« Je me suis rencontré entre deux siècle comme au confluent de deux fleuves … »

Raumdynamiken und koloniale Positionierung in der Literatur der spanischen und französischen Karibik im 19. Jahrhundert

Gesine Müller

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[…] ir a Cuba, al Darién, del Darién al Perú; del Perú al Méjico; de Méjico a La Habana […] y en Nuevitas quedarme para ir a Cat Island (San Salvador de Colón, indiana Guanahaní) y al volver, visitar a los amigos [….], que en tanto empeño tiene en que me prepare, para mi peregrinación a Europa […]. (Hostos 1988: 108)


Diese räumliche Spannung, konkret diese etwas orientierungslose Aufbruchstimmung, legt der aus Puerto Rico stammende Autor Eugenio María de Hostos seinem Protagonisten, dem Pilger Bayoán, in seinem 1863 veröffentlichten gleichnamigen Roman La peregrinación de Bayoán in den Mund.

Seine Zeilen führen uns die literarische Inszenierung eines extrem dynamisierten Raums vor Augen und damit direkt zur zentralen Fragestellung der folgenden Ausführungen. Welche Raumdynamiken unterliegen Texten des 19. Jahrhunderts, die in einer spezifisch kolonialen, bzw. postkolonialen Situation entstanden sind? Inwiefern kann ein Blick auf die Inszenierung von Raumdynamiken in literarischen Texten aus unterschiedlichen Kolonialsphären einen besonderen Beitrag leisten zu einer vergleichenden Kolonialismusforschung?

Die Inselwelt der Karibik im 19. Jahrhundert als ein zusammenhängender und zugleich heterogener Raum, kann geradezu als „Kaleidoskop kolonialer Strukturen und Dynamiken“ bezeichnet werden, da sich dort koloniale Erfahrungen im Wirkungskreis unterschiedlichster hegemonialer Systeme verdichten und Anlass zu Anlehnung und Abgrenzung, zu Austausch und Konfrontation geben (Benítez Rojo 1998: 15f).


Hier sollen nun drei literarische Vertreter/innen unterschiedlicher Kolonialräume der Karibik zu Wort kommen, die in ihrer politischen

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Positionierung zu kolonialen Fragen für ihre eigene Kolonialsphäre als jeweils repräsentativ zu bezeichnen sind. Im Falle des spanischen Kolonialraums sind dies Gertrudis Gómez de Avellaneda und Eugenio María de Hostos. Avellaneda hat den Großteil ihres Lebens in Madrid verbracht, Hostos war lange in Spanien und den USA. Für die französische Kolonialsphäre steht Louis Maynard de Queilhe aus Martinique. Er lebte überwiegend in der französischen Metropole Paris. Alle drei haben folglich lange Phasen ihres Lebens in den Zentren der Mutterländer zugebracht. Sie sind dem Ideal romantischen Schreibens verpflichtet: Ihre repräsentativen Werke wurden zwischen 1838 und 1863 veröffentlicht, innerhalb des für Lateinamerika und die Karibik veranschlagten Zeitraums der Romantik (1830–1870).

Der vorliegende Untersuchungsansatz fokussiert sich auf drei grundlegende Aspekte: 1. die jeweiligen Raumkonzeptionen und ihre Dynamiken unter der Annahme, dass Räume kulturell konstituiert oder schlichtweg produziert sind (im Sinne eines kulturpragmatischen Raumbegriffs); 2. die Positionierungen zum kolonialen Status quo; 3. eine Wechselwirkung dieser beiden Phänomene.

Neben diesen zentralen Fragen richtet sich der analytische Blick noch auf eine übergeordnete Ebene. In den 1960er Jahren fand mit dem Begriff Spatial Turn in den Geschichtswissenschaften – bzw. Topographical Turn in den Kulturwissenschaften – ein Paradigmenwechsel statt. Neben Zeit wurde auch Raum wieder als kulturelle Größe wahrgenommen. Nun ist dieser Wechsel wahrlich kein neuer wissenschaftlicher Ansatz, er wird hier aber zum Anlass genommen, der Inszenierung von Raumdynamiken in Texten des 19. Jahrhunderts nachzugehen. Die folgenden Ausführungen grenzen sich insofern von einer konsequenten Anwendung neuer Kategorien im Sinne eines Kuhnschen Paradigmenwechsels ab. Der Topographical Turn beruht auf der Erfahrung eines Bruchs mit der etablierten Gleichung von kultureller Identität und nationalem Territorium. Benedict Anderson spricht in diesem Zusammenhang von einer Imaginierung territorialer Räume als homogene Räume. Diese Erfahrung verdichtet sich in der Figur des Displacement, die an die Stelle konventioneller Migrationskonzepte wie Exil und Diaspora getreten ist (Weigel 2002: 156). Auch wenn das Projekt „kulturelle Identität“ bereits im

