Juni - August 2004
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Wie Moleküle sich selbst organisieren

Das Potsdamer Leibniz-Kolleg zur "Evolution in der Chemie"

Wenn von Evolution die Rede ist, denkt man an biologische Prozesse wie die Entstehung der Arten oder auch im übertragenen Sinn an Veränderungsprozesse in der Gesellschaft. Die Chemie aber beschäftigt sich mit den Reaktionen von Stoffen. Wie also soll man sich die "Evolution in der Chemie" vorstellen?


Nobelpreisträger: Jean-Marie Lehn
Foto: Fritze

Das Potsdamer Leibniz-Kolleg drehte sich in diesem Jahr um die Frage, wie Moleküle es fertig bringen, sich selbst zu organisieren. Die diesjährige Veranstaltung stand unter der fachlichen Federführung des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung, des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Polymerforschung und des Instituts für Chemie an der Universität Potsdam. Den Hauptvortrag hielt in diesem Jahr erstmals ein Nobelpreisträger: Jean-Marie Lehn, Professor an der Universität Pasteur in Straßburg und am Pariser Collège de France.
Lehn beschäftigte sich bereits Ende der 60er Jahre mit der Frage, wie sich Moleküle gegenseitig erkennen. 1968 entwickelte er käfigartige Moleküle mit einer Vertiefung, in die andere Moleküle eingesetzt werden können wie ein Schlüssel ins Schloss. Damit begann seine revolutionäre Arbeit zu den Grundlagen der "Molekularerkennung", der Art und Weise, wie ein Rezeptormolekül eine bestimmte andere Substanz erkennt und diese an sich bindet. Für die Entdeckung dieser Prozesse, die bei biologischen Abläufen eine fundamentale Rolle spielen, erhielt Lehn 1987 zusammen mit Donald J. Cram und Charles J. Pedersen den Nobelpreis für Chemie. Lehns Arbeiten eröffneten ein völlig neues Fachgebiet, die "Supramolekularchemie", die sich mit der Herstellung von komplexen Molekülstrukturen befasst.
In der Folge untersuchte er molekulare Transportprozesse, die unter anderem die chemische Grundlage


Erstkontakt:
Schüler ließen sich in die Welt der chemischen Forschung einführen.
Foto: Fritze

für biologische Vorgänge wie die Immunerkennung sind. In seiner späteren Entwicklungsarbeit befasste er sich schließlich mit dem Entwurf "programmierbarer" molekularer Systeme, die sich selbst organisieren und sich so durch spontane Kombination von geeigneten Komponenten zu molekularen Architekturen ordnen.
Lehns Konzepte für eine "evolutionäre Chemie" basieren darauf, natürliche molekulare Prozesse abzubilden. Die Fähigkeit der Moleküle zur Selbstorganisation kann dann für die Herstellung völlig neuer Materialien und Pharmazeutika genutzt werden. "Auf diese Weise können wir heute in der Chemie genau das tun, was zunehmend von uns verlangt wird, nämlich chemische Prozesse schneller, kostengünstiger und mit weniger Abfall zu realisieren", erläutert Professor Dr. Helmuth Möhwald vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, auf dessen Initiative Lehn nach Potsdam kam. So hat die Supramolekularchemie bereits eine große Anzahl von biochemischen Technologien ermöglicht, beispielsweise den Einsatz von biochemischen "Markern" in der Krebsdiagnose. Lehn selbst ist es jedoch wichtig zu betonen, dass er Grundlagenforschung betreibt, bei der die Neugier nach dem Machbaren und die Kreativität des Forschers im Vordergrund stehen.
Mit der diesjährigen Vortragsreihe zur "Evolution in der Chemie" führte das Leibniz-Kolleg Potsdam bereits seine achte Veranstaltung durch. Seit 1998 verfolgen die Initiatoren des Kollegs das Ziel, spannende Themen aus den Naturwissenschaften einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu präsentieren, um zu zeigen, das in Potsdam gestern wie heute Wissenschaftsgeschichte geschrieben wird. Um naturwissenschaftliches Denken zu fördern, lobt das Leibniz-Kolleg daneben auch Preise für Nachwuchswissenschaftler aus. Und hier wurde im letzten Jahr offensichtlich eine neue Tradition begründet: Anlässlich des letzten Leibniz-Kollegs zum Thema "Faszination Pflanze" spendete Hauptreferent Professor Chris Somerville einen Sonderpreis für Pflanzenbiologie, der in diesem Jahr verliehen wurde. Jetzt folgte Jean-Marie Lehn seinem Beispiel. Im nächsten Jahr wird also wieder ein Sonderpreis an Nachwuchswissenschaftler aus Potsdam und Berlin verliehen - diesmal für besondere Leistungen in der Supramolekularen Chemie. Das Leibniz-Kolleg wartet auf die Bewerbungen der Besten.

Red.
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[Letzte Aktualisierung 14.07.2004, Queck]