Entwicklung in ihrer Studie Routes
and Roots (2007) als Folge
einer neuen Philosophie des Raums, einer „ozeanischen Imagination“
(DeLoughrey 2007: 23ff.), die das „Schiff wie eine Nation“ (DeLoughrey
2007: 15) konzipiert. Diese Philosophie geht mit einer Zeit
beschleunigter kolonisierender Expansion einher. Im Einklang mit ihrer
Dynamik wurden Inseln und ferne Hafenstädte zu einer Peripherie
reduziert, die eine „archaische Kultur“ (DeLoughrey 2007: 17) besaßen,
das Gegenteil einer modernen Gesellschaft. Das Festland wurde nur als
Verlängerung der Schiffe betrachtet und wies keine eigene historische
Dynamik auf. Nach Meinung von DeLoughrey beeinflussen diese kolonialen
Repräsentationsmodelle immer noch die Ikonographie der heutigen
Reklamebilder, die Touristen anziehen sollen. In Routes and Roots
analysiert sie eine literarische Tradition, die solchen stereotypen
Repräsentationsmodellen entspricht oder sie dekonstruiert und dabei die
Dynamik der eigenen Geschichte als solche erkennen lässt.
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DeLoughrey beschränkt ihre Analyse auf Literatur in der englischen Sprache und geht ausführlich auf die Wirkung der Robinsonade ein, den seit seinem Ersterscheinen 1719 explosiven Dauererfolg von von Daniel Defoes Robinson Crusoe,. Sie merkt an, dass es schon seit Shakespeare in der Literatur die Figur des Schiffsbruchs gibt. Darüber hinaus jedoch findet man diesen Mythos ebenso in der spanischen, portugiesischen, französischen, deutschen und holländischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert.3 Die Betonung des Schiffes als Metapher ist jedoch dem 19. Jahrhundert eigen. Das Gedicht „Le Bateaux ivre“ (1982: 132-139) von Arthur Rimbaud repräsentiert einen Höhepunkt in dieser Tradition: der treibende Körper des lyrischen Ichs im stürmischen Meer erscheint analog zu einem Schiff. Rimbaud schreibt dieses Gedicht in strengem Metrum und 25 Quartetten mit Alexandriner-Reimen und charakterisiert es selbst als „le poème de la mer“. Er erzeugt damit den Eindruck der Bewegung, des Sturmes, der Wellen und gefährlichen Fernen und erwähnt zweimal, dass er die Ertrunkenen nach unten treiben sieht („le noyé pensif“, „des noyés descendaient dormir“). Ebenso erwähnt er zweimal die Tatsache, dass dieses Schiff unter anderem mit englischer Baumwolle beladen ist („de cotons anglais“, „porteurs de cotons“), ein expliziter Hinweis auf den Ursprung ihrer Herstellung, der Feldarbeit auf den Plantagen Nordamerikas.
Das
Werk von Morejón, einer treuen Leserin der Poesie von Rimbaud,
enthält zahlreiche Hinweise auf das Werk dieses französischen Dichters.
Es gibt viele Beispiele. Das trunkene Schiff von Rimbaud erscheint in
ihrem Gedicht „Nexus“ (in dem
Band Cuerda veloz, 40-42), in
dem sie die
Pilgerseele („alma peregrina“) der Schiffe thematisiert, sei es eines
indigenen Kanus oder eines „großen Schiffes, Nexus genannt“ („gran
barco ebrio llamado Nexus“).
Die Autorin publizierte ihre Übersetzungen
der Gedichte „Royauté“ (aus Les
Illuminations) und „Délires II“ (aus
Une Saison en Enfer) in einer
speziellen Ausgabe in Matanzas, aus
Anlass des 100-jährigen Todestages von Rimbaud 1991. Eine der drei
Widmungen des Gedichtbandes Paisaje
célebre (1993)
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nimmt den Satz auf:
„J’ai seul la clef de cette parade sauvage“, ein Vers aus Les
Illuminations (1872-1873). Und in Wilde Kohlen (2005) trägt das
letzte
Gedicht „Die Hand ist sehr dunkel“ („La mano es oscurísima“, 84) die
Widmung: „bonne pensée du matin“, zitiert aus demselben Buch des
französischen Autors.
Morejón
begegnete dem Werk Rimbauds Anfang der 1960er Jahre, in
einer Epoche großer politischer Transformationen in ihrem Land. Dies
erklärt, warum sie von der Protesthaltung und den emphatischen Ausrufen
des „poète maudit“ beeindruckt war, der – wie in seinem Gedicht
„Démocratie“ – nicht müde wird, den ungebrochenen Glauben an den
Fortschritt zu hinterfragen („Nous massacrerons les révoltes logiques“,
Rimbaud 1982: 244), oder seine kritische Haltung – wie in „Mauvais
sang“ – dadurch zum Ausdruck bringt, dass er sich mit einem Tier, einem
Schwarzen, identifiziert: „Oui, j’ai les yeux fermés à votre lumière.
Je suis une bête, un nègre. Mais je puis être sauvé.“ (274)
Giovanni
Berjola argumentiert in seiner Studie Arthur
Rimbaud et le
complexe du damné (2007), dass der Dichter seine imaginäre Hölle
in
seiner späteren Erfahrung als Geschäftsmann im Orient und in Äthiopien
bestätigt sieht. Die Wahrnehmung von Morejón ist hier anders. In ihrem
Essay „Hablar de Rimbaud“ erinnert sie sich, dass sie durch die Lektüre
von Rimbaud zu ihrem eigenen poetischen Projekt inspiriert wurde. Sie
studierte damals französische Literatur an der Escuela de Letras y
Artes an der Universität von Havanna und suchte das Gespräch über
dieses Thema. So galt ihre erste Konversation mit Fayad Jamís den
Illuminations und Une Saison en Enfer. Morejón
zufolge veränderte sich
die Stadt damals „en una encrucijada insustituible, en una cierta
capital para el desarrollo de ideas, valores y su consecuente difusión.
