Das Jahr der Astronomie klingt aus. Während der letzten Monate haben Uni-Mitarbeiter des Instituts für Physik und Astronomie in vielen Vorträgen, Führungen und Publikationen ihrem Publikum das eigene Fach näherbringen können. Einer davon war Astrophysik-Professor Philipp Richter. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem diffusen gasförmigen Material, das sich zwischen Sternen und Galaxien befindet. Ihn interessieren die Verteilung und die physikalischen Bedingungen dieses so genannten interstellaren und intergalaktischen Mediums. Portal-Redakteurin Petra Görlich sprach mit ihm.

Können Sie sich eigentlich noch am nächtlichen Sternenhimmel so erfreuen, wie wir Laien es tun?
Das kann ich. Trotz der sehr abstrakten Forschung, die wir betreiben. An der Schönheit des Sternenhimmels erfreue ich mich, so oft er zu sehen ist.
Wussten Sie schon als kleiner Junge, dass Sie einmal die Geheimnisse des Universums ergründen wollen?
Das wusste ich noch nicht. Ich war auch durchaus kein Hobby-Astronom. Ich habe mich erst während meines Hauptstudiums Physik für die Astronomie entschieden. Damals war ich beeindruckt davon, dass man diese schönen, ästhetischen Bilder, die man aus dem Weltall bekommt, auch mit physikalischen Methoden analysieren kann.
Was macht für Sie die Faszination der Astronomie aus?
Das Besondere an der Astronomie ist, dass wir im Gegensatz zu anderen Bereichen der Physik keine Experimente an unseren Objekten machen können. Wir schauen uns den Himmel nur an und haben keinen unmittelbaren Zugang zu den Himmelskörpern, die wir studieren. Das Unantastbare des Sternenhimmels, das ist es, was mich fasziniert. Auch, weil man sich eben genau überlegen muss, auf welche Art und Weise man dieses oder jenes Objekt beobachtet.
Worüber geben uns die Sterne, diese leuchtenden Gaskugeln, Auskunft?
Über sehr viel. Beispielsweise über unsere eigene Existenz. Darüber, woraus wir eigentlich gebaut sind. Wir bestehen aus schweren Elementen, aus Kohlenstoff oder auch Sauerstoff. Sie werden in den Sternen ausgebrütet. Die Sterne sind die Geburtsstätten der schweren Elemente und diese sind wiederum die Saatkörner für spätere Planeten und eben auch Leben.

Die Astrologie deutet Sternzeichen, zieht Rückschlüsse auf Menschen, Charaktere und Lebensbiografien. Was halten Sie davon?
Nicht viel. Die Sternbilder an sich sind ja nur von Menschen ausgedacht. Die Sterne in den Sternbildern haben im Allgemeinen jedoch nichts miteinander zu tun. Sie stehen nur zufällig an derselben Stelle am Himmel, sind aber sehr weit voneinander entfernt.
Historisch betrachtet, ist es jedoch so, dass in der Vergangenheit viele große Astronomen zugleich auch Astrologen waren. Nicht zuletzt wegen der Astrologie hatten sie ihr gesichertes Einkommen. Ich will die Deutungen der Astrologen nicht verteufeln, aber für mich sind diese inhaltlich nicht relevant.
Haben Sie ein Lieblings-Sternbild?
Mich faszinieren eher die kleineren Sternbilder. Mir gefällt da beispielsweise der Delphin. Er befindet sich ganz in der Nähe des bekannten Sternbildes Adler.
Das Universum ist für uns Laien unendlich, für die Wissenschaft nicht. Es zu erforschen birgt vielschichtige Fragen. Sind Astronomen nicht zugleich auch Philosophen?
Nach irdischen Maßstäben ist das Universum scheinbar unendlich. Es ist tatsächlich riesig. Wir sehen es ja nicht einmal ganz, sondern nur einen Teil davon. Es expandiert und es gibt bestimmte Regionen, deren Licht uns überhaupt nie zugänglich sein wird.
Natürlich sind Astronomen immer auch Philosophen. Sie beschäftigen sich auch mit deren Fragen. Etwa mit der nach dem Ursprung des Lebens oder mit der nach der Erkenntnis. Sind wir überhaupt in der Lage, das, was wir beobachten, in ein allumfassendes Weltbild zu bringen? Ganz sicher nicht! Wir nutzen ja nur bestimmte irdische Maßstäbe, können nur in drei beziehungsweise vier Dimensionen denken und sind nicht zuletzt selbst Teil des Universums, das wir beobachten. Wir müssen als Forscher daher akzeptieren, dass wir der Wahrheit über die Natur des Universums zwar Stück für Stück näher kommen, eine vollständige Erkenntnis jedoch nie erreichen werden.
Experten sind sich einig, dass irgendwo da draußen Leben ist. Wann wird man dafür einen gesicherten Nachweis haben?
Ich denke, dass ein gesicherter Nachweis von extraterrestrischen Lebensformen noch einige Jahre auf sich warten lassen wird. Aber es wird in absehbarer Zeit passieren. Ich denke, in zehn bis zwanzig Jahren sind wir so weit. Das ist realistisch. Wir können heute Planeten, die um andere Sterne kreisen, genauer untersuchen und zum Beispiel feststellen, ob es sich um gasförmige oder feste handelt. Es dauert nicht mehr lange, bis Forscher eventuell vorhandene Atmosphären spektral untersuchen können. Das wird von großer Bedeutung sein. Denn dann besteht die Möglichkeit festzustellen, ob es dort Hinweise auf Stoffwechselaktivitäten gibt. Wenn ja, wäre dies ein indirekter Nachweis von Leben.
Wo wird die Astronomie in 50 Jahren stehen?
Wir versuchen das gerade selber herauszufinden, um die entsprechenden Weichenstellungen vornehmen zu können. Die Astronomie in 50 Jahren wird sicherlich so sein, dass Beobachtungen an einem weltumspannenden Netz von Teleskopen stattfinden. Wir werden in großen Forschungsverbünden arbeiten. Vielleicht steht ein Beobachtungsobservatorium auf dem Mond …
Die Weichenstellungen, die wir jetzt machen müssen, betreffen vor allem die Entwicklung von neuen Beobachtungsinstrumenten. Es geht um Teleskope, die einen Spiegeldurchmesser von 50 Metern und mehr haben.

