Dass sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland rasant verändert, spürt Nadejda Romanova unter anderem daran, dass ausländische Studierende immer öfter mit Fragen zu ihr kommen, die um finanzielle Dinge kreisen: Jobs, Stipendien, billigere Wohnungen. Zu den ohnehin vielen Verunsicherungen im Ausland drücken die Studierenden mehr und mehr auch finanzielle Sorgen. Oft kennt Romanova deren Situation bis ins Detail, was manchmal unabdingbar ist. Wenn beispielsweise Studierenden die Ausweisung droht, weil im Pass der korrekte Studiengangsvermerk fehlt und der Aufenthaltsstatus dadurch ungeklärt ist, dann ist Eile geboten. Auch ihre Sachkenntnis ist gefragt hinsichtlich Studienrecht und persönlichem Umfeld des Betreffendent, um bei der Ausländerbehörde das Schlimmste noch abzuwenden.

Dort war sie im Jahre 2001 selbst vorstellig geworden. Im Herbst desselben Jahres kam die an der Lingualen Universität von Irkutsk und an der Tschitaer Pädagogischen Universität zur Deutschlehrerin ausgebildete Nadedja Romanova nach Deutschland. Zuvor hatte sie auf einer Reise nach Dresden ihren Mann kennen gelernt, den sie in Saratow an der Wolga heiratete. Dort an der Universität hat sie auch unterrichtet, später dann am Goethe-Institut gearbeitet. "In Irkutsk habe ich auch mal begonnen zu promovieren, aber ich brauche doch eher die Praxis." Als Nadejda Romanova dann im Frühjahr des Jahres 2002 ihre erste Arbeitsstelle in Deutschland beim Akademischen Auslandsamt antrat, war das zunächst ein Schock. Es hieß vieles aufzuarbeiten, was durch die Krankheit einer Mitarbeiterin längere Zeit unerledigt geblieben war und von den Kollegen nicht mehr bewältigt werden konnte. Selbst auf dem Boden türmten sich Akten und Papiere. Auch wenn man spürt, wie sehr sie es als glücklichen Zufall empfindet, hier beruflich schnell Fuß gefasst zu haben, so glaubt man noch heute ihre damalige Verzweiflung und Hilflosigkeit zu hören, wenn sie über das Arbeitschaos und die Überlastung der ersten Monate spricht. "Ich hatte zwar beim Goethe-Institut einige Erfahrungen im Kulturaustausch gesammelt, hatte viel mit Russlanddeutschen gearbeitet, gedolmetscht und viel organisiert, aber auf so etwas war ich einfach nicht vorbereitet. Ohne die Unterstützung des Teams, vor allem der studentischen Hilfskräfte, hätte ich es damals kaum geschafft."
Inzwischen ist der Arbeitsplatz der 1974 im ostsibirischen, hinter dem Baikalsee gelegenen Tschita geborenen Russin gut geordnet, ihre Arbeitsfelder sind bestens strukturiert. Rund eintausend ausländische Vollzeitstudenten und zweihundertzwanzig Programmstudenten zusätzlich der Promovenden aus aller Herren Länder werden von ihr betreut und "verwaltet". Sie bereitet deren Immatrikulation vor und schließt dann später ihre Akten mit der Exmatrikulation. Sie kümmert sich um die Anmeldungen bei der Ausländerbehörde, um Krankenversicherung, Wohnheimplatzreservierungen, Zulassungen und hilft bei Behördengängen. Natürlich kommuniziert sie viel, der Informationsbedarf ist vor allem in den ersten Wochen des Studiums enorm hoch. Manchmal beantwortet sie bis zu fünfzig E-Mails am Tag. Sie koordiniert die Orientierungswoche, moderiert die Willkommensveranstaltung, führt die Akten, bestätigt Seminarscheine und hat Beurlaubungen ebenso im Blick wie An- und Rückmeldefristen. Dreimal pro Woche hat sie direkte Sprechzeit, Telefondienst exklusive. Und es gibt Zeiten, wo selbst das zu wenig ist. "Manche haben keine Probleme, andere kommen öfter. Meist sind die Promovenden recht orientierungslos, weil sie im Gegensatz zu den Studierenden die deutsche Sprache nicht beherrschen müssen, wenn sie hierher kommen." Die Puschkin- und Gogolverehrerin hat hier in Potsdam ihre zweite Heimat gefunden. Die Sehnsucht nach der ersten stillt sie mit möglichst viel Informationen über aktuelle Prozesse vor Ort sowie mit Kontakten zu russischer Kunst und Kultur; die Ferien verbringt sie natürlich in Russland bei ihrer Familie. Selbst weit weg von zu Hause weiß sie um die Gefühle derer, die zu ihr kommen. Richtungssuchend sind sie alle. Würde man Nadedja Romanova eine Fremdenführerin nennen, läge man gar nicht so falsch.