DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-transitional.dtd "> Dynamisierte Räume - Doktorandenworkshop am Institut für Romanistik

 

„Aucune contrée ne me plaît – voilà le voyageur que je suis.”:

Raum und Literatur in den Reisetagebüchern von André Gide und Henri Michaux

Anne Kraume

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1. Aufbruch



21 juillet – Troisième jour de traversée. Indicible langueur. Heures sans contenu ni contour. Après deux mauvais jours, le ciel bleuit; la mer se calme, l’air tiédit. Un vol d’hirondelles suit le navire. [...] Compagnons de traversée: administrateurs et commerçants. Je crois bien que nous sommes les seuls à voyager pour „le plaisir“. – Qu’est-ce que vous allez chercher là-bas? – J’attends d’être là pour le savoir. (Gide 1995: 13)

 Keine lange Vorrede, keine Umschweife, und vor allem: keine umständlichen Reisevorbereitungen! Wir schreiben das Jahr 1926 und sind unterwegs nach Dakar, der Hauptstadt von Französisch-Westafrika, wo unsere einjährige Reise durch die französischen Kolonien in Äquatorialafrika beginnen soll. Wir – das heißt der Schriftsteller André Gide in Begleitung seines Freundes, des jungen Filmemachers Marc Allégret. Unterwegs – das heißt mitten auf dem Meer. Hinter uns – liegt ein abgeschlossenes Romanprojekt, vor uns – die Erfüllung eines Jugendtraumes. In unserem Gepäck – Botanisiertrommel, Filmrollen und Kameras, jede Menge Bücher, Proviant. Und nicht zuletzt: unser Tagebuch, denn wir wollen notieren, was uns unterwegs begegnet. Keine lange Vorrede - wir sind schon unterwegs...

Mit der Passage von der Überfahrt nach Dakar beginnt André Gides Reisetagebuch Voyage au Congo (1927), und der Autor kommt in dieser Passage sofort zum Punkt: Die Reise in den Kongo findet allein um ihrer selbst willen statt, sie hat kein vorab definiertes Ziel und ist durch kein besonderes Erkenntnisinteresse und keinen Auftrag motiviert. André Gide reist allein „pour le plaisir“, und mit der „langueur“, der Sehnsucht oder auch: der Mattigkeit, mit

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der das Tagebuch seinen Anfang nimmt, stellt er dieser Lust am Reisen einen zweiten Schlüsselbegriff zur Seite, der bezeichnend dafür ist, wie sich zum einen die Reise selbst, zum anderen aber auch das Tagebuch von dieser Reise entwickeln wird.

In seinem Buch über den französischen Reisebericht im 19. Jahrhundert geht Friedrich Wolfzettel davon aus, dass sich die Gattung der Reiseliteratur im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer mehr von den Prämissen von Wissenschaftlichkeit, von Erkenntnis und Aufklärung entfernt, unter denen im 18. Jahrhundert ihr Aufschwung begonnen hatte, und dass sich das Interesse der Autoren wie der Leser dabei „allmählich vom Gesehenen und Berichtenswerten zum Sehen und Berichten selbst“ verschiebt (Wolfzettel 1986: 10). Mit André Gides Kongoreise (vielmehr mit seinem Tagebuch über diese Kongoreise) sind wir an einem vorläufigen Endpunkt dieser Entwicklung angelangt: Seine Versicherung, er reise nur zum Vergnügen, und er müsse erst einmal im Kongo angekommen sein, um herausfinden zu können, was er dort eigentlich wolle, fasst den Gedanken von der fortschreitenden Individualisierung und Literarisierung des Schreibens über die Reise exemplarisch zusammen. Und auch Wolfzettels Annahme von einer grundsätzlichen Parallelität von écriture und voyage 1 lässt sich am Beispiel von André Gide nachvollziehen, bei dem nicht nur das Tagebuch von der Reise, sondern auch die Reise selbst unvermittelt, plötzlich und ohne große Einleitung beginnt: „Je me suis précipité dans ce voyage comme Curtius dans le gouffre.“ (Gide 1995: 14)