Una vida literaria sin precedentes, se abría paso en medio de
convulsiones históricas“ (Morejón 2005d: 288). Vor diesem Hintergrund
empfand sie das Werk des französischen Dichters als Quelle der
Schönheit. In ihrem Text über Rimbaud, am 26. Oktober 2004 anlässlich
seines 150. Geburtstages vorgetragen, kommentiert Morejón:
Haber leído y traducido a Rimbaud fue una de las
experiencias más deslumbrantes de mi carrera literaria en Cuba. En su
compañía, descubrí óperas fabulosas, la humedad de los trastos viejos e
incorporé esa necesidad suya de la belleza, todos los días. (Morejón
2005d: 297).
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Auch in ihrer Dankrede bei der Entgegennahme des Nationalen
Literaturpreises 2001, „La belleza en todas partes“, erwähnt die
Dichterin nochmals die für sie außerordentlich wichtige Rolle jener
ersten Jahre der kubanischen Revolution:
Aunque el tránsito de un dominio a otro fue algo
lento, puedo afirmar que culminó entre el verano y el otoño de 1962
cuando apenas había cumplido diecisiete años de edad. Había entrado a
una Universidad regida por la Reforma Universitaria – gestada por
varias generaciones – y por el más sano espíritu de solidaridad
intelectual (Morejón 2005d: 5).
Der rebellische Geist Rimbauds, sein metrisches Handwerk, wie auch die
Zeit der großen Veränderungen in Havanna haben sich im Werk von Morejón
festgeschrieben. Sie hat die Lektionen, die sie so erteilt bekam, in
drei Punkten zusammengefasst, die sie auch als grundlegend für ihr
eigenes Werk betrachtet: 1) die Gabe
des Sehens im Hinblick auf die
Einbettung in die Umgebung, in die Umwelt und in die Natur als Sache
höchster Priorität; 2) eine Verdoppelung, in dem Sinne, dass jenes Ich
nichts anderes ist als ein Anderer,
„Je suis un autre“. So entsteht
das, was die Poesie in der Moderne als das lyrische Ich ansieht, dessen
Qualität vor allem im Ausschluss des biographischen Ichs besteht,
ersetzt durch andere vitale oder libreske Erfahrungen; 3) die
Anerkennung der Halluzination
als absolute Kategorie, die Kontraste
erzeugt, die ihrerseits wieder Metaphern hervorrufen, effiziente
Werkzeuge für den kreativen Prozess (Morejón 2005d: 291-292).
Mit dieser Zusammenfassung weist die Autorin auf den Effekt der Lektüre von Rimbaud in einem Moment hin, als sie gerade ihr eigenes poetisches Konzept artikulierte. In dieser Hinsicht befindet sie sich in guter Gesellschaft. Es wird in der Kritik oft auf den Einfluss Rimbauds auf die Werke der Surrealisten hingewiesen oder auf Dichter wie Aimé Césaire (vgl. Arnold 1981: 42-43 und Veit-Wild 2006: 44f.). Auch übernehmen afrikanische Autoren seine rebellische Haltung sowie seine Dynamisierung der Normen des 19. Jahrhunderts für „writing madness“ und für die Skizzierung der „borderlines of the body“ (Veit-Wild 2006: 39).4 Sie entwerfen andere Horizonte der Wirklichkeit mit Hilfe von literarischen Techniken wie Chiasmus, Parallelismus, Wiederholung, Anspielung, Oxymoron, Hyperbel, Assonanz oder Alliteration. Dieses technische Arsenal hilft ihnen dabei, das koloniale Modell der
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Vergangenheit zu verzerren und es umzuschreiben als die verrückte
Produktivität eines visionären Dichters.
Trotz ihrer tiefen Zuneigung zur französische Sprache, die sich
in ihren Übersetzungen von Rimbaud, Edouard Glissant und Patrick
Chamoiseau ausdrückt, versteht Morejón sich weniger als Surrealistin,
sondern als integralen Bestandteil der literarischen Tradition Kubas.
Das Spanische ist ihr Ausdrucksmittel. Sie hat nie Zweifel daran
gelassen, dass Nicolás Guillén – der Nationaldichter Kubas – eine
grundlegende Präsenz in ihrem Werk ist. Als sie in die Kubanische
Akademie der Sprache aufgenommen wurde, erklärte Morejón in ihrer
Ansprache España en Nicolás Guilllén
(Morejón 2005a), dass sie ihre
tiefe Verwurzelung in der spanischen Sprache Guillén verdanke. Er habe
die spanische Metrik „amulatado”, ihr also den Rhythmus eines Mulatten
gegeben. Sie erwähnt außerdem, dass, nach Cintio Vitier, seine
Erfindung der formalen Struktur des Son
einer der wichtigsten Beiträge
zur Poesie Kubas darstellt. Morejón hebt auch das Verdienst anderer
formaler Errungenschaften im Werk von Guillén hervor:
[...] un verso amplio, discursivo, en el que el yo poético se ajusta al
yo vital y viceversa; un verso de molde clásico de arte mayor o menor
según convenga al propósito del autor en el que, a ratos, el yo poético
no es un yo sino un nosotros – épico más bien; un monólogo plural,
proveniente del nosotros whitmaniano
–, al que integra formas propias
de la híbrida cultura nacional. Un verso breve, de nominaciones
elípticas, útil al poeta para la sátira y ejercitado tanto en sus sones
como en sus epigramas y madrigales (Morejón 2005a: 13).
