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Lust an Kunst
Heute vorgestellt: Julia Schoch
   

Als knapp Zehnjährige träumte sie davon, Zeichnerin beim „Mosaik" zu werden, dem einzigen orginären Comic, der in der DDR kursierte. Später wurde daraus der Wunsch, als Animationszeichnerin bei der DEFA zu landen. Weil die schon genug davon hatten, schien Szenografin eine Alternative zu sein. Oder Filmregisseurin. Stattdessen studierte sie zwischen 1992 und 1998 Germanistik und Romanistik in Potsdam, Bukarest sowie Paris. Sie arbeitete während dieser Zeit als Kassiererin und Filmvorführerin in einem Potsdamer Kino, wollte sogar Eigentümerin der maroden Lichtspiele werden, um sie vor der drohenden Schließung zu retten. Und um „11 Uhr nachts" von Godard zu zeigen, einer ihrer Lieblingsfilme.

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Wurde kürzlich mit dem
Förderpreis für Literatur
des Landes Brandenburg geehrt:
Die Autorin Julia Schoch.
Foto: privat

Seit anderthalb Jahren promoviert Julia Schoch am Institut für Romanistik über Michel Houellebecq und unterrichtet dort Französische Literatur. Sie ist als Übersetzerin tätig und sie war Literaturstipendiatin im Schloss Wiepersdorf. Ihr erstes Buch erschien vor kurzem im Piper-Verlag. „Der Körper des Salamanders", so der Titel, versammelt „Geschichten, die ich lange mit mir herumschleppte und die einen Anspruch darauf hatten, geschrieben zu werden". Anfang Dezember erhielt sie den Förderpreis für Literatur des Landes Brandenburg.

Die Biografie von Julia Schoch, die im Jahre 1974 im Militärkrankenhaus von Bad Saarow geboren wurde und in Ostmecklenburg aufwuchs, die mit zwölf Jahren nach Potsdam kam und seitdem hier lebt, ist verbunden mit in sich abgeschlossenen Räumen. Das kleinstädtische Eggesin etwa, die zu DDR-Zeiten berüchtigtste Kasernenstadt unweit der polnischen Grenze, wo der Vater als Offizier stationiert war und wo in Ortsnähe die Mutter als Buchhändlerin arbeitete. Ziviles kam dort nicht vor, dafür um so mehr Melancholie an den Samstagnachmittagen. „Eine sonderbare Atmosphäre, politisch korrekt, öde, völlig erstarrt. Geradezu wie geschaffen, um Einzelgänger hervorzubringen", meint sie selbstironisch. Das wirkliche Leben war anderswo, in den bunten Comic-Welten der Mosaiks, die sie exzessiv las und mit Buntstiften kopierte oder in den Bücherregalen der Mutter, wo sie erst Kästner und Wolkow und später dann amerikanische und französische Literatur findet. Sie beginnt von Frankreich zu träumen.

Auch die Kinder- und Jugendsportschule in Potsdam, wo sie zwischen 1987 und 1989 als „kleiner, leichter Mensch" die Ruderboote steuerte, war ein solcher Sozialbiotop. Oder dann Bukarest. Die Reise dorthin ist ein Ausstieg zurück in den Osten mitten hinein in die totale Langsamkeit. „Wieder so ein quasi-asozialer Ort und eine intensive Zeit." Sie weiß, dass da, wo sich immer wieder dieselben Rituale wiederholen, Eindrücke herstellen, nicht bloß Erinnerungen.

Es scheint, als könne Julia Schoch überall ihr Zentrum finden: „Mehr als ein kleines Zimmer brauche ich eigentlich nicht, am besten ohne alle Dingwelt, nur das Wesentliche. Das schafft Klarheit und Konzentration." Diesem „Prinzip Ordnung" unterliegt auch ihr Schreiben. Sie arbeitet nach genauem Plan, kalkuliert ihre Geschichten. Introspektion ist ihr dabei fremd. Mit dem Schreiben verbinde sich zwar die Hoffnung auf eine homogene Identität, aber es sei keine Suche, kein Experiment gar in dem Sinne, der Text könne ungeahnte Wendungen nehmen oder plötzliche Überraschungen zu Tage fördern. Kopfmodelle nennt sie das und sie weiß, wie zutiefst missverständlich dieses Wort ist. „Ich mag Bücher, deren letzte Seite nicht das Ende ist." Sie nennt neben französischen Autoren der 80 er Jahre den unbestimmten Zauber Marguerite Duras`, den rauh-nüchternen Sartre, die Künstlichkeit Handkes, vor allem in dessen früher Prosa, auch Heiner Müller als prägend. Geschrieben habe sie eigentlich immer, mal mehr, mal weniger, meist Fragmentarisches. Zettelträume eben. Zur geschlossenen Form fand sie erst später. In den Jahren 1998/99 geht plötzlich alles sehr schnell. Als Teilnehmerin der Ersten Brandenburgischen Literaturnacht wird sie von der Lokalpresse hochgelobt, veröffentlicht hier und da in Zeitschriften, bewirbt sich bei diversen Literaturwettbewerben und wird eingeladen. Der Rest war Sache des Agenten, der ihr einen Vertragsangebot beim Piper-Verlag unterbreitete. Das nunmehr vorliegende Buch ist „das Beste, was ich zur Zeit leisten konnte und ich glaube, das kann ich auch noch in zehn Jahren lesen." Natürlich kenne sie die Angst vor der Leere des weißen Blattes. Deshalb sei es ihr im Augenblick auch nicht unrecht, „nebentätige Autorin" zu sein, zumal ihr die Arbeit am Institut Spaß mache und sie gerne mit Menschen zu tun habe. Schreiben und glücklich sein, nicht schreiben, weil man unglücklich ist, lautete irgendwann ihre Devise. „Ich möchte nicht überprüfen müssen, ob ich ohne Schreiben leben kann." Die berühmte Frage, was sie bei einem Brand retten würde, die Katze oder einen Rembrandt, beantwortet sie zunächst klar: „Für einen Menschen würde ich sterben, niemals für die Literatur." Aber dann zögert sie doch.

tp

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[Letzte Aktualisierung 09.12.2001 Steffi Knappe]