 Im Folgenden möchte ich vor diesem Hintergrund die Frage nach der Beziehung zwischen Reise und Literatur aufwerfen, wie sie sich in den Reisetagebüchern nicht allein von André Gide, sondern auch in denjenigen von Gides Zeitgenossen Henri Michaux abzeichnet. Michaux, der eine Generation jünger ist als Gide, begibt sich ein halbes Jahr nach dessen Rückkehr aus dem Kongo auf eine ebenfalls einjährige Reise nach Ecuador; auch er führt auf seiner Reise ein Tagebuch, und auch dieses Tagebuch beginnt in dem Zwischenraum der Schiffspassage: schon unterwegs, aber noch nicht am Ziel. Wie Gides Aufzeichnungen aus dem Kongo sind auch Michaux’ Berichte aus Ecuador stark subjektiv gefärbt und dabei scheinbar absichtslos; mehr noch als im Falle von

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Gide liegt diesen Berichten aber eben doch eine Absicht zugrunde, und zwar eine eindeutig literarische. Beide Schriftsteller suchen auf ihren Reisen ausdrücklich das Fremde, das Nichteuropäische, das Andere, das Unbekannte; beide Reisen sind insofern in gewisser Weise dem Impuls „weg von Paris“ geschuldet, und beide Tagebücher zeugen sowohl inhaltlich als auch formal von dieser Suche nach Inspiration und Individualisierung mit den Mitteln der Entfremdung und Entwurzelung. Dennoch – in vielerlei Hinsicht könnten sie sich nicht deutlicher voneinander unterscheiden, und vor allem um diese Unterschiede zwischen Gide und Michaux soll es heute gehen. Dabei steht das Reisetagebuch als Gattung im Zentrum meines Interesses: Beeinflusst die Dynamik der Reise die Dynamik des Schreibens über die Reise? Findet die Bewegung im Raum eine Antwort in einer gewissen Beweglichkeit auch des Textraumes? Und inwiefern reflektiert das Reisetagebuch diese doppelte Prozessualität von Reisen und Schreiben?


2. Die Wahlverwandtschaften im Kongo


André Gide ist zeit seines Lebens viel gereist, und auch sein Selbstverständnis als Schriftsteller gründet von Anfang an auf dem Gefühl der (bei ihm immer produktiv zu verstehenden) Entwurzelung, das sowohl Anlass als auch Folge dieser Reisen ist. So stellt er schon 1897 in einer Rezension zu Maurice Barrès’ Roman Les Déracinés dessen Plädoyer gegen die Entwurzelung in der Beweglichkeit und Flexibilität seine eigene These von deren Notwendigkeit und Nützlichkeit entgegen. In der berühmt gewordenen Eingangspassage dieser Rezension heißt es gewollt autobiographisch: „Né à Paris, d’un père Uzétien et d’une mère normande, où voulez-vous, Monsieur Barrès, que je m’enracine? J’ai donc pris le parti de voyager.“ (Gide 1933: 437) Gides Bekenntnis zum Reisen steht dabei stets in einem engen Zusammenhang mit seiner in immer wieder neuen Varianten formulierten Frage nach dem Individualismus, den er als das Kennzeichen des europäischen Geistes schlechthin verstanden wissen will – die Entwurzelung durch die Reise stellt für ihn eine der wesentlichen Bedingungen für die volle Entfaltung des Individuums dar.

