Meeresleuchten

Über das Organische im Poetischen bei Adelbert von Chamisso (Reise um die Welt 1815-1818)

Yvonne Maaß

download (pdf)

Sobald die Sonne über Brasilien untergeht, entzünden leuchtende Geschöpfe aller Art Luft [Elater nocticulus und E. phosphoreus mit zwei Punkten beständigen Lichtes auf dem Brustschilde], Meer [Insektenarten und kleine Scolopendra-Arten] und Erde [Medusen, deren wir einige am Strand aufnahmen … Das Leuchten war besonders in einem Kranz von Punkten um den Rand des Körpers sichtbar und erhöhte sich bei der Berührung…]. (ChamW IV, Reise II, 13 f.)1


1. Einführung


In Betrachtung der unterschiedlichen Raumkonzepte, die die Raumtheorie in den verschiedenen Wissenschaftszweigen hervorgebracht hat und noch immer hervorbringt,2 mag der Titel des Beitrags zunächst verwundern. Doch als Naturwissenschaftler und Dichter an Bord eines russischen Schiffes bewegte sich Adelbert von Chamisso (1781-1838) gestaltend durch physische, geographisch/territoriale, kulturelle und imaginative Räume. Schon im Jugendalter überschritt er 1792 als Emigrant die Ländergrenzen Frankreichs, um sich, über die Niederlande wandernd, dann später in Deutschland niederzulassen.

Im Jahre 1818 kamen im Zoologischen Museum Berlin mehrere Kisten, angefüllt mit konserviertem, organischem Material an. Die Objekte sind zum Teil getrocknet, gebalgt oder in Weingeist eingelegt worden und stammen von der dreijährigen Expedition, an der Adelbert von Chamisso als Titulargelehrter von 1815-1818 teilnahm.3 Mit der Weltumsegelung beginnt 1815 für Chamisso ein anderes, ein bewussteres Durchschreiten unterschiedlicher Räume über die Grenzen Europas hinaus. Für die Betrachtung und Untersuchung der Reisedokumentation greift aus dieser Perspektive einerseits ein territorial bzw. geographisch angelegtes Raumkonzept, das mit sprachlichen und kulturell konstituierten Räumen korreliert, andererseits ein dynamisches Raummodel im Sinne von Zentrum und Peripherie (mit der Erfahrbarkeit und möglichen Aneignung „neuen“ Raumes).

Seite 191

Die Reisetagebücher Chamissos4, die einen Teil der Expeditionsdokumente ausmachen, sind von einem transdisziplinären Charakter des Denkens und Schreibens geprägt. Will man jedoch Chamissos Tagebücher in ihrer Komplexität erfassen und ihnen in der Rezeption als Reiseliteratur und nicht nur als wissenschaftliche Dokumentation oder Logbuchführung gerecht werden, so muss man sich auf diverse Bereiche von Wissen, ihre Disziplinierung und deren Verknüpfungen einlassen. Als Dokumente einer Weltumsegelung (1815-1818) sind diese Reiseberichte und andere Materialien Untersuchungsgegenstand im Kontext der Entstehung, Produktion und Zirkulation von Wissen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Insofern richten sich meine Ausführungen auf ein Denken von Raum, das Räume des Wissens (Wissensräume) fokussiert. Anhand der zoologischen Studien Chamissos – als ein Teilbereich der Reisebeschreibung – soll der Begriff des Wissensraumes exemplarisch skizziert werden.


2. Räume des Wissens - Wissensräume


Der Wissensraum wird hier als eine abstrahierte Form der räumlichen Struktur, die ein großes kommunikatives Feld des Fachwissens und seiner Bedingungen aufspannt, verstanden. Nicht die „dreifach dimensionierte Entität oder formale Einheit“ Raum wird hier begriffen, sondern eine „Strukturdarstellung“, deren Elemente „relational zueinander bestimmt werden“ (Günzel 2007: 17). Im Wissensraum bewegen sich fachspezifisch gebildete Forscher durch Diskurse, bedienen sich disziplinär spezifischer Methoden und grenzen diesen Raum nach außen ab. Dies geschieht beispielsweise über den fachlichen Austausch via Fachtermini oder über fachspezifische Verfahrensweisen, die oft ausschließlich dem Verständnis der Spezialisten vorbehalten sind. Der Wissensraum, dem sie (die Spezialisten) einerseits als Beteiligte angehören, wird von ihnen konstituiert5. Wissensräume ermöglichen die räumliche Organisation allen Denkens durch Strukturierung und umschließen Einheiten wie z.B. Absatz, Gliederung, Ebene, Hierarchie (Stammbaum), System u. a. wie ein Rahmen.6 Zur Struktur des Raumes bemerkt Cassirer in seinen Ausführungen Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum (1931):

