Juli 2006
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"Hartz plus" - Eine soziale Lesart der Hartz-Gesetze

Wie eine Existenzsicherung für Arbeitslosengeld-II-Empfänger geschafft werden könnte

Das Reformwerk des Ex-VW-Managers Peter Hartz mit den eigenartigen Begriffen "Ich-AG" oder "JobFloater" gilt vielen als ausgeklügelte neoliberale Strategie. "Weg mit Hartz" heißt es. Die Grundsicherung für Arbeitssuchende (Hartz IV) könnte aber ein Einstieg zum garantierten Mindesteinkommen sein: Hartz plus.


Hartz IV: Nur ein Fall für die Mülltonne?
Zeichnung: Gerhardt

Anhaltende Massenarbeitslosigkeit wird unter Ökonomen als Rigiditätsproblem diskutiert. Langzeitarbeitslose seien gering qualifiziert, verdienten zu viel und ließen sich schlecht kündigen. Beschäftigt werden sie erst, wenn Arbeitskosten relativ zu anderen Produktionsfaktoren sinken, zum Beispiel in Privathaushalten, im Handwerk oder im Dienstleistungsbereich. Darauf basiert Hartz.
Hartz halbierte die Arbeitslosigkeit in Wolfsburg. Daher sein Regierungsauftrag, Arbeitslosenhilfe abzuschaffen, damit Löhne fallen und der "Nachschub für Nürnberg" versiegt. Dem amtlichen Evaluationsbericht zufolge ist Hartz I-III wirkungslos, teuer bis kontraproduktiv. Hartz IV ist nach Mikrosimulationen und faktisch ein Debakel. Umsetzungsprobleme, schlechte Vermittlungs- und Arbeitsmarktchancen, mehr Langzeitarbeitslose und steigende Armutsquote, das ist das Ergebnis. Scheiterte Schröder, weil die Hartz-Dosis und Kombilöhne zu schwach wirkten? De facto erhöhen Mini-Jobs, Ein-Euro-Jobs und Hinzuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslosengeld-II-Bezieher den Angebotsdruck. Ungelöst sind Mitnahme- und Verdrängungseffekte und Armut trotz Erwerbsarbeit. Offensichtlich hängt die Arbeitsnachfrage, weil die Binnenkonjunktur wenig dynamisch ist. Doch der Weg zurück zur Vollbeschäftigung ist vernagelt.
Das Thema "Geld verdienen nach dem Baukastenprinzip" ist also nicht durch. Doch wenn 90 Prozent der Arbeitslosengeld-II-Empfänger keine reguläre Arbeit findet, geht es um Existenzsicherung. Ein Vier-Punkte-Plan könnte dem dienen. Zunächst wären die Arbeitslosengeld-II-Regelsätze zu erhöhen. Dies stärkt die Kaufkraft, muss aber im fiskalpolitischen Rahmen bleiben. Um materielle Arbeitsanreize zu steigern, könnte man in einem zweiten Schritt eine niedrigere Transferentzugsrate vorsehen. Investitionsanreize sollten verstärkt werden, indem investiertes Vermögenseinkommen steuerfrei gemacht und anders verwendete Vermögenseinkommen massiv besteuert würden. Als drittes Element entfiele die Regelung für zumutbare Arbeit. Nicht Hartz gegen Arbeitslose, sondern Mindestlöhne und Qualifizierung sind in einem Hochtechnologieland zukunftsfähig, um die Arbeitsproduktivität zu erhalten. Armutsfestigkeit gibt es nicht umsonst. Entlastungseffekte werden durch Umschichtungen, weniger Kontrollbürokratie und Selbstfinanzierungseffekte sowie zusätzliche Beschäftigung erreicht.
Hartz plus löst nicht alle gesellschaftlichen Probleme. Ein sozial geregelter Niedriglohnsektor hätte die Aufgabe, Erwerbstätigkeit und nicht marktvermittelte Tätigkeiten wie Familien- oder Eigen- und Gemeinwesenarbeit passgenau anzunähern und damit unfreiwillige Arbeitslosigkeit zu reduzieren.
Die neue Bundesregierung sollte der größten Sozialreform der Bundesrepublik ein soziales Antlitz verleihen, um den Sozialstaat und die Demokratie zu festigen. Die marktradikale Generalrevision ist weder erstrebenswert noch durchsetzbar.

Klaus-Uwe Gerhardt, Wiesbaden

Klaus-Uwe Gerhardt promovierte als Externer an der Universität Potsdam. Seine Dissertation "Hartz plus - Lohnsubventionen und Mindesteinkommen im Niedriglohnsektor" ist im VS-Verlag Wiesbaden erschienen.

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[Letzte Aktualisierung 15.07.2006, Schroeter]