Der Kurzvers mit elliptischen Wendungen ist charakteristisch für das
Gedicht „Mississippi” (Morejon 2005c: 59), das Nicolás Guillén gewidmet
ist. In drei Terzetten mit kurzen Versen wird eine „Wasserschlange“
(„serpiente del agua“) „neben“ („junto“) oder „zwischen“ („entre“) den
Weiden am Golf portraitiert. Drei weitere Quartette mit langen Versen
besingen das weite Panorama der „Karavellen, Phantasmen, verbrannte
Haut“ („Carabelas, fantasmas, pieles quemadas”).
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Ohne
die primäre Bedeutung von Guillén gering zu schätzen ist es jedoch auch
wichtig daran zu erinnern, dass Guillén nicht der einzigen kubanischen
Einfluss ist, der sich im Werk von Morejón bemerkbar macht. In ihrem
Artikel „A propósito de José Lezama Lima“, veröffentlicht in der Gaceta
de Cuba 1970, verteidigt sie die Rolle dieses Dichters für die
Literatur ihres Landes. Damals betrachtete man Lezama als einen allzu
hermetischen Dichter. Morejón widerspricht dieser Auffassung. Sie sieht
Lezama als einen Dichter, der deutlich an die antillianische
Wirklichkeit anschließt: „El poeta aborda el trauma, los contextos
geográficos y filosóficos de la insularidad, ya vulnerada por el genio
visionario de Nicolás Guillén“ (Morejón 2005d: 198).
Lezama
schrieb wiederholt über Rimbaud und verfasste auch eine eigene
Interpretation von dessen „poème de la mer“, veröffentlicht in
Fragmentos a su imán (1978),
einem posthum herausgegebenen Band. Er
enthält das Gedicht „Una fragata, con las velas desplegadas, gira
golpeada por la tempestad, hasta insertarse en un círculo transparente,
azul inalterable, en el lento cuadriculado de un prismático“ (Lezama
Lima 1978: 64f.) und ist mit dem Datum April 1971 versehen; es stammt
folglich aus einer Phaseder intensiven Debatte über die Zukunft der
Kulturpolitik Kubas in der Weltpresse.5 Im Werk
von Lezama ist Havanna
eine permanente Referenz. Im Essay „La calle de Rimbaud“ (erstmals
veröffentlicht 1955) stellt er fest, dass die Poesie des französischen
Autors in den Straßen von Havanna eine ganz eigene Bedeutung erlangt:
La tierra que erotiza su poesía necesita de esa calle que se extiende
desde las empalizadas hasta el pintarrajeo portuario. Y en esa calle,
ofrecida como una secreta granada salvaje, la catedral, el colegio, la
librería, la casa del profesor rebelde, el placer, ferias, la jaula de
mimbres, los sombreros turcos, las escarapelas. Y las bibliotecas
convertidas en guarida, donde se refugia como escolar fugado, y
convierte las lecturas en paisajes, en islas movedizas ancladas en una
flora de agua (Lezama Lima 1958: 105).
Rimbaud fixierte die Stadt als „punto de avanzada“. Dies gibt, nach der
Meinung von Lezama, der Lektüre seiner Poesie eine Energie, die sich
wie eine „descarga de pólvora extendida por toda la ciudad“ (Lezama
Lima 1958: 103) manifestiert. Morejón übernimmt ihrerseits das barocke
Weltbild von Lezama. Wie in dessen „Muerte de Narciso“ (1937), mit der
doppelten Figur von Narziss und Ikarus (vgl. Phaf-Rheinberger /
Walthaus 1980), schildert sie in
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„Ruhmreiche Landschaft“ („Paisaje
célebre“, Morejón 2005b: 46) den Maler Brueghel den
Älteren als den
Maler der „Einsamkeit der Seele” („soledad del alma“). Es entwickelt
sich die Vision seines Gemäldes Der
Fall von Ikarus. Das lyrische Ich
von Morejón sieht Ikarus in die Bucht fallen – von Alamar aus, dem
Viertel Havannas, das nordöstlich der Bucht gebaut wurde. Sie stellt
sich in seiner Umgebung ein Tal mit „prächtigen Bauern“ („espléndidos
labradores“) und „Obstbäumen“ („árboles frutales“) vor, wo ein
Misanthrop mit Kapuze das Wasser durchpflügt. Das Bild von Brueghel
begleitet sie auf ihrer poetischen Reise, wie es im letzten Satz zum
Ausdruck kommt: „Es wird Abend, und ich nehme mir die Flügel von
Ikarus“ („Es el atardecer y necesito las alas de Ícaro”).
Es wird deutlich, dass die Philosophie des Meeres wie auch die der
Stadt Havanna (vgl. Phaf-Rheinberger 1999) eine Rolle spielen im Werk
von Morejón. Sie hat sich von José Lezama Lima wie auch von Nicolás
Guillén inspirieren lassen. Das Rimbaud-Motiv verbindet sie jedoch auch
mit Fayad Jamís. Deshalb wundert es nicht, dass im Gedicht „In der
Bibliothek von Fordham lesend“ („Leer en la biblioteca de Fordham“,
Morejón 2005c: 66) Spuren von Rimbaud durchschimmern. Das Gedicht ist
der Erinnerung an Jamís gewidmet, und wieder einmal ist es Nachmittag.