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19. Jahrhundert Konstruktcharakter hat, ist dennoch bei damaligen Texten aus naheliegenden Gründen eine literarische Inszenierung zu erwarten, die gerade diese besagte Gleichung von kultureller Identität und nationalem Territorium vermittelt. Auch von Vertretern des Spatial Turn wird eingeräumt, dass ein Zeitalter des Imperialismus per se für eine Auseinandersetzung mit der Raumthematik stehe. Dennoch werde damit nicht einem Raumverständnis im Sinne des Spatial Turn Rechnung getragen, da es in erster Linie um statische Gebilde und Raum als physikalische Masse gehe.

Die Privilegierung der Zeit im 19. Jahrhundert erscheint zunächst naheliegend, und dies ganz besonders bei literarischen Texten aus Lateinamerika und der Karibik, hatte doch bei den dortigen Autoren gerade ein Klassiker wie Chateaubriand Hochkonjunktur. Symptomatisch für sein omnipräsentes historisch-chronologisches Fundament ist sein berühmter Satz aus Mémoires d’outr- tombe:


Jeme suis rencontré entre deux siècles comme au confluent de deux fleuves; j’ai plongé dans leurs eaux troublées, m’éloignant avec regret du vieux rivage où je suis né nageant avec espérance vers une rive inconnue. (Chateaubriand 1957: 1047)


Eine intensive Zeiterfahrung, konkret: das vorherrschende Gefühl eines Niedergangs des guten Ancien Régime. Mit einem geschärften Blick auf die Inszenierung von Raumdynamiken wird hier gleichzeitig der Versuch unternommen, die gängige Annahme zu hinterfragen, das 19. Jahrhundert sei ein Jahrhundert der Zeit.1

Bevor ich mich den Romanen zuwende, sei zusammenfassend festgehalten: In erster Linie geht es bei den Auslegungen der drei hier gewählten literarischen Texte um Raumdynamiken, um deren Positionierung zum kolonialen Status quo und um eine Wechselwirkung beider Phänomene. Erst in einer weiterführenden Schlussbetrachtung soll die übergeordnete wissenschaftsparadigmatische Frage unter Berücksichtigung ihrer Anwendbarkeit beantwortet werden2.

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1. Maynard de Queilhe: Outre-mer (1835)


Maynard de Queilhe ist ein Béké, ein Angehöriger der weißen kreolischen Oberschicht Martiniques, deren Hauptsorge um 1838 darin besteht, die alte Ordnung zu wahren. Der Reichtum dieser Oberschicht basiert vor allem auf einem Funktionieren der Plantagenwirtschaft dank Sklaverei. Revolutionäres Gedankengut aus Europa – ganz allgemein philanthropische Ideen und im Konkreten die Abolition der Sklaverei – wird von den Békés als große Gefahr angesehen. Mit der Juli-Revolution von 1830 scheint sich für sie der Alptraum von 1789 nun zu wiederholen. Der Roman Outre-mer zeichnet das Bild einer arretierten Gesellschaft, einer kreolischen Kaste, die getrieben ist von der Angst, die alten Privilegien zu verlieren. Maynard de Queilhe als Vertreter der schreibenden kreolischen Oberschicht positioniert sich im Vorwort allerdings sehr selbstsicher im Raum: „Les colons ne se considerent que comme des passagers sur une terre d’exil; ils ont toujours les ailes entrouvertes, pour regagner leur ancienne patrie.“ (Maynard de Queilhe 1838: 13) Eine räumliche Unentschiedenheit lässt sich höchstens hinsichtlich des Adressatenkreises ausmachen: „Il est ensuite beaucoup de choses de ce livre qui paraîtront étranges, tantôt aux personnes du pays où je suis, tantôt aux personnes du pays où vous êtes.“ (12) Fremdheit auf beiden Seiten des Atlantiks? Nicht wirklich, denn angesprochen sind jeweils die französische bzw. kreolische Oberschicht. Obwohl dort selbst geboren, lebt Maynard de Queilhe eine Exilerfahrung auf den Antillen, die von Sehnsucht nach dem Mutterland gekennzeichnet ist.