Seite 192

[…] dass es nicht eine allgemeine, schlechthin feststehende Raumanschauung gibt, sondern dass der Raum seinen bestimmten Gehalt und seine eigentümliche Fügung erst von der ‚Sinnordnung‘ erhält, innerhalb deren er sich jeweilig gestaltet. Je nachdem er als mythische, als ästhetische oder als theoretische Ordnung gedacht wird, wandelt sich auch die ‚Form‘ des Raumes – und diese Wandlung betrifft nicht nur einzelne und untergeordnete Züge, sondern sie bezieht sich auf ihn als Gesamtheit, auf seine spezielle Struktur. Der Raum besitzt nicht eine schlechthin gegebene, ein für allemal feststehende Struktur; sondern er gewinnt diese Struktur erst kraft des allgemeinen Sinnzusammenhangs, innerhalb dessen sein Aufbau sich vollzieht. (Cassirer 1931, in Dünne/Günzel (Hg.) 2006: 494)


Die Struktur des Wissensraumes ist insofern eine dynamische, als die Inhalte oder Elemente aufeinander aufbauen, sich bedingen oder interagieren. Wissen wird produziert, verortet, manifestiert oder umstrukturiert. Über die räumliche Wissensordnung als „imaginierte Weltordnung“ sagt Eybl: „Die räumliche Vorstellung von Wissensordnungen knüpft an die Gedächtniskunst und ihre imaginierten Topographien. Abstrakte Inhalte können durch kognitive Verortungsvorgänge präsent gehalten, also erinnert werden.“ (Eybl, in Böhme (Hg.) 2005: 234).

In der Dokumentation der Weltumsegelung Chamissos wird über die Medien Text, Bild, Karte, Sammlung organischer und anorganischer Untersuchungsobjekte (Pflanzen/Herbarien, Tiere, Knochen und Schädel, Mineralien) Wissen verankert, transportiert und für die Wissenschaften sowie für die Leserschaft präsent gemacht. Sie zeigen, welche unterschiedlichen Wissensräume durch Chamisso beschritten wurden. Unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen wie die Geologie, Botanik, Zoologie, Sprachwissenschaft7 und andere greifen in Chamissos Ausführungen ineinander, sind transdisziplinär miteinander verknüpft. Der Begriff des Wissensraumes übersteigt im Umfang den Begriff der Disziplin, die Teil des Wissensraumes sein kann.

Im Wissensraum wird die Begegnung und Berührung unterschiedlicher Disziplinen möglich, insofern eröffnet die Verortung des Wissens in Wissensräumen Möglichkeiten der Betrachtung transdisziplinär angelegter Texte. Eine disziplinär begriffene zoologische Studie beispielsweise könnte Taxonomie und Systematik, Morphologie, Physiologie, Fortpflanzung und Evolution, Ökologie und Verbreitung der Arten (Chorologie, Artengeographie).

Seite 193

umfassen. Der Wissensraum würde weithin mit Informationen zu den Forschenden und ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen, mit Methoden des Fanges und der Jagd sowie der Konservierung, Lagerung und des Transportes, mit Gebrauch und Symbolgehalt bestimmter zoologischen Objekte im jeweiligen Lebensraum durch die dort lebenden Menschen (Tiere als Grundlage für die Ernährung, für Baumaterialien und Werkzeuge, als Bedeutungsträger in Ritualen und Religion) etc. angefüllt sein. Die Liste ließe sich beliebig fortführen und wäre in Inhalt und Umfang von der Weite des aufgespannten Wissensraumes und seiner Implikate abhängig. Für die Dokumentation der Rurik-Expedition ist die Interaktion von dreidimensionalem, metrischem, physisch erfahrbarem Raum (Länder, Inseln, Atolle, Meeresabschnitte, Biosphäre) und dem theoretisch strukturierten, abstrakten, „semiotisch“ angelegten Wissensraum (systemische Verortung von Wissen, Informationsnetzwerk, „Semiosphäre“8) bezeichnend.