Gleich am Anfang der zwölf Verse kommt die Vision eines „Aguja-Fisches“
und eines „Ertrunkenen“ vor, beide gesättigt „vom niederrieselnden Salz
und bewegten Fluten / die ihre Segel, eine Farbe und ein Schrei,
hereinbrechen lassen“ („de sales abatidas y mares rizadas / que baten
sus velámenes de un solo color y un solo grito”). Die Lektüre, die
dieses Segelschiff auf stürmischem Meer begleitet, findet „auf einem
viereckigen Tisch, umringt von metallenen Bücherständern, wie im
Quadrat“ statt („encima de esta mesa cuadrada / rodeada de estantes
metálicos, cuadriculados”). Die doppelte Betonung von viereckig /
Quadrat gibt an, dass die Lektüre wie in einem magischen Viereck
stattfindet, als sakraler Akt der Erinnerung.
Das Wort „Kohlen“ aus dem Titel des Gedichtbandes suggeriert, dass die Vision des im Meer Ertrunkenen nicht nur an das Gedicht „Le Bateau ivre“ von
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Rimbaud erinnert, sondern gleichfalls mit der kubanischen
Literatur des 19. Jahrhunderts in Verbindung steht. Die „Kohlen“ sind
Thema einer Konversation in Cecilia
Valdés (1886), einer
Sittenschilderung Kubas des Autors Cirilo Villaverde. Das Geschehen ist
in einer Atmosphäre von Repression in Havanna angesiedelt. Es wird
beschrieben, wie die sogenannte „Generation von 1830“ (vgl. Villaverde
1964: 132) diese Atmosphäre empfindet. Villaverde konnte sich
diesbezüglich auf seine eigenen Erfahrungen stützen, die er während
seiner Studien von 1823 bis 1832 in
Havanna gemacht hatte. In seinem
Roman erwähnt er auch einige Male die Zeitung El Diario de La Habana
als Quelle der Information, die in den gebildeten Kreisen der
Hauptstadt damals gelesen wurde.6
Das
Gespräch über die „Kohlen“ findet zwischen Don Cándido und seiner Frau
Rosa statt und betrifft die Tatsache, dass der Kapitän der Brigg Veloz
einen Teil seiner klandestinen Ladung über Bord geworfen hatte, als er
der englischen Patrouillefahrten in seiner Nähe gewahr wurde. Der
Besitzer des Schiffes, Don Cándido, benutzt den Ausdruck Kohlensäcke
(„sacos de carbón“) oder Gepäckstücke („bultos“, Villaverde 1964: 240,
254, 275, 500), um anzudeuten, dass es sich hier um eine menschliche
Ladung handelt, um Ware für den klandestinen Sklavenhandel, schon
damals von den englischen Autoritäten auf den Weltmeeren verboten. Don
Cándido kommentiert, dass dieser Ballast aus Afrika keine Seele hat,
eine Meinung, der Villaverde am Ende dieses Kapitels entgegenhält:
Y, sin embargo, no le había dicho los medios de que pensaba valerse
para arrancar el Veloz y la mayor parte de la carga, compuesta de seres
humanos, diga él lo que quiera, de las garras de los testarudos
ingleses. (Villaverde 1964: 247)
Villaverde beschreibt die Ereignisse um die Veloz sehr detailliert. Die
Veloz ist ein „famoso
bergantín“, „tan ufano y orgulloso cual si libre
cortara las aguas del océano y no se hallara cautivo de los perros
ingleses“ (253). Dann beschreibt er sehr präzise die Bemühungen Don
Cándidos und seines Verwalters Don Melitón Reventos, um einen möglichst
großen Teil der Ware der von den Engländern konfiszierten Brigg
zurückzubekommen, wie auch deren Diplomatie im Umgang mit den Kreisen
um den spanischen Generalgouverneur Francisco Dionisio Vives im
Innenhof der Festung La Fuerza.
Villaverde merkt an, dass in dieser
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Periode militärischer Repression und Korruption konspirative
Versammlungen für die Jugend zu einem gewöhnlichen Alltägsphänomen
wurden (266). So legt er nahe, dass die Repression eine konspirative
Mentalität geradezu herausfordert, und dass diese Dialektik den
Ereignissen von 1844 zugrunde lag. Damals entdeckte man die
Verschwörung La Escalera, die
die Erschießung eines großen Teils der
freien, städtischen
Bevölkerung zur Folge hatte.7 Durch diese
atmosphärische Beschreibung und Treue in Bezug auf die historischen
Ereignisse erlangt der Roman von Villaverde eine Dimension, die sehr
viel tiefer geht als die „sugar’s secrets“ (Kutzinski 1993), die
Geheimnisse des erotischen Lebens in einer Sklavengesellschaft, das
beliebteste Motiv in kritischen Studien, Filmen, Theaterstücken oder
Fernsehserien. Bei Villaverde bekommt all dies eine Verbindung mit der
Philosophie des Meeres, mit der Veloz
und ihrem Mikrokosmos, nach
Gilroy dem organisatorischen Prinzip der modernen
Gesellschaft
überhaupt.
Die
Modernität ist in Cecilia Valdés
festgeschrieben: Um 1830 gab es in
Kuba Eisenbahnen, Dampfmaschinen und auch moderne Schiffe wie die Brigg
von Don Cándido. Allerdings stand all das im Zusammenhang mit der
Plantagenwirtschaft, der wichtigsten Boomwirtschaft jener Epoche, die
ohne Sklavenarbeit unvorstellbar schien. Ein anderer kubanischer Autor,
Lino Novás Calvo, beschreibt in seiner romantisierten Biographie Pedro
Blanco, el negrero (1933) ebenfalls ein Sklavenschiff mit dem
Namen
Veloz. Pedro Blanco ist einer
historischen Person nachgebildet, die in
Spanien geboren wurde und von einer Handelsstation an der Küste von
Gallinas (heute in Sierra Leone) aus Sklaven an die Plantagenbesitzer
in Havanna verkaufte. Im Buch von Novás Calvo wirft die Veloz Anker in
Ajuda (Bucht von Benín), um Sklaven zu laden, die der legendäre Cha-Cha
verkauft hat.8 Pedro nimmt einen Posten auf
der Veloz und, obwohl sie
zunächst mit einer Ladung von 800 Sklaven „navegaba como un cisne al
noroeste con galeno favorable“ (Villaverde 1964: 108), wird die Reise
bald darauf als eine der dramatischsten Fahrten des Sklavenhandels
überhaupt charakterisiert.