Der Roman hat drei räumlich klar erkennbare Schauplätze: Martinique als Kolonie, Frankreich als mère-patrie und das Schiff, mit klarer Fahrtrichtung ins französische Mutterland. Die Zielgerichtetheit des Schiffes, eine lineare Schiffsreise, unterstreicht allerdings nur die Bipolarität zwischen Mutterland und Kolonie. Entscheidend ist, dass diese räumliche Bipolarität ihre Entsprechung auch im Textraum findet. Erstens auf der Ebene der Protagonistenkonstellationen: gute Kreolen stehen gegen böse Schwarze, und der vermeintlich edle Mulatte entpuppt sich letztlich als revoltierender Satan. Und zweitens auf der Ebene der literarischen Vorbilder: Denn die Orientierung des aus Guadeloupe stammenden Maynard de Queilhe an Bernardin de Saint-Pierre,

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Victor Hugo und Georges Sand ist omnipräsent. Dies ganz im Sinne René Girards mimetischer Theorie, oder mit dem Vokabular postkolonialer Theoriebildung: als Mimikry.3 Nicht von ungefähr wurde das mimetische Verfahren eines Maynard de Queilhe verglichen mit der in den Tropen beheimateten Kletterpflanze der Liane (vgl. Bongie 1998: 319). Lianen schießen in die Höhe, ohne sich zu verzweigen, die kolonialen Ableger ranken sich um die Mutterpflanze. Die bipolare Raumstruktur in Outre-mer wird außerdem unterstrichen durch die Insularität Martiniques. Auch dies geschieht in Orientierung an einer Modeströmung zeitgenössischer Inselmotive: Ebenso wie die Île de Bourbon (eigentlich La Réunion) in Indiana von George Sand oder die Île de France (also Mauritius) bei Paul et Virginie von Bernardin de Saint-Pierre ist Martinique von einer Inselsemantik aus Isolation und Exil gekennzeichnet (vgl. Ette 2005: 143). So lamentiert der Protagonist Marius:


Une misérable petite île! moins qu’une île, une espèce d’îlet; des fièvres, des serpents et des êtres qui se donnent des coups de fouet, parce qu’ils ne sont pas tous également jaunes, ou parce que les uns le sont trop et les autres pas assez; ou parce qu’il y en a qui ne le sont pas du tout. Misère! misères! (Maynard de Queilhe 1838, I: 42)



2. Gertrudis Gómez de Avellaneda: Sab (1841)


Gertrudis Gómez de Avellaneda (geboren 1814 in Camaguay, gestorben 1873 in Madrid) kam im Alter von 22 Jahren nach Spanien. Nach 23 Jahren kehrte sie zwar zunächst für einige Jahre nach Kuba zurück, um sich dann später aber doch bis zu ihrem Tod endgültig in Madrid niederzulassen. Bereits während ihres ersten langen Aufenthaltes auf der Iberischen Halbinsel wurde Avellaneda schnell anerkanntes Mitglied der Madrider Literaturszene. Gegenstand heftiger Diskussionen innerhalb dieser literarischen Kreise waren aber immer wieder kulturelle Zugehörigkeit und Identifikation der in Spanien lebenden kubanischen Schriftstellerin. So ist in einem Zeitungsartikel aus der Aurora del Yumurí vom 27. August 1867 zu lesen:


El Areópago literario reunido en la Habana para escojer las composiciones dignas de figurar en el libro, ‚La Lira Cubana ha determinado escluir a la poetista Sra.

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Dª Gertrudis Gómez de Avellaneda, por no considerarla cubana sino madrileña. En cambio, parece que los Sres. D. Saturnino Martínez y D. Antonio Enrique de Zafra serán mirados en lo adelante como escritores cubanos.


Wenige Monate später wird in der gleichen Zeitung eine gänzlich andere Meinung vertreten:


Junta – La Sección de Literatura de nuestro Liceo celebró anoche, á petición de uno de sus miembros, para ocuparse de la cuestión Avellaneda. No pudimos asistir á esa reunión, pero nos informan que en ella quedó acordado que la Sección literaria considera á D Gertrudis Gómez de Avellaneda como una de las glorias literarias de que puede Cuba enorgullecerse, y se convino igualmente estender una acta certificada de esa resolución para los fines oportunos.


