03/2011
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„Das verrückteste Jahr unseres Lebens“

2001 haben Wissenschaftler der Universität Potsdam das Rochow-Museum in Reckahn gegründet

Schon vor 200 Jahren war er Anziehungspunkt für Hunderte von Besuchern. Aufgeklärte Fürsten, Minister, Theologen, Pädagogen, aber auch „gemeine Menschen“ reisten zum Wohnsitz des Gutsherrenpaares von Rochow nach Reckahn, um dort Gespräche über Vernunft, Wahrheit, Toleranz, Menschenfreundlichkeit zu führen. Der Lebensmittelpunkt der Familie hatte sich zum politischen, gesellschaftlichen, vor allem pädagogischen Mekka der Aufklärungsgesellschaft im 18. Jahrhundert entwickelt. Gäste von heute erfahren davon in einer Zeitreise durch jene Epoche. An dem historischen Ort ist ein „kultureller Leuchtturm“ Ostdeutschlands entstanden.

Von Petra Görlich


Rochow-Museum Reckahn
Im Philanthropischen Denklehrzimmer: Hanno Schmitt (lks. hinten),
Frank Tosch (r.hinten) und Silke Siebrecht inmitten einer Schülergruppe.
Der Raum präsentiert die Grundidee philanthropischer Pädagogik:
kreatives und lebensnahes Unterrichten. (Foto: Fritze)

Das Blaubuch der Bundesrepublik Deutschland zählt das im einstigen Gutshaus eingerichtete Rochow-Museum zu einem der 20 kulturellen Gedächtnisorte mit nationaler Bedeutung in den neuen Bundesländern. Über 100.000 Besucher konnten sich seit der Eröffnung der Einrichtung am 3. August 2001 davon überzeugen. Das Museum entstand dank des Engagements eines Mitarbeiterteams um die beiden Pädagogik-Professoren der Universität Potsdam, Hanno Schmitt (em.) und Frank Tosch, sowie Museums-Leiterin Dr. Silke Siebrecht. Ihre Begeisterung für das in Reckahn befindliche geschichtsträchtige Ensemble aus Herrenhaus, Barockkirche, Gutspark und Schulhaus führte die drei vor rund zehn Jahre zusammen. Ein Glücksfall kam ihnen dabei zu Hilfe: das Preußenjahr der Länder Brandenburg und Berlin 2001. In seinem Rahmen wurde das Rochow-Museum zu einem der sechs dezentralen Landesausstellungsobjekte. Schon Jahre zuvor hatten sich Schmitt und Tosch vorgenommen, den philanthropischen Adel der Region deutlicher herauszustellen. Jetzt bekamen sie die Chance, an einem originalen Schauplatz der Geschichte die Bedeutung des Pädagogen, praktischen Aufklärers, erfolgreichen Agrarreformers und Schriftstellers Friedrich Eberhard von Rochow museal umzusetzen. Wissenschaftlich gesehen, fingen die Forscher nicht bei Null an. Die Person Rochows war für beide längst Gegenstand der Forschung. Schmitt brachte zudem Erfahrungen bei der Erarbeitung von Ausstellungen mit. Er hatte bereits die Konzeptionen für zwei große, zusammenhängende Expositionen über den Schriftsteller, Sprachforscher, Pädagogen und Verleger Joachim Heinrich Campe geschrieben. „Es hat mich immer interessiert, Geschichte lebendig zu machen“, erzählt der heute im (Un)-Ruhestand befindliche Professor. „Und zwar nicht nur für Studierende, sondern auch für Nicht-Akademiker.“ An das Jahr vor der Eröffnung des Museums erinnern sich Tosch und Schmitt mit einem Schmunzeln. „Es war das verrückteste Jahr unseres Lebens“, sagt Frank Tosch mit dem Blick auf jene acht Monate, in denen die gesamte Dauerausstellung „Vernunft fürs Volk“ ihr Gesicht bekam. „Es ging darum, den Uni- Alltag zu bewältigen“, erzählt er. „Wir hatten ja keine Lehrentlastung, weil wir ein Museum aus dem Boden stampften.“ Vieles musste deshalb parallel erfolgen: Die Absprachen mit den Handwerkern, die Arbeit am Begleitbuch, vor allem die Recherchen in etwa 30 bis 40 Museen der Bundesrepublik, um die Dauerleihgaben zu bekommen. Nächtelang saßen die beiden mit ihrem Gestalter Gerd Frey zusammen, um ihm von Rochow zu erzählen. „Er musste ja wissen, wie die in Büchern hinterlegten Gedanken in die museale Perspektive zu bringen sind“, so Tosch. Ihn selbst habe gerade dieser Aspekt gemeinsamer Arbeit fasziniert: Geschichte zu visualisieren. Das Rochow-Museum war und ist eng verbunden mit der Universität Potsdam. In den vergangenen zehn Jahren fanden insgesamt zehn wissenschaftliche Tagungen im Haus statt. Jeder angehende Grundschullehrer hat es besucht. In den Überblicksvorlesungen zur Geschichte des Erziehungs- und Bildungswesens ist Rochow eine feste Größe. „Genau dieser akademische Bezug ist es, der unser Museum von vergleichbaren Einrichtungen abhebt“, unterstreicht Silke Siebrecht. Und noch etwas ist anders: Die acht Ausstellungsräume besichtigen jährlich etwa 10.000 Neugierige. Ländliche Museen in Deutschland verzeichnen im Schnitt die Hälfte an Besuchern. Im nächsten Jahr feiern die Reckahner Museums-Leute wieder ein Jubiläum. Das benachbarte Schulmuseum wird 20.

Mehr: www.rochow-museum.uni-potsdam.de

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[Letzte Aktualisierung 09.11.2011, Voigt]