Wird das Klima wärmer, geraten Pflanzen unter Stress. Besonders jene, die es feucht und kühl mögen. Moorpflanzen zum Beispiel. Der Biologe Christian Schwarzer untersucht in seiner Doktorarbeit, inwieweit sich dieselben Arten in Schweden und Brandenburg an höhere Temperaturen anpassen können und ob Populationen in den heimischen Kesselmooren hierbei möglicherweise im Vorteil sind.

Auf dem Drachenberg, oberhalb des Botanischen Gartens, hat Christian Schwarzer ein Versuchsfeld angelegt. Eine Batterie von vierhundert Pflanzkübeln, gefüllt mit den immer gleichen fünf Gewächsen: Sonnentau, Wollgras, Moosbeere, Schlammsegge und Torfmoos. Darüber ein Himmel aus hellblauem Netz, das vor Vögeln schützen soll. „Besonders auf das Torfmoos haben sie es abgesehen, das nehmen sie zum Nestbau“, erinnert sich der Doktorand an die bedrohlichen Verluste im Frühjahr. Weiteren „Raubbau“ an seinem Experiment durfte er nicht zulassen, denn eine Neubeschaffung der Pflanzen ist so gut wie unmöglich. Aus fünf verschiedenen Regionen hat er sie mühselig zusammengetragen, vom hohen schwedischen Norden bis zum nahe gelegenen Seddiner Teufelsfenn, dem südlichen Rand des Verbreitungsgebietes einiger dieser glazialen Reliktarten. Die entlang eines Nord-Süd-Gradienten gesammelten Pflanzen werden nun künstlich unter Klimastress gesetzt, um ihre Anpassungsfähigkeit testen und vergleichen zu können. Dazu bekommen sie licht- und luftdurchlässige Plastikhäuschen übergestülpt, unter denen es sehr warm werden kann. Während einige der Gewächse zusätzlich Überschwemmungen ausgesetzt sind, herrscht bei anderen anhaltende Trockenheit. „Kurz bevor sie verdursten, kriegen sie natürlich Wasser“, versichert der Biologe, der auf das Überleben seiner Versuchspflanzen angewiesen ist. Immerhin sollen sie zwei Jahre beobachtet und vermessen werden: Wie viele Blätter und Blüten bilden sie aus, wie hoch wächst der Spross, wie groß sind die Fruchtstände, wann blüht und wann fruchtet jede Pflanze? All das wird unter den verschiedenen klimatischen Bedingungen erfasst und je nach Herkunftsgebiet miteinander verglichen. Christian Schwarzer vermutet, dass die Pflanzen aus den brandenburgischen Kesselmooren die Stressbehandlung besser aushalten als ihre nördlichen Verwandten, weil sie seit der letzten Eiszeit die meisten klimatischen Schwankungen überstehen mussten. Im Labor will er untersuchen, ob sich das bereits in genetischen Veränderungen manifestiert hat. Damit würde Schwarzer in seiner evolutionsbiologisch ausgerichteten Doktorarbeit einige bislang unbekannte Mechanismen der Artbildung aufdecken. Zum anderen können seine Erkenntnisse wertvolle Hinweise geben, wie der Natur-schutz auf den Klimawandel reagieren muss, ist sich seine wissenschaftliche Betreuerin Professor Jasmin Joshi sicher.
Obwohl Moore weltweit gerade drei Prozent der Landoberfläche bedecken, speichern sie zwanzig Prozent des Kohlenstoffs. In den von Wasser bedeckten Mooren verrottet nichts. Trocknen sie jedoch aus, und diese Gefahr besteht bei steigenden Temperaturen, würde der Kohlenstoff als CO2 entweichen und zusätzlich das Klima belasten, erklärt der Biologe.