Aus diesen resümierenden Zeilen lässt sich deutlich die Entwurzelungserfahrung der kubanischen Autorin erahnen. Für das genauere Verständnis des Zusammenhangs zwischen politischer Positionierung und Verortung im Raum ist vor allem ihr Roman Sab (1841) aufschlussreich. Die inhaltlichen Grundzüge des komplexen Romans können an dieser Stelle nicht dargestellt werden. Für unsere Fragestellung bleibt festzuhalten, dass sich der Roman in den Kampf um Unabhängigkeit und um die Abschaffung der Sklaverei einschreibt. Das kommt treffend in folgendem Zitat zum Ausdruck, in dem der Protagonist und Mulatten–Sklave Sab zumindest die Möglichkeit eines Sklavenaufstandes in Erwägung zieht.

Entscheidend ist der Grundgedanke, der den Kampf um Unabhängigkeit und Abschaffung der Sklaverei thematisiert. Männlicher Protagonist des Romans ist der versklavte Mulatte Sab, der zur Symbolfigur dieses Konfliktes wird und sogar die Möglichkeit eines Sklavenaufstandes in Erwägung zieht:


He pensado también en armar contra nuestros opresores, los brazos encadenados de sus víctimas; arrojar en medio de ellos el terrible grito de libertad y venganza; bañarme en sangre de blancos; hollar con mis pies cadáveres y sus leyes y perecer yo mismo entre sus ruinas. (Gómez de Avellaneda 1997: 209)


Weibliche Protagonistin ist Sabs Herrin Carlota, der gegenüber er tiefe Gefühle empfindet. Carlota jedoch erwidert diese nicht, zumal für sie die Liebe zu einem Sklaven schlicht undenkbar ist. Stattdessen geht sie die Ehe mit einem Repräsentanten aus ihrer Gesellschaftsschicht ein. Als sie an ihrem Hochzeitstag durch ihre zutiefst erschütterte Verwandte Teresa von Sabs Tod

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erfährt, weist Carlota die Vermutung ihres Bräutigams, dass Teresa Sab geliebt habe, vehement zurück und unterstreicht damit vordergründig ihr Urteil über Sklaven:


¡Amarle! ¡A el! ¡A un esclavo! […] sé que su corazón es noble, bueno, capaz de los más grandes sentimientos; pero el amor, Enrique, el amor es para los corazones tiernos, apasionados … como el tuyo, como el mío. (Gómez de Avellaneda 1997: 251)


Sab selbst nimmt Carlota durchaus als Subjekt wahr, gerade dadurch, dass er auf sie verzichtet. Er entspricht dabei nicht den romantischen Klischees des impulsiv handelnden „edlen Wilden“ und „bon nègre“, sondern erkennt, wie sehr die geliebte Carlota in ihren Empfindungen von den gesellschaftlich dominanten Denkmustern beherrscht bleibt, durch die sie ihre eigene Objekthaftigkeit subjektiv interiorisiert. So vergleicht Sab seine Rolle als Sklave gar mit dem Los der Frau:


¡Oh! ¡las mujeres! ¡Pobres y ciegas víctimas! Como los esclavos, ellas arrastran pacientemente su cadena y bajan la cabeza bajo el yugo de las leyes humanas. Sin otra guía que su corazón ignorante y crédulo, eligen un dueño para toda la vida. (Gómez de Avellaneda 1997: 270)6


In diesem Zusammenhang erkennt er auch die Charakterschwäche von Carlotas Verlobtem Otway, der unter dem Einfluss seines geldgierigen Vaters die bereits geplante Hochzeit absagen will, als er erfährt, dass es um die materiellen Verhältnisse der Familie Carlotas schlechter bestellt ist als erwartet. Schon allein aufgrund dieser materialistischen Einstellung prognostiziert Sab seiner Herrin eine unglückliche Ehe. Nach zermürbendem inneren Kampf vermacht er ihr dennoch heimlich seinen Lottogewinn, der ihm kurz vorher zugefallen ist. Er ermöglicht ihr so eine freie Entscheidung bezüglich der Eheschließung mit Otway. Aber gerade darin zeigt sich bereits, dass Sabs Dilemma in seiner Person selbst begründet liegt. Die Feinfühligkeit seiner Wahrnehmung, die Tiefe seiner Reflexion und Selbstreflexion über die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die er durchaus nicht als rein äußerliche Kraft versteht, sowie der unglaublich hohe moralische Anspruch an sich selbst treiben ihn zwangsläufig in die eigene Selbstaufgabe. Hinzu kommt, dass sich die Figur des Sab eindeutigen essentialistischen Zuschreibungen entzieht. Obwohl er Mulatte ist, haben die

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Leute Schwierigkeiten, seine Hautfarbe eindeutig zu bestimmen; obwohl männlich, wird er mit durchaus femininen Zügen gezeichnet, vor allem aber wählt er freiwillig den Weg des Leidens, den er als Los der Frau in einer zu überwindenden patriarchalischen Gesellschaft ausmacht.

Die eingangs konstatierte Entwurzelung Avellanedas spielt allerdings im Roman selbst keine explizite Rolle. Stattdessen wird jene in gewisser Weise auf den Sklaven selbst übertragen:


No tengo tampoco una patria que defender, porque los esclavos no tienen patria; no tengo deberes que cumplir, porque los deberes del esclavo son los deberes de la bestia de carga que anda mientras puede y se echa cuando ya no puede más. Si al menos los hombres blancos, que desechan de sus sociedades al que nació teñida la tez de un color diferente, le dejasen tranquilo en sus bosques, allá tendrán patria y amores. (Gómez de Avellaneda 1997: 36)


Auch den eigentlichen Schreibprozess integriert Avellaneda in den Roman selbst und schreibt ihn ihrem männlichen Protagonisten zu. Aus der räumlichen und damit ebenso kulturellen Distanz nimmt Avellaneda ihre Autorenschaft dadurch quasi zurück. Dadurch geschieht zweierlei: Einerseits wird dem ethnisch und sozial mehr oder weniger ausgegrenzten Romanhelden Sab eine autoritative (auktoriale) Stimme verliehen, die ihn vom kolonialen Objekt nicht nur zum agierenden Subjekt der eigenen Geschichte, sondern auch eines eigenen Diskurses erhebt. Andererseits wird das epische Wort aus dem kolonialen, fernen Madrid nach Kuba, dem Schauplatz des Romans, verfrachtet, so dass sich die gefühlte Illegitimität einer externen Stellungnahme aus dem Land der Kolonisatoren relativiert. Dass sich die gesamte Erzählung gegen Ende als Abschiedsbrief des Sklaven und Titelhelden Sab offenbart, unterstreicht diese Lesart.



3. Eugenio María de Hostos: La peregrinación de Bayoán (1863)


¡Partir! ¿Para encontrar los medios de hacer feliz a mi infeliz Boriquen, para dar el ejemplo, y preparar el advenimiento de una patria que hoy no tengo? […] ¡Partir…! ¿adónde? ¿A viajar por la América continental, a pensar en su porvenir y a provocarlo? ¿A Europa, a convencerla de que América es el lugar predestinado de una civilización futura? […] Partiré. (Hostos 1986: 149)

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Dieses Zitat aus dem Munde des heimatlosen Protagonisten in La peregrinación de Bayoán hat programmatischen Charakter. Bezeichnenderweise wurde der Roman von den spanischen Behörden kurz nach seinem Erscheinen konfisziert. Dies mag der antispanischen Intention des Textes und der Auflehnung der Antillen gegen die sie unterdrückende Nation Spanien geschuldet sein, die Hostos in seinem Roman deutlich werden lässt. Die politische Dimension wird als Utopie einer Suche nach einer gesamtkaribischen Identität verstanden (vgl. Thiem 2007: 184).

In offenkundiger Anlehnung an die Reisebücher des Cristóbal Colón beginnt der in Tagebuchform geschriebene Roman seine Aufzeichnungen mit dem 12. Oktober, dem Tag der Entdeckung Amerikas. Der junge Puertoricaner Bayoán, dessen Name „del primer indígena de Boriquen que dudó de la inmortalidad de los españoles“ entlehnt ist – so die Erklärung Hostos’ im Namensschlüssel des Romans –, verlässt seine Herkunftsinsel per Schiff mit dem zunächst noch vage formulierten Ziel, die karibischen Inseln und das lateinamerikanische Festland zu besuchen (vgl. Thiem 2007: 186). Einige Aufzeichnungen schreibt Bayoán an Bord, daher auch die Bezeichnung Diario de a bordo. Das Schiff stellt so – anders als bei Outre-mer – eine Art Schwellenraum dar. Es kann gleichsam als Vehikel betrachtet werden, das die Grenzen der Zeitebenen passiert und den Protagonisten von einer Ebene in die andere befördert und quasi ein Pendeln zwischen Zeitebenen und Räumen ermöglicht: „El viento empujaba a la fragata, y la fragata andaba como ando yo, empujado por un viento que aún no sé si lleva a puerto.“ (Hostos 1988: 192)

