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Projekt Barrierefreiheit

Zum Begriff Inklusion


Inklusion als Begriff


„Danach sind gesellschaftliche Strukturen selbst so zu gestalten und zu verändern, dass sie der realen Vielfalt menschlicher Lebenslagen -  gerade auch von Menschen mit Behinderung – von vornherein gerecht werden.“1

Möchte man sich der Thematik Inklusion zuwenden, so kommt man nicht umhin, den Gerechtigkeitsgedanken, welcher sich aus den Grundsätzen unseres Demokratieverständnisses ableitet, Rechnung zu tragen. Gerechtigkeit, so Niesen, verkomme dabei zu schnell zu einer bloßen Verteilungsproblematik2 bezüglich ökonomischer und kultureller Kapitalien, ohne die dieser Sichtweise immanenten Distinktion der Betroffenen zu […] machtlosen Empfängern [...]3 zu berücksichtigen. Dem Inklusionsbegriff soll sich demnach im Folgenden über die Konstruktion von Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft genähert werden.


Neben einem gerechten Zugang und einer gerechten Verteilung muss, möchte man von Inklusion sprechen, das Grundkonzept von Gerechtigkeit erweitert werden. So ist zunächst zu nennen, dass gleichberechtigte Teilhabe im Sinne von Inklusion an Autonomie gebunden ist. Für Menschen mit Behinderungen bedeutet dies die Möglichkeit, ihren Alltag möglichst selbstständig gestalten zu können. Dies bedeutet gleichsam eine andere Sicht auf barrierefreies Bauen im öffentlichen Bereich, dem Kerngegenstand dieses Projektes. So gilt eine dieser Norm angepasste Bauweise weitgehend nur dann als angemessen, wenn die Betroffenen nicht auf die Hilfe anderer bei der Erschließung der Gebäude angewiesen sind.


Überdies ist festzuhalten, dass Gerechtigkeit eine vertikale Ausrichtung von gesellschaftlichen Unterschieden ausschließt.4 Dies bedeutet, dass Unterschiede, wie etwa bezüglich der körperlichen Konstitution, nicht schlichtweg zu tolerieren, sondern als ebenbürdig aufzufassen sind. Conradi beschreibt diesen Denkschritt sehr treffend mit dem Unterschied von reiner „Höflichkeit“ und wirklicher „Anerkennung“5. Es wird hierbei deutlich, dass es bei Inklusion zunächst darum geht, „Barrieren in den Köpfen“ der Gesellschaft aufzuzeigen. „Normal“ ist demnach eher die Vielfalt der Individuen, als eine sozial konstruierte Gleichheit einiger elitärer Mitglieder der Gesellschaft. Die individuellen Gegebenheiten anzuerkennen und zu achten ist integraler Bestandteil der hier vertretenen Vorstellung von Inklusion. Ein Gerechtigkeitsempfinden, welches Menschen mit Beeinträchtigungen als etwas anderes ansieht, das sich integrieren solle, gilt demnach als verfehlt.

Gleiche und voll wirksame Teilhabe, positiviert durch autonome Lebensgestaltung ermöglichende Normen, stellt hier die Perspektive für eine Erweiterung des Gerechtigkeitsbegriffes dar und soll als begriffliche Grundlage für dieses Projekt dienen.

 

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1    Valentin Aichele (2010): Die UN-Behindertenrechtskonvention. Inhalte, Umsetzung und Monitoring, in: Wegweiser Bürgergesellschaft, 8/2010

2    Vgl. Niesen, Peter (2009): Gerechtigkeit, Inklusion, Demokratie: Motive aus dem Werk von Iris Young, in: Niesen, Peter/Krannich, Margret (Hrsg), Gesellschaftliche Perspektiven: Bildung, Gerechtigkeit, Inklusion, Klartext Verlag, Essen, S. 67

3    Ebenda

4    Vgl. Ebenda, S. 68

5    Conradi, Elisabeth (2009): Inklusion in demokratischen Debatten – von der sozialen zur politischen Praxis,  in: Niesen, Peter/Krannich, Margret (Hrsg), Gesellschaftliche Perspektiven: Bildung, Gerechtigkeit, Inklusion, Klartext Verlag, Essen, S 103

 

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