Auch
Morejón fiel bei ihrer Lektüre von Cecilia
Valdés vor allem das Thema
des Sklavenhandels auf. In ihrem Essay „Mito y realidad en Cecilia
Valdés“ (1979) bezeichnet sie ihn als Eckstein eines kranken Systems:
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Para nadie es un secreto que la esclavitud africana en América, al
igual que en otros continentes, fue una – por no decir la más – de las
arcas que erigió y fortificó las bases del capitalismo europeo. El
imperio colonial hispánico llegó a ser uno de los más vastos. La trata
de negros africanos, que posibilitaría la implantación de un sistema
enfermo desde sus fueros más profundos, fue el pivote, la piedra
angular de la colonia, llamárase española, francesa, inglesa u
holandesa. Por otra parte, la trata fue una de las constantes más
firmes en las Antillas. Dicho status colonial, entre nosotros, creó una
sociedad cuya estructura correspondería, perfectamente, al trazado de
una pirámide egipcia (Morejón 2005d: 5f.).
Wie vorher schon erwähnt, ist die Erinnerung an die Schiffsreise das
Motiv des Gedichts „In der Bibliothek von Fordham lesend“ (Morejón
2005c: 66), wobei offensichtlich ihre Illegalität betont wird. Der
Ertrunkene wird von einem Aguja-Fisch begleitet, einem Fisch, der
typisch ist für die untiefen Zonen des Meeres in der Nähe der Küste.
Die Bedeutung des Aguja-Fisches wird noch deutlicher, wenn man sich
daran erinnert, dass die Lektüre in der Bibliothek von Fordham
stattfindet, der gleichnamigen Universität in New York. Diese
jesuitische Privatuniversität erklärt auf ihrer offiziellen Homepage,
dass der Name Fordham von den Worten „ford“ und „ham“ abgeleitet ist,
„meaning a wading place or ford by a settlement“, eine Stelle also, an
der die klandestinen Handelswaren ausgeladen wurden.9
Zweifellos ist
Morejón
von der Bedeutung dieser Erinnerung überzeugt. Das lyrische Ich
ihres Lesers ist ein „treuer Bewacher“ („fiel velador“) mit „buschigen
Augenbrauen“ („cejas selváticas“). Er sitzt „mit den Ellbogen auf
diesen Tisch gestützt zwischen zwei Landschaften“ („acodado a esta mesa
entre dos paisajes“), gelegen in Guayos und in Paris – beides
zeitweilig Residenzen von Fayad Jamís, dem diese Verse gewidmet sind.
Während in „Schwarze Frau“ die Erinnerung an Afrika die abstrakte
Erinnerung an eine „verlorene Küste“ („costa perdida”) und eine
„Sprache der Vorfahren“ („lengua ancestral”) ist, wird sie in Wilde
Kohlen sehr viel konkreter. In den ersten beiden Gedichten –
„Mantel“
(„Manto“) und „Kissen aus Käsetuch“ („Funda de bambula”) – entfaltet
sich die Vision wie in einem Traum:
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Oh, die Worte bilden einen Mantel
um mich herum.
Die Klarheit ihrer Klänge
zieht über mein Kissen aus Käsetuch.
Oh, die Worte klingen über den See
eines Landes in Süd Afrika.
Oh las palabras formando un manto
a mi alrededor.
La pureza de sus sonidos
anda corriendo sobre mi funda de bambula.
Oh las palabras sonando sobre el lago
de un país de África del Sur. (Morejón 2005c: 7)
Sofort kehrt die Erinnerung an den Sklavenhandel wieder mit der „Insel
Goeree in der Palme meiner Hand“ („la isla de Gorée en la palma de mi
mano”), und wie früher, „kehren die Händler […] / schreiend und
schlagend, / Frauen und Kinder, / und die besten Männer des Südens /
und der Küsten / zu den Schiffen ohne Wiederkehr schubsend“ („vuelven
los mercaderes / […] / dando alaridos y golpeando / empujando a mujeres
y niños, / y los mejores hombres del sur / y de las costas / hacia sus
barcos sin regreso”, Morejón 2005c: 8). Trotz allem bleibt Afrika eine
Leerstelle im öffentlichen Raum Kubas, was das Thema eines anderen
Gedichtes mit dem Titel: „Namen“ („Nombres“, Morejón 2005c: 20-21) ist.
Es beginnt mit dem Satz „Du nennst deinen Sohn Jesus / und alle
klatschen begeistert“ („Nombras a tu hijo Jesús / y todos aplaudan
arrobados”) und endet mit dem Vers: „Niemand nennt sich Oki bis jetzt“
(„Nadie se llama Oki todavía”). Zwischen Jesus und Oki handelt das
Gedicht von den Modenamen vergangener Epochen wie Laura, César Augusto,
Eduviges, William, Daisy, Nancy, Gladys, Katia, Misleidi, Yordanca,
Yosvany und Bladimir. Für jede dieser Etappen – latino, englisch, und
sowjetisch – werden die unterschiedlichen Reaktionen „aller“
wiedergegeben, von ihrem ersten Enthusiasmus bis zu ihrer
Kristallisation in „soviel entfernte Geschichte, fremd, zeitweilig
Müll, perfekt gemacht für das Vergessen“ („tanta historia lejana, /
ajena, temporalmente desechable, perfectamente hecha para el olvido”).
