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April - Mai 2004
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Quod erat demonstrandum

Europäische Medienwissenschaft - Lehren aus einem Modellversuch

Organisatorisch ist die "Europäische Medienwissenschaft" ein Unikum, da sie nicht nur ein Studiengang neuen Typs ist, sondern auch noch von drei unterschiedlichen Hochschultypen (Uni, Fachhochschule und Filmhochschule) getragen wird. Sie ist deshalb auf einzigartige Weise imstande, Theorie- und Praxisanteile miteinander zu verbinden.


Gute Quote: 90 Prozent der Studienanfänger haben
nach sieben Semestern den Bachelor für Europäische
Medienwissenschaften in der Tasche.
Foto: Fritze

Da es gelungen war, die Einrichtung des Studiengangs als Modellversuch durch die Bund-Länder-Kommission anerkennen zu lassen, gab es zwar erhebliche finanzielle Vorteile, der Status des Modellstudiengangs zog aber auch ein aufwendiges Berichts- und Evaluationswesen nach sich, auf das sich die folgenden Anmerkungen stützen:

1. Erst in der Praxis bewähren müssen sich Module als Versuche, ein Lehrgebiet in akademische Vermittlungsformen abzubilden. Deshalb bedarf es bisweilen mehrerer Anläufe, bis eine Studienordnung so weit optimiert ist, dass sie akkreditiert werden kann.

2. Das System der Beleg- und Leistungspunkte ist zwar außerordentlich verwaltungsaufwendig, aber es garantiert die optimale Nutzung der Ressource "Lehre". Für den Besuch jeder Lehrveranstaltung müssen die Studierenden Belegpunkte entrichten und diese in Leistungspunkte umwandeln und beides muss dokumentiert werden. In der Europäischen Medienwissenschaft gilt es aber nicht nur die Punktekonten zu führen, diese müssen auch interpretiert werden, weil zu dem Zeugnis auch ein zweisprachiges Diploma supplement ausgestellt wird. Dieses enthält jeweils den mittleren Leistungswert der Vergleichsgruppe ("hat die Note 2,3 bei einem Schnitt von 3,1 erreicht"), und zu diesem Zweck müssen die Punktekonten auch nach Lehrveranstaltungen aufbereitet sein. Ob eine entsprechende Software auf die Potsdamer Verhältnisse angepasst werden kann, ist noch nicht sicher.

3. Der Bachelor Europäische Medienwissenschaft wurde durch eine Akkreditierungsagentur evaluiert - mit einem außerordentlich erfreulichen Ergebnis. In Bälde wird auch der Master evaluiert und dann beide Stufen akkreditiert. Es entstehen dadurch Kosten in Höhe von vielen Tausend Euro. Wenn in Zukunft alle Studiengänge akkreditiert werden sollen, bedeutet dies eine regelmäßige und (nicht nur kosten-)intensive externe Begutachtung. So hilfreich der Blick von Außen auf einen Studiengang ist, um Verbesserungsmöglichkeiten auszuloten, so aufwendig sind die Verfahren. Allein die Selbstreports kosten Zeit und Kraft, die an anderer Stelle fehlen.

4. Modularisierte Studiengänge sind viel personalintensiver als das bisherige Studiensystem. Daran sind nicht die Punktekonten oder die aussagekräftigeren Zeugnisse schuld. Auch alle Lehrenden müssen zu jeder Veranstaltung ein Arbeitsprogramm für das studentische Selbststudium entwickeln und nach jeder Veranstaltung den Lernerfolg abprüfen. Das kommt sicher der individuellen Betreuung zugute, führt aber unausweichlich zu einem Numerus clausus. Wenn dann noch der Kontakt zu den Alumni intensiv weitergeführt werden soll, bindet dies noch einmal Kapazitäten.

5. Die ersten Erfahrungen mit der Stufung lassen vermuten, dass die derzeitige Personalstruktur der Universität dem kommenden Lehr- und Verwaltungsbedarf schlecht angepasst ist. Damit den habilitierten Lehrenden noch Raum für Forschung bleibt und die Studierenden im Master- und im Graduiertenprogramm an diese Forschung herangeführt werden können, müssen mehr Lehrkräfte für besondere Aufgaben im Bachelor-Programm standardisierte Veranstaltungen anbieten. Nur so kann in den oberen Stufen die Balance zwischen Lehre und Forschung wieder hergestellt werden.

6. Die Auswahl der Studierenden macht viel Arbeit. Nach der Vorauswahl gemäß den üblichen Kriterien des Numerus clausus werden die Bewerber für Europäische Medienwissenschaft zu Einzelgesprächen nach Potsdam eingeladen. Dieses Procedere bindet die Hochschullehrer in der vorlesungsfreien Zeit des Sommers für rund eine Woche, hat aber den großen Vorteil, dass sich die Studierenden vom ersten Tag an "aufgenommen" fühlen und der Kontakt mit den Lehrenden von Anfang an sehr eng ist. Der Erfolg: Rund 45 Prozent der Studienanfänger hatten nach dem 6. Semester ihren Bachelor erreicht, weitere 45 Prozent nach dem 7. Semester, weil sie ein Semester im Ausland waren.

Fazit: Die Vorstellung, man könne, bei gleich bleibendem oder sogar noch reduziertem Personal, mit einem gestuften System große Kohorten (30 Prozent eines Jahrgangs) durch die Hochschulen schleusen, um mit einem kleineren Teil dann im Master- und im Promotionsstudium "richtige Wissenschaft" betreiben, ist völlig irrig. Das Gegenteil ist richtig: Die Zahl der qualifizierten Abschlüsse auch als Bachelor lässt sich nur heben, wenn man die Betreuungsrelation verbessert. Das aber kostet Geld. Viel Geld - quod erat demonstrandum.

Prof. Dr. Norbert Franz, Institut für Slavistik
CopyrightŠ 2001 Universität Potsdam, Glaesmer, Knappe
[Letzte Aktualisierung 03.05.2004, Queck]