Juni - August 2004
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Portal 1-3/04, "Durchs wilde Kurdistan" von Prof. Dr. Roland Oberhänsli

Nach Rücksprache mit Prof. Dr. Roland Oberhänsli sind wir überein gekommen, dass ich in Form eines kleinen Textes einige Zusatzinformationen zu den in seinem Exkursionsbericht angesprochenen Vorfällen um die Stadt Van im Jahre 1915 liefere, damit für den mit den damaligen Ereignissen nicht vertrauten Leser kein falscher Eindruck entsteht.

Auszug aus dem Text von Prof. Obehänsli: ...bis hin zu den Ruinen der Stadt Van. Sie wurde während der Armenischen Unruhen 1915 dem Erdboden gleich gemacht. In der Stadt kämpften die armenischen Christen gegen die muslimische Minderheit innerhalb der Stadtmauern und vor den Toren der Stadt die Osmanischen Truppen mit den Russischen. Das machten sich die Kurden damals zu Nutze, um die Stadt zu plündern und endgültig zu zerstören. ...

Bereits 1895/1896 kommt es unter der Herrschaft von Sultan Abülhamit II. (1876-1909) zu Pogromen gegen die Armenier. Circa 100 000 Armenier kommen zu Tode. Die Stadt Van bleibt aufgrund der Bildung von Bürgerwehren von den Progromen verschont.
Am 2.8.1914 beschließt das Zentralkomitee von Ittihad ("Jungtürken") die Generalmobilisierung des Osmanischen Reiches (einschließlich der Armenier) sowie die Gründung einer "Spezialorganisation" (Teskilat-i Mahsusa) für innere Angelegenheiten.
Diese Spezialorganisation war unterteilt in die so genannten Gendarmen (circa 85.000 Mann) und die Çetes (Çete, türk. Bande). Die Çetes (circa 30.000 Mann) rekrutierten sich aus Kurden, zu diesem Zwecke freigelassenen Strafgefangenen sowie Flüchtlingen aus dem Kaukasus. Sie unterstanden einem Koordinationsbüro des Verteidigungs- und Innenministeriums unter Leitung von Dr. Bahaeddin Sakir. Die einzelnen Einheiten wurden von Parteiangehörigen beziehungsweise Offizieren geleitet. Aufgabe der Çetes war es zum Einen, Operationen auf russischem Gebiet durchzuführen, um einen Angriff Russlands zu provozieren (zwischen dem Osmanischen und dem Deutschen Reich bestand ein geheimes Beistandsabkommen), zum Anderen die armenische Bevölkerung Ostanatoliens durch beständige Übergriffe zu terrorisieren.
Ende August/Anfang September kommt es zu ersten Übergriffen auf die armenische Minderheit. Am 6.9.1914 wird die politische und geistliche Elite der Armenier unter Aufsicht gestellt. Mit Angriffen auf russische Schiffe und Häfen am Schwarzen Meer tritt die Türkei im November 1914 auf Seiten des Deutschen Reiches in den 1. Weltkrieg ein. Nach anfänglichen militärischen Erfolgen kommt es zu starken Verlusten der osmanischen Truppen. Dies führt dazu, dass die armenischen Soldaten am 25.2.1915 von Kriegsminister Enver Pascha wegen der anfänglichen Erfolge für ihre herausragende Tapferkeit gelobt werden und gleichzeitig der Befehl zu ihrer Entwaffnung mit anschließender Einteilung in circa 120 Arbeitstrupps zur Herstellung von Infrastruktur, vor allem Straßen, erteilt wird. Es kommt zu den ersten systematischen Ermordungen von Armeniern. Teilweise werden ganze Arbeitstrupps nach Beendigung eines Straßenabschnittes erschlagen oder erschossen.
Am 13.3.1915 wird das Parlament geschlossen und die Teskilat-i Mahsusa zur Bekämpfung des "inneren Feindes", das heißt der Armenier, offiziell gegründet. Es gab Parlamentarier, die mit der Behandlung der Armenier nicht einverstanden und deswegen nicht bereit waren, bestimmte Beschlüsse mit zu tragen und zum Beispiel bestimmte Informationen wie inoffizielle Beschlüsse oder Auslegungen der Gesetze an Armenier weitergaben. Laut Artikel 36 der osmanischen Verfassung konnte die Regierung in dem Zeitraum, in dem das Parlament nicht tagte, provisorische Gesetze (kanun-u muvakkat) erlassen.