Erst jetzt, nach dem Wort „Vergessen“ und dem Punkt, folgt der letzte
Vers: „Niemand nennt sich Oki bis jetzt“, ein Satz, der eindringlich an
die Notwendigkeit des Wandels erinnert.
Der Band Wilde Kohlen ist in fünf Abschnitte gegliedert, von denen jeder eine unterschiedliche Zahl an Gedichten enthält.10 So bekommt das Gedicht
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„Elegie“ („Elegía“) einen besonderen Stellenwert: es ist das
längste Gedicht, das ganz allein eine der Sektionen ausmacht. Es ist
deshalb nicht zufällig, dass sich der Schlüssel zum Verständnis des
Titels in diesem Gedicht findet.
„Elegie“
ist der Erinnerung an Neyda Ulacia gewidmet, deren Kosename Chiquitica
ist, eine enge Freundin der Autorin und ihrer Familie. Um die Bedeutung
der Erinnerung an sie zu unterstreichen, beginnt das Gedicht mit einer
Metapher, die mit einem biblischen Wunder Christi verbunden ist: „Wie
ein Brunnen, vermehrte Chiquitica
/ Fisch und Brot“ („Como una fuente,
Chiquitica / multiplicaba los
peces y los panes, Morejón 2005c: 27).
Anschließend entwickelt sich ein imaginäres Feld, in dem Chiquitica zum
Symbol der Metamorphose wird:
Wie eine Raupe,
bewegte sie sich zwischen den Stoffen
und schuf einen unsichtbaren Weg
zu den Wässern des Glücks.
Como una oruga,
se movía entre las telas
creando un camino invisible
hacia las aguas de la felicidad. (Morejón 2005c: 27)
Das Bild der Raupe erinnert an die Vorliebe Morejóns für das
Genre des Stilllebens, das parallel zur Entstehung der
unterschiedlichen Spezialisierungen in der Naturgeschichte im 16. und
17. Jahrhundert entstand. Es ging aus der Tradition der Kunst- und
Wunderkammern hervor, in denen Allegorien der natürlichen Reichtümer
und der Kontakte
mit außereuropäischen Ländern umgesetzt wurden. Das Genre
spezialisierte sich auf exotische Blumen wie Tulpen, Narzissen oder
Hyazinthen, wie auch auf Tiere (Insekten, Papageien, Affen) oder
Objekte (Muscheln, Steinen, Federn, Keramik), die an ferne Länder
erinnerten. Es erzeugte den Effekt der
lusus naturae, der Natur als
Entspannung, als Zeitvertreib (vgl. Phaf-Rheinberger 2005). Das
Standardwerk Metamorfosis insectorum
Surinamensium (1705) von „the
great heroine“ María Sybilla Merian ist ohne diese Tradition der
Genremalerei undenkbar. Sie hat die Raupen in ihrem natürlichen Umfeld
auf einer Plantage in Suriname erforscht und visuell virtuos
dokumentiert, bis ihre Darstellung weit über die Präzision einer
wissenschaftlichen Illustration hinaus einen künstlerischen Wert bekam
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(vgl. Freedberg 1996). Die Raupe von Morejón führt diese Tradition fort
und ordnet sie in ihrer poetischen Epistemologie den urbanen Tropen
ein. Chiquitica zeichnet sich durch ihre exquisite Feinheit aus: eine
„schwarze Frau, geschliffen wie harter Diamant / des Flusses Niger“
(„negra pulida como el diamante duro / del río Níger”), eine „Schwarze
Frau mit unvergleichlicher Haut“ („Negra de piel sin par“). Die Nähe
zum Tod wird durch Salamander und Eidechse, den natürlichen Feinden der
Raupe, angedeutet.
Chiquitica,
die „Raupe der Manrique-Straße“ („oruga
de la calle Manrique“), ging mit einer „gedrehten Zigarre“ („tabaco
torcido“) umher und strich die Haare glatt „der sitzenden schwarzen
Frauen / über schmerzenden Spinnrocken, / die immer die Seele
verbrennen“ („de las negras sentadas / sobre ruecas dolientes /
quemando siempre el alma”, Morejón 2005c: 29).11 Im
Los-Sitios-Viertel,
wo sich die Manrique-Straße in Havanna befindet, ist sie eine
anerkannte Persönlichkeit. Ihre Einwohner, die „farbigen Gespenster“
(„fantasmas colorados“), erweisen ihr die letzte Ehre mit einem Defilee
unter ihrem Balkon. Man kennt sie alle schon aus anderen Gedichten von
Morejón: Compay Segundo, Tejedor, die Großmutter Ángela, Chicho Ibáñez,
María Teresa, Felipe der Matroze, Joseíto el Mago, la Reina, Julia y
Luisito Bequé, Nélida, Delia, Candito Ruiz, Vilma Valle, Lázaro Herrera
und Guillermo Taylor. Man kann dieses Defilee als Paraphrase von „J’ai
seul la clef de cette parade sauvage“ von Rimbaud interpretieren. Die
Autorin bekennt sich mit diesen Personen zu ihrem lokalen poetischen
Umfeld.
