Vor Jahren begegnete der Romanist Prof. Dr. Thomas Stehl am Bahnhof in Golm italienischen Bauarbeitern. Er sprach sie an, und einer der Arbeiter sagte zu ihm "Du sprichst Italienisch wie wir in Apulien". Kein Wunder, besucht der Sprachwissenschaftler doch mindestens einmal im Jahr aus Forschungsgründen Canosa di Puglia und benachbarte Orte in Apulien.

Thomas Stehl beschäftigt sich seit 1973 mit dem Sprachkontakt und dem Verhältnis von Dialekt und Hochsprache. So führt der Professor für Romanische Philologie/Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam seit 35 Jahren Untersuchungen zu Sprachvariation und Sprachwandel durch. Dazu reist er unter anderem nach Italien. Die Stadt Canosa di Puglia ist auch deshalb für Thomas Stehl von Interesse, weil sie an der Grenzlinie zwischen zwei größeren Dialektgebieten angesiedelt ist. Die über 2.500 Jahre alte italienische Stadt hat über 30.000 Einwohner, ist eine der ältesten Städte Apuliens und in aller Welt für ihre archäologischen Schätze bekannt. Vor Ort führt der Wissenschaftler Sprachaufnahmen durch. Dem Linguisten kommt zugute, dass er diese Ortssprache aktiv beherrscht und so im Laufe der Jahre zum Mitglied der örtlichen Sprachgemeinschaft geworden ist.
Um authentische Forschungsergebnisse zu erzielen, führt Thomas Stehl Interviews mit Familien möglichst mehrerer Generationen, mit Großeltern, Eltern und Kindern durch. Dabei will er Veränderungen der sprachlichen Bewertungsmuster und damit des Sprachgebrauchs von Dialekt und Standard herausfinden. Im Rahmen seiner jahrzehntelangen empirischen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen erkundet er so nicht nur mundartliche Sprachgrenzen, sondern ebenso soziolinguistische Grenzen und Übergänge. In der Situation der Zweisprachigkeit von Ortssprache und Hochsprache lässt sich für ihn nicht nur die "Linguistik der Sprache", sondern vermehrt auch die "Linguistik des Sprechens" besonders gut untersuchen. "Die Hochsprache, beispielsweise das Italienische, nimmt nach und nach sprachliche Elemente der ursprünglichen Dialekte auf, die sich im Laufe der Zeit so stabilisieren, dass in der Hochsprache selbst neue, regionale Dialekte entstehen", so Stehl.

Bei seinen Untersuchungen in Süditalien interessiert den Romanisten beispielsweise die sprachliche Ausstrahlung der Regionalhauptstadt Bari und die Dynamik zwischen Dialekt und Hochsprache, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. In dieser sozialen Zweisprachigkeit hat der Dialekt das mindere und die Hochsprache das höhere Prestige inne. Andererseits beinhaltet der Dialekt ein hohes Identifikationspotenzial: Seine Verwendung drückt die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft aus. Daraus ergeben sich für den Sprachwissenschaftler wichtige Aspekte bezüglich der Sprachvariation, zeigen sich Phänomene des Sprachwandels. Einerseits wird der Dialekt durch die Zweisprachigkeit ausgehöhlt, und andererseits nimmt das regional gesprochene Italienisch Elemente des Dialektes auf. Noch ist zwar der Zeitpunkt offen, aber der ursprüngliche Dialekt wird auf lange Sicht verschwinden. Dennoch besteht ein kollektives Bedürfnis, ihn möglichst zu erhalten. Das zeigt sich beispielsweise auch darin, dass Thomas Stehl quasi eine Katalysator-Funktion übertragen wurde. Er bringt den Dialekt der italienischen Stadt in Schriftform. Der Wissenschaftler erstellt ein vollständiges System der Verschriftung, nach dem sich jeder richten kann. So wird der Dialekt letztlich "konserviert". "Damit erhält die Ortssprache eine Überlebenschance, auch wenn der Zug der Zeit nicht aufgehalten werden kann. Durch eine Verschriftung erfährt die Ortssprache zwar keine Ausbreitung, kann jedoch am Ort selbst und in der städtischen Sprachgemeinschaft in ihrer ursprünglichen Form überleben" meint Stehl.
Für sein Engagement ehrte die Stadt Canosa di Puglia den Sprachwissenschaftler kürzlich auf ganz besondere Weise. Sie zeichnete ihn mit dem Kulturpreis "Premio Diomede" aus, als "hohe Anerkennung für die Apulier, die für ihre Heimat Ehre eingelegt haben". Mit dieser Ehrung würdigt die Stadt die Verdienste des Potsdamer Romanisten bei der Erforschung und Dokumentation des örtlichen, italoromanischen Dialektes und seiner Veränderungen in der Zeit.