Juli 2006
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Selters, Natriumperoxid und Holzwolle

Brigitte Hannemann arbeitet als Vorlesungsassistentin am Institut für Chemie

Brigitte Hannemann mag die Laborsituation, das Atmosphärische, das von ihr ausgeht. Diejenigen Experimente, die deutliche Reaktionen zeigen, sind ihr die liebsten. Auch weil dann die Reaktionen der Studierenden entsprechend seien. Bei fluoreszierenden Flüssigkeiten etwa, bei laut knallenden, mit Wasserstoff oder Helium gefüllten Ballons oder beim so genannten Feuer ohne Streichholz, bei dem Natriumperoxid und ein Schluck Selterswasser dafür sorgen, Holzwolle in Brand zu setzen. Mit Nitroglyzerin, das ihr wirklichen Respekt einflöße, müsse sie zum Glück nicht hantieren, das übernehme ein Kollege. Als technische Assistentin im Bereich der Organischen Chemie setzt Hannemann diverse chemische Reaktionen und Kräfte frei; als Vorlesungsassistentin sorgt sie zum Wintersemester dreimal wöchentlich in der Vorlesung "Organische Experimentalchemie" für den effektvollen Einsatz chemischer Elemente, Substanzen und Mixturen.


Technische Mitarbeiterin Hannemann:
Effektvoller Einsatz chemischer Elemente, Substanzen
und Mixturen.
Foto: Fritze

"Manche fühlen sich vor einem Auditorium nicht wohl. Mir fällt es nicht schwer, dort vorn zu agieren. Im Gegenteil. Für mich ist das eine schöne und dankbare Arbeit. Man muss manchmal sehr schnell reagieren, seine Erfahrungen auf den Punkt abrufen können. Aber es bringt mich auch nicht aus der Ruhe, wenn mal etwas nicht funktioniert." Fast hundert Versuche führt Brigitte Hannemann vor, präsentiert chemische Modelle oder Kristalle. Vier bis sechs Stunden, inklusive Vor- und Nachbereitung, benötigt sie für eine Vorlesung.
Früher, noch zu DDR-Zeiten, hat die gelernte Chemielaborantin mit zusätzlicher Ausbildung als Chemisch-technische Assistentin Testsubstanzen für Pflanzenschutzmittel hergestellt, etwa für die Kirschfruchtfliege oder für die Tomatenbestäubung in Bulgarien, damit die schneller rot wurden und dem ehemals sozialistischen Land Devisen einbrachten.
Ausgebildet wurde die 1950 in Ketzin Geborene an der ehemaligen Pädagogischen Hochschule "Karl Liebknecht". Entscheidende Impulse dafür verdankt sie ihrem Chemielehrer in der Schule. "Der hat mich auf diesen Weg gebracht und hatte offensichtlich ein feines Gespür, denn ich habe meinen beruflichen Werdegang nie bereut." Seit ihrem Abschluss im Jahre 1969 ist sie hier an dieser Einrichtung tätig. "Am Neuen Palais im Alten Marstall habe ich die meiste Zeit meines Arbeitslebens verbracht. Dort war die räumliche Situation großzügiger. Hier in Golm sind die Arbeitsbedingungen nicht ganz so, wie ich es mir wünsche, obwohl die technische Ausstattung natürlich besser ist."
Zu einem der vielfältigen Arbeitsfelder von Brigitte Hannemann zählt die Betreuung der Studierenden während der Praktika, beispielsweise im Grundpraktikum, dreimal in der Woche. Zwei Labore stehen dafür zur Verfügung, und die reichen gerade, um die ungefähr 40 bis 50 Studierenden pro Semester unterzubringen. Wenn Brigitte Hannemann, die verheiratet und Mutter zweier Söhne ist, frühere Studentengenerationen mit der heutigen vergleicht, kommt wieder das Atmosphärische ins Spiel. Allerdings als etwas, das sie vermisst: "Die Studierenden untereinander interessieren sich zu wenig füreinander. Ich beobachte oft, dass zwischen zweien, die direkt nebeneinander arbeiten und das Gleiche machen, nicht der geringste Austausch stattfindet. Die nehmen sich gar nicht wahr. Das ist irritierend." Gleichwohl, sagt sie, gereiche ihr der stete Umgang mit jungen Leuten sicher nicht zum Nachteil. Das breite Spektrum der Ausbildung mache ihre Arbeit vielseitig und abwechslungsreich. "Früher waren es Lehrer und Diplomchemiker, jetzt sind es Lehrer, Bachelor und Master. Dass sich die Bachelor- und Masterausbildung zugunsten der Diplomchemikerausbildung durchsetzte, verstehe ich allerdings nicht."
Hannemann, die in Eiche wohnt, dort gern in ihrem Garten werkelt, ausgedehnte Frühstücke mag und begeisterte Zeitungsleserin ist, ist ansonsten mit Infrarotspektroskopie zur Substanzcharakterisierung oder der Elementaranalyse beschäftigt. Sie pflegt, wartet und inventarisiert Geräte und Apparaturen, verwaltet und bestellt das, was benötigt wird. Sie ist ein zentraler Anlaufpunkt, eine feste Adresse. Auch Dinge, die andere geordert haben, kommen bei ihr an. Dann müsse sie Botin spielen und sei viel unterwegs, um heraus zu finden, wem das gehören könnte. "Aber das HPLC-Wasser kürzlich gehörte eindeutig zu mir. Ein Wasser mit eigenem Reinheitsgrad, das ansonsten ziemlich teuer ist und das es im Sonderangebot gab. Davon fünf Liter im Depot stehen zu haben, ist ein gutes Gefühl."

tp
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[Letzte Aktualisierung 15.07.2006, Schroeter]