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Auf der Suche nach der Weltformel
Der Physiker Robert Helling forscht als Postdoc in Cambridge

The University of Cambridge has been a home to the physicist Robert Helling for the last two years. This isolated microcosm of sciences is probably the right place fore someone who researches into the esoteric field of quantum gravity. However, his stay in Cambridge is only one station on a long journey of a scientific nomad who is following the rules of the American post-doc system. But while in the USA the end of the long journey is a permanent employment, the German scientists run the risk of missing connections in both, the world of science and the world of economy. The new German legislation governing higher education and the introduction of the "Juniorprofessur" want to put an end to this uncertainty, guaranteeing researchers the possibility of an academic career soon after their dissertation. For Robert Helling, it remains to be seen what will happen to those scientists who are finding themselves in between the different systems.


Traditionsuni in Cambridge
Foto: privat

Mit „Esoterischen Fragen über den Mikrokosmos" beschäftigt sich Robert Helling. Er erforscht als Postdoc in Cambridge die Stringtheorie. Doch die Möglichkeit auf diesem Gebiet zu arbeiten, das wohl zu den spannendsten der modernen Physik gehört, hat auch ihren Preis. Wie viele junge Nachwuchswissenschaftler nimmt Helling berufliche Unsicherheit und Abstriche im Privatleben in Kauf und zieht von einer Postdoc-Stelle zur nächsten: auf der Suche nach der Weltformel und nach einer der begehrten permanenten Stellen.

Wie sieht die Welt im ganz Kleinen aus? Muss man unvorstellbar viel Energie aufwenden, um die winzigsten Strukturen erkennen zu können? Erzeugt diese Energie dann nicht durch ihre Schwerkraft ein schwarzes Loch, in dem das zu untersuchende Objekt unweigerlich verschwindet? Dann aber wäre jeder Versuch einer solchen Beobachtung zum Scheitern verurteilt. Macht es dann überhaupt Sinn, von so kleinen Dingen anzunehmen, sie könnten existieren? Macht es überhaupt Sinn, davon auszugehen, dass der Raum, also die Bühne, auf der sich die materielle Welt abspielt, bei diesen kleinen Größenordnungen existiert, wenn prinzipiell nichts so Kleines beobachtbar ist? Die Physik jedenