Jessica Gevers
Seit den 1980er Jahren werden lateinamerikanische Stimmen und
Perspektiven in Kanada verstärkt via kulturelle Produktionen
artikuliert und in verschiedenen (kanadischen) Öffentlichkeiten
wahrgenommen. Im folgenden Beitrag analysiere ich einen Film der
chilenisch-kanadischen Filmemacherin (und Schriftstellerin) Marilú
Mallet.
Mallet
kam nach dem chilenischen Militärputsch 1973 ins politische Exil nach
Montreal, wo seit Ende der 1970er Jahre ihre Filme und Kurzgeschichten
veröffentlicht wurden. Mallets Filme sind auf Französisch und haben
französische Untertitel wenn Spanisch oder Englisch gesprochen wird;
ihre Kurzgeschichten werden auf Französisch und Englisch
veröffentlicht. Mallet wählte Montreal als Zielort ihres politischen
Exils, um dort als Filmemacherin mit dem National Film Board (NFB)
(Office National du Film, ONF) zusammenzuarbeiten. 1980 gründete sie
die Filmproduktionsfirma Films de
l’Atalante, wo 1982 ihr viel
beachteter Film Journal Inachevé
erschien (55 min., 16 mm, Farbe),
ausgezeichnet mit dem ‘Prix de la critique québécoise’ und dem ‘Prix
spécial du jury’ des Filmfestivals in Biarritz 1983.
Im
Folgenden nehme ich die urbanen Räume und die räumlichen Praktiken im
Film in den Blick, wobei die Re-Formulierungen aus feministischer
Perspektive eine wichtige Rolle spielen. Zentral ist hierbei das
Aufbrechen (antagonistischer) binärer Konzepte, wie z.B. Heimat / Exil,
Dokumentarisch / Fiktional, Subjekt(iv) / Objekt(iv).
Seite 78
Die urbanen Räume in Mallets Film sind eng verwoben mit der Metropole
Montreal. Die Diskussion urbaner Räume geht aber über
Stadtdarstellungen hinaus, da Urbanität und Raum als verbundene
Kategorien den Blick auf Dynamiken eröffnen, die urbane Räume in der
Stadt erst produzieren. Für meine Analyse von Journal Inachevé sind
insbesondere die, in den Amerikas verschiedenen, Perspektiven auf die
Stadt von Bedeutung sowie die Theoretisierung der Stadt als Raum
intellektueller und künstlerischer Produktion.
Im Zuge der Konstruktion einer (nord-)amerikanischen (pastoralen)
Siedlergesellschaft, die patriarchal und heteronormativ als grundlegend
anglophon, weiß und
protestantisch imaginiert und (re-)produziert wurde
und wird, entstand die Dualität vom moralisch integren Land und der
sündigen Stadt. Diese anglo-amerikanische Dichotomie good country
versus sinful city (Lehan
1998; Edwards / Ivision 2005) ist aber in der
sogenannten littérature migrante
Montreals (Nepveu 1988) mehrfach
gebrochen.1 Bis Anfang der 1960er Jahre, in
denen die sogenannte
Révolution tranquille in
Québec die Gesellschaft tiefgreifend
kulturell, politisch und sozio-ökonomisch (Modernisierung,
Säkularisierung, Liberalisierung) veränderte, gab es diese Dichotomie
auch als franko-amerikanische / -kanadische, aber hier ging es nicht so
stark um den Gegensatz ländlich vs. urban, sondern um (armes)
frankophones, katholisches Land versus (reiche) anglophone,
protestantische Stadt. In dieses anglo-kanadische / québécois
Spannungsfeld schreiben sich heute die hispano-amerikanischen
kulturellen Produktionen wiederum mit einer eigenen bzw. anderen
Konzeptualisierung urbaner, städtischer Dynamiken ein.
In den 1980er Jahren werden die kulturellen Produktionen der Latinas
Seite 79
in
Kanada / (Nord-)Amerika u.a. im Kontext feministischer und
postkolonialer Theoriebildung produziert und rezipiert. Dabei ist die
Kritik an Normativität, im Hinblick auf race, class, gender und
sexuelle Orientierung, sowie an der Konzeptualisierung von
Subjektivität und Handlungsfähigkeit (agency)
der zentrale
epistemologische und empirische Ausgangspunkt. Die (feministische)
Latina-Kulturproduktion in
Kanada verändert, nach meiner Lesart, die
Wahrnehmungen und Repräsentationen räumlicher Dimensionen, sowohl in
als auch durch ihre Filme und Texte. Dichotomien im Sinne bipolarer
räumlicher Konstruktionen und räumlicher Grenzen werden aufgebrochen
und dynamisiert. Insbesondere in Montreal / Québec gibt es hierzu eine
intensive Diskussion migrantischer Stimmen und Perspektiven innerhalb
kultureller Produktionen.
Im
Folgenden diskutiere ich lateinamerikanische urbane Paradigmen, die mit
den Latina/o-MigrantInnen
nach Kanada gereist sind.
Dort wurden sie im
Rahmen der Dynamiken von Migration, Translation und feministischer
Artikulation re-konfiguriert und über kulturelle
Produkionen, wie
Mallets Film Journal Inachevé,
in öffentliche Räume und Diskurse
eingeschrieben.
Im Rahmen der Analyse kultureller Produktionen von Latinas, die in
Kanada urbane Räume (neu) verhandeln, müssen die Theoretisierungen
lateinamerikanischer urbaner Räume miteinbezogen werden. Als zentral
sehe ich hier Angel Ramas (1997 [1984]) Idee der ciudad letrada, die
von der conquista bis zum
Ende des 20. Jh. intellektuelle und
kulturelle (Macht-)Produktion (ausschließlich) in den Städten
verortet.2 Ramas Essay La ciudad letrada diskutiert die
Entwicklung
der (kolonialen) lateinamerikanischen Stadt als Zentrum der
Macht-Eliten und die dabei wichtige Rolle der letrados, der
Distributoren des geschriebenen Wortes. Die dichotomische Konstruktion
der zivilisierten Stadt (vs.
das barbarische Land) – also
genau
gegenteilig zur anglo-amerikanischen Konstruktion – wird in
Lateinamerika im 19. Jh. der Unabhängigkeitskriege und
Nationengründungen
Seite 80
durch den argentinischen letrado (und späteren
argentinischen Präsidenten) Domingo Faustino Sarmiento publiziert und
verbreitet (sowie ins Englische übersetzt). In seinem einflussreichen
(Standard-)Werk Facundo
(1845) spricht er von den „ciudades como focos
civilizadores, oponiéndolas a los campos donde veía engendrada la
barbarie“ (Rama 1997: 576f.).
Rama zeigt, wie die ciudad letrada
Machtstrukturen von Repression und
Abhängigkeit entwickelte und unterstützte, die bis heute in
Lateinamerika wirkmächtig sind. Im Inneren jeder Stadt („ciudad
bastion“, „ciudad puerto“, „ciudad pionera“, „ciudad sede
administrativa“) gibt es immer eine „otra ciudad“, die ciudad letrada,
deren Aktivität sich erfüllte „en el prioritario orden de los signos
[...]“ (Rama 1997: 580). Die daraus resultierende konstruierte (und bis
heute wirkmächtige) Überlegenheit des geschriebenen Wortes (der
Kolonialherren) und westlicher narrativer Formen, gegenüber (indigenen)
oralen Traditionen und visueller Kultur, als eine Folge von
Kolonialismus und kolonialen Strukturen zu begreifen, ist eines von
Ramas wichtigen Ergebnissen.
Laut
Rama korrespondierte die (gewaltsame) Einführung der Form der Stadt im
16. / 17. Jahrhundert mit dem Schlüsselmoment in westlicher /
okzidentaler Kultur, als der „Binarismus der Logique von Port-Royal“
eingeführt wurde und die Unabhängigkeit der Ordnung der Zeichen
theoretisierte (Foucault, zitiert nach Rama 1997: 568f., Übers. v.
Verf.). Rama vergleicht die „ciudad real“ (die Gesellschaft als Ganzes)
und die „ciudad letrada“ mit der Dualität des sprachlichen Zeichens:
beide Städte sind als zwei unterschiedliche Einheiten vereint, jedoch
nicht willkürlich wie das Zeichen, sondern zwingend und
notwendigerweise. Die eine kann ohne die andere nicht existieren, aber
ihre Beschaffenheit und Funktionen sind unterschiedlich: während die
ciudad letrada eher im Feld
der Bedeutungen („significaciones“) agiert,
arbeitet die ciudad real im
Feld des Bezeichnenden („significantes“)
(Rama 1997: 587).
Rama weist darauf hin, dass die Gesamtheit aller Symbole, sogar mehr
Seite 81
noch
als die Buchstaben / Worte, ein immer stärker autonomes Schreiben
begründet haben; in der heutigen visualisierten Medialität ist dies
überdeutlich sichtbar, und verweist dabei immer auf die doppelte
Artikulation von Sprache (Rama 1997: 586). Als ein wichtiges Beispiel
hierfür nennt Rama (1997: 585) den Barock-Diskurs, der als
Repräsentations-Format zuerst den Atlantik überquert hat – und heute
den amerikanischen Kontinent von Süd nach Nord, wie ich ergänzen
möchte. Der Barock-Diskurs kombiniert Worte mit Emblemen, Hieroglyphen,
Zahlen, etc. und transferiert diese komplexe Äußerung hin zu Malerei,
bildender Kunst, Musik, Tanz und Farben.
Neben
der Macht der Zeichen und Worte ist das Schachbrettmusterdesign
amerikanischer Städte ein rigides Ordnungsprinzip für den urbanen Raum.
Es ist mit hierarchischen Machtstrukturen gefüllt, die ein Regime von
Übertragungen (Transmissionen) sicherstellen und funktionieren lassen:
von Oben nach Unten, von Europa nach Amerika, vom obersten Machthaber
bis zur steingewordenen Stadt (Rama 1997: 571). Ein solches
hierarchisches Regime von Übertragungen ist bis heute (wirk-)mächtig.
Aber sein Diskurs und seine Legitimität werden, meiner Meinung nach,
durch eine starke (transkulturelle) Präsenz des Südens im Norden in
Frage gestellt.
In den (kolonialen) amerikanischen Städten wurden die letrados
(Intellektuelle, Bürokraten, Schriftführer), also die Schreiber des
Wortes / Zeichen wichtig und produzierten mächtige Schriftstücke und
Einschreibungen: das geschriebene Wort begann seine „esplendida
carrerra imperial [...] en el continente americano“ (Rama 1997: 572).
Die Intellektuellen und
Künstler als letrados
produzierten die (Macht
der) Stadt mit. Durch ihre spezifische Rolle als Designer kultureller
Modelle, abzielend auf das Formieren öffentlicher Ideologien, schrieben
sie die Stadt in einen Kreislauf universeller Kultur ein (Rama 1997:
567, 583f., 573).
Für die heutigen urbanen Kulturen (Latein-)Amerikas diagnostiziert Rama starke (koloniale) Abhängigkeiten, in denen die Machtkämpfe innerhalb
Seite 82
der Ordnung des urbanen Zeichens weitergehen. Die letrados produzieren
und reproduzieren in der Neuen Welt
die Machtstrukturen der Stadt
sowohl über das geschriebene Wort als auch über Kartographierung und
Stadtplanung (Schachbrett-Muster). Von der conquista bis heute
konstatiert Rama: „la [...] mayoría de los intelectuales americanos
[fue vocacionalmente urbano]“ (Rama 1997: 579).
Der
Raum für (kulturelle) Produktion und Artikulation ist, meiner Meinung
nach, auch im Norden für lateinamerikanische letrados die Stadt, der
urbane Raum. Die Möglichkeiten und Strategien intellektueller
Produktion sind hier jedoch verändert und ihr Modus schließt neue
Formen räumlicher Repräsentationen ein.
Das langfristige Stabilisieren hierarchischer Machtstrukturen durch die
ciudad letrada ist, meiner
Meinung nach, nicht der einzig mögliche
Effekt der Aktivitäten der letrados.
Rama (1997: 586) selbst betont die
„doble articulacion de la lengua“ und verweist damit auf den Umstand,
dass Worte und Zeichen niemals nur eine Bedeutung haben und dass ihre
vielfältigen Perzeptionen und Anwendungen neue Bedeutungen und
Artikulationen eröffnen, und so „das Neue in die Welt kommt“ (Bhabha
1994: 212, Übers. v. Verf.).
In diesem Sinne ist die ciudad letrada ebenso der Raum, in dem Machtstrukturen transformiert werden und Artikulationen wahrgenommen werden (können), die zuvor unterdrückt, unerhört, non-intelligibel, also des-letrados waren (aber auch non-documentados / non-ficcionalizados): neue Erzählungen und Diskurse eröffnen neue Räume. Rama unterschätzt die „modificaciones sensibles que introduce sin cesar el hombre común“ (Rama 1997: 588), die er als letzten Satz seines Essays dann doch noch nachhallen lässt. Diese beständigen Modifikationen im alltäglichen Leben (Certeau 1980), sowie im politischen, künstlerischen, etc. und die Wechselwirkungen dieser vielen Leben miteinander, werden aber ebenso von Intellektuellen und Kunstschaffenden (letrados und letradas) eingebracht, deren kulturelle
Seite 83
Produktionen urbane Räume sowie Repräsentationen von Raum verändern.
Die
Wichtigkeit der alltäglichen Praktiken, insbesondere im urbanen Raum,
untersucht ungefähr zeitgleich mit der Entstehung von Ramas Essay
Michel de Certeau (1980) in seiner Studie zur Erfindung des Alltags und
der Kunst des Handelns. Hinzu
kommen Theorieproduktionen der 1980er
(und 90er) Jahre, wie postkoloniale und feministische Theoriebildung,
die z.T. versuchen, die inhärente Konzeptualisierung von Subjektivität
(als u.a. weiß und männlich) bzw. von subjektivem Handeln zu verändern.
Mit der Konstruktion zuvor ausgeschlossener Individuen und Gruppen
(schwarz / farbig, weiblich, queer)
als artikulierte / handlungsfähige
Subjekte wird die Möglichkeit eröffnet, neue letrados/as in der ciudad
letrada zu denken und zu imaginieren.
Als letradas verändern
Latinas in Montreal den nord-amerikanischen
urbanen Raum: die ciudad letrada
artikuliert sich aus einer
geschlechtsspezifischen (und oft rassifizierten) Perspektive. Das
(oben) von Rama beschriebene, bis heute wirkmächtige, hierarchische
Regime der Transmissionen wird kritisch neu verhandelt. Die Latinas
stellen den Legimitätsdiskurs dieser Hierarchie in Frage und durch die
starke (trans-)kulturelle Präsenz des Südens im Norden re-dirigieren
sie den Fluss der Transmissionen und re-konfigurieren die symbolische
und räumliche Ordnung. Hinzu kommt eine „verdoppelte migrantische
Perspektivik“ (Übers. v. Verf.), im Sinne von Homi Bhabhas (1994: 5)
„migrant’s double vision“, die den Effekt der Doppel-Artikulation von
Sprache weiter multipliziert.3
Das Moment der Partizipation in und Aneignung von urbanen Räumen in den Filmen und Texten der Latinas ist in den 1980er / 90er Jahren eng verbunden mit den Bewegungs-Erfahrungen (in Raum und Zeit) von Migration, Exil und Diaspora (Franco 1993: 283f.). Der positive Zugewinn (Partizipation, Aneignung, Produktion, etc.) von Räumen geht aber Hand in Hand mit dem ambivalenten Moment von Fragmentierung und Verlust; eine Gleichzeitigkeit,
Seite 84
die mit den Konzeptualisierungen von
Bewegungen zusammen gedacht werden muss.
Um
nun diese komplexen Dynamiken erfassen zu können, ist die Idee eines
(postkolonialen) inbetween space
oder third space vielfältig
genutzt,
(re-)produziert und neu definiert worden (vgl. u.a. Bhabha 1994).
Wichtig sind dabei auch die bewegungs-orientierteren
Konzeptualisierungen der (scheinbar statischen) räumlichen Opposition
von hier vs. dort, hin zu einem gleichzeitigen Hier und Dort (Glissant
1990). Weiterhin zentral ist es, eine dynamische räumliche
Positionierung in Bezug zu setzen zu (anti-rassistischen) Vorstellungen
von weiblicher / feministischer Subjektivität, um den „outsider-within
status“
rassifizierter Migrantinnen in Kanada kritisch diskutieren zu
können (Dua / Robertson 1999: 19).4
Marilú
Mallet re-präsentiert in ihrem Film Journal
Inachevé die Verwobenheit
verschiedener urbaner Räume in Montreal und schreibt durch die
„omnipresence of the ‘I’“ das weibliche migrantische Subjekt dort ein
(Longfellow 1984: 77).5
Seit den frühen 1960er Jahren wurden u.a. dokumentarische Formen, wie
das Direct Cinema (Québec / USA) und das Cinéma verité (Frankreich)
entwickelt, die einerseits so nah wie möglich an die sogenannte
Realität / Wirklichkeit heran wollten und
andererseits bereits kritisch
die Frage nach der Natur
einer solchen bzw. ihrer Korrespondenz mit dem
Medium Film stellten (Barnouw 1983). Seit den frühen 1980er Jahren
wurden die Techniken des Direct
Cinema oft in dem aufkommenden
feministischen (Gegen-)Kino (counter-cinema)
benutzt (Longfellow 1984:
93), u.a. in diesem Kontext wurden dann die verschiedenen Ausformungen
von dokumentarischen Filmen entwickelt, insbesondere mit den
Überlappungen zum fiktionalen Film. Neben dem Begriff der Doku-Fiktion
werden auch noch Begrifflichkeiten diskutiert wie
Seite 85
performativer
Dokumentarfilm (Nichols 1991, Übers. v. Verf.), wo der Aspekt
des
performativen, schauspielerischen hervorgehoben wird, und
Autoren-Dokumentarfilm (Jean
2003, Übers. v. Verf.), wo der Aspekt der
stark präsenten Figur des Autors im Vordergrund steht und der vom
Format mit dem literarischen Essay vergleichbar ist. Aktuell wird in
interdisziplinären Untersuchungen zur visual
culture von einem
documentary turn gesprochen
und das Format der Doku-Fiktion neu in den
Blick genommen (Rhodes, Springer 2005).
Mallets
Unvollendetes Tagebuch ist
eine Doku-Fiktion, ein cinematographisch
hybrides Genre, das dokumentarische und fiktionale Elemente vermischt,
wobei die Formate des Tagebuchs und der Autobiographie mit
hineinspielen. Die Repräsentationen (Montrealer) urbaner Räume zeigen
die Möglichkeiten auf, neue Räume, räumliche Beziehungen und
interstitielle, d.h. in den Zwischen-Räumen liegende, Perspektiven
durch kulturelle Produktionen zu erschaffen. Im Kontext kultureller und
politischer Entwicklungen in Québec
situiert, erscheint der Film kurz
nach dem (Unabhängigkeits-)Referendum von 1980. In der
Presse und den
Medien wird er im Zusammenhang mit der besonderen Situation Québecs
bzw. frankophoner KünstlerInnen und Intellektueller in Kanada rezipiert
und diskutiert. Filmkritiker diagnostizieren nach dem Referendum von
1980 eine scheinbare künstlerische / intellektuelle Selbst-Zensur in
Québec, wodurch Dokumentarfilme von einer „bestürzenden
Uniformität“
entstehen, die ausschließlich Räume und Zeiten anderswo fokussieren und
das Hier und Jetzt ignorieren. Konstatiert wird, dass es
„ironischerweise eine Chilenin im Exil in Québec, Marilú Mallet, ist,
die uns sagt, wie eine Filmemacherin heute im Post-Referendum-Québec
lebt“ (Perreault 1983, Übers. v. Verf.).
Sherry
Simon (1997: 43f., Übers. v. Verf.) arbeitet heraus, dass „alle Filme
von Mallet mit der beweglichen Grenze zwischen fiktional und
dokumentarisch spielen“, wobei dieses Dazwischen
„ästhetisch am besten
in Journal Inachevé umgesetzt
ist“. Simon führt weiterhin aus:
[Mallet] donne à l’incertitude générique de ce film un statut
quasi-ontologique: on comprend que le va-et-vient entre fiction et
documentaire est un reflet de l’état d’esprit de la réfugiée chilienne,
qui habite un espace d’entre-deux, entre le Chili et le Québec, entre
la politique et l’art, entre le collectif et l’individuel.
Seite 86
Die vielfältige Rezeption von Mallets Filmen in Québec ist ein Indiz
dafür, dass die 1980er / 90er Jahre für Mallet und viele andere (vor
den Militärdiktaturen in den 1970er Jahren ins Exil geflüchtete)
lateinamerikanische Intellektuelle und KünstlerInnen, die in ihren
neuen Ländern / Städten und Sprachen weiter arbeiten können, eine
neuartige Diskussion ihrer kulturellen Produktionen bringen.
Auf mehreren Ebenen evoziert der ruhige, aber dennoch spannungsgeladene
Film „a space only barely (re)presentable, a space given over to
reflection, a ‘feminine écriture’, a writing in the gaps and silences
of patriarchal discourse“ (Longfellow 1984: 80). Die Mischung aus
dokumentarischer und fiktionaler Repräsentation, aus Tagebuch und
Autobiographie betont die Perspektivik der Filmemacherin auf die
„multiplicité du réel“ (Moffat 1989: 40). Mallets (französische)
Erzählstimme begleitet den gesamten Film, in einigen Szenen gibt es
spanisch- oder englischsprachige Dialoge mit anderen DarstellerInnen,
die französisch untertitelt sind. Der (Farb-)Film ist stellenweise von
eingeschobenen, Schwarz-Weiß-Photographien (stills)
unterbrochen, die
(die Militärdikatur in) Santiago de Chile darstellen; es gehören
verschiedene musikalische Elemente zum Film, die die Erzählstimme
ergänzen.
Der Film präsentiert – in einer komplexen Dreifaltigkeit der Person – die Protagonistin, Erzählerin, Produzentin Marilú Mallet als chilenisch-kanadische Filmemacherin in ihrem alltäglichen Leben in Montreal. Weitere wichtige Personen sind ihr Ehemann, der australische Filmemacher Michael Rubbo, ihre Mutter, die chilenische Malerin / Künstlerin Maria Luisa Signoret und der (franko-kanadische) Sohn des Paares, Nicolas (im Vorschulalter), die gemeinsam in einem Haus in Montreal leben. Der Film zeigt: Mallet arbeitend als Filmemacherin im Studio mit ihren Kollegen; Mallet mit ihrer Freundin Isabel Allende (Tochter von Salvador Allende), die zu Besuch kommt; eine gesellige Zusammenkunft in Mallets Haus mit lateinamerikanischen
Seite 87
FreundInnen im
Exil; Mallet, wie sie einen Freund, den Flüchtling Salvador bei seinen
diversen prekären Jobs (Empanadas-Machen
in einer Bäckerei, Putzen
einer Shopping-Mall) besucht
und mit ihm darüber spricht, wie seine
bevorstehende Deportation verhindert werden könnte; Mallet, sich durch
Montreal bewegend: ihren Sohn Nicolas zur Kindertagesstätte bringen /
abholen, Auto fahren, mit ihm in Montreals unterirdischer Stadt (RÉSO)
essen gehen.
Ein
zentrales Thema des Films ist die sich immer konfliktiver entwickelnde
Beziehung des Ehepaares, die (am Ende des Films) mit einer
angekündigten Trennung endet. Der Konflikt wird u.a. repräsentiert über
die Produktion des doku-fiktionalen filmischen Tagebuchs selbst: die
Ehepartner, beide Filmemacher beim Office
National du Film (National
Film Board) in Montreal, haben grundlegend gegensätzliche
Auffassungen
vom Filmemachen. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Films ist der
kanadische Winter, das Klima des (hohen) Norden, das die Menschen und
das Alltagsleben spezifisch prägt: Häuser und Straßen sind
schneebedeckt, die Menschen tragen Winterkleidung.
Über bestimmte (urbane) Räume wird die kritische Perspektivik Mallets im Film transportiert. Zum einen wichtig ist das Haus (1) von Mallet und ihrer Familie im schönen Montrealer Stadtteil Outremont. Desweiteren erfahren / begehen die ZuschauerInnen den städtischen Raum Montreals (2) – das Wohnviertel Outremont, Straßen und Häuser, die Innenstadt, die unterirdischen Einkaufspassagen, etc. – mit der Protagonistin, im Auto oder zu Fuß. Schließlich ist es der Film (3) selbst, der – als urbaner (Meta-)Raum – über die Verknüpfung von Haus- und Stadt-Raum in Verbindung mit Mallets oraler und korporaler Präsenz, eine weibliche Subjekt- und Artikulationsposition in den urbane Raum einschreibt.
Aufnahmen von verschneiten Wohnhäusern und großstädtischen Gebäuden
sowie das danach von der Kamera fokussierte und be- und erfahrene Haus
sind der Einstieg in den Film. Wir sehen die schönen Fassaden urbaner
Seite 88
Altbauhäuser, baumbestandene ruhige Straßen, schneebedeckte städtische
Architektur und wir hören das Klicken des Diaprojektors. Dann beginnen
die bewegten Bilder der Kamera, die ein Haus erfasst und hineinfährt:
wir sehen eine Malerin an der Staffelei (Mallets Mutter) und hören
spanische Gitarrenmusik. Der Raum des Hauses wird von der Kamera
erkundet: wir sehen die Zimmer, Möbel und Wände, die mit vielen
Photographien und Gemälden dekoriert sind – multiple künstlerische
Produktion und Präsenz von Kunst im Haus wird direkt zu Beginn des
Films präsentiert.6 Eine weibliche off-Stimme (Mallet) beginnt, ruhig
und rezitativ, auf Französisch vom Exil, von der Suche nach Wohn-Raum,
nach Schaffens-Raum zu sprechen (s.a. Longfellow 1984: 79).
Das
Haus(-Bewohnen) wird von Anfang an in seiner räumlichen und dynamischen
Komplexität präsentiert, da es von verschiedensten Konzeptualisierungen
und Funktionsweisen konnotiert ist. Die Stimme der Erzählerin erklärt
zu Beginn, dass das Haus ihrer Mutter „partout et nulle part“ sein
kann, und weiter: „une artiste [...] ne peut habiter que le lieu de son
travail.“ Danach folgt, kontrastiert mit der malenden Signoret, die
erste schwarz-weiße Einblendung (still)
von Menschen, die auf der
Straße mit erhobenen Armen und mit dem Gesicht an einer Mauer stehen,
die bewaffneten Soldaten im Rücken sind zwar nicht sichtbar, aber
dennoch stark präsent: Eingeleitet und begleitet wird das Bild mit dem
Geräusch von im Gleichschritt marschierenden Soldaten-Stiefeln und
Maschinengewehrsalven, eine erste (statische) Rückblende zur Gewalt des
chilenischen Militärputsches; die Abwesenheit der Erzählstimme
unterstreicht die sichtbare Unterdrückung der Sprache / Stimme. Das
Haus in Montreal steht am Anfang des neuen Lebens im Exil: „au
commencement quand on n’a pas du pays7 on s’occupe
de la maison, [on]
vit à l’intérieur.“
Mallet eröffnet als ersten Raum im Film ein (Kunst-)Haus, in dem die multiple Präsenz von künstlerischer Produktion (Malerei, Photographie, Musik, und auf einer Meta-Ebene der Film selbst) das Haus zum Produktions- und Arbeitsraum macht, in dem das Bewohnen verschiedener Orte stattfindet. Zu Beginn scheint die Erzählerin die extensive Präsenz des Hauses im Film zwar rechtfertigen zu müssen und das politische Exil sowie der Verlust des eigenen
Seite 89
Landes
klingen an. Aber diese implizite Kritik am
sogenannten Rückzug ins Private – das Thema ihrer gefühlten
De-Politisierung im Exil in Montreal wird im Film noch weiter geführt
–, im Gegensatz zum politischen Handeln im sogenannten öffentlichen
Raum, wird
durch den Film selbst kritisch neu verhandelt.8
Das
(alltägliche) Bewohnen des Hauses wird problematisiert und die
Dichotomie privat (Haus, Familie) vs. öffentlich (Kunst, Arbeit) wird
dynamisiert und ineinander verwoben. Mallets Haus steht für die
Aneignung und Neu-Forrmulierung verschiedener Räume. Hiermit
visualisiert sie eine Metaphorik der latein-amerikanischen Literatur
der 1980er / 1990er Jahre in einem nord-amerikanischen Kontext.
Bei
ihrer Untersuchung räumlicher Repräsentationen in den Texten
lateinamerikanischer Schriftstellerinnen analysiert Ileana Rodríguez
(1994: 19) das Haus als eine der Metaphern, „to signal the
appropriation by women of ever-larger social spaces in the organization
and reorganization of privatized spaces”. Ottmar Ette (2005: 163f.)
verweist am Beispiel karibischer Literaturen auf die „überragende
Bedeutung [der Thematik des Hauses]“ im „Spannungsfeld von Isolierung
und Exilierung.“ Das Haus wird „zum prädestinierten Modell [...] eines
in ihm selbst angesiedelten Schreibens“. Die von Ette angeführten
möglichen Wirkungen der Haus-Metapher, wie die „Kraft, das
Ungleichzeitige zu vergleichzeitigen“ (166) und die Kritik am „Haus des
Vaters, in dem [...] Gegensätze [...] brutal aufeinanderprallen“ (166),
kommen auch bei Mallets Haus zum Tragen. Die Re-Konfiguration sozialer
binärer Konzeptualisierungen, im Sinne von Rodríguez, wird im Film auch
auf die respektiven topographischen Dualismen von Innen-Raum versus
Außen-Raum übertragen.
Ebenso
der Konflikt des Paares wird über die sehr unterschiedlichen
Vorstellungen einer Offenheit vs. Abgeschlossenheit des Hauses in einer
Szene repräsentiert, in der Rubbo zu Mallets Entsetzen alle Fenster von
innen mit einer milchigen Plastikfolie für die Winterzeit versiegelt
und damit Aus- und Einblicke, die fließenden Übergänge von Innen- und
Außenraum, unmöglich macht. Bezeichnenderweise kommt diese Szene im
Film direkt nach einer Einblendung (still)
von Repression und Toten in
Santiago de Chile.
Seite 78
Mallet bewegt sich (gehend, fahrend) kontinuierlich durch die Stadt:
Montreals Straßen, Viertel, Geschäfte / Malls, und die Innen-Stadt – im
doppelten Sinne: Stadtzentrum und unterirdische Stadt RÉSO (auch ville
souterraine, ville intérieure)9
– sind positiv konnotiert. Die
visualisierte Urbanität wird komplementiert von der Stimme der
Erzählerin, aber auch von anderen Stimmen und Dialogen der mitwirkenden
Personen sowie von urbanen Sound-Elementen
im städtischen Raum (z.B.
jingles, Werbung im RÉSO).
Ein
wichtiges akustisches Element ist die Musik des Films: Der québécois
folk song „Cheminant à la ville“ gibt dem Weg der Protagonistin
durch
den städtischen Raum eine fröhliche, optimistische Note, während die
spanische Gitarrenmusik den Innen- und Außen-Räumen (Haus, Mall,
verschneite Landschaft) einen eher melancholischen / nostalgischen
Beigeschmack gegeben hat. Der folk
song „Cheminant à la ville“ von dem
Album Entre Lajeunesse et la sagesse
(1980) ist von den québécois
Liedermacherinnen Kate und Anna McGarrigle (im Abspann erwähnt Mallet
auch den Texter Philippe Tartartcheff). Der Albumtitel ist ein urbanes
Wortspiel, denn Lajeunesse
ist eine Straße in Montreal. Der urbane
(Zwischen-)Raum (entre) ist
als gleichzeitige städtische
Wegbeschreibung dynamisiert und durch die Metapher des Lebenszyklus
(zwischen Jugend und Weisheit) ein angeeigneter, gelebter Raum. Um die
Intermedialität von Text, Stimme und Musik erfassen zu können, hat
Ottmar Ette (1995: 32f.) für die Beziehungen zwischen „textos
acústicos“ und „textos escriturales“ die Begrifflichkeit
„fonotextualidad“
vorgeschlagen, dabei auf Roland Barthes’
Beschreibungen des plaisir du text verweisend. In Mallets Film gibt es
zwar (außer den punktuellen Untertiteln) im eigentlichen Sinne keinen
geschriebenen Text, aber ich würde die Textualität der Erzählstimme im
Zusammenspiel mit der Oralität der Dialoge und den weiteren akustischen
Elementen (Musik, Geräusche) als eine visualisierte fonotextualidad
lesen. Brenda Longfellow (1984: 85f.) bezieht sich ebenfalls auf
Barthes, sie nutzt seine Idee des grain
de la voix, um die
feministische Einschreibung von weiblichem/r Körper und Stimme im Film
zu betonen:
To emphasize voice and language in the context of a cinematic
institution whose
Seite 91
dominant form has been founded on a [male] regime of
voyeurism [...], is both an aggression and defence against that system
of desire and the symbolic it supports. If patriarchal pleasure has
been articulated around the sado-masochistic properties of the look,
feminine desire [...] is more closely allied with the voice, the
invocatory drive.
Die Stimmen der Sängerinnen / Musikerinnen besingen zu Beginn des
Liedes den Weg, das Gehen in die Stadt, wobei die Betonung zum einen
auf dem freudigen Aufbruch und zum anderen auf dem Spuren-Hinterlassen
für den Rück-Weg liegt: Die erste Strophe lautet: „Cheminant à la ville
/ [...] / Mais tout au long du parcours / Je laisserai des traces pour
mon retour / Cheminant à la ville / Sans crainte que je ne m’éparpille
/ [...] / Oh, de mon or, tu n’en auras point.“ Die Bewegung durch die
urbanen Räume ist somit bei Mallet keine lineare oder flüchtige,
sondern eine, die ein oszillierendes Hin und Her impliziert sowie
Spuren und Präsenzen im Raum hinterlässt (siehe hierzu auch Certeau
1993).
Konstrastiert
wird die dynamische Präsenz Mallets in den urbanen Räumen Montreals
durch die stills der Straßen
von Santiago de Chile, die Militär,
Soldaten, Panzer und Waffen
zeigen sowie verhaftete, misshandelte,
bedrohte, tote Zivilisten. Im Gegensatz zum des-urbanisierten /
still-gestellten Raum
Santiagos (Ende von Öffentlichkeiten), eignet
sich Mallet die urbanen Räume Montreals an. Durch ihre körperliche
Präsenz, ihre (frz.) Erzählstimme aus dem off und ihre (frz., span.,
engl.) on-screen Dialoge mit
anderen im Film sowie durch das Erfassen
des Stadtraums mit der fahrenden Kamera produziert sie neue Räume in
denen eine Subjektposition für eine (migrantische) Filmemacherin
möglich wird.
Im urbanen Raum Montreals fließen die dichotomisch konstruierten Innen-Räume (privat) und Außen-Räume (öffentlich) ineinander. Der Stadtraum ebenso wie der Hausraum beinhalten beide Dimensionen innen / außen, privat / öffentlich und werden daher in dieser Komplexität doku-fiktional repräsentiert (und angeeignet). Die fließenden Übergänge der Innen- und Außenräume werden im Film u.a. darüber repräsentiert, dass z.B. das öffentliche Straßenleben nach innen verlagert wird, in die großen Passagen, Arkaden und Shopping Malls, sowohl ebenerdig als auch unterirdisch. Das Montrealer RÉSO, inzwischen das weltweit größte unterirdische
Seite 92
(Einkaufs-)Areal, ist im Film ein wichtiger Alltagsraum,
der gleichzeitig innen und außen ist. Dieser Raum löst die Grenzen auf
„between public and private space, between public domains of work and
private spheres of leisure” (Morris 1993: 316). Zur Funktion von malls
als private und öffentliche
Räume erläutert Meaghan Morris (1993: 316)
weiter: “[shopping centers] work to produce a sense of ‘setting’ that
defines an imaginary coherence of public space [...], of a ‘lifestyle’
space declaring the dissolution of boundaries.“ Mallet lässt die
Grenzen u.a. darüber verschwimmen, dass die Szenen in der ville
intérieure mit der Gitarrenmusik belegt sind, die zu Beginn des
Films
das Haus vorgestellt hat. Beim Durchqueren der über- und unterirdischen
Stadt eignet sich Mallet als Protagonistin diese Räume als private und
öffentliche an.
Der mit dem Film entstehende Meta-Raum für Mallets weibliche
migrantische Subjektivität und filmische Artikulation wird zum einen
durch die der miteinander in einer komplexen Beziehung stehenden
urbanen Räume des Hauses und der Stadt produziert. Hinzu kommt die
„neue Sprache“, die u.a. dem sogenannten feministischen counter-cinema
in den 1980er Jahren zugeschrieben wird (Longfellow 1984: 93, Übers. v.
Verf.). Eine der cinematographischen Strategien in Journal Inachevé ist
die Verdopplung von Subjekt und Objekt: Durch Mallets doppelte Präsenz
als ein „screen body“ und eine „off-screen voice“ kann das Selbst als
begehrtes Objekt präsentiert werden und die Dichotomie Subjekt / Objekt
wird aufgebrochen. Dieser Akt der Aneignung und der Verschiebung von
Machtstrukturen und Definitionshoheiten ist ebenfalls eng gekoppelt an
die dominante Präsenz der sprechenden Stimme, die Oralität und
Körperlichkeit in die Sprache, also zur Sprache, bringt und Sprache
dadurch eine „taktile, lebendige Präsenz bekommt“ (Longfellow 1984:
93f.; Übers. v. Verf.).
Auch auf der thematischen Ebene präsentiert der Film die Wichtigkeit der (hispanophonen) oralen Tradition im Zusammenhang mit
Seite 93
lateinamerikanischen migrantischen Erfahrungen. Die kollektive
Dimension wird fokussiert als im Film abends einige lateinamerikanische
FreundInnen (im Exil) in Mallets Haus zusammen kommen. Ihre
ausgelassene Unterhaltung nimmt die Form einer paya an, „a dialogue in
verse accompanied by a guitar typical of Chile, Uruguay, and Argentina“
(Pick 1993: 165). Relevant für die konfliktive Paar-Beziehungen von
Mallet und Rubbo ist die Tatsache, dass Rubbo sich offensichtlich sehr
unwohl fühlt, während Mallet – wenn zunächst auch zurückhaltend, da die
Männer die paya-Verse
schmieden – aktiv teilnimmt. Rubbo kann sich
innerhalb der spanischsprachigen Unterhaltung nicht positionieren und
verlässt den Raum (die Szene). Mallets filmische Komposition stellt die
Dominanz der geschriebenen Sprache innerhalb der ciudad letrada in
Frage, als eine letrada
(re-)formuliert sie individuelle und kollektive
urbane Räume, die wiederum neue Räume für andere Subjektivitäten
eröffnen, wie z.B. die migrantische Latina-Filmemacherin.
Direkt
nach der paya-Szene
kulminiert der Paar-Konflikt in der „much-discussed
kitchen-scene“ (Pick 1993: 166), in der Mallet Rubbo ihre Idee von dem
Film erklären muss. Bevor das Paar in der Küche on-screen ist, zeigt
die Kamera – wie von einem (in die Stadt) fahrenden Auto aus – die
schneebedeckte Stadt-Landschaft, ihre Ränder und Häuser; begleitet von
spanischer Gitarrenmusik. Währenddessen hören wir aus dem off Mallets
ärgerlich aufgeregte Stimme auf Französisch und Rubbos ärgerlich auf
Englisch antwortende, über Integration
und Exil streitend, wobei
ersteres Mallets Thema / Anliegen ist und letzteres Rubbos Blick auf
Mallet bzw. ihre Beziehung. Mallet bricht hier bereits die Dichotomie
Heimat vs. Exil auf, indem sie
an dieser Stelle den Topos Integration
im direkten Zusammenhang mit Exil
verhandelt. Mallets doppelte Bewegung
im Film – das Einfordern neuer Räume sowie das Aufzeigen der
Schwierigkeit, als (migrantische) Filmemacherin eigene Räume zu fordern
und zu schaffen – wird transportiert über den schmerzlichen Konflikt,
ihre Situation bzw. sich selbst in die hegemoniale binäre Logik von
Integration oder Exil übersetzen zu müssen. Diese
(binäre) Logik wird
hier vom anglophonen, männlichen Rubbo repräsentiert, der ein
einflussreicher Dokumentarfilmer am National
Film Board ist.10
Es folgt ein Schnitt, die Musik stoppt und die Kamera filmt ein scheinbar
Seite 94
spontanes setting in der
Küche, wo das Paar das Streitgespräch führt:
Mallet steht (rechts im Bild) nahe am Herd mit dem Blick hin zur
(offenen) Tür, wo Rubbo (links) im Türrahmen lehnt und diesen mit
seiner körperlichen Präsenz ausfüllt. Die Distanz zwischen den beiden
wird deutlich und Mallet scheint in der Küche in die Enge getrieben zu
sein. Rubbo kritisiert, immer auf Englisch, ihr Filmprojekt, dass er
„nicht versteht“ (Übers. v. Verf.). Mallet antwortet auf Französisch
und kritisiert seine selbst-gerechte Haltung: “...toujours, ta façon de
faire le film, c’est la façon
de faire le film; moi, je fais le film
comme je veux...”. Er insistiert, es sei wichtig, „the real things that
happen“ zu erfassen, „the real facts“ eines Dokumentarfilms. Mallet
verteidigt ihr Film-Projekt: “...c’est ma verité, c’est ma façon de
faire le film, ...je veux m’exprimer comme je veux, je veux pas être
imposée un regard...”, und diskutiert dabei die Einseitigkeit
sogenannter real facts, die
nur aus einer bestimmten Perspektive real
sind. Sie besteht auf der Wahrhaftigkeit
ihrer doku-fiktionalen
Mischung: “...c’est la moitie documentaire la moitie de fiction,...
pourquoi il faut definir la verité comme ça? pourquoi il faut definir
un film que c’est du documentaire ou c’est de la fiction?...”.
Daraufhin
bringt Rubbo Mallet rhetorisch in die Position der unprofessionellen,
schlechten Filmemacherin,
indem er ihr sagt, sie habe „no clear idea“
von dem, was sie tut, während er die wahren
Fakten aufzählt: “...you
come here, ...you’re lonely, ...you marry the wrong person, ...you make
a mistake, that’s exile,
that’s the truth...”. Während dieser
verletzenden Worte fokussiert die Kamera Mallets angespanntes Gesicht,
den Tränen nahe, und stellt sie so in den Mittelpunkt des Konflikts und
betont ihre Perspektive / ihren Standpunkt. Als Mallet anfängt zu
weinen, scheint sie (buchstäblich) ihre (französische) Sprache zu
verlieren: Sie weint / spricht nun auf Englisch und ihre Worte sind
schwer verständlich, ihr Englisch ist fragmentiert. Die Küchen-Szene
endet mit Mallets Weinen, aber sie besteht weiterhin darauf – trotz
ihrer Kapitulation ins
Englische –, dass sie den Film auf ihre eigene
Art machten wird. Rubbo geht zu ihr hinüber und nimmt sie tröstend in
den Arm. (Die sich entwickelnde Trennung wird mit dem Film beendet,
wenn Rubbo gegen Filmende die bevorstehende Scheidung ansagt.)
Während Rubbo (Mallets) Exil als defizitären Zustand des Fehler-
Seite 95
Machens
beschreibt, in dem man die falschen Leute aus Einsamkeit heiratet,
benutzt Mallet das stachelige
Potenzial ihrer verdoppelten
migrantischen / exilierten Filmemacherinnenperspektivik und kanalisiert
es in ihr doku-fiktionales unvollendetes Tagebuch, um die Unmöglichkeit
objektiver Wahrheit und realer Fakten zu präsentieren. Es
ist
interessant, dass Rubbo – als anglophoner Australier selbst ein expat
im frankophonen Montreal – die multiplen Perspektiven nicht sehen kann
/
will: in einer Interview-Szene mit ihm im Film sagt er, dass er nicht
nach Kanada, sondern zum National
Film Board gekommen sei und gibt
seinem dokumentarischen Filmschaffen damit eine universelle
Wahrhaftigkeit und Gültigkeit.
In
der Küchenszene kollidieren Mallets Sprache und Perspektivik (weiblich,
migrantisch, frankophon; subjektiv)
mit Rubbos (männlich, hegemonial,
anglophon; objektiv) und
Mehrsprachigkeit wird als multidimensionaler
Faktor (im positiven wie im negativen Sinne) deutlich. Der Konflikt
über den dokumentarischen vs. den fiktionalen Modus repräsentiert den
endgültigen Bruch zwischen dem Paar. Mallet dynamisiert die Grenze von
Doku / Fiktion, ihr doku-fiktionales Format beinhaltet auch ein
Über-Setzen der eigenen Person hin zur Intelligibilität, zur
Einschreibung und Lesbarkeit; eine Bewegung, die aber ebenso nah an der
mitunter konfliktiven / riskanten Über-Schreitung liegt, deren
(negative wie positive) Konsequenzen nicht im Vorfeld absehbar sind.11
Mallet scheint als Regisseurin in der Küchenszene die Kontrolle über ihren Film verloren zu haben, aber genau in diesem Moment des Zusammenbruchs macht sie explizit ihre eigene Aussage: das Öffnen und Aneignen neuer – sprachlicher, künstlerischer und emotionaler – Räume ist ein schmerzvoller Prozess des gleichzeitigen Gewinnens und Verlierens, bei dem die Produktion von Bedeutung an (die Repräsentation) des riskanten Moments, der eigenen Positionierug in neuen Räumen, geknüpft ist. Eine solche Positionierung in einem Zwischen- oder dritten Raum markiert das Aufbrechen binärer Oppositionen, wie dokumentarisch / objektiv (wahr) versus fiktional / subjektiv (unwahr), und das Einfordern eigener Stimmen, Sprachen, Perspektiven und Arten der Artikulation; sie erweitert die migrantische Doppel-Perspektive. Mallet zeigt durch ihren doku-fiktionalen und
Seite 96
multilingualen Film, dass die Produktion von
weiblicher (migrantischer, filmschaffender) Subjektivität kein
endlicher Prozess ist, sondern immer unvollendet
bzw. andauernd, und
dass keine einseitigen Definitionen einer
eigenen Sprache oder
feststehender (universeller) Kategorien künstlerischer (und medialer)
Repräsentationen möglich sind.
Die textualisierten und visualisierten Repräsentationen der Beziehungen
und Verwobenheiten urbaner Räume in Marilú Mallets Film Journal
Inachevé überschreiten binäre Oppositionen, die (kulturelle)
Räume
dichotomisch definieren, d.h. als innen / Haus vs. außen / Stadt,
Integration vs. Exil, öffentliche / politisch vs. privat / persönlich,
kollektiv vs. individuell, dokumentarisch vs. fiktional sowie männlich
/ universal vs. weiblich / partikular und subjektiv vs. objektiv. Diese
(Auf-)Brüche und Über-Schreitungen durchziehen den gesamten Film: „The
rupture between voice and image [...] is [...] one of a number of
transgressions that divide and cross the text as it weaves its way
between synch documentary and fiction, [...] poetry and the quotidian“
(Longfellow 1984: 80). Im Sinne der oben beschriebenen „Omnipräsenz von
[Mallets] Ich“ (Longfellow
1984: 87, Übers. d. Verf.) und ihrem Wunsch,
als Künstlerin „den Raum ihrer Arbeit“ (Mallets Ezählstimme im Film,
Übers. d. Verf.) überall
bewohnen zu können, macht der Film seinen Weg,
meiner Meinung nach, nicht nur (in-)between spaces, sondern auch
darüber hinaus partout.
Die visuellen und textuellen Passagen in bzw. zwischen urbanen Räumen werden in Texten und Filmen vieler Latina-Autorinnen nicht selten zu größeren Passagen hin geöffnet, die weitere Städte als wichtige Referenzpunkte im Rahmen urbaner migrantischer Erfahrungen in den Amerikas und darüber hinaus mit einbeziehen.12 Die komplexen Repräsentationen urbaner Räume in latina-kanadischen Kulturprodukionen, wie hier am Beispiel von Mallets Journal Inachevé analysiert, re-konfigurieren, meiner Meinung nach, als temporär und prekär angenommene „diasporic switching points“ (Appadurai
Seite 97
1996: 171) und
machen sie zu „ideal points of migratory arrival“ (Braziel 2005: 31) –
sie eröffnen dadurch neue Räume und Positionen. Während Mallets
Montrealer urbane Räume im Film beides gleichzeitig sein können, d.h.
diasporic ideal, ist es
wichtig, dass die urbanen Räume und Bewegungen
nicht nur als solche des „Weggehens und Ankommens“ repräsentiert
werden, sondern ebenfalls als solche des „Seins und Werdens“ (Braziel
2005: 35, Übers. d. Verf.). Diese neue Ontologie multipler weiblicher
Subjektivität ist in Mallets unvollendetem Tagebuch von Anfang an
präsent: „[A] division is introduced into the film between voice and
image, interior poetic monologue and the ‘idiosyncratic’ look of the
camera: a division which opens the film to a desire for presence“
(Longfellow 1984: 79f.).
In Journal Inachevé werden das Haus, die Stadt, künstlerische Produktion und die weibliche Subjektposition der Filmschaffenden als urbane Räume repräsentiert, deren spatiale Verhandlungen einen Teil von Montreals ciudad letrada bilden. Mallets Film produziert und rekonfiguriert letrada-Autorität, um neue (visuelle, orale und skriptorale) Bedeutungen (Signifikationen) in kanadische urbane Räume einzuschreiben und damit gleichzeitig neue amerikanische Räume zu schaffen. Durch diese poetischen Repräsentationen urbaner Räume und weiblicher räumlicher Positionierungen schreibt der Film sich kritisch in kanadische und québécois Debatten zur Definitionsmacht von Kultur und Differenz ein, und verbindet diese Debatten mit einer weiterführenden (latein-)amerikanischen Dimension.
Appadurai, Arjun (1996): Modernity at Large: Cultural
Dimensions of Globalization. Minneapolis.
Barnouw, Eric (1983 [1974]): Documentary: A History of
the Non-Fiction Film. Oxford – New York.
Braziel, Jana Evans (2005): „‘C’est moi l’Amérique’
Canada, Haiti and Dany Laferrière’s Port-au-Prince/Montréal/Miami
Textual Transmigrations of the Hemisphere“, in: Journal of Comparative
American Studies 3,1, 29-46.
Bhabha, Homi K. (1994): The Location of Culture.
London - New York.
Certeau, Michel de (1980): L’invention du quotidien.
Arts de faire. Paris.
Certeau, Michel de (1993): „Walking in the City“, in:
Simon During (ed.): The Cultural
Studies Reader. London - New York,
151-160.
Dua, Enakshi; Robertson, Angela (eds.) (1999): Scratching the Surface. Canadian Anti-Racist Feminist Thought. Toronto.
Edwards, Justin; Ivision, Douglas (eds.) (2005):
Downtown Canada. Writing Canadian
Cities. Toronto.
Ette, Ottmar (2005): „Von Inseln, Grenzen und
Vektoren. Versuch über die fraktale Inselwelt der Karibik“, in:
Marianne Braig/Ottmar Ette/Dieter Ingenschay/Günther Maihold (eds.):
Grenzen der Macht – Macht der Grenzen. Frankfurt a. M., 135-180.
Ette, Ottmar (1995): „Dimensiones de la obra:
iconotextualidad, fonotextualidad, intermedialidad“, in: Roland Spiller
(ed.): Culturas del Río de la Plata
(1973-1995). Transgresión e
intercambio. Frankfurt a. M., 13-35.
Franco, Jean (1993): „Invadir el espacio público;
transformar el espacio privado”, in: debate
feminista, 4,8, Fronteras,
Limites, Negociaciones, 267-287.
Franco, Jean (2002): The
Decline and Fall of the
Lettered City: Latin America in the Cold War. Cambridge.
Ginieniewicz, Jorge; Schugurensky, Daniel (eds.)
(2006): Ruptures, Continuities and
Re-learning: The Political
Participation of Latin Americans in Canada. Toronto.
Jean, Marcel (2003): „Documentary in Quebec: The
Auteur Film in Four Movements“, in: HorizonZero 9, June/July, Witness:
Digital Documentary and the
Passionate Voice, o.S.
Klaus, Peter (ed.) (1997): Québec – Canada. Cultures
et littératures immigrées. Neue Romania, Nr. 18, Freie
Universität
Berlin, Berlin.
Lajoie, Mark (2001): „Imagining the City in Québécois
Cinéma”, in: Cahiers du Gerse
3, Automne, Le cinéma: imaginaire de la
ville, o.S.
Lehan, Richard (1998): The City in Literature. An
Intellectual and Cultural History. Berkeley.
Longfellow, Brenda (1984): „Feminist Language in
Journal Inachevé and Strass Café“, in: William C.
Wees/Michael Dorland
(eds.): Words and Moving Images.
Essays on Verbal and Visual Expression
in Film and Television. Coll. Canadian Film Studies/ Etudes
canadiennes
du cinéma I. Montreal, 77-95.
Mallet, Marilú (1981): „How are you?“, in: Les
Compagnons de L’Horloge-Pointeuse. Montreal, 69-81; and (1985)
in:
Voyage to the Other Extreme.
Montreal, 67-79.
Mallet, Marilú (1986): Miami Trip. Montreal.
Moffat, Alain N. (1989): „Manifestations
autobiographiques dans le cinéma documentaire québécois récent“, in: Le
cinéma québécois des années 80, Montreal, 40-47.
Morris, Meaghan (1993): „What to Do With Shopping
Centers?“, in: Simon During (ed.): The
Cultural Studies Reader. London
- New York, 295-319.
Nepveu, Pierre (1988), L’écologie du réel. Mort et
naissance de la littérature québécoise contemporaine. Montréal.
Nichols, Bill (1991): Representing Reality. Issues and
Concepts in Documentary. Bloomington.
Perrault, Luc (1983): „Au fil des films. Le Québec est
‘plate’“, in: La Presse, 8.
Oktober, Montreal.
Pick, Zuzana (1993): The
New Latin American Cinema. A
Continental Project. Austin.
Pick, Zuzana (1987): „Chilean Cinema: Ten Years of
Exile (1973-83)“, in: Jump Cut: A
Review of Contemporary Media 32
(April), 66-70.
Rama, Ángel (1997 [1984]): „La ciudad letrada“, in:
Mabel Moraña (ed.): Ángel Rama y los
estudios latinoamericanos.
Pittsburgh, 565-588; (1996) transl. by John C. Chasteen, The Lettered
City, Durham.
Rhodes, Gary D.; Springer, John Parris (eds.) (2005):
Docufictions. Essays on the
Intersection of Documentary and Fictional
Filmmaking. Jefferson, NC.
Rodríguez, Ileana (1994): House/Garden/Nation. Space,
Gender, Ethnicity in Postcolonial Latin American Literature by Women.
Durham - London.
Simon, Sherry (2006): Translating Montreal: Episodes
in the Life of a Divided City. Montreal.
Simon, Sherry (1997): „Représentations de la diversité culturelle dans la vidéo et le cinéma québecois”, in: Peter Klaus (ed.): Québec – Canada. Cultures et littératures immigrées. Berlin, 41-54.
Mallet, Marilú: Journal
Inachevé (1982).
Mallet, Marilú: Chère
Amérique (1990).
1 Das Erscheinen einer écritures migrantes, sich absetzend von einer littérature d’immigration, in Québec wird in der Sekundärliteratur auf das Jahr 1983 datiert: das Erscheinungsjahr der transkulturellen Zeitschrift Vice Versa und des Romans La Québécoite von Régine Robin. (Die erste Einwanderungs-Welle wird für die 1970er Jahre definiert, eingeflossen in die Gründung der interkulturellen Zeitschrift Dérives (1975-1987); (Nepveu 1988).
2 Rama benutzt Foucaults Konzepte von Macht und Diskurs für seine Analyse der lateinamerikanischen kolonialen Stadt. Der einflussreiche Essay wurde 1984 posthum veröffentlicht und 1996 auch übersetzt und auf Englisch publiziert (The Lettered City).
3 Jean Franco (1993: 273f., 287) attestiert den kulturellen Produktionen lateinamerikanischer Autorinnen (in Lateinamerika) implizite elitäre letrada Haltungen (z.B. liberal/kosmopolitisch), die die Dichotomie zivilisierte Stadt vs. barbarisches Land reproduzieren. Dennoch re-formulieren die Latinas (in Nordamerika), meiner Meinung nach, urbane Räume und verhandeln die spannungsgeladene Beziehung von Stadt (ciudad, city, cité) und Nation neu: in beiden wollen sie als ciudadanas, citizens, citoyennes partizipieren – linguistische Konzepte, die die Verflochtenheit von Stadt und Nation deutlich machen.
4 Dua und Robertson (1999: 19) weisen darauf hin, dass kanadische anti-rassistische feministische Autorinnen Homi Bhabhas Konzept eines third space antizipiert haben und seinen Fokus auf race um die Aspekte gender und class erweiterten und ins Blickfeld rückten: „women of colour occupy a structural position within the Canadian political economy which overlaps the margins of race, gender, and class.“
5 Longfellows Aufsatz wurde 1993 von dem karibisch-kanadischen Schriftsteller Jean Jonaissant ins Französische übersetzt – ein Beispiel für die multilinguale ciudad letrada und die produzierenden trans-letrados/as. Bemerkenswert ist auch das kulturelle Interesse in Montreal, die transkulturellen Theorieproduktionen der 1980er Jahre in den 1990ern einem frankophonen Publikum zugänglich zu machen.
6 Die Musikstücke sind „Recuerdos de la Alhambra“ (1896, Francisco Tárrega) und „Vals criollo” (1939, Antonio Lauro), der Gitarrenspieler ist Mallets Bruder Octavio Lafourcade; im Filmabspann ist auch der brasilianische Komponist für Gitarre Heitor Villa-Lobos (1887-1959) aufgeführt.
7 Das Nicht-Haben eines Landes am Anfang des Films ist am Ende zukunftsweisend re-konfiguriert, als die sich trennenden Eltern ihren Sohn Nicolas „in his country“, Kanada, sehen. (Nicolas wurde in Australien geboren, die Familie seines Vater lebt auch in der Welt verteilt, u.a. in Curaçao, Boston.)
8 Mallets Formulierungen zeigen die verinnerlichte hierarchische Dichotomie öffentlich/privat, bei der das Private als nachrangig bewertet wird. Umgekehrt würde es seltsam anmuten, wenn die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Leben damit gerechtfertigt würde, dass man kein Haus hat und daher draußen lebt.
9 RÉSO ist ein Homonym für réseau (Netzwerk): in den frühen 1960er Jahren wurde in Montreal die U-Bahn gebaut und die ersten unterirdischen shopping malls eröffnet. Heute umfasst die unterirdische Stadt kilometerlange Straßen und hat einen eigenen Stadtplan, vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Underground_City,_Montreal (29.10.08).
10 In mehreren Interviews wird beschrieben, dass Mallets Perspektivik/Standpunkt davon zeugt, dass sie Québec gewählt hat und sie betont ihre Situation als Filmemacherin (im Gegensatz zur Exil-Situation): „Pour moi, le problème, c’est celui d’être une artiste au Québec. C’est plus difficile que d’être ‘éxilée chilienne’“ (Mallet im Interview mit Jean Royer, Le Devoir, Montreal, 12.02.1983). Doch in ihren Filmen zeigt sie, meiner Meinung nach, eine komplexere Situation, in der die Aspekte weiblicher Subjektivität, migrantischer Perspektive und künstlerischer Gestaltungsmöglichkeit nicht getrennt werden können, sondern überlappen.
11 Siehe zur Übersetzung von und in urbanen Räumen auch Simons (2006) Ausführungen zu Montreals komplexer Geschichte (und Gegenwart) der Translationen.
12 Von Mallet siehe hierzu z.B. die Sammlung von Kurzgeschichten Miami Trip (1986), in der sie verschiedene Städte der Amerikas, wie Montreal und Miami, miteinander verbindet. In ihrem doku-fiktionalen Film Chère Amérique (1990) steht Montreal auch im Mittelpunkt, aber er thematisiert ebenfalls die migratorischen Beziehungen amerikanischer Städte, wie Buenos Aires, Santiago, Quito, New York und Montreal.
PD Dr. Albrecht Buschmann (V.i.S.d.P)
Universität Potsdam
Institut für Romanistik
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