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Im Kongo ist es vor allem das Erlebnis des Kontrasts zwischen Afrika und Europa, das ihm die Suche nach einer Antwort auf diese Frage als besonders dringlich erscheinen lässt. Der Kongo ist das Andere Europas schlechthin und unterscheidet sich darin wesentlich von dem von Gide immer wieder emphatisch bereisten Maghreb, der bei aller Differenz doch immer noch direkter im europäischen Einflussbereich angesiedelt war. Diese Alterität des Kongos wird immer dann besonders deutlich, wenn Gide bei den Naturbeschreibungen in seinem Reisetagebuch von europäischen Vergleichspunkten ausgeht und dabei jedes Mal enttäuscht zu sein scheint, wenn ihm in Afrika etwas begegnet, das doch noch Ähnlichkeit mit Europa hat und das deshalb nicht fremd genug ist.2 So sucht André Gide im Kongo zwar die Entwurzelung und die durch diese Entwurzelung bewirkte Distanz zum Vertrauten und Eigenen – aber dennoch bleibt Europa für ihn die Referenz, und das nicht nur, wenn es um Naturbeschreibungen geht.

Denn bei aller Entfremdung: Gide reist innerhalb des französischen Kolonialsystems und als Vertreter desselben. Der europäische Kolonialismus, wie er sich ihm unterwegs darstellt, ist für ihn zwar Anlass, nach seiner Rückkehr nach Europa seine Stimme gegen die Ausbeutung Afrikas durch die großen europäischen Handelsgesellschaften zu erheben – aber dennoch zieht er dabei nicht das System als solches in Zweifel, sondern allenfalls das, was er als dessen Pervertierung empfindet. (Durosay 1993: 47) Jenseits dieses politischen Engagements, das darüber hinaus erst nach Abschluss der Reise wirklich zu greifen beginnt, sind es unterwegs insbesondere kulturelle Fragen, die den Reisenden umtreiben. So sieht sich der Europäer Gide angesichts der unermesslichen Weite der afrikanischen Landschaft mit dem Problem konfrontiert, wie dieser vermeintlichen Unstrukturiertheit begegnet und vor allem, wie sie angemessen beschrieben werden kann.


L’absence d’individualité, d’individualisation, l’impossibilité d’arriver à une différenciation, qui m’assombrissaient tant au début de mon voyage […], c’est ce dont on souffre également dans le paysage. A Bosoum, où l’on domine le pays, je me tiens sur cette esplanade de la latérite rouge-ocreux, contemplant l’admirable qualité de la lumière épandue. La contrée est mouvementée, larges plis de terrain, etc., – mais pourquoi chercherais-je à atteindre ce point plutôt que tout autre? Tout est uniforme – pas un site, pas une prédilection possible. Je suis resté tout le jour d’hier sans aucun désir de bouger. D’un bout à l’autre de l’horizon, et où que mon regard puisse porter, il n’est pas un point particulier, et où je me sente désir d’aller.

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[…] Cette notion de la différenciation, que j’acquiers ici, d’où dépend à la fois l’exquis et le rare, est si importante qu’elle me paraît le principal enseignement à remporter de ce pays. (Gide 1995: 277f)


Bezeichnend ist an dieser Stelle das lakonische „etc.“, mit dem Gide die Beschreibung der Landschaft gerade in dem Augenblick abbricht, in dem sie hätte interessant werden können: Eine Gegend, von der es immerhin heißt, sie sei „mouvementée“, kann eigentlich so eintönig nicht sein, wie Gide das hier suggeriert. Dennoch beschwört er in seinem Tagebuch immer wieder die Gleichförmigkeit, die Monotonie, die fehlende Differenziertheit der Landschaft, der Dörfer und vor allem auch der Menschen, die ihm begegnen, und er notiert nach einem halben Jahr unterwegs in seinem Tagebuch, er werde in Zukunft seine Einträge nicht mehr datieren, weil die Tage ohnehin alle gleich vergingen. (Gide 1995: 307) Damit ergänzt und steigert er die zuvor schon festgestellte Uniformität des Raumes noch durch die Unstrukturiertheit der Zeit: Gides sehr europäische Vorstellung von einer Entwicklung oder einem Fortschritt ist mit diesem Zeiterleben unvereinbar – der Kongo ist für ihn geprägt von einer ruhigen Stagnation, die er immer wieder mit Befremden kommentiert.