Innerhalb
dieses Umfelds wird eine Atmosphäre höchster
Intimität geschaffen, und so ist Chiquitica auch beim Tode der Mutter
der Autorin, „La China“, anwesend. Diese Szene wird in sechs Quartetten
im zentralen Teil des Gedichtes des Bandes Carbones silvestres
dargestellt, deren Gleichmäßigkeit im Gegensatz zur unregelmäßigen
Metrik der anderen Strophen steht. Chiquitica selbst, die den Beruf
einer Büglerin ausübte, starb an einem von Kohlen geheizten Bügeleisen:
Das Bügeleisen in der Lunge (Morejón 2005c: 27).
Der Bogen der Lunge / über dem kochende Bügeleisen. / Das
Kohlenbügeleisen / über der Lunge (31).
Die Lunge der Bögen / über dem Schaum und dem Balkon (31).
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La plancha en el pulmón (27).
El arco del pulmón / sobre la plancha
hirviente. / La plancha de carbón / sobre el pulmón (30).
El pulmón de
los arcos / sobre la espuma y el balcón (31).
So betonen die Ellipsen
die Todesursache von Chiquitica in der Tradition der „Elegía de María
Belén Chacón“ (1934) von Emilio Ballagas. María Belén Chacón ist eine
jener Rumbatänzerin mit „nalgas en vaivén“, deren Lunge von einem
Bügeleisen – aber diesmal ohne Kohlen – verbrannt wurde (vgl. Ballagas
1970: 107). Chiquitica dagegen ist ganz das Gegenteil einer solchen
attraktiven und sinnlichen Frau, der stereotypen Frau der Tropen. Sie
ist eine schweigsame Habanera mit einer eindrucksvollen Individualität:
„Niemand sah sie weinen, / obwohl sie weinte. / Niemand hörte sie
seufzen, / obwohl sie seufzte“ („Nadie la vio llorar / aunque lloraba.
/ Nadie la oyó gemir / aunque gemía“). Wie alle anderen Bewohner der
Manrique-Straße ist sie eine stolze Nachfahrin der „Kohlensäcke“ der
Vergangenheit. Dennoch suggeriert ihr Tod als Folge eines mit Kohlen
beheizten Bügeleisens, dass diese Vergangenheit ihre Wunden
hinterlassen hat. Um sie auszukurieren schreibt die Autorin ihre
Gedichte, die wie „wilde Pflanzen“ sind, mit medizinischer, heilender
und wohltuender Wirkung.
Es versteht sich von selbst, dass Chiquiticas Worte „von irgendeinem
Schiff, weit weg, / noch rudernd vor dem Festland“ („de algún barco
remoto, / bogando todavía frente a las costas fijas”) kommen. Es ist
auch deutlich geworden, dass Morejón der „masculine history“
(DeLoughrey 2007: 73) der Philosophie des Meeres einen weiblichen Ton
verleiht. Diese Verknüpfung steht auch im Zentrum eines neuen
Forschungsfeldes. Finley hat darauf aufmerksam gemacht, dass das
Pamphlet von Thomas Clarkson heute viele Künstler inspiriert.
DeLoughrey meint dazu, dass vor allem die Autoren der Karibik die
Gewässer des Atlantiks als Ursprung der afrikanischen Diaspora
hervorgehoben haben, und erwähnt als Beispiele Autoren wie Kamau
Brathwaite aus Barbados, Edouard Glissant aus Martinique, John Hearne
aus Jamaica, Caryl Phillips aus
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St. Kitts, und John D’Aguiar aus
Guyana. In The French Atlantic
Triangle bezieht Christopher L. Miller
sich seinerseits auf die literarische Kritik in Bezug auf das
frankophone Afrika (Miller 2008: 369f.) und erinnert daran, dass der
erste
Roman von Sembène Ousmane, Le
Docker noir (1958), dieses Thema
bereits im Auge hatte. Ein anderes Beispiel findet sich in der Studie
von Joseph-Désiré Otabela und Sosthène Onomo Abena (2008) über Donato
Ndongo-Bidyogo, einen angesehenen Autor aus Äquatorialguinea. Die
Herausgeber drucken eine seiner ersten Kurzgeschichten ab, „La
travesía“, in der, unter Pseudonym 1977 publiziert, Ndongo sich mit den
Sklaven auf einem Sklavenschiff identifiziert. Dieses Motiv wird von
zeitgenössischen Autoren verstärkt aufgegriffen. Der angolanische Autor
José Eduardo Agualusa erzählt die Reise des angeblich letzten Schiffes
mit klandestiner Ladung von Angola nach Brasilien 1876 in Nação crioula
(2001). Das Buch trägt den Namen der betreffenden Brigg. In Chile hat
Ricardo Gattini in El barco de ébano
(2007) an das Schicksal eines
Sklavenschiffes mit dem Ziel Valparaíso im Jahre 1809 erinnert. Und in
The Air of Liberty (vgl.
Phaf-Rheinberger 2008) findet sich die
Vielzahl der Verbindungen zwischen den früheren holländischen Kolonien
in Brasilien, Suriname und Curaçao mit dem Süd-Atlantik beschrieben –
wie man sieht, ist das Sklavenschiff als Romanmotiv heute quicklebendig.