3. Das Organische im Poetischen


Als eine Facette des transdisziplinären Charakters von Chamissos Bemerkungen und Ansichten und Reise um die Welt beleuchtet der Tagungsbeitrag das Verwobensein des Organischen im Poetischen: eine Verschmelzung von naturwissenschaftlichem Erkenntnisinteresse und literarischer Verarbeitung. Es werden zu diesem Aspekt meiner Forschungen insbesondere die zoologischen Studien Chamissos auf der Weltumsegelung exemplarisch fokussiert.

Chamisso war zum Zeitpunkt des Reiseantritts 34 Jahre alt und vielen – so wie noch heute –nur durch Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814) und seine Lyrik bekannt. Insofern die naturwissenschaftliche Arbeit in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt wird, so bezieht man sich in der Regel auf seine umfangreichen Verdienste in der Botanik wie z. B. der ersten umfassenden Aufnahme der Flora Alaskas. Nur marginal berührt, wenn nicht gar außer Acht gelassen, blieben bisher die zoologischen Untersuchungen, insofern auch häufig dem Schiffsarzt und Zoologe der Rurik-Expedition Johann Friedrich Eschscholtz (1793-1831) die zoologische Ausbeute zugeordnet wird.9 Bei näherer

Seite 194

Untersuchung gestaltet es sich jedoch durchaus anders, ein zunehmend differenziertes Bild zeichnet sich ab und es drängt sich die Frage auf, in welcher Form die zoologischen Studien stattfanden, in den Tagebüchern verankert wurden und was denn nun in den Kisten, die 1818 das Zoologische Museum Berlin (heute Museum für Naturkunde Berlin) erreichten, steckte?


Anhand der folgenden Textpassagen soll vor Augen geführt werden, wie es Chamisso gelang, seine Erfahrungen und wissenschaftlichen Forschungen poetisiert, zumeist anekdotenhaft, darzustellen. Er schreibt in seinem Kapitel „Abfahrt aus Hana-ruru. Radack.“10 aus Reise um die Welt (Erster Teil) über das Sammeln und Konservieren von Korallen:

In süßer Gewöhnung mit den Radackern lebend, studierte ich mit allem Fleiß die Beschaffenheit ihrer neptunischen Wohnsitze und hoffte zu der besseren Kenntnis der Korallenriffe und Inseln nicht verwerfliche Zeugnisse zu sammeln. Die Korallen selbst und Madreporen hätten zu ihrem Studium ein eigenes ganzes Menschenleben erfordert. Die gebleichten Skelette, die man von ihnen in den Sammlungen aufbewahrt, sind nur geringen Wertes, doch wollte ich sie sammeln und mitbringen. Eschscholtz hatte beim Baden alle vorkommenden Formen und Arten vollständig zusammen zu bringen sich bemüht, auserwählte kleine Exemplare von denselben auf das Schiff gebracht und sie zum Bleichen und Austrocknen in den leeren Hühnerkasten untergebracht. Es ist wahr, dass Polypenstöcke in diesem Zustande keinen angenehmen Geruch verbreiten. Als er sich eines Morgens nach seinen Korallen umsehen wollte, waren sie samt und sonders über Bord geworfen worden. Am südlichen Ende von Otdia, wo Lücken in den oberen Steinlagern des Riffes Becken bilden, in welchen man in ruhigem Wasser des Bades genießen und dabei unter blühenden Korallengärten den Rätseln dieser Bildungen behaglich nachforschen und nachsinnen mag, hatte ich mir im Kalksande des Strandes einen Raum abgegrenzt, in welchem ich Korallen, Seeigel und alles der Art, was ich aufbewahren wollte, der dörrenden Sonne aussetzte. Ich hatte in meinem Hag einen Stab eingepflanzt und daran einen Büschel Pandanusblätter, das Zeichen des Eigentums, gebunden. […]
Unsere Matrosen erhielten an einem Sonntage Urlaub, sich am Lande zu ergehen, und unternahmen eine Wanderung um den Umkreis der Insel. Sie entdeckten meinen Trockenplatz, zerstörten von Grund aus meine mühsam zusammen gebrachte Sammlung und suchten mich dann gutmütig auf, mir Kunde von ihrer Entdeckung und Bruchstücke von meinen zerschlagenen Korallen zu geben. Ich habe doch noch eine hübsche Sammlung von den Madreporen von Radack zusammengebracht und sie, die eine große Kiste füllte, dem Berliner Museum geschenkt.
(ChamW III, Reise I, 168 f.)11


