Gehirntraining und Aufmerksamkeit
Psychologe Prof. Dr. Reinhold Kliegl erhielt höchstdotierten deutschen
WissenschaftspreisAls Gottfried Wilhelm Leibniz 1711 Präsident der
Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wurde, machte er deutlich, dass er von der
Forschung einen eminent realen Nutzen für die Gesellschaft erwarte und für ihn
Produktivität und Können Maßstab wissenschaftlicher Arbeit seien. Heute trägt der
höchstdotierte Förderpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für herausragende
wissenschaftliche Leistungen den Namen des Universalgelehrten.

Reinhold Kliegl (l.) will wissen, wie die Aufmerksamkeitssteuerung bei älteren
Menschen funktioniert. Erkenntnisse gewinnt er zum Beispiel durch Lese-Tests mit
Versuchspersonen, die eine Spezialbrille tragen. Das Gerät registriert die geringsten
Augenbewegungen.
Foto: Fritze |
Zu den elf Wissenschaftlern, die in diesem Jahr mit dem Leibnizpreis
ausgezeichnet wurden, zählt Reinhold Kliegl, Inhaber der Professur für Allgemeine Psychologie
I, Prodekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät, Leitungsmitglied des
Interdisziplinären Zentrums für Kognitive Studien und Teilprojektleiter in der
Forschungsgruppe Konfligierende Regeln".
Der Preis, den der Psychologe am 6. März in Berlin entgegennahm, beläuft sich
immerhin auf 775.000 Euro. Als Förderpreis soll er vor allem dazu dienen, optimale
Bedingungen für die wissenschaftliche Arbeit zu schaffen, eine Mitarbeit qualifizierter
jüngerer Wissenschaftler zu ermöglichen und die Zusammenarbeit mit
Forschungseinrichtungen des Auslands zu erleichtern.
Vor allem verdienen zwei Forschungsprojekte Kliegls die allgemeine Aufmerksamkeit. Am
bekanntesten hier in Potsdam sind wohl seine Untersuchungen zur Gehirnleistung im Alter.
Hunderte älterer Potsdamer saßen bereits als Probanden an Computern der Forschungsstelle
des Instituts für Psychologie in der Gutenbergstraße, analysierten dort komplizierte
Sätze, addierten klammerverschlüsselte Zahlen und anderes mehr. Die Psychologen um
Reinhold Kliegl beschreiben Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit im Alter,
betreiben Ursachenanalyse und wollen Trainingsangebote unterbreiten. Ihre bisherigen
Erkenntnisse besagen, dass es keine generelle Verlangsamung geistiger Prozesse im Alter
gibt, sondern verschiedene Teilbereiche der Landkarte" Gehirn spezifisch von
Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit betroffen sind.
Ein weiteres beachtliches Forschungsprojekt Reinhold Kliegls befasst sich mit der
Aufmerksamkeitssteuerung, das heißt mit der Verteilung der Aufmerksamkeit bei der
Bewältigung unterschiedlichster Aufgaben. Mit einer Spezialbrille für Versuchspersonen,
die geringste Augenbewegungen registriert, lässt sich beispielsweise beim Lesen
verfolgen, auf welchen Begriffen das Auge aufmerksam" ruht, welche Sprünge es
ausführt, welche Wörter es also überliest", inwieweit Halt oder Sprung von
der Bedeutung des Wortes, von seiner Position im Text, von seiner Gebrauchshäufigkeit
abhängen. Untersucht wird auch, wie es um die geistige Verarbeitung des Gelesenen
während des Lesens bestellt ist, wie Auge und Geist sich gegenseitig beeinflussen. Kliegl
konnte nachweisen, dass sich manche der dargestellten Vorgänge mathematisch beschreiben
lassen, so dass die Entwicklung eines generellen Modells der Aufmerksamkeitssteuerung
möglich ist.
Schon ein Lesemodell" wäre zum Beispiel nützlich, um Leseschwächen
bestimmter Schüler relativ genau zu diagnostizieren oder Zusammenhänge zwischen Lesen
und Textverstehen zu analysieren ein in der PISA-Studie zu Tage getretenes Problem.
ak
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[Letzte Aktualisierung 11.04.2002 Steffi Knappe]
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