Mit der Begründung gegen armenische Deserteure vorgehen zu wollen, wird am 25.3.1915 die Stadt Zeitun (25.000 Einwohner) als erste vollständig deportiert. Im Umfeld der Stadt Van nehmen die Übergriffe drastisch zu. Ob aus revisionistischen Gründen oder nicht, dieser Stadt galt offenbar ein besonderes Augenmerk, da der gemäßigtere Gouverneur der Region Van zu Gunsten von Djerdet Pascha, einem Schwager des Kriegsministers Enver Pascha, abgesetzt wurde. Im Gegensatz zu den meisten anderen Regionen des Landes war es in Van jedoch nicht möglich, die kurdischen Stämme gegen die Armenier auszuspielen.
Auf Grund der schlechten Erfahrungen der beiden Minderheiten in der Vergangenheit kommt es, wie bereits 1895/96, am 20.4.1915 zum nun allerdings gemeinsamen Widerstand gegen die im Umfeld der Stadt marodierenden Çetes.
Der für die Provinz Van zuständige deutsche Vizekonsul in Erzurum, Max Erwin von Scheubner-Richter, schreibt an das deutsche Außenamt am 26.4.1915 über Privatnachrichten, die besagten, dass die Regierung vor Ausbruch der Unruhen angesehene Armenier verhaftet hat, die sodann auf dem Transport unter polizeilicher Überwachung ermordet worden seien. Die Verteidiger der Stadt Van halten bis zur "Befreiung" durch russische Truppen am 19.5.1915 gegen die zum Zwecke der Deportation angreifenden osmanischen Truppen durch. Die russischen Truppen identifizieren in der Umgebung von Van 55.000 Tote als Armenier.
Dieser Aufstand der Armenier in Van wird seitdem von osmanischer (später türkischer) Seite als Grund für die darauf folgenden Gesetze und Deportationen angeführt. Unabhängig von der generellen Frage, ob die Tatsache eines Aufstandes einer Stadt oder Region die Deportation - in dieser Form gleichbedeutend mit Vernichtung - eines ganzen Volkes rechtfertigt, muss festgehalten werden, dass es zu Massenerschießungen und Deportationen bereits im Vorfeld kam und die osmanische Führung offenbar alles daran setzte, speziell in der Region Van einen Aufstand zu provozieren, um eine Situation zu konstruieren, die ein Eingreifen zwingend erforderte.
Am 24.4.1915 werden die politischen und religiösen Führer des armenischen Volkes unter Arrest gestellt und nach und nach exekutiert. In einem chiffrierten Telegramm des Innenministers Talaat Pascha an den Gouverneur von Erzurum vom 18.5.1915 werden bereits durchgeführte Deportationen angesprochen. Am 26.5.1915 fordert das Innenministerium in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten die bereits begonnenen Deportationen durch ein Gesetz zu legitimieren und zu organisieren. Einen Tag später wird das "vorläufige" Deportationsgesetz vom Kabinett verabschiedet.
In Artikel 2 des "Provisorischen Gesetzes über die Verschickung verdächtiger Personen" lesen wir Folgendes: "Die Kommandanten der Armeen, Armeekorps und Divisionen können, wenn militärische Bedürfnisse es erfordern, die Bevölkerung von Städten und Dörfern, die sie der Schuld des Verrates oder der Spionage für verdächtig halten, dislozieren und in anderen Orten ansiedeln."
Ziel der meisten Deportationen ist die Wüste Deir-es-Zor im Norden Syriens. Jedoch ist der Weg dahin derart beschwerlich, dass viele Armenier bereits unterwegs sterben. Von Befürwortern des Begriffes "Genozid" im Zusammenhang mit den Ereignissen 1915/16 wird beispielsweise angeführt, dass es am Zielort der Deportationen keinerlei Vorkehrungen gab Menschen aufzunehmen, geschweige denn zu ernähren oder mit Wasser zu versorgen, was in der Wüste zwangsläufig zum baldigen Tode führen musste. Ein Gesetz zur Konfiszierung jeglichen Besitzes der Armenier folgt am 10.6.1915. Allerdings kam es schon lange vorher zu Konfiszierungen von "militärtauglichen" Gütern. Am 4.11.1918 wird das "vorläufige" Gesetz zur Deportation vom Nachkriegs-Kabinett außer Kraft gesetzt.