Vor diesem Hintergrund lässt sich nun auch eine Eigenheit seiner Aufzeichnungen erklären, die seit der Veröffentlichung der Reisetagebücher immer wieder für leichte Irritation gesorgt hat – die Tatsache nämlich, dass der Reisende den Kongo versunken in die großen Werke der europäischen Literatur durchquert, und dass seine Notizen von unterwegs sich keineswegs allein der afrikanischen Wirklichkeit widmen, sondern dass er die Beschreibungen dieser Wirklichkeit immer wieder durch ausführliche Kommentare zu seiner Goethe-, Racine- oder Shakespeare-Lektüre unterbricht.3 Das Befremden über die tags in der Sänfte gelesenen und abends im Zelt kommentierten Wahlverwandtschaften lässt sich aber auflösen, wenn man Gides Lektüregewohnheiten vor dem Hintergrund seiner beständigen Auseinandersetzung mit dem Gegensatz von Differenziertheit und Unförmigkeit, von individueller Unterscheidbarkeit und monotoner Eintönigkeit betrachtet. Dann sind die Wahlverwandtschaften nämlich nicht nur Teil eines europäischen Literatur- oder Kulturkanons, der dem Reisenden die Widrigkeiten der afrikanischen Realität leichter erträglich machen soll; sondern dann sind sie sehr viel präziser als ein Mittel zur persönlichen Individualisierung des Europäers in der undifferenzierten und dezentrierenden

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afrikanischen Monotonie beschreibbar. „Als Medium seiner Subjektivität hält der europäische Reisende der übermächtig erscheinenden afrikanischen Wildnis die abendländischen Bildungsgüter entgegen“, so interpretiert Peter Ihring (1996: 27) diesen Mechanismus. Hinter Gides Geste steht aber tatsächlich mehr als nur das: In Afrika ist es nicht allein die persönliche Subjektivität des Reisenden, die zunächst durch die fehlende Differenzierung in Frage gestellt und dann durch die Lektüre wiederhergestellt wird – sondern es geht dabei vor allem auch um das Selbstbewusstsein dieses Reisenden als europäischer Schriftsteller und Intellektueller. Gides Lektüre der europäischen Klassiker (die er in dem Maße intensiviert, in dem er tiefer in den Kongo eindringt) muss deshalb als der Versuch verstanden werden, die angesichts der angeblichen Uniformität der afrikanischen Landschaft befürchtete Dezentrierung durch die Formulierung einer dezidiert subjektiven, europäisch-intellektuellen Position zu verhindern.



3. Patinage à roulettes sur l’océan solide


Am 7. Mai 1937 notiert André Gide in seinem Tagebuch:

Qu’est-ce qui me prend ce matin? Cette brusque envie d’écrire quoi que ce soit dans ce carnet… Simplement la nuit a été un peu meilleure. Les nuits précédentes, atroces. Je voudrais filer chez les Nègres; trouver un lieu où pouvoir sourire en liberté. […] Hier soir je me suis éperdument baladé de Clichy à Pigalle, puis de Pigalle à Clichy, ne me décidant pas à dîner avant 9 heures; puis repartant, à la poursuite de l’aventure, du plaisir, de la surprise et ne trouvant que du morne, du banal et du laid. (Gide 1997: 554)

Mehr als zehn Jahre nach der Rückkehr aus dem Kongo ist diese Stelle nicht allein wegen Gides Stoßseufzer erwähnenswert, er wolle zu „den Negern“ fahren, um den Erschöpfungszuständen und der daraus resultierenden Tristesse seines Pariser Alltags (und also auch: der europäischen Zivilisation!) zu entkommen. Interessant ist vielmehr insbesondere der Kontext, in dem die Passage steht: Nicht umsonst benutzt Gide bei der Beschreibung seines abendlichen Spaziergangs in Paris das Wort „plaisir“, das er schon als Leitbegriff für seine Kongoreise verwendet hatte, und zeigt sich enttäuscht darüber, dass seine Pariser Expedition endet, ohne dass er diese Lust gefunden

