
Er selbst hatte nie Musikunterricht in der Schule; in Spanien wurde der erst Anfang der neunziger Jahre per Gesetz eingeführt; selbst heute müssen die meisten Musiklehrer um halbwegs akzeptable Unterrichtsbedingungen kämpfen. Vielleicht interessiert er sich gerade deshalb besonders für die schulische Vermittlung und Aneignung von Musik. An mehreren Potsdamer und Berliner Schulen untersucht er anhand von Fallstudien die Musikunterrichtspraxis und versucht durch Interviews mit Lehrern und Schülern mehr über den Musikunterricht in Deutschland zu erfahren.
Rodríguez-Quiles beschäftigte sich in seiner Promotion mit der Lehrerpraxis, nachdem Musik endlich zum Pflichtfach an den Schulen avancierte. Den Musikunterricht selbst sieht er als große Chance, etwas über andere Kulturen zu erfahren. Als Vorstandmitglied der Europäischen Arbeitsgemeinschaft Schulmusik (E.A.S.) interessiert den Forscher nunmehr die Musikpädagogik im Kontext Europas, insbesondere der Vergleich von deutscher und spanischer Schulmusik. "Ich erlebe hier viel Begeisterung bei den Kindern im Musikunterricht. Die Lehrer, die ich bisher kennen gelernt habe, nehmen sich viel Freiheit bei ihrer Methoden- und Inhaltwahl. Die spanischen Musiklehrer dagegen sind mehr auf der Suche nach neuen Ideen, da sie selber das Curriculum aufbauen müssen, ein "Curriculum von unten" quasi. Nicht nur der interkulturelle Unterricht hat bei uns kaum Tradition, die Musikpädagogik generell ist ein noch wenig bestelltes Feld." Trotzdem, so Rodríguez-Quiles, könne man hier von der spanischen Musik einiges lernen, beispielsweise im Bereich der Volksmusik, die ein außergewöhnlich breites Spektrum habe. Längere Zeit in Deutschland zu sein und zu arbeiten, war immer ein Traum von Rodríguez-Quiles. Im Jahre 1965 in Santa Fe bei Granada geboren und in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen - der Vater ist Flamenco-Gitarrist, der Großvater war Geiger - erlernte der Sprachenliebhaber Rodríguez-Quiles im Alter von zweiundzwanzig Jahren die deutsche Sprache. Sein Interesse für die deutsche Kultur allerdings wurde früh und maßgeblich von großen Komponisten wie Beethoven oder Schubert geprägt. Vertonungen von Heine und Schiller-Gedichten taten ihr übriges. "Ich wollte irgendwann die Texte verstehen. Ich ahnte auch, wie schwierig das werden würde, aber alles was schwierig ist, begeistert mich." Mit sieben Jahren begann er am Konservatorium in Granada Klavier und Querflöte zu spielen. Später studierte er neben Musik noch Mathematik, Musikwissenschaft und Pädagogik. Auch die begreift er wie die Musik als eine Art Sprache, als Code. Rodríguez-Quiles y García ist "doctor europeus", der erste europäische Doktor im Bereich Musik überhaupt. "Das war eher Zufall, es hat sich einfach so ergeben. Man muss dafür mindestens ein halbes Jahr im Ausland geforscht haben. Bei mir war es Berlin. Die Gutachter müssen aus drei verschiedenen Ländern kommen und die Disputation muss international und auf zwei Sprachen geführt werden." Im Jahre 1987 wird der Messiaen- und Boulez-Verehrer Dozent für Musiktheorie an der Musikhochschule Granada. Ab 1992 unterrichtet er Musikpädagogik und Musikdidaktik an der dortigen Universität. Im Jahre 2002 bewirbt er sich für ein Humboldt-Stipendium, erhält es, und reist ein Jahr später nach Berlin zur Universität der Künste, um seine Forschungen aufzunehmen. Seine Betreuerin dort ist Professor Birgit Jank, die ihn mit ihrem Ruf an die Universität Potsdam hierher bringt. Er schätzt das Arbeitsklima am hiesigen Institut und hält vor gut zwanzig Studierenden Seminare zum interkulturellem Musikunterricht mit dem Schwerpunkt Spanische Musik. Für Rodríguez-Quiles ist ein guter Musiklehrer jemand, der die sogenannten musikalischen "Teilkulturen" der Schüler respektiert, jemand, der nicht die eigene musikalische Kultur zum Maß der Dinge macht. "Das Wichtigste ist, offen zu bleiben für alle möglichen Stilrichtungen", sagt der polyglotte Musiker, der zur Zeit in Berlin-Tiergarten lebt. Als Opernfan weiß er natürlich die Einmaligkeit der drei Berliner Opernhäuser zu schätzen und ist überrascht, das die Berliner dem Flamenco ein eigenes Festival widmen. In dieser Beziehung fühlt sich Rodríguez-Quiles y García ein klein wenig wie zu Haus.