In den Jahren von 1914 bis 1918 starben laut Prof. Dr. Hermann Goltz, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, circa 1,5 Millionen Armenier . Die osmanische Regierung (Cemal) selbst sprach 1918 nach dem Krieg von 800.000 Armeniern, die "direkt" im Zusammenhang mit den Deportationen starben (in dieser Berechnung fehlen unter anderem die ermordeten Arbeitersoldaten).
Am 10.8.1920 wird im Friedensvertrag von Sèvres von der osmanischen Regierung Ostanatolien an einen unabhängigen Staat Armenien, Südostanatolien an einen autonomen Staat Kurdistan, Thrakien und ein Großteil Westanatoliens an Griechenland abgetreten. Daraufhin kommt es zu einer starken türkischen Widerstandsbewegung. Bereits am 17.11.1920 besiegt Mustafa Kemal "Atatürk" die Armenier. Mit dem Vertrag von Gümrü (2.12.1920) wird der Vertrag von Sèvres annulliert und die Grenzen von 1878 wiederhergestellt. Es entstehen die Staaten Armenien und Türkei mit ihren heutigen Staatsgrenzen. In den Jahren 1920 bis 1923 werden die letzten Armenier aus ihren westlichen Siedlungsgebieten im Osten der heutigen Türkei vertrieben. Erneut kommt es zu Massentötungen. Die Stadt Van befindet sich seitdem auf türkischem Staatsgebiet.
1983 verurteilte der Weltkirchenrat den Völkermord an den Armeniern. Am 29.8.1985 fanden die Ereignisse als Genozid Erwähnung in einem Bericht der UN-Menschenrechtskommission über Völkermordverbrechen. In der "Resolution zur politischen Lösung der armenischen Frage" des politischen Ausschusses des Europäischen Parlamentes vom 18.6.1987 wurde die Aufnahme der Türkei in die EG unter anderem von dem Eingeständnis des Genozides abhängig gemacht. (Dies ist also einer der Punkte, die sich hinter dem Wort "Menschenrechte" in der "Türkei-in-die-EU-Diskussion" verbergen.) Weitere Verurteilungen des Völkermordes fanden unter anderem durch die Parlamente Argentiniens (1985), der Russländischen Förderation (1995), Griechenlands (1996), Zyperns (1996), Belgiens (1998), Schwedens (2000), Frankreichs (2001), der Schweiz (2004) und Kanadas (2004) sowie durch den Europarat und das Europaparlament statt.
Nach wie vor ist der Völkermord an den Armeniern ein heißes Eisen. Vor allem die Bundesrepublik ist sehr darauf bedacht dem Wirtschafts- und NATO-Partner Türkei nicht auf die Füße zu treten. Dies äußerte sich beispielsweise in der Ablehnung eine mögliche Verurteilung des Völkermordes im Bundestag zu diskutieren oder im Streichen der zugesagten Fördergelder zur Renovierung des Lepsiushauses als Tagungs- und Dokumentationszentrum hier in Potsdam nach Intervention des Auswärtigen Amtes. Der ev. Pastor Johannes Lepsius (1858-1926) aus Potsdam gründete die Dt. Orientmission, das armenische Hilfswerk und legte ein äußerst umfangreiches Archiv über den Völkermord an den Armeniern an.

Weitere Informationen unter:
www.armenocide.de (Hier sind von Johannes Lepsius gesammelte Dokumente einsehbar)
www.deutsch-armenische-gesellschaft.de
www.armenian-genocide.org
www.politikforum.de/forum/archive/6/2003/11/4/33754
www.verwaltung.uni-halle.de/DEZERN1/PRESSE/aktuellemeldungen/edition.htm

Christian Lehr, Student
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[Letzte Aktualisierung 20.07.2004, Queck]