Gesprochene
Sprache Teil der Alltagskultur
Wörterbuchmaterial für Forschungsstelle Brandenburg-Berlinische Sprachgeschichte Ende 2001 schließt
die Redaktion des Brandenburg-Berlinischen Wörterbuchs ihre vom Ministerium für
Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) finanzierte Arbeit mit der Publikation der
letzten Lieferungen ab. Das nun vorliegende vierbändige Wörterbuch bietet ein genaues
Bild der regionalen und örtlichen Verteilung von Varianten der gesprochenen Sprache in
Brandenburg und Berlin.

Auf den Spuren Brandenburg-Berlinischer Sprache
Abb. aus: Brandenburg-Berlinisches Wörterbuch,
Bd.2, S.111 |
Auf Vorschlag des langjährigen Leiters der Wörterbuchredaktion, Dr. Joachim
Wiese, überlässt die federführende Sächsische Akademie der Wissenschaften der
Universität Potsdam und der Professur für Geschichte der deutschen Sprache den
Materialbestand des Wörterbuchs zur wissenschaftlichen Nutzung. Die während über
mehrere Jahrzehnte andauernder lexikographischer Arbeit gesammelten rund eine Million
Belege von Wörtern, Wortformen und -bedeutungen der gesprochenen Sprache in Brandenburg
und Berlin, eine Bibliothek mit dialektgeographischem Schwerpunkt sowie Karten und
Tondokumente aus den frühen 60-er Jahren mit Sprachproben aus dem gesamten Land
Brandenburg sollen den Grundstock für die geplante "Forschungsstelle
Brandenburg-Berlinische Sprachgeschichte" bilden, die ab 2002 für die
landesgeschichtliche Forschung und interessierte Öffentlichkeit offen steht.
Genauer Aufschluss

Foto: Fritze |
Für die regionale Sprachgeschichtsforschung ist dieses Material von hohem Wert,
weil es nicht allein Aufschluss über die räumliche Verteilung unterschiedlicher
Sprachformen gibt, sondern weil die historische Tiefe der Belege von circa 200 Jahren
zugleich Veränderungen in der gesprochenen Sprache Brandenburgs und Berlins dokumentiert.
So zeigt zum Beispiel eine "Momentaufnahme" der geographischen Verteilung der
Varianten von Flasche" aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, dass die
sporadischen Belege von Bouteille'/'Butelje" ziemlich genau dort anzutreffen
sind, wo im 17./18. Jahrhundert größere hugenottische Kolonien angesiedelt waren, also
vor allem in der Uckermark und in Berlin.
Wenn es gelingt, die zeitliche Dimension solcher Spuren zu rekonstruieren,
können Aussagen darüber gemacht werden, wann sich das Sprachverhalten
verschiedener Bevölkerungsgruppen und -schichten in unterschiedlichen Landesteilen
verändert hat und vor allem, was sich an der Sprache verändert hat.
Vernetzung möglich
Das Verhältnis des platten Lands" zur Metropole Berlin, vor allem der
Sprachwechsel vom Niederdeutschen zum Berlinischen im 19. und 20. Jahrhundert, ist einer
der Forschungsschwerpunkte an der Professur "Geschichte der deutschen Sprache".
Diese Region, die sich eher durch Brüche denn Kontinuitäten auszeichnet, ist auch
Gegenstand von Sozial-, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte und damit fraglos eine
disziplinenübergreifende Aufgabe. Die Forschungsstelle wird ihr Material und ihre
Expertise der stadt- und landesgeschichtlichen Forschung im gleichen Maße verfügbar
machen, wie sie selbst auf diese angewiesen ist. So könnte ein Verbund entstehen, der es
ermöglicht, die mit der Industrialisierung und Metropolenbildung verbundenen
Transformationsprozesse einer im wesentlichen agrarisch geprägten Region zu untersuchen
und so die vergleichende kulturhistorische Forschung über den Forschungsschwerpunkt der
Philosophischen Fakultät hinaus mit sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen
Fragestellungen zu vernetzen.
Museum lebendiger Sprache
Mit der Erforschung der gesprochenen Sprache wird jener Teil der Alltagskultur
untersucht, der für die Sozialisation, Wissensaneignung und Verständigung grundlegend
und mit Prozessen der sozialen wie regionalen Differenzierung und der Identitätsbildung
verknüpft ist. Alltagssprache hat möglicherweise mehr zur Ausbildung des
Eigenen" beigetragen als die eindrücklichen Monumente der Hochkultur und
staatlich-politischer Repräsentation. Auch wenn das im Gegensatz zur materiellen Kultur
gemeinhin als flüchtig" angesehene Medium gesprochene Sprache"
durch die Arbeit an den Dialektwörterbüchern in großem Umfang erhalten werden konnte,
so liegt doch die Gefahr der Zerstörung von an Sprache gebundener Identität im Vergessen
ihrer historischen Formen. Für die Forschungsstelle könnte daraus die Aufgabe erwachsen,
aus dem reichhaltigen Fundus des Brandenburg-Berlinischen Wörterbuchs ein Museum
lebendiger Sprache" zu schaffen, das die Historizität der eigenen Sprache erlebbar
macht und sie in Bezug zu den anderen kulturgeschichtlichen Formen in der Region setzt.
Prof. Dr. Joachim Gessinger,
Institut für Germanistik
Titelthema
| Uni Aktuell | Forschung | Studiosi | Personalia | Vermischtes
Copyright© 2001 Universität
Potsdam, Glaesmer, Knappe
[Letzte Aktualisierung 10.12.2001 Steffi Knappe]
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