Die vielfältige Repräsentation der ozeanischen Imagination mit ihrer beweglichen Ikone als Verbindungsglied – Nexus – zwischen früher und heute lässt ahnen, dass so etwas wie eine Verpflichtung gefühlt wird, diese Erinnerung wieder ins kritische Bewusstsein zu rufen. Für Morejón gilt diese Aufgabe von Anfang ihres ganzen Werkes an. Das Zusammenfallen ihrer Rimbaud-Lektüren mit den „romantischen“ Jahren der Revolution in Havanna am Anfang der 1960er Jahre bestärkten sie darin, diesen Weg zu gehen. Seitdem entwickelt sie einen Faden, der das Augenmerk auf die Literatur in einer ehemaligen Kolonie wirft, in einer Republik, die sich immer noch in den Klauen des Kalten Krieges befindet. Es gibt keine bessere oder treuere Übersetzerin der verschiedenen Phasen dieses Landes als Morejón, und so hat sie sich als eine Autorin etabliert, die sich dieser historischen Realität besonders verbunden fühlt. Es hat sich in diesem Beitrag jedoch auch herausgestellt, dass ihre Verankerung in Havanna fest mit der Philosophie des Meeres aus dem 19. Jahrhundert verbunden ist. Die
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Analyse ihrer Werke macht außerdem darauf aufmerksam, dass die kubanische Literatur der Forschung einen faszinierenden Beitrag zur Erforschung der Pilgerseele und der Identifikation mit diesen Ladungen der Schiffe auf dem Meer leisten kann.
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golpeada por la tempestad, hasta insertarse en un círculo transparente,
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La Habana [„La belleza en todas partes“;
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Villaverde, Cirilo (1964): Cecilia Valdés o la Loma del Ángel. Novela de costumbres cubanas. La Habana.
1 Dieser Essay erscheint auch in spanischer Sprache in einer Sondernummer über Nancy Morejón der Revista Iberoamericana (in Vorbereitung 2009), ediert von Keith Ellis und Juanamaría Cordones-Cook.
2 Um die Verweise bei den Zitaten aus den Gedichten und Essays von Morejón zu vereinfachen, werden die Titel der jeweiligen Ausgaben erwähnt, gefolgt von der Seitenzahl in der jeweiligen Edition. Alle Übersetzungen der Poesie von Morejón ins Deutsche in diesem Beitrag sind von der Verfasserin.
3 Es gibt dazu noch keine übergreifende komparative Studie. Beatriz Pastor hat schon in Discurso narrativo de la conquista de América (1983) auf den Mythos der Schiffsbrüche in der spanischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert hingewiesen.
4 Es ist interessant zu erwähnen, dass man in der Literaturkritik zu afrikanischen Literaturen Aimé Césaire aus Martinique als afrikanischen Schriftsteller einordnet.
5 Das Datum April 1971 erinnert automatisch an den Fall Padilla und an den Ersten Nationalen Kongress für Kunst und Literatur in Kuba.
6 Es existiert ein Index dieser Periode von 1812 bis 1848, zusammengestellt von Dr. José A. Martínez Fortún y Foyo: El Diario de La Habana en la mano. Índices y Sumarios. La Habana: Ed. Mimeografiada, 1955.
7 Bei der Beschreibung des Tanzfestes der farbigen Bevölkerung in der Jesús-María-Straße in Havanna charakterisiert Villaverde einige historische Personen folgendermaßen: „a Vargas y a Dodge, ambos de Matanzas, barbero el uno, carpintero el otro, que fueron comprendidos en la supuesta conspiración de la gente de color en 1844 y fusilados en el paseo de Versalles de la misma ciudad; a José de la Concepción Valdés, alias Plácido, el poeta de más estro que ha visto Cuba, y que tuvo la misma desastrada suerte de los dos precedentes; a Tomás Vuelta y Flores, insigne violinista y compositor de notables contradanzas, el cual en dicho año pereció en la Escalera, tormento a que le sometieron sus jueces para arrancarle la confesión de complicidad en un delito cuya existencia jamás se ha probado lo suficiente; al propio Francisco de Paula Uribe, sastre habilísimo, que por no correr la suerte del anterior, se quitó la vida con una navaja de barbear en los momentos que le encerraban en uno de los calabozos de la ciudadela de la Cabaña; a Juan Francisco Manzano, tierno poeta que acababa de recibir la libertad, gracias a la filantropía de algunos literatos habaneros.“ (Villaverde 1964: 365f.)
8 Siehe den Artikel von Strickrodt (2008). Pedro Blanco belieferte die Gutsherren in Havanna von 1821 bis 1836.
9 In Cecilia Valdés erwähnt Villaverde, dass die Sklavenschiffe von Pedro Blanco an der Küste von Gallinas in Afrika kommen (Villaverde 2008: 245). Auch Porto Galinhas, 60 Kilometer südlich von Recife in Brasilien, unterhielt Handelskontakte mit dieser Handelsstation. Der Name Porto Galinhas entstammt dem klandestinen Handel im 19. Jahrhundert, als man sagte, dass es neue Hühner im Hafen gab, das Synonym für die Ankunft einer neuen Ladung. In Curaçao, an der Küste Venezuelas, gibt es ebenso Spuren dieses illegalen Handels. Joceline Clemencia erwähnt, dass die Tanz-Musik „Katibu ta galiña“ (der Sklave ist ein Huhn) eine Wehklage beinhaltet, eine kamuflierte Kritik an der Kondition der Sklaven als pure Handelsware. (vgl. Clemencia 2001: 435).
10 In den fünf Sektionen gibt es 36 Gedichte: I.10; II.1: III.6; IV.7 und V.12.
11 Das Haar als Motiv wird mit Nancy Morejón assoziiert, seit Guillén sein Gedicht „Nancy“ 1972 publiziert: „Su cabeza sin tostar, dicho sea para aludir a los tostadores y tostados negros burgueses que se queman la cabellera cada semana y viven esclavos del peluquero engañador.“ (Guillén 281). Auch Morejón widmet ihr Gedicht „Haar“ („Pelo“, Morejón 2005c: 22) diesem Motiv.
PD Dr. Albrecht Buschmann (V.i.S.d.P)
Universität Potsdam
Institut für Romanistik
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