Es ist bemerkenswert, wie dem Rezipienten das Gefühl von Leichtigkeit und Abenteuer beim Lesen vermitteln wird, obwohl komplexe wissenschaftliche

Seite 195

Inhalte gestreift beziehungsweise transportiert werden. In diesem kurzen Textabschnitt stecken Informationen über Vorkommen, Umfang und der mühseligen Sammlung der verschiedenen Korallenarten (Madreporen sind Steinkorallen), über deren lebendigen und konservierten (in diesem Falle getrockneten) Zustand, über die Methode der Konservierung bei Korallen und Seeigeln (Trocknung in der Sonne, unangenehme Geruchsbildung) und über den Aufbau von Riffen und Becken. Des Weiteren erfährt man, dass der Strand aus Kalksand besteht und dass ein Stab mit einem „Büschel Pandanusblätter[n]“ als „Zeichen des Eigentums“ (Symbolgehalt) in dieser Region gilt. Die sprachliche Gestaltung, die durch metaphorische Wendungen und durch gezielte Wortwahl (z. B. stimmungsträchtige Adjektive) besticht, wird durch die anekdotenhafte Erzählform unterstrichen und führt in ihrer Gesamtheit zu einem Text, der spannungs- und emotionsreich rezipiert wird. Die subjektive Form des Erzählens und das Beschreiben lebensnaher Situationen ermöglichen dem Rezipienten eine innere Anteilnahme und ein identifizierendes Lesen. So kann man zum Beispiel in den Riffen und ihren Becken „in ruhigem Wasser des Bades genießen und dabei unter blühenden Korallengärten den Rätseln dieser Bildungen behaglich nachforschen und nachsinnen“ oder „in süßer Gewöhnung mit den Radackern lebend,“ die „Beschaffenheit ihrer neptunischen Wohnsitze studierte[n]“, um zur „besseren Kenntnis der Korallenriffe und Inseln“ zu gelangen. Ein rein wissenschaftliches Arbeiten würde wohl nichts mit einem genussvollen Bad in „ruhigem Wasser“ gleich haben, noch würde der Wissenschaftler über „blühende Korallengärten“ sprechen, denn Korallen sind Polypenkolonien, also Hohltiere. Sie können nicht „blühen“ und dementsprechend keine „Gärten“ bilden. Es gäbe eine klare Analyse über Vorkommen und Lebensraum (Ort) der „neptunischen Wohnsitze“, über Morphologie und Physiologie der Arten und deren ökologische Bedeutung, über die man nicht „nachsinnen“, sondern sie bestimmen würde. Es wäre auch nicht wichtig, in welchem Behältnis die Korallen an Bord (im „leeren Hühnerkasten“) untergebracht sind, noch ob die letztlich erstellte Gesamtaufnahme eine „hübsche Sammlung“ ist.


