
In jeder Reformdebatte finden früher oder später alle ihren gemeinsamen Nenner: die Empörung über das vermutete Motiv des Staates - nämlich Geld zu sparen. Darin geht dann die inhaltliche Debatte unter. Die Reform des Lehramtsstudiums ist da keine Ausnahme. Modularisierung, Belegpunkte und insbesondere die Einführung zweistufiger Studiengänge stehen unter dem Generalverdacht einzig und allein zum Zwecke der Einsparungen ausgeheckt zu sein.
Das mag zutreffen oder auch nicht - für die Ausrichtung unserer künftigen Lehramtsausbildung ist das unerheblich. Ein Kunstwerk wird bekanntlich nicht am Motiv des Künstlers gemessen, sondern an seinem Wert als Werk. Welchen Wert hat ein zweistufiger Studiengang, und welche Chancen bietet er für die Reform der Lehramtsausbildung?
Ein guter Lehrer, ausgezeichnet durch ein fundiertes Fachwissen, pädagogisches Geschick und persönliche Eignung kann Generationen von Schülern für Mathematik, Physik und Deutsch begeistern. Die gleichen Schüler, geraten sie an einen ungeeigneten Lehrer, werden Mathematik, Physik und Deutsch ihr Leben lang hassen. Lehrer gestalten viele Schicksale, unmittelbar, direkt und ungepuffert. Das unterscheidet sie vom "run-off-the-mill" Diplomabsolventen. Der zentrale Anliegen einer Reform der Lehramtsausbildung muss es sein, diejenigen die geeignet sind optimal vorzubereiten, aber auch diejenigen die sich im Laufe der ersten Jahre als ungeeignet erweisen, eine Perspektive in einem anderen Berufsfeld zu eröffnen. Frühzeitig, und nicht erst am Ende, wenn es schon zu spät ist. Und nicht, weil das Kosten spart, sondern weil Kinder kostbar sind.
Zweistufige Studiengänge bieten die Chance, diesem Spagat gerecht zu werden. Das dreijährige Bachelorstudium umfasst zwei Fächer, eine Einführung in die Fachdidaktik und die Grundlagen der Pädagogik und Psychologie. Im anschließenden Masterstudium erfolgt die prononcierte Ausrichtung auf das Lehramt und der Schliff zum Referendar. Das Bachelorstudium sollte hier breit angelegt sein, eine Art "Renaissance-Ausbildung"". Wer dann in den ersten Studienjahren feststellt, eben doch nicht für das Lehramt geeignet zu sein, hat trotzdem nicht "umsonst" studiert. Als erster berufsqualifizierender Abschluss eröffnen sich dem Absolventen -- neben einem Masterstudium -- Möglichkeiten in der Medienwirtschaft, der Erwachsenenbildung und - wenn es denn die Gesetzeslage in der Zukunft erlaubt, und das Bachelorstudium entsprechende Komponeten umfasst - als Kita-Lehrer oder als Lehrkraft für besondere Aufgaben in schulbegleitenden Einrichtungen.
Für die Fachausbildung in Physik bedeutet die Umstellung auf zweistufige Studiengänge ein deutlicher Abschied von unseren lieb gewonnen Stoffplänen. Viele Physiker glauben ja noch immer - ich bin da keine Ausnahme - Physiklehrer müssten unbedingt die Wheatstone'sche Brücke, Clebsch-Gordon Koeffizienten oder das Emissionsspektrum von Neodym-Ytterbium-Hyper-Gedöns kennen und verstehen. Sonst könnten sie die ökonomische Bedeutung des Werkzeugs Licht nicht richtig würdigen oder die Vielfalt von Plastiktüten. Lehrer müssen aber weder über die Clebsch-Gordon Reihe kompetent Auskunft geben, noch müssen Sie alle Einträge im "Lexikon Physik" kennen. Sie müssen das strategische Arsenal der Physik beherrschen, nicht die Namen ihrer gewonnen (oder verlorenen) Schlachten: Symmetrieprinzipien, Erhaltungssätze, Unmöglichkeitstheoreme. Sie müssen das Weltbild der Physik vermitteln können, ihre technologische Dimension, sicher, aber auch ihre waghalsigen Spekulationen und ihre großen Rätsel. Die Reform der Lehramts-Ausbildung liefert hier eine erstklassige Gelegenheit einmal darüber nachzudenken nicht wen sollten unsere Physik-Lehrer kennen, sondern was sollten sie Können
Module sind zu schreiben, abzustimmen und zu verzahnen. Ein spannender Prozess. Vielleicht öffnet sich ja hier endlich der Korridor, an dessen Ende die Erziehungswissenschaften von unseren Lehramtsabsolventen nicht länger als "nett aber nutzlos" abqualifiziert werden, die Physik als "nett aber staubig" und die Fachdidaktik als "nett aber zu wenig". Im übrigen gilt: Die Ausbildung von Lehrern geschieht nicht in der Universität. Das Studium ist lediglich so etwas wie ein Anstoß - zu Lehrern werden die Absolventen in der Schule. Viel mehr noch als bisher muss die Universität die Lehrer hier ihr Leben lang begleiten. Physiklehrer etwa, brauchen einmal im Jahr eine fachliche und fachdidaktische Weiterbildung - das Weltbild der Physik entwickelt sich ja auch weiter, und die letzten Einsichten zu Schrödingers Katze, Quantenkryptographie und schwarzen Löchern sind besser geeignet, Schüler für das "Projekt Physik"' zu begeistern als die ewige Wiederkehr einer schiefen Ebene.