Die schockierenden Ereignisse von München, als Jugendliche einen Mann auf einem Bahnhof zu Tode prügelten, entsetzten in den Tagen danach Menschen quer durch alle Altersgruppen und Berufsschichten der Republik. Wie wohl der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung erging es auch Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher. Der Leiter des Instituts für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung in Vehlevanz setzt jedoch bei der Bewertung des Geschehens vor allem auf Fakten. Fakten, die er nicht erst seit den Vorkommnissen in Bayern zusammenträgt.

Spätestens wenn Sturzbecher auf die Daten seiner Jugendstudien schaut, die das Institut seit 1991 erstellt, hat er seine Zweifel an der Drohkulisse härterer Strafen für die Täter: "Der Abschreckungseffekt ist überhaupt nicht gegeben.
Jugendliche blicken nicht so weit in die Zukunft. Die Angst, die man glaubt erzeugen zu können, die können sie gar nicht nachempfinden." Was nicht heißt, dass gewaltbereite Jugendliche unempfindliche, tumbe Rummelboxer sind. Deshalb ermutigt Sturzbecher ausdrücklich zur Zivilcourage. "Jugendliche nehmen sehr genau wahr, ob in ihrem Umfeld gegen Gewalt vorgegangen wird. Man muss klar sagen: Ein Lehrer, der wegschaut, ist eigentlich schlimmer als gar kein Lehrer.
Respektpersonen, die wegsehen, werden als Bestätigung erlebt und sorgen dafür, dass Opfer resignieren und Täter immer frecher werden." Das Problem Jugendgewalt ist offenbar ein Problem der Kinder- und Jugenderziehung. "Wir wissen seit vielen Jahren, dass man Kinder, die zur Gewalttätigkeit neigen, in der Regel schon im Alter von drei oder vier Jahren an ihrem Verhalten im Kindergarten erkennt. Wenn sie denn dort sind. Zum Problem werden diese Kinder und Jugendlichen erst dann, wenn sie Erwachsene bedrohen. Aber dann ist es für manche von ihnen schon zu spät."
Sturzbecher beschreibt eine klare Kausalität zwischen Gewalterfahrung und Gewaltbereitschaft. Er stützt sich dabei auf seine brandenburgische Jugendstudie von 2005. "Wir wissen, dass ungefähr 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mehrfach in der Woche geprügelt werden, von Vater oder Mutter oder von beiden. Fünf Prozent werden massiv misshandelt, oft unter Einsatz von Hilfsmitteln. In der Regel sind es solche Kinder, die später selbst Gewalt anwenden. Ihnen fehlen Aushandlungsstrategien, ihre moralische Entwicklung ist verzögert oder beeinträchtigt." Allerdings gehört der Wissenschaftler nicht zu jenen Zeitgenossen, die gesellschaftliche Missstände als Rechtfertigung für boshaftes oder bösartiges Verhalten von Jugendlichen akzeptieren. "Menschen können Aggressionen steuern, und sie müssen mit Frustrationen umgehen." Natürlich kennt auch Dietmar Sturzbecher den Vorwurf, man würde jugendlichen Gewalttätern zu schnell wegen einer "schweren Kindheit" strafmildernde Umstände zubilligen. Dabei werde aus dem Auge verloren, dass viele von diesen Tätern tatsächlich eine schwere Kindheit hatten, vor allem Zuwendung entbehrten. Die neuere Forschung belege, dass eine gewalttätige, restriktive, wenig eingehende Behandlung im frühkindlichen Alter Spuren hinterlasse in Form von soziokognitiven Defiziten. Derart emotional verwahrloste Jugendliche sind demnach tatsächlich unfähig, Mitleid, Schuld oder Reue zu empfinden.
Gehirnforscher plädieren bereits dafür, bei jugendlichen Gewalttätern prinzipiell feststellen zu lassen, ob sie nicht wegen manifester "dissozialer Persönlichkeitsstörungen" schuldunfähig oder schuldvermindert sind. Eine Position, die auch Wissenschaftlerkollegen als Affront gegen das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden verstehen. Dietmar Sturzbecher ist für das Prinzip Rechtsstaat mit Augenmaß statt Rache. "Kein Mensch wird während einer langen Haft automatisch ein besserer Mensch. Ganz im Gegenteil", so seine Überzeugung. "In unserer brandenburgischen Studie haben wir Gewalttäter befragt. Klar wurde, dass diejenigen, die relativ früh einen kurzzeitigen Arrest erlebt haben, über einen positiven Einfluss auf ihre Täterkarriere berichteten, während andere sagten, dass eine solche Maßnahme einfach zu spät gekommen ist. Offensichtlich braucht es die frühzeitige, entschlossene Sanktion."
Das Interview mit Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher ist unter http://www.uni-potsdam.de/portal/nov09/wiss_forsch/sturzbecher-interview.htm nachzulesen.