Hin- und hergerissen zwischen den Antillen und Spanien, dem er seine Stärke beweisen will, zeigt sich der innere Kampf Bayoáns um die zukünftige Richtung, die sein Leben nehmen soll (vgl. Thiem 2007: 199). Die stets gegenwärtige Auseinandersetzung im Sinne eines Initiationsprozesses führt zur Bewusstseinsbildung des Protagonisten, die ihn, den Heimatlosen erst am Ende deutlich erkennen lässt, wohin seine Reise führen wird: „América es mi patria.“ (Hostos 1988: 355, vgl. Thiem 2007: 199) Die Fahrt des Bayoán erscheint als raumstrukturierendes Pilgermotiv: „Yo soy un hombre errante en un desierto, y mi único oasis eres tú (se está dirigiendo a su patria). Yo soy un peregrino… ¿Necesito peregrinar? Pues, ¡adelante!“ (Hostos 1988: 18) Pilgern als

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vieldimensionale Suche, als Ausdruck von Offenheit, aber auch von Fremdheit, als Zielgerichtetheit, aber auch mit dem Weg als Ziel; eine Kreisstruktur, die vielfach gebrochen ist. Für eine Übernahme der Pilgerfahrt als literarisches Motiv bleibt ihr offener Status konstitutiv, was vor allem auf einer raumstrukturierenden Ebene von Bedeutung ist: Konstruktion, Institutionalisierung und Funktionalisierung des Systems Pilgerfahrt unterliegen evolutionären Dynamiken, die unterschiedlich lose und strikt an die Entwicklungen des übergeordneten Funktionssystems der Religion gekoppelt sind. (Hassauer 1993: 19) In der Übertragung des mittelalterlichen Pilgermotivs überwiegt sicherlich der Opfergedanke, der sich bei Bayoán auf einer politischen Ebene widerspiegelt. Ohne behaupten zu können, dass Hostos die Werke Hegels oder Nietzsches gelesen hätte, entstand der Roman im religionskritischen Klima der neuzeitlichen Opferkritik, in der die Satisfaktionslehre Anselm von Canterburys, die die christliche Opferlehre begründet hatte, eine politische Dimension gewann.7 In diesem Sinne ist auch Bayoáns Pilgerfahrt zu interpretieren, denn er muss für die Freiheit der spanischen Kolonien ein Opfer bringen und den mühsamen Weg durch den karibischen Archipel, Lateinamerika und Europa auf sich nehmen. Und es ist nicht umsonst die Kreisstruktur, die konstitutiv ist für das Pilgermotiv, bezieht sich doch Hostos ganz zentral auf Kolumbus’ Bordbuch. Gerade die Rückkehr zum Ausgangspunkt Europa (und die dortige Ehrung durch die Katholischen Könige) gab Kolumbus Sinn und Legitimation für seine Entdeckungsreise mit erstem Halt auf den Antillen. Als literarisches Motiv ist die Pilgerschaft im 19. Jahrhundert grundsätzlich sehr präsent: Der damalige Bestseller ist Child Harold’s Pilgrimage. A Romount des Lord Byron, mit dessen Veröffentlichung (1812, 1816, 1818) Byron über Nacht Berühmtheit erlangte. Ihn lesen Protagonisten solch kanonischer Romane wie María von Jorge Isaacs oder Amalia von Mármol. Wie ist diese Rezeption zu erklären? Ist es das per se romantische Symbol einer entfesselten Freiheitssehnsucht? Das erhabene Bild der unbegrenzten, zeitlosen, dem Menschen nicht unterworfenen See? Im Sinne einer (post-)kolonialen Rezeptionsinterpretation bietet sich folgende Lesart an: Byron begründete Irlands „orientalen Status“ erstens mit der Unterjochung unter England und zweitens indem er Irland die Attribute „Wildness,

