Soeben hat Kerstin Schmidt (Name geändert) das im Lehramtsstudium vorgesehene rund dreimonatige Praktikumssemester beendet. Sie erinnert sich daran mit gemischten Gefühlen. Denn in ihrer Schule fühlte sich die angehende Lehrerin überfordert und sehr oft auch allein gelassen. Von der Universität Potsdam wünscht sie sich deshalb im Interesse nachfolgender Studierendengenerationen eine bessere Vorbereitung auf jene Ausbildungsphase und eine praxistauglichere Begleitung bei den ersten Schritten in den Beruf.

Kerstin Schmidt unterrichtete während ihres Praxissemesters in der Sekundarstufe II an einem Gymnasium der Region. Zwei Sprachen will sie künftig ihren Schülern beibringen. Doch sie weiß immer noch nicht, wie. Das methodische Rüstzeug fehlt. Zu dünn und vor allem praxisfern ist nach ihrer Ansicht die Didaktikvermittlung während des Studiums. Aber das ist nicht der einzige Punkt, an dem es klemmt.
Die zu absolvierenden schulpraktischen Übungen etwa seien zwar nützlich, aber trügerisch. Der Grund: Sie finden unter anderen, weit günstigeren Rahmenbedingungen statt. Es gibt mehr Vorbereitungszeit, einen intensiveren Austausch mit den Lehrkräften und unter den Kommilitonen, bevor die Unterrichtsstunden gehalten werden. Eine verzerrte Realität, meint Schmidt. Im Praxissemester weiche der anfänglichen Euphorie dann schnell die Ernüchterung. Je mehr Stunden zu erteilen sind, je mehr Lehrer mit im Boot sitzen, desto komplizierter werde es. Das jedenfalls sei ihre persönliche Erfahrung. Zu viel musste plötzlich parallel laufen: Primär- und Sekundärliteratur lesen, mit Lehrern das nächste Vorgehen absprechen, Dozenten treffen, Uni-Seminare besuchen, Stunden vorbereiten, halten, auswerten. Zeitmanagement war gefragt, aber nicht geübt. "Ich hätte mir auch gewünscht, früher zu erfahren, welche Bücher ich im Unterricht zu behandeln habe, welche Materialien zu verwenden sind. Aber die Absprachen zwischen den oftmals völlig überlasteten und für die zusätzliche Betreuung nicht entlohnten Lehrern funktionierten gar nicht." Die Unterstützung von Seiten der Uni-Dozenten dagegen schon. Freilich mit Einschränkung. Tipps und Hinweise, so Schmidt, blieben aber zu oft in der Theorie stecken. Erschwerend kommt hinzu, dass es in dem rund dreimonatigen Härtetest für die jungen Leute keine spezielle psychologische Betreuung gibt. So scheitern manche schon an der eigenen mentalen Einstellung. Sie wissen in der Schule zum Beispiel nicht, wie sie sich in einzelnen Situationen verhalten sollen. Der Umgang mit den Schülern ist dabei oft gar nicht das Problem, der mit den Lehrer-Kollegen schon. Ziemlich allein gelassen folgt dann offensichtlich bei dem ein oder anderen der prompte Absturz in ein tiefes, schwarzes Loch. "Psychologische Unterstützung habe ich wirklich sehr vermisst", so Schmidts Resümee. "Ich glaube, das ging vielen Kommilitonen so."
Handlungsbedarf für die Uni sieht die Studentin insbesondere hinsichtlich besserer Absprachen mit den Schulen. Sowohl Lehrer als auch die Studierenden müssten genauer wissen, was auf beide Seiten zukomme. "Wenn die Lehrer über ihre Aufgaben Bescheid wüssten, würde das Ganze unkomplizierter laufen. Umgekehrt braucht es eine zielgerichtetere Vorbereitung der Studierenden", ist sie überzeugt. Ein großes Defizit sei zudem die fehlende Methodik. Sie sich erst mühsam in der Schule aneignen zu müssen, betrachten Betroffene wie Schmidt als großes Problem und fordern deshalb die Aufstockung von entsprechenden Seminarstundenzahlen in der Fachdidaktik.
Nicht ganz unwesentlich ist auch die Tatsache, dass das Praxissemester keinen Spielraum für das Jobben nebenbei lässt. Besonders betroffen sind Studierende mit Kindern, die den täglichen Lebensunterhalt oft durch das Arbeiten neben dem Studium sichern. Schmidt selbst hatte Glück. Sie bekommt BAföG und hat den stressigen Schul-Alltag ohne anderweitiges Engagement meistern können. "Das wäre zeitlich auch nicht zu bewältigen", ist sie sich sicher. Trotz der ersten beruflichen Tiefschläge will sie immer noch Lehrerin werden. Die gemachten Erfahrungen, hofft sie, helfen ihr nun, das einmal gesteckte Ziel auch zu erreichen. Von der Universität wünscht sich die Studentin im Interesse nachfolgender Studierendengenerationen eine Ausbildung mit verbessertem Praxisbezug. So könnte deren Sprung ins kalte Wasser künftig vielleicht etwas weniger erschrecken.
Der Name der Studentin liegt der Redaktion vor.