Die folgenden Textabschnitte sind dem Kapitel „Von Radack nach

Seite 196

Unalaschka.“12 aus Reise um die Welt (Erster Teil) entnommen:

Wir hatten am 3. April Windstille. Ein schwimmender Kopf – ein Fisch, Tetrodon Mola L., der aber kein Tetrodon ist –, der unbeweglich auf der Oberfläche des Wassers zu ruhen schien, wurde von einem ausgesetzten Boote harpuniert und versorgte uns und die ganze Mannschaft auf mehrere Tage mit einer sehr köstlichen frischen Speise. Das Fleisch desselben ist fest und an Geschmack sehr ähnlich dem Krebse. Wir hatten zur Vorsicht wegen der zweideutigen Verwandtschaft dieses Fisches mit giftig geglaubten Tetrodon-Arten, die Leber und das Eingeweide einem Schweine vorgeworfen. Zahlreiche Walfische spielten um das Schiff. Wo sie Wasser spritzen, bleibt von dem ausgeworfenen Thran eine glatte Spiegelfläche auf dem Wasser. […]
Am 5. morgens ward ein zweiter schwimmender Kopf harpuniert. Das ganze Fleisch, Knorpel und Haut war ausnehmend stark phosphoreszierend; ich konnte noch nach einigen Tagen bei dunkler Nacht im Scheine des Maxillarknochens, den ich aufbewahrt hatte, die Zeit an der Uhr erkennen. (ChamW III, Reise I, 192 f.)13



Anhand dieser Textpassage lässt sich detailliert veranschaulichen, wie es Chamisso gelingt, den auffallend häufig hergestellten Zusammenhang zwischen Naturwissenschaft und praxisnaher Lebenswelt – hier der Alltag an Bord des Expeditionsschiffes – aufzuzeigen. Der auf dem Wasser schwimmende Kopf eines Fisches ist Anlass, eine taxonomische Zuordnung vorzunehmen. Diese wiederum ist notwendig, um ausschließen zu können, dass der als Nahrung für die Schiffsmannschaft dienende Fisch giftig ist. Für die wissenschaftliche Erkenntnis und Einordnung unnötig, für die Lebensführung aber nützlich und bereichernd sind Informationen zu Konsistenz und Geschmack („ähnlich dem Krebse“) der „sehr köstlichen frischen Speise“, also des zubereiteten (Fisch-) Mahls. Um das Problem der ungeklärten Artenzugehörigkeit zu lösen, bedient man sich nicht etwa einer morphologischen Bestimmung, nein, „die Leber“ und „das Eingeweide“ des möglicherweise für die Mannschaft giftigen Fisches wird „einem Schweine vorgeworfen“, das im Übrigen als lebender und damit nicht verderblicher Reiseproviant auf dem Schiffe mitreist. Auch auf die Wortwahl sei hier noch einmal verwiesen. Die Walfische, deren „ausgeworfene[r] Thran“ eine „Spiegelfläche auf dem Wasser“ hinterlässt, „spielten“ (nicht folgten oder schwammen) um das Schiff. Sehr stimmungsvoll und lebensnah wirkt die Beschreibung der Phosphoreszenz, die ihn übrigens bei vielen verschiedenen Organismen sehr beeindruckt haben muss: Noch „bei dunkler Nacht im Scheine des Maxillarknochens, den [er] aufbewahrt hatte, [konnte er] die Zeit an der

Seite 197

Uhr erkennen“.



Im selben Kapitel wird auch über die Inhalte bestimmter Kisten (siehe 1. Einführung) berichtet:

Ein paar große Kisten Vogelbälge wurden zu Unalaschka gepackt. – Wann überhaupt während des Verlaufes der Reise meine Koje sich mit Gesammeltem überfüllte, ließ der Kapitän Kisten machen, die er wohlgepackt, vernagelt und verpicht in Verwahrung nahm.
Von den erfahrensten Aleuten ließ ich mir die Walfischmodelle verfertigen und erläutern, die ich in dem Berliner Museum niedergelegt und in den »Verhandlungen der Akademie der Naturforscher«, 1824, T. XII, P. I., abgebildet, beschrieben und abgehandelt habe. Für diesen Teil der Zoologie ist jede Nachricht schätzbar. Nach unserer Rückkunft auf Unalaschka ward in unserer Nähe ein Walfisch von der Art Aliomoch von den Aleuten zerlegt. Das unappetitliche Werk wird so emsig von vielem Volke betrieben, dass der Naturforscher sich einzumischen keinen Beruf fühlt. Wir haben den Schädel des Tieres nach Sankt Petersburg gebracht. (ChamW III, Reise I, 199)


