Januar bis März 2008
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In drei Jahren zum Doktor

In der Berlin School of Mind and Brain wird fachübergreifend geforscht

Was eigentlich macht die vielschichtigen Beziehungen zwischen den Geistes- und Lebenswissenschaften sowie den Lebens- und Neurowissenschaften aus? Welche Antworten lassen sich etwa auf Fragen finden, die das Verhältnis von Gehirn und Nervensystem auf der einen Seite und psychischem Bewusstsein, Sprach-, Handlungs- oder Denkfähigkeit auf der anderen Seite betreffen? Genau damit beschäftigt sich die Berlin School of Mind and Brain, die an der Humboldt-Universität Berlin angesiedelt ist. Die Graduiertenschule, an der auch die Universität Potsdam beteiligt ist, erhielt schon in der ersten Runde der Exzellenzinitiative 2006 eine Förderung.


Ralf Stoecker: Nicht nur die Studierenden profitieren.
Foto: Fritze

Etwa 60 Forscher kümmern sich seither in der Mind-and Brain-Faculty um den wissenschaftlichen Nachwuchs. Gemeinsam mit weiteren Experten aus der Freien und der Technischen Universität Berlin, der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg sowie zahlreichen anderen Partnerinstitutionen sorgen von Potsdamer Seite die Professoren Ralf Stoecker, Reinhold Kliegl und Juniorprofessorin Isabell Wartenburger für eine auf höchstem Niveau stattfindende Ausbildung der eingeschriebenen Doktoranden.
Die zu behandelnden Problemstellungen haben es in sich. Es geht um bewusste und unbewusste Wahrnehmung, Entscheidungsfindung, Sprache, Plastizität des Gehirns und Hirnstörungen als die großen Felder, auf denen gearbeitet wird. Allesamt sind "hartes Brot". Neben viel empirischer Forschung bildet die philosophische Analyse von Schlüsselbegriffen in diesem Rahmen einen der Schwerpunkte. Philosoph Ralf Stoecker etwa analysiert mit den Promovenden Begriffe wie "Entscheidung", "Bewusstsein" oder auch "freier Wille". Und das hat durchaus seinen Grund. Gab es doch in den letzten Jahren eine über die Fachgrenzen hinaus reichende Diskussion dazu, inwieweit neueste Forschungsergebnisse in den Neurowissenschaften beispielsweise das Verständnis vom freien Willen beeinflussen würden. Einige Neurowissenschaftler hatten nach ihrer Ansicht das Gehirn so weit erforscht, dass sie nun die Meinung vertraten, es gäbe keinen freien Willen. Es fanden sich sogar Philosophen, die dem zustimmten. Nicht so Ralf Stoecker. Er lehnt die These, Menschen seien nicht verantwortlich dafür, was sie tun, ab. "Diese Neurowissenschaftler besitzen nach meiner Überzeugung eine falsche Vorstellung davon, was der freie Wille ist", sagt er. "Deshalb müssen sie sich nicht wundern, dass sie nichts gefunden haben." Willentliches Handeln von Menschen geschehe schließlich auch vor dem Hintergrund, dass sie eine Geschichte hätten, in einer Gesellschaft existierten.


Denken in spannenden Zusammenhängen:
In der Berlin School of Mind and Brain möglich.
Foto: Wikipedia

Stoecker benennt nachdrücklich die großen Herausforderungen, vor der Wissenschaft und Gesellschaft angesichts wachsender Möglichkeiten, Menschen zu "scannen", quasi bis in ihr Innerstes zu durchleuchten, stehen. Immerhin gibt es heute bereits Befürchtungen, so etwas wie ein neurowissenschaftlicher Lügendetektor könne irgendwann Wirklichkeit werden. "Das würde unsere Möglichkeiten, etwas für uns zu behalten, unseren intimsten Bereich des Denkens und Fühlens zu schützen, ausradieren", warnt der Professor für Angewandte Ethik. "Zur Menschenwürde gehört es durchaus, dass jeder im Innersten für sich sein kann." In der Regel seien sich die Neurowissenschaftler der vorhandenen Gefahr natürlich sehr bewusst. "Trotzdem ist es gut, wenn die Berlin School of Mind and Brain erneut eine Plattform bietet, über das Thema zu reden."
Gegenwärtig erfahren in der Graduiertenschule 15 Doktoranden, drei davon Ausländer, eine intensive Betreuung, darunter sechs Frauen. Hinter allen liegt ein obliagatorischer zehnwöchiger Crash-Kurs zu den Grundlagen aller beteiligten Fachgebiete.
Langfristig haben die an der dreijährigen Ausbildung beteiligten Wissenschaftler ein starkes internationales Profil ihrer Schule im Blick. Für sie selbst ist ihr Engagement beim Zustandekommen der Dissertationen ein Gewinn. "Nicht nur die Studierenden profitieren, sondern auch wir", ist sich Stoecker sicher. "Das über den Tellerrand der eigenen Disziplin schauen, ist für uns ein großer Vorteil. In der Schule ist das institutionalisiert und befördert durch ein aus jeweils einem Vertreter der mind sciences und der brain sciences bestehendes Betreuungsduo für einen Promovenden."
Enger rücken durch diese Initiative nicht nur die Disziplinen, sondern auch die Forschungshochburgen Berlin-Potsdam zusammen. Dass es nur ein Katzensprung von der einen zur anderen Universität ist, wollen die Brandenburger Beteiligten an der Berlin School den jungen Doktoranden zeigen, wenn sie sie künftig häufiger auch nach Potsdam holen. "Wir planen beispielsweise Ende 2008 eine öffentliche Veranstaltung zu ethischen Problemen, die in der Graduiertenschule eine Rolle spielen", verrät Stoecker.

pg

Nächste öffentliche Veranstaltungen:
31. Januar "Mind-Brain-Computer Interfaces? - What you always wanted to ask but..." (Referent: Gabriel Curio, Berlin)
7. Februar "Conditions of Moral Responsibility" (Referent: Thomas Schmidt, Berlin)
11. Februar "Consciousness, Accessibility and the Mesh between Psychology and Neuroscience" (Referent: Ned Block, New York)
Ort: jeweils 18.30 Uhr, Klinik für Neurologie, Hörsaal 3, Charité Mitte, Charitéplatz

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[Letzte Aktualisierung 29.01.2008, Schroeter]