Der letzte deutsche Kaiser soll im Palmenhaus im Park von Sanssouci zum Tee geladen haben. Und in den Gewächshäusern wuchsen die Schnittblumen für den Hof heran. Heute befindet sich hier der Botanische Garten der Universität, betreut von Kustos Dr. Michael Burkart. Das Porträt eines Botanikers.

Passiflora mollissima hat sich breit gemacht. Die weiche Passionsblume ist an den gläsernen Wänden des Gewächshauses empor gekrochen und spreizt nun ihre rosafarbenen Blütenblätter. "So schön sie ist - in Hawaii macht sie alles kaputt", sagt Michael Burkart. Für den Kustos des Botanischen Gartens ist die zartblühende Schlingpflanze ein Musterbeispiel biologischer Invasion. Denn Hawaii ist nicht ihre Heimat. Es gibt keine natürlichen Feinde dort, die ihren wuchernden Wildwuchs bremsen könnten.
Über tropische Pflanzen hat Michael Burkart in den vergangenen Jahren einiges hinzugelernt. Bevor er 2002 die "grüne Sammlung" des Botanischen Gartens übernahm, hatte er für seine Dissertation die Artenvielfalt in den Havelauen untersucht und sah sich als typischen Feld-, Wald- und Wiesenbotaniker. Der Schutz der einheimischen Pflanzen aber liegt ihm auch heute noch am Herzen und gehört aus seiner Sicht ganz selbstverständlich zur Philosophie eines Botanischen Gartens. "Wir haben hier 60 einheimische Wildpflanzen, die vom Aussterben bedroht sind. Die schützen wir, ähnlich wie seltene Tiere im Zoo."
Um Kinder frühzeitig für den Naturschutz zu sensibilisieren, richtete Michael Burkart im Botanischen Garten als Erstes ein "Grünes Klassenzimmer" ein. Die Mädchen und Jungen können hier mit Pflanzen in Berührung kommen und vieles selber ausprobieren. Aufgewachsen in einer Gärtnerfamilie in der Nähe vom Bodensee, umgeben von Bäumen zum Klettern und Sträuchern zum Verstecken, weiß der Biologe, was Stadtkindern entgeht. "Es ist die sinnliche Erfahrung, das Anfassen, Riechen und Beobachten der Natur."
Nichts anderes suchen die Erwachsenen, wenn sie durchs Kakteenhaus streifen, unter Palmen wandeln oder zwischen Ananasgewächsen verweilen, um dem Konzert der puertoricanischen Pfeiffrösche zu lauschen, abends in der Dämmerung. "Ich hab noch nicht ganz durchschaut, was die Frösche motiviert", gesteht Michael Burkart. "Manchmal, wenn ich bei einer Führung zu lange rede, fangen sie an zu pfeifen."

Inzwischen gibt es jeden Sonntag Nachmittag thematische Rundgänge mit soliden Fachinformationen, schließlich ist der Botanische Garten eine universitäre Einrichtung, die Lehre und Forschung betreibt. Burkart selbst hält Vorlesungen über die Vegetation Mitteleuropas und lehrt Botanik für Geoökologen. Er begleitet auch die Studierenden auf Exkursionen, wo sein Talent als Pflanzenfinder gefragt ist. "Tiere und Pilze entdecke ich nicht so schnell, aber auf einer Wiese sehe ich sofort, wie viele verschiedene Gräser dort wachsen", sagt er und lacht darüber, dass man offensichtlich nur sieht, worauf man trainiert ist. Es ist ihm schon oft gelungen, die Studierenden damit anzustecken. "Wir haben hier eine sehr inspirierende Atmosphäre, die dazu einlädt mitzuarbeiten, im Grünen Klassenzimmer oder in der Forschung."
In einem größer angelegten Forschungsprojekt wollen die Botaniker untersuchen, wie sich Wildpflanzen unter dem Anpassungsdruck des Gartens verändern. Der Garten soll sozusagen selbst als Evolutionslabor dienen. "Es ist nicht leicht, Wildpflanzen zu bekommen, vor allem wenn sie aus den Tropen stammen", meint Michael Burkart und verweist auf neue internationale Kontakte, etwa nach Malaysia oder Costa Rica. Davon erhofft er sich einen besseren Zugang zu tropischen Pflanzen mit genau dokumentierter Wildherkunft, wie sie für die Forschung heute unverzichtbar sind. Aber schon jetzt zeigt der Garten eine in Fachkreisen gelobte und von den Besuchern geschätzte Pflanzenfülle. "Und Dank unserer hochmotivierten Gärtner", so der Kustos, "sieht es auch einfach gut aus".
Am 24. November um 17.00 Uhr Uhr lädt der Botanische Garten zur Präsentation zweier Bücher ein: "Darwin und die Botanik" von Jürg Stöcklin und Ekkeards Höxtermann sowie "Bauerngärten in Brandenburg" von Heinz-Dieter Krausch.