Zu den zoologischen Objekten in den Kisten, die an das Zoologische Museum Berlin gesendet und deren Bestand 1818 schriftlich erfasst wurde, gehörten, außer den von den Aleuten geschnitzten Walmodellen, unter anderem: Vögel (gebalgt), Käfer (getrocknet), Quallen (getrocknet), Korallen (Skelette), Seeigel (getrocknet), Salpen (in Alkohol), Fische und Krebstiere (in Alkohol), Echsen, Schildkrötenpanzer, Menschenschädel, Schädel anderer Säuger wie Delphine, Grizzlybär, Seelöwe, Seeelefant, Seekuh, ein Stück Walhaut mit zwei Arten von Seepocken (in Alkohol), Schlangen (in Alkohol) und einen Affen (in Alkohol).


Über eine ungewöhnliche Art der Konservierung wird im folgenden Abschnitt über Amphibien bei den Aleuten berichtet. Als kleine unterhaltsame Geschichte angelegt, soll dieser Ausschnitt noch einmal erhellen, wie biologisches Wissen bei Chamisso poetisiert transportiert wird:


Auf den Aleutischen Inseln kommen keine Amphibien vor, und die Naturgeschichte von Unalaschka weiß von keinem Frosche. Nichtsdestoweniger kam einmal in dem chinesischen Zuckersirup, welcher daselbst verbraucht wird, ein wohlerhaltener, großer Frosch zum Vorschein. Es war schon viele Jahre her, aber man sprach noch davon, und ob es ein kleiner Mensch gewesen, so ein Wilder14, ein junger Waldteufel, oder sonst eine Kreatur, darüber war man noch uneinig.
(ChamW III, Reise I, 200)

Seite 198

4. Fazit

Erkennen, Beschreiben, Produzieren, Aneignen und Transportieren von Wissen sind in den Reistagebüchern Chamissos wiederkehrend in einen lebensnahen Bezug gebracht und in eine schöngeistig, kunstvoll fließende Sprache getaucht. Der transdisziplinäre Charakter im Denken und Schreiben Chamissos zeigt sich in der Verknüpfung von Wissen und deren Räumen verbunden mit der Art und Weise, wie dieses Wissen in eine literarische bzw. poetische Form transferiert wird. Hierbei werden verschiedene Wissensräume, die Wissen hierarchisch verorten, Strukturprinzipien folgen und systemisch angelegt sind, für jedermann leichter und lebensnaher eröffnet und damit beschreitbar gemacht.

Wenzel (in Böhme (Hg.) 2005, 218 f.) schreibt zu Raum der Welterfahrung und seine literarische Prägung, dass die „Konstruktion von imaginativen Räumen und die wissenschaftliche Weltbeschreibung“ auf vielfältige Weise miteinander „verschränkt und wechselseitig aufeinander bezogen“ sind. Weiter heißt es: „Reisebeschreibung und Roman, Komödien und Tragödien entwerfen Räume der zeichenhaften Repräsentation der Welt, in denen Phantasie und Erfahrung die verschiedensten Mischungen, Überlagerungen und Rückkopplungen eingehen.“

Das Organische im Poetischen bei Adelbert von Chamisso – fokussiert auf Ausschnitte der zoologischen Studien – stellt eine von mir aufgezeigte Möglichkeit dar, wie das Raumparadigma methodisch in der Literaturwissenschaft fruchtbar Anwendung finden kann.


Abschließend soll mit Bezugnahme auf den Titel des Tagungsbeitrags eine letzte Passage aus dem Reisetagebuch Chamissos wirken:


[Über das Meeresleuchten]
Ich werde zu den Schönheiten dieses Himmels ein Schauspiel rechnen, welches man wenigstens in der wärmeren Zone, wo man mehr im Freien lebt, unausgesetzter zu betrachten aufgefordert wird und welches sich auch da in reicherer Pracht zu entfalten pflegt. Ich meine das Leuchten des Meeres. Dieses Phänomen verliert nie seinen anziehenden Reiz, und nach dreijähriger Fahrt blickt man in die leuchtende Furche des Kieles mit gleicher Lust wie am ersten Tage. Das gewöhnliche Meerleuchten, wie von Alexander von Humboldt (»Reise«, Band I) und von mir beobachtet, rührt bekanntlich von Punkten her, die im Wasser erst durch Anstoß oder Erschütterung leuchtend werden und aus