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tenderness and originality“ zuschreibt“ (vgl. Ogden 2000: 117). Diese Kombination mag gerade bei lateinamerikanischen und karibischen Autoren eine intensive Byron-Rezeption gefördert haben – Hostos erklärt sich deutlich zu einem tiefen Bewunderer. Letztlich ging es ihm weniger um die ausschließlich Puerto Rico betreffende Freiheit als vielmehr darum, ein spanisch-amerikanisches Gesamtprojekt zu entwerfen, das den Ansatz einer antillanischen Konföderation birgt. Wenn auch die klare politische Dimension, vermittelt ganz besonders durch die Opferoption, in einem früheren Jahrhundert zu Hause ist, ist seine Verwendung des Pilgermotivs durchaus als Vorform des Nomadentums à la Vilem Flusser oder des rhizomatischen Migranten à la Deleuze/Guattari zu lesen. Am überzeugendsten ist sicher Hostos’ Vorwegnahme der Gedanken Edouard Glissants, konkret dessen Konzepts der Antillanité, dem keine eindimensional nationalistische Perspektive zugrunde liegt, sondern die Mangrovenstruktur.



4. Fazit


Während sich für Gómez de Avellaneda die Entwurzelungssituation als ein komplexes und spannungsreiches Dazwischen gestaltet, wird dieses Dazwischen von Maynard de Queilhe und anderen frankophonen Autoren tendenziell gar nicht wahrgenommen. Für sie scheint vielmehr die Frage des Entweder–Oder bestimmend zu sein. Dies zeichnet sich bereits in den Romantiteln ab, die auf die primären Rezipienten (im Mutterland) verweisen. So ist Outre-mer als deutliche Affirmierung des kolonialen Status quo zu interpretieren. Auch das literarische Werk selbst bringt einen eindimensionalen kolonialen Blick zum Ausdruck, denn die binäre Opposition zwischen Kolonie als europäische Heterotopie und Metropole wird nicht gebrochen. Dementsprechend funktioniert das Konzept „Exil“ hervorragend. Der Roman kann als Modellfall eines „Mapping of Empire“ gelesen werden (vgl. Bachmann-Medick 2006: 293). In seiner politischen Haltung verteidigt Maynard de Queilhe den Status quo und klammert sich an das Ancien Régime. Die kulturlosen Antillen werden als Exil betrachtet, und die eigene Zugehörigkeit zum Mutterland Frankreich bleibt

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unhinterfragt. Angezweifelt werden nur die Möglichkeiten eines Überlebens der bestehenden politischen Ordnung. Die größte Gefahrenquelle, die neu aufstrebende Klasse der Mulatten, wird im Roman dem Exil der „petite île, où il n’ y a rien“ ausgesetzt. Nur mühsam durchläuft der Mulatte Marius einen Prozess der Läuterung. Die Entwurzelungserfahrung wird nicht problematisiert, da sie von dem kolonisatorischen Anliegen überlagert wird. Die Eindimensionalität eines Maynard de Queilhe rührt natürlich auch daher, dass es einfacher war, von Paris aus den französischen Kolonialismus zu behaupten als von Madrid aus den spanischen, zumal sich Spanien als Kolonialmacht im Vergleich zu Frankreich im Niedergang befand. Dies mag letztlich auch mit der im Vergleich zu Spanien weitaus erfolgreicheren mission civilisatrice Frankreichs zusammenhängen.

Die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Raumdynamiken hat deutlich gemacht, inwiefern die Literatur die politische Positionierung antizipiert: Puerto Rico sowie die letzten spanischen Enklaven der Karibik werden unabhängig, Guadeloupe und Martinique haben mit der Départamentalisation von 1946 ihren Kolonialstatus bis heute nicht verloren. Die politische und kulturelle Gravitationskraft des französischen Kolonialismus war weit effizienter als das spanische Modell. Was die eingangs als dritte Frage formulierte übergeordnete Ebene der Raumbetrachtung im Sinne eines Erkenntnisgewinns durch den Topographial Turn betrifft, so kann eine konsequente Umsetzung der neuen Prämissen nur eingeschränkt bejaht werden. Schließlich legen alle drei Romane Lesarten nahe, die von einer Gleichung von kultureller Identität und nationalem Territorium ausgehen, da alle – unabhängig von ihren sehr unterschiedlichen Konzepten und politischen Positionen – geographisch konkrete Raumprojektionen vermitteln.8 Die allgemein vertretene These, das 19. Jahrhundert sei ein Jahrhundert der Zeit, kann hier nicht bestätigt werden. Natürlich wird die Kategorie der Zeit nicht geflissentlich übergangen. Aber insofern Zeit als konstitutiver Faktor von Dynamik und Bewegung fungiert, war es beispielsweise gerade die Gegenüberstellung der Schiffsmetaphern in zwei Textbeispielen, die unterschiedliche Raumdynamiken fruchtbar machen konnte. La peregrinación de Bayoán weist zwar nicht die Radikalität von Bewegungsstrukturen wie Texte