Lesen Sie eigentlich Science-Fiction-Romane?
Jetzt nicht mehr. Ich habe früher gern Science-Fiction-Romane gelesen, gute und auch schlechte.
Werden Sie Frank Schätzings neues Buch "Limit", das seine Leser ja auf den Mond entführt, dennoch lesen?
Ja, wenn ich die Zeit finde. Der Kampf um Rohstoffe und neue Methoden der Energiegewinnung sind ja hochaktuelle, spannende Themen, auch für uns Wissenschaftler.
Was ist eigentlich für Sie so spannend daran, nicht die Sterne selbst, sondern den Raum dazwischen zu untersuchen?
Entscheidend ist, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Sterne bilden sich aus diesem Gas, was sich da befindet. Kommen sie an ihr Lebensende, geben sie durch Explosionen und Sternwinde die von ihnen produzierten schweren Elemente wieder an das Gas ab. So gibt es einen Kreislauf der Materie im Universum, der sich zwischen Sternen und dem interstellaren Gas bewegt. Sterne sind natürlich auf den ersten Blick spektakulärer. Aber das eben beschriebene Wechselspiel, der Kreislauf, ist der Motor der Entwicklung des Universums. Es ist wichtig, beide Komponenten gleich gut zu verstehen.
Was untersuchen sie genau, was wollen Sie wissen?
Es gibt zwei wesentliche Punkte, die mich interessieren. Einmal geht es darum zu verstehen, wie das Gas im Universum verteilt ist. Ich studiere die Entwicklung des Gases, dessen Weg in die Galaxien, um neue Sterne zu bilden. Und dann möchte ich zum anderen anhand der chemischen Zusammensetzung des Gases herausfinden, wie viele Sterngenerationen es schon gegeben hat.
Wie können Sie dieses Gas von der Erde aus untersuchen?
Das machen wir mit einer spektroskopischen Methode. Sie können sich das wie einen "kosmischen Diaprojektor" vorstellen. Wir suchen uns ein sehr, sehr weit entferntes Objekt, das sehr hell ist. Wir sehen uns sein Licht an. Auf dem Weg zu uns durchdringt es das interstellare und intergalaktische Gas. Abhängig davon, welche Elemente in welcher Konzentration im Gas sind, wird das Licht in bestimmten Wellenlängen absorbiert. Die entstehenden Absorptionssignaturen verraten uns die chemische Zusammensetzung des Gases.
Das Jahr 2009 wurde von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Astronomie ausgerufen. Die Potsdamer astronomischen und physikalischen Institute feiern das mit dem großen Konzert- und Wissenschaftsprojekt "Einmal Urknall und zurück" am 4. Dezember gemeinsam mit dem Nikolaisaal. Die Veranstaltung beginnt um 19. 00 Uhr. Fünf Stunden lang können dann Gäste Vorträge über Schwarze Löcher besuchen, Klängen des Weltalls lauschen, planetarisch inspirierte Modekreationen bestaunen oder auch miterleben, wie "kosmische" Süppchen gekocht werden. Der Eintritt kostet 22,- Euro.
Mehr Infos: www.nikolaisaal.de/nsp/0910/veranstaltungen/0912041900g.php?lang=DE