
"Was ich am Tag des Mauerfalls gemacht habe, wer mir davon berichtet hat, wie ich darüber dachte - beim besten Willen: Ich weiß es nicht mehr." Der das sagt, ist heute Historiker. Enrico Heitzer ist Doktorand am Zentrum für Zeithistorische Forschung, spezialisiert auf DDR-Geschichte und ab diesem Semester Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam.

1989 war Enrico Heitzer gerade zwölf Jahre alt, trottete im thüringischen Altenburg zur Schule, nachmittags zum Training oder in die Bibliothek. Wenn er sich in dieser Zeit überhaupt schon für Politik interessierte, dann für die des Alten Roms. Honeckers Rücktritt wurde wegen eines Medaillengewinns im Sportschießen zur Nebensächlichkeit und die plötzliche Reisefreiheit war überlagert von Platzangst in überfüllten Zügen.
Die friedliche Revolution kam in Gestalt eines Commodore 64. "Ich war einer der ersten in meinem Freundeskreis, die so einen Computer besaßen", erinnert sich Enrico Heitzer, überzeugt, zu einer eher westdeutschen "Generation C 64" zu gehören. Die virtuellen Welten kompensierten bald den Verlust des Leistungssports. Aus Enricos Russischspezialschule wurde ein Gymnasium. Die Eltern behielten ihre Arbeit und im Sommer fuhr man nun ans Mittelmeer statt an die Ostsee. Das Leben verlief in ruhigen Bahnen.
Erst später in der Rückblende blitzten Seltsamkeiten auf: Im Sommer 89 hatte jemand mit weißer Farbe "Russen raus" auf die Backsteinschule geschrieben. Frau Lange, die Klassenlehrerin, eine disziplinierte Kommunistin, brach in Tränen aus, als sie das erste Mal im Westen gewesen war. Und warum verfielen in Altenburg so viele Häuser, in denen man zwar herumstromern, aber niemand mehr wohnen konnte? Die Schule gab darauf keine Antwort. "Der Geschichtsunterricht endete mit dem Zweiten Weltkrieg. Die DDR kam nicht mehr dran." So blieb ein weißer Fleck im Geschichtsbild des angehenden Historikers.
Im Studium in Potsdam und Halle füllten sich die Leerstellen dann langsam. Mal passten die eigenen Erinnerungen hinein, manchmal auch nicht. Als Enrico Heitzer auf einer Konferenz erfuhr, dass in seiner Heimatstadt in den 1950er Jahren Lehrer und Schüler einer Widerstandsgruppe hingerichtet wurden, er selbst davon aber noch nie etwas gehört hatte, nicht einmal hinter vorgehaltener Hand, schien ihm das Nichtwissen unerträglich. Er forschte in Archiven, suchte die noch lebenden Mitglieder der Gruppe und klärte schließlich auf, wieso sie aufflog. All das ist nachzulesen in Heitzers Magisterarbeit und dem 2007 bei Metropol erschienenen Buch "Einige greifen der Geschichte in die Speichen".
Den Verdacht der Spionage, offizieller Grund für die Verurteilung, fand er zum Teil bestätigt. Die Altenburger Widerstandsgruppe war von der Westberliner Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) unterstützt worden. Die wiederum stand in Kontakt zum amerikanischen Geheimdienst. Während die KgU in der DDR als militante antikommunistische Verbindung betrachtet wurde, galt sie im Westen Deutschlands als humanitäre Hilfsorganisation. "Meiner Erfahrung nach aber gibt es in der historischen Bewertung selten Schwarz oder Weiß", sagt Enrico Heitzer, der sich an dem Thema festgebissen hat, gründlich nachforschte und inzwischen darüber seine Dissertation schreibt. "Ich weiß, etliche sehen die KgU positiver als ich. Tatsache aber ist, dass die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit neben vielen hilfreichen Aktionen in den Osten hinein auch Terroranschläge plante und Morddrohungen aussprach. Für mich stellt sich da die Frage, wie weit man im Widerstand gehen darf."
Nicht nur als Wissenschaftler gibt sich Enrico Heitzer mit einfachen Antworten nicht zufrieden. Auch wenn er 1989 noch ein Kind war, so hat er in den Wendejahren doch erfahren, dass sich in einer Gesellschaft binnen kürzester Zeit alles ändern kann und sehr viele Menschen in ihren bisherigen Überzeugungen schlicht falsch lagen. Manches davon lässt sich in der von ihm kuratierten Ausstellung "Nur geteilte Macht ist gute Macht: 20 Jahre friedliche Revolution in Wittenberg" nachvollziehen. Sie ist noch bis Ende des Jahres im Alten Rathaus und in der Cranach-Stiftung der Lutherstadt zu sehen.