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des 20. und 21. Jahrhunderts auf (nicht zuletzt aufgrund der hochpolitischen Dimension). Dennoch nimmt der Roman den Glissant’schen Anspruch einer relationalen Raumkonzeption vorweg. (vgl. Glissant 1990) Die neuen Theorien von Vernetzung und Relationalité sensibilisieren für Dimensionen, die auch schon vor der postmodernen Wende präsenter waren als angenommen.



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Anmerkungen


1 In dem Sinne, dass die Vorherrschaft der Raumperspektive spätestens seit dem Entwicklungs- und Fortschrittsparadigma der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zunehmend durch eine Zeitperspektive verdrängt worden ist. Zugespitzt dann noch durch die kolonialistischen Entwicklungsvorstellungen im Zusammenwirken mit den fortschrittsbezogenen Geschichtsauffassungen des 19. Jahrhunderts (Vgl. Bachmann-Medick 2006: 286).

2 Und dies hoffentlich, ohne der Gefahr zu unterliegen, der Flut von Raumbegriffen einfach einen weiteren hinzuzufügen, der das Element der Bewegung zu Gunsten neuer Raumdefinitionen reduziert.

3 Die mangelnde Originalität der Literatur der französischen Antillen im 19. Jahrhundert – von Patric Chamoisseau und Raphaël Confiant als „littérature doudouiste“ bezeichnet – ist schon beinahe Klischee frankokaribischer Literaturwissenschaft. Diese Feststellung übergeht aber den kulturgeschichtlichen Reichtum, der sich durch eine feine Analyse der Kopierverfahren vermittelt.

4 Aurora de Yumurí, 27 de agosto de 1867. Zit. nach José Augusto Escoto/Gertrudis Gómez de Avellaneda (1912: 62).

5 Aurora del Yumurí, 15 de enero de 1868. Zit. nach José Augusto Escoto/Gertrudis Gómez de Avellaneda (1912: 62f.) Zu einem Briefwechsel von 1859 bemerkt die spanische Literaturkritikerin Bravo Villasante: „Su sitación en Cuba es grata e ingrata a la vez, al homenaje se une el reproche, y su doble aspecto de cubana y española es equívoco. Su llegada como consorte de un representante del Gobierno Central puede resultar molesto a los ojos de los revolucionarios, que intentan la independencia de Cuba, aunque sea prematura. Ella, inteligente, se da cuenta de todo, y se debate en las alternativas que se le presentan. Políticamente ama al pueblo, y al mismo tiempo reverencia a su majestad; se siente hija de Cuba y de España a la vez y cuando intentan de dejarla fuera de una antología de poetas cubanos se siente ofendida, aunque no renuncia tampoco a su gloria de pertenecer a la literatura española.“ (Zit. nach José Servera/Gertrudis Gómez de Avellaneda 1997: 38).

6 Hervorhebung der Adjektive durch die Verfasserin. Man achte auf den Gebrauch des Aktivs: Die Frauen wählen, sie lassen sich von ihrem eigenen unwissenden und leichtgläubigen Herzen leiten oder, um es in der Sprache der Aufklärung auszudrücken: Ihre Unmündigkeit ist durchaus selbst verschuldet.

7 Nach dem Motto des Psalm 40,7: „Die Umkehr bringt Opfer, nicht um Gottes willen, der ihrer nicht bedarf, sondern um des Lebens, um der Gottesherrschaft willen, in die man anders nicht eingehen kann.“

8 Alle drei vermitteln politische Raumperspektiven, die Raum von Herrschaft und Macht durchzogen sehen. Es ist also unbestritten, dass sich das 19. Jahrhundert durch physikalisch wahrnehmbare Raumvorstellungen auszeichnet.

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Horacio Castellanos Moya, fotografiert von Moramay Herrera Kuri (Mexiko)