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hätte. Dennoch wird seine Frustration unmittelbar im Anschluss ein wenig kompensiert: Wie schon in der Wildnis des Kongo ist es auch im Dickicht der Stadt die Lektüre, mittels derer sich Gide dann doch zu behaupten weiß: „Ich hatte [auf dem Spaziergang nämlich] Ecuador mitgenommen...“, schreibt er, um dem Ganzen dann doch noch eine positive Wendung zu geben – und bezieht sich damit natürlich auf das Journal de voyage von Henri Michaux, das 1929 und also kurz nach seinen eigenen Carnets de route aus dem Kongo erschienen war.

Schon im Paratext seiner Reisetagebücher gibt sich André Gide als der kenntnisreiche Leser der kanonischen Werke der europäischen Literatur zu erkennen, als der er später im Text auftreten wird. So widmet er sein Buch von der Reise „ins Herz der Finsternis“ dem literarischen Pionier im Kongo, Joseph Conrad, und stellt ihm eine Sentenz von John Keats voran: „Better be imprudent moveables than prudent fixtures“. Der paratextuelle Ausblick auf das Reisetagebuch bei Henri Michaux lässt dagegen schon ahnen, dass wir es hier mit einem Reisenden zu tun bekommen, dessen Interessen grundsätzlich anderer Art sind: „Un homme qui ne sait ni voyager ni tenir un journal a composé ce journal de voyage. Mais, au moment de signer, tout à coup pris de peur, il se jette la première pierre. Voilà.“ (Michaux 1968), heißt es in seinem knappen Vorwort. Die Fragen, die Henri Michaux damit implizit aufwirft – wie reist man „richtig“ und wie kann man darüber schreiben? –, sind in der Folge tatsächlich die Leitlinien, an denen sich seine écriture ausrichtet.

Im Vergleich zu Gides Reisenotizen fällt bei denjenigen von Michaux vor allem ihr fragmentarischer Charakter auf: Auch wenn seine Aufzeichnungen ebenso wie die von Gide der Struktur und der Chronologie der Reise folgen und ihnen insofern zumindest eine gewisse Prozessualität zugrunde liegt, gibt es hier keinerlei Fortschritt im Sinne einer „Lehre“, die am Ende der Reise stehen könnte, wie bei Gide seine Vorstellung vom europäischen Individualismus. Michaux’ Tagebuch-Einträge sind weniger diszipliniert und finden weniger regelmäßig statt, und sie sind darüber hinaus auch weit weniger ausführlich und deskriptiv als diejenigen von Gide. Immer wieder wird die Erzählung von der Reise „unterbrochen“ von Gedichten, die zwar bisweilen auch durchaus narrativ strukturiert sein können, dabei aber dennoch eine ganz andere Wirkung

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entfalten als ein bloßer Augenzeugenbericht in Prosa es könnte. Henri Michaux’ Tagebuch begleitet zwar seine Reise, aber es entwickelt dabei keinerlei Kontinuität, weder stilistisch noch inhaltlich – Raymond Bellour (2007: 253) spricht sogar davon, der Konzeption des Buches liege eine „esthétique de la confusion“ zugrunde.

