Selbstironie und bissige Witze verliehen ihnen
einen Hauch scheinbarer Leichtigkeit. Einen festen Status innerhalb der ostjüdischen
Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts, wie etwa die Betteljuden, besaßen sie nicht. Oft
ließ sie nur die ausgeprägte jüdische Wohltätigkeit überleben. Oder einfach die Luft,
weshalb man sie zärtlich Luftmenschen" nannte. Anders als etwa die
Pinkeljuden", die jüdischen Hausierer und Dorfgeher in Österreich, Böhmen
und Mähren. Napoleons Beitrag zu Diskriminierung jüdischer Bürger im damaligen
Frankreich war 1806 das Infame Dekret"; es hatte unzählige regionaltypische
Vorläufer, nicht wenige, weit infamere, folgten ihm nach.
Die Essays des zweibändigen, gut tausend Seiten umfassenden Handbuchs zur
Geschichte der Juden in Europa" sind voller solcher Stigmata und Gesetze, die die
Lebenswirklichkeit der europäischen Juden von den Anfängen bis zur Gegenwart markant
illustrieren. Die zentrale Aussage des internationalen Autorenteams, zu dem auch
Wissenschaftler der Universität Potsdam gehören, lautet: die jüdische Welt Europas
spiegelt eine facettenreiche und komplizierte Totalität miteinander verbundener Prozesse,
deren Strukturen sich in wiederkehrenden Ereignissen entdecken lassen. Dass die
zweitausendjährige Geschichte der Juden verzweifeltes Ringen um Identität,
Rechtssicherheit und Normalität bedeutete, de facto jedoch immer Progrom- und
Leidensgeschichte voller antisemitischer Klischees war, die mit der Shoa ihren infamsten
Höhepunkt erreichte, ist bekannt. Das sie damit keineswegs endete, schon weniger. Deshalb
leistet das Handbuch auch bei Sekundärformen des Antisemitismus nach 1945, beispielsweise
in Österreich, Tschechien, Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit. Den Beweis, das
europäische ohne jüdische Geschichte nicht erzählt werden kann, zumal deutsche
Geschichte nicht, erbringt es einmal mehr. Schon Nietzsche fragte danach, was Europa den
Juden verdanke und regte gar an, ein sorgfältiges Verzeichnis der deutschen
Gelehrten, Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Virtuosen von ganz- oder
halbjüdischer Abkunft herzustellen: das gäbe einen guten Beitrag zur Geschichte der
deutschen Kultur." Dem Leser erschließen sich nicht nur historische Fakten,
Personen, Zusammenhänge und Entwicklungslinien aus jüdischer Perspektive. Er erhält
auch eine Fülle von kenntnisreichen Details und allgemeinen Informationen sowohl zur
inneren Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft als auch zwischen den Juden und der sie
umgebenden christlichen oder muslimischen Gesellschaft. Der erste Band trägt den
Untertitel Länder und Regionen". Er zeichnet die Geschichte der Juden in
einzelnen Kultur- und Kommunikationsräumen zwischen Italien und Skandinavien nach.
Zeittendenzen, Epochenwandel sowie die ständige Neuorganisation der Landkarte (Kriege,
Migrationsbewegungen, demographische Veränderungen) stets im Blick, beschreibt er anhand
politik- und sozialgeschichtlicher Fragestellungen das Grundthema zwischen Juden und
Nichtjuden: Abgrenzung und Integration bzw. Ausgrenzung und Emanzipation. Religion,
Kultur, Alltag" untertitelt den zweiten Band, der sich mit der europäischen
Dimension jüdischer Geschichte beschäftigt. Er analysiert und systematisiert die im
ersten Band entwickelten Themen anhand innerjüdischer Entwicklungen in Tradition und
Gegenwart und verlagert sie in religiöse, philosophische, wirtschaftliche und kulturelle
Bereiche. Aspekte von Musik, Literatur, Architektur, Wissenschaft, Familie oder der
Stellung der Frau kommen dabei ebenso zur Sprache wie solche der Mystik, der jüdischen
Aufklärung (Haskala) oder des politischen Zionismus.
Wie einzelne Bausteine setzen sich die Beiträge allmählich zu einem Gesamtbild
zusammen. Ständige Kohärenzen und Perspektivwechsel sind ihr größter Vorzug. Sie vor
allem sind es, die den Eindruck entstehen lassen, mit einem wichtigen Kompendium zu tun zu
haben.
tp
Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps, Hiltrud Wallenborn (Hrsg.)
Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa in zwei Bänden, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt. Primus Verlag, 2001, ISBN 3-89678-419-6