Seite 199

organischen, unbelebten Stoffen zu bestehen scheinen. Das Schiff, das die Flut durchfurcht, entzündet um sich her unter dem Wasser diesen Lichtstaub, der sonst die Wellen nur dann zu erhellen pflegt, wenn sie sich schäumend überschlagen. Außer diesem Lichtschauspiele hatten wir hier noch ein anderes. Es schien im Wasser gleichsam von einem sich in einiger Tiefe entzündenden Lichte zu blitzen, und dieser Schein hatte manchmal einige Dauer. Es schien uns dieses Leuchten von Tieren (Quallen) herzurühren, bei denen eine organische Lichtentwickelung sich annehmen lässt. (ChamW III, Reise I, 42)




Bibliographie

Böhme, Hartmut (Hg.) (2005): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart und Weimar.

Cassirer, Ernst (1931): „Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum“ (Vortrag auf dem Vierten Kongress für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, Hamburg 1930). In: Dünne, Jörg/Günzel Stephan (Hg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt a. M., 485-499.

Chamisso, Adelbert von (1821): „Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungs-Reise in den Jahren 1815-1818 unter dem Befehle des Lieutenants von Kotzebue“. In: Kotzebue, Otto von: Entdeckungs-Reise in die Süd-See und nach der Berings-Straße zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt auf Kosten Sr. Erlaucht des Herrn Reichs-Kanzlers Grafen Rumanzoff auf dem Schiffe Rurik. 3 Bd. Weimar.

Chamisso, Adelbert von [1836]: „Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition in den Jahren 1815-1818 auf der Brigg Rurik, Kapitän Otto v. Kotzebue“. In: Chamissos gesammelte Werke. Neu durchgesehene und vermehrte Ausgabe in vier Bänden. Mit biographischer Einleitung hrsg. von Max Koch. Stuttgart: Cotta, o. J. (= ChamW)

Dünne, Jörg/Günzel Stephan (Hg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt a. M.

Döring, Jörg/Thielmann, Tristan (Hg.) (2008): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld.

Eybl, Franz M.: „Typotopographie. Stelle und Stellvertretung in Buch, Bibliothek und Gelertenrepublik“. In: Böhme, Hartmut (Hg.)(2005): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart/Weimar, 224-243.

Günzel, Stephan (2007): „Raum - Topographie - Topologie“. In: Stephan Günzel (Hg.): Topologie. Bielfeld, 13-29.

Günzel, Stephan (Hg.) (2009): Raumwissenschaften. Frankfurt a. M.

Krajewski, Markus (2002): Zettelwirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek. Berlin.

Lotman, Jurij M. (1990): „Über die Semiosphäre“. In: Zeitschrift für Semiotik. Band 12, Heft 4, 287-305.

Maresch, Rudolf/Werber, Niels (Hg.) (2002): Raum – Wissen – Macht. Frankfurt a. M.

Rheinberger, Hans-Jörg/Hagner, Michael/Wahrig-Schmidt, Bettina (Hg.) (1997): Räume des Wissens – Repräsentation, Codierung, Spur. Berlin.

Wenzel, Horst: „Räume der Literatur. Einleitung“. In: Böhme, Hartmut (Hg.)(2005): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart/Weimar, 215-223.

Dünne, Jörg (2004): Forschungsüberblick „Raumtheorie“ (November 2004).URL: http://www.raumtheorie.lmu.de/Forschungsbericht4.pdf Stand: Dezember 2008.



Anmerkungen


1 ChamW = Chamisso, Adelbert von [1836]: „Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition in den Jahren 1815-1818 auf der Brigg Rurik, Kapitän Otto v. Kotzebue“. In: Chamissos gesammelte Werke. Neu durchgesehene und vermehrte Ausgabe in vier Bänden. Mit biographischer Einleitung hrsg. von Max Koch. Stuttgart: Cotta, o. J. Die ausführlichen Anmerkungen Chamissos sind hier in Klammern durch die Verfasserin gekürzt worden.

2 Vgl. hierzu vor allem Günzel (Hg., 2009) und Döring/Thielmann (Hg., 2008), aber auch Dünne/Günzel (Hg., 2006 ) und Maresch/Werber (Hg., 2002).

3 Es handelt sich um die vom russischen Grafen Romanzoff finanzierte Rurik-Expedition, die das offizielle Ziel hatte, eine Durchfahrt der Nord-West-Passage zu finden. Rurik ist der Name des Schiffes, benannt nach dem Warägerfürsten Rurik, der der Chronik nach das Reich der Rus um Kiew gründete (Namensübertrag zum späteren Russland).

4 In den Werkausgaben ist oft die Einteilung in Reise um die Welt, Erster Teil und Reise um die Welt, Zweiter Teil zu finden. Beim zweiten Teil handelt es sich jedoch um die früher entstandene Aufzeichnung Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungs-Reise in den Jahren 1815-1818 unter dem Befehle des Lieutenants von Kotzebue, die im Reisebericht des Kapitäns Kotzebue (1821) publiziert und später überarbeitet wurde. Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition in den Jahren 1815-1818 auf der Brigg Rurik, Kapitän Otto v. Kotzebue (Teil 1) entsteht erst 1836 als eigenständiger Text, der häufig ohne die Bemerkungen und Ansichten herausgegeben wird.

5 Zur Konstituierung und Produktion von Räumen vgl. auch den Forschungsüberblick von Dünne (2004).

6 Der Begriff des Wissensraumes wird – anders als hier – durchaus auch konkret gefasst, insofern physisch erfahrbare Räumlichkeiten die Ordnung und Aufbewahrung von Wissensbeständen ermöglichen (Bibliotheken, Archive etc.). Zu Wissensarchitekturen und Wissensräumen forscht das Historisch-Kulturwissenschaftliche Forschungszentrum Mainz/Trier (HKFZ). Vgl. auch Rheinberger/Hagner/Wahrig-Schmidt (1997) und Krajewski (2002).

7 Chamisso beherrschte u. a. das Französische, Deutsche, Englische, Russische, Lateinische, Griechische. Während seiner Weltreise bemühte er sich die Sprachen und Dialekte der unterschiedlichen Völkergruppen (z.B. Marianneninseln, Carolineninseln, Radack) zu erlernen und für die Besatzung zu übersetzen. In den Tagebüchern finden sich hierzu Vokabellisten und Schemata. Als erster beschrieb er die hawaiianische Sprache und entwickelte hierzu eine Grammatik.

8 Zum Begriff der „Semiosphäre“ siehe Lotman (1990).

9 Zumindest einigen Biologen ist Chamisso im Zusammenhang mit der Entdeckung des Generationswechsels an den Salpen (marine Manteltiere) bekannt.

10 Hana-ruru, auch Hanaruru, ist die sprachlich ältere Form von Honolulu auf Hawaii.

11 Herv. v. Verf.

12 Radack ist die Schreibweise für die Ratakinseln in Australien, Unalaschka meint die Insel Unalaska.

13 Herv. v. Verf.

14 Das satirische Element dieser kleinen Anekdote kommt besonders vor dem Hintergrund, dass Chamisso die Bezeichnung „Wilde“ vehement ablehnt, zur Geltung. Er schreibt an anderer Stelle: „Ich ergreife diese Gelegenheit, auch hier gegen die Benennung ‚Wilde’ in ihrer Anwendung auf die Südsee-Insulaner feierlichen Protest einzulegen. Ich verbinde gern, soviel ich kann, bestimmte Begriffe mit den Wörtern, die ich gebrauche.“ (ChamW, Reise I, 81).

Kontakt

PD Dr. Albrecht Buschmann (V.i.S.d.P)

Universität Potsdam
Institut für Romanistik

Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam

externer link PD Dr. Albrecht Buschmann

Horacio Castellanos Moya, fotografiert von Moramay Herrera Kuri (Mexiko)