Allerdings ist diese vermeintliche Verwirrung einem bewussten literarischen Formwillen geschuldet, insofern sie sich mit der psychischen Konstitution des schreibenden Ichs in Beziehung setzen lässt, die Michaux immer wieder thematisiert: „Je suis né troué“ heißt eines der langen Gedichte, die er in seinen Reisebericht einschiebt, und mit den zentralen Begriffen „vide“, „trou“, „absent“, „silence“ und „manque“ wird darin eine Form der inneren Leere beschrieben, von der nur zu deutlich wird, dass sie das eigentliche Wesen des schreibenden Ichs ausmacht. Dadurch, dass das metaphorische Loch in dessen Brust einzig vom Wind der ecuadorianischen Anden gefüllt wird, wird eine Verbindung zwischen dem Raum der Geographie und dem der Psyche hergestellt: Beide sind gleichermaßen auf der Reise zu erschließen, und damit nicht zuletzt auch im Textraum des Schreibens über diese Reise. Auf diese Weise gerät in Ecuador der Raum insgesamt nachhaltig in Bewegung – und zwar der geographische ebenso wie der psychische und der literarische. Während der Autor so auf der Überfahrt von Amsterdam nach Lateinamerika in einem seiner Prosagedichte eine fantastische Vision von einem festen Ozean entwickelt, auf dem man auf Rollschuhen die Wellen entlang fahren kann, ist es nach seiner Ankunft in Ecuador das Massiv der Anden selbst, das er als bröckelig und beweglich beschreibt:

La terre de l’Equateur est friable. Il arrive qu’elle s’ébranle, cède, s’écroule. [...] Il faut avoir peur, disent les gens du pays, voyant approcher la pluie, car la pluie délite et effondre la montagne. Il arrive que plusieurs s’affaissent, et quand toute la saison a été pluvieuse, de tout le relief du pays il ne reste rien. (Michaux 1968: 50)

In Henri Michaux’ Tagebuch tritt auf diese Weise dessen rein dokumentarische Funktion immer mehr zurück hinter der Dynamik des Schreibens selbst, und das umso mehr, als Michaux ausdrücklich den ephimeren Charakter der Impressionen von unterwegs betont, wenn er etwa beschreibt, wie seine Erinnerung jeweils ältere Eindrücke zugunsten der neu

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gewonnenen zurückdränge (Michaux 1968: 68).

Stattdessen widmen sich seine beweglichen Notizen wiederholt verschiedenen Aspekten des Schreibens und der schriftstellerischen Existenz – der Frage beispielsweise, ob es nicht jämmerlich sei, allein über von außen empfangene Eindrücke zu schreiben; oder auch dem Problem, wie man als Schriftsteller einen Übergang von einem Gedanken zu einem anderen finden kann, ohne zuletzt etwas anderes zu sagen als ursprünglich beabsichtigt (Michaux 1968:41,73). Im Verlauf der Reise kommt er so zu dem Schluss, dank dieser Reise und vor allem dank des Tagebuchs von dieser Reise werde er innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahre auch einen Roman schreiben können: „Je commence grâce à ce journal à savoir ce qu’il y a dans une journée, dans une semaine, dans plusieurs mois.“ (Michaux 1968: 49)

Während das Schreiben für Henri Michaux im Verlauf seiner Reise in dem Maße zu deren eigentlichem Ziel wird, dass er sogar beginnt, sich ausdrücklich an seine künftigen Leser zu wenden oder sich selbst als „l’auteur“ zu apostrophieren (Michaux 1968: 78, 147), sieht sich die Reise selbst von Anfang an immer wieder grundsätzlich in Frage gestellt: Schon während der Überfahrt auf dem Atlantik unterbricht sich der Tagebuchschreiber immer wieder mit der Frage: „Mais où est-il donc, ce voyage?“, und nach seiner Ankunft in Lateinamerika beklagt er das Fehlen von jeglicher Exotik (Michaux 1968: 16f, 35). Damit nivelliert Michaux nicht nur die Unterschiede zwischen Europa und Lateinamerika, sondern er macht seine eigene Reise im Grunde gegenstandslos: Er, der für sich selbst die Haltung des „voyager contre“ in Anspruch nimmt (Michaux 1966: 15), – nämlich gegen die Heimat, gegen die Bindungen, gegen die griechische, römische oder germanische Kultur –, müsste sich angesichts dieser Entwicklung der Dinge eigentlich sehr viel deutlicher enttäuscht zeigen. Dass das nicht der Fall ist, ist wiederum der Rolle geschuldet, die das eigene Schreiben unterwegs für ihn bekommt. Während sich André Gide angesichts der von ihm im Kongo befürchteten Dezentrierung in die Solidität des abendländischen Bildungskanons und damit in die Rolle eines zumindest in Teilen passiven Rezipienten geflüchtet hatte, bezieht Henri Michaux bei seiner Reise gerade aus dem Verlust der Perspektive und der Orientierung seine schöpferische Legitimation. So notiert er zwar lakonisch das Scheitern der Reise

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im eigentlichen Sinne, wenn er feststellt, keine der besuchten Gegenden gefalle ihm; er reagiert darauf aber umgehend mit dem Wunsch, man möge doch ihn einmal eine Landschaft modellieren lassen – dann könnte man der Perfektion sicherlich näherkommen (Michaux 1968: 41).

Wenn man deshalb für Michaux’ Reisetagebuch konstatieren kann, dass das Scheitern der Reise zur Bedingung für das Schreiben von der Reise wird, dann ist dieses vermeintlich paradoxe Fazit auch der spezifischen Struktur des Reisetagebuchs geschuldet, das in seiner Ambivalenz zwischen thematischer Freiheit und struktureller Festlegung (auf das Voranschreiten der Reise) den Rahmen für die Entfaltung dieser kreativen Möglichkeiten darstellt. Henri Michaux’ literarisches Werk umfasst neben Ecuador noch eine ganze Reihe von Reiseberichten – so berichtet Un Barbare en Asie (1933) von einer Asienreise und Voyage en Grande Garabagne (1936) von Expeditionen in imaginäre Länder. Keiner dieser Reiseberichte weist jedoch die Freiheit und Offenheit des Tagebuchs von der vermeintlich gescheiterten Reise nach Ecuador auf, das am Anfang von Henri Michaux’ literarischem Schaffen steht.

In der Tagebuchnotiz über seine Michaux-Lektüre hebt André Gide kritisch hervor, dem Tagebuch aus Ecuador sei anzumerken, dass der Autor noch auf der Suche sei (Gide 1997: 554). Man könnte weniger kritisch auch sagen, er ist in Bewegung.


Bibliographie



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Anmerkungen


1 Vgl. Wolfzettel (1986). Wolfzettel bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Michel Butor, der von der „parenté entre voyage et écriture“ schreibt. Vgl. auch Butor (1972: 4).

2 Vgl. zum Beispiel „Forêt des plus monotones, et très peu exotique d’aspect. Elle ressemblerait à telle forêt italienne, celle d’Albano par exemple, ou de Némi, n’était parfois quelque arbre gigantesque, deux fois plus haut qu’aucun de nos arbres d’Europe, dont la cime s’étale loin au-dessus des autres arbres.“ Vgl. Gide (1937: 190-191).

3 Vgl. zum Beispiel „Ravissement à relire Cinna, dont je réapprends le début. Quelle prodigieuse précipitation de notre littérature vers l’artificiel! […] C’est le triomphe de l’art sur le naturel. Le plus abstrus sonnet de Mallarmé n’est pas plus difficile à comprendre que, pour le spectateur non prévenu, non apprivoisé par avance, l’enchevêtrement de cet amphigouri sublime. Sitôt après je relis Iphigénie.“ (Gide 1995: 312-313). Vgl. die zeitgenössischen Rezensionen in Le Dossier de presse de Voyage au Congo, und hier insbesondere den Artikel von Paul Souday aus Le Temps (19 avril 1928). Souday schreibt: „Pour se désennuyer, il lisait. […] Il y a plus de confort à Auteuil ou à Cuverville-en-Caux. Mais on conçoit que le milieu nègre fit valoir ses lectures par contraste.“ (in: Gide 1995: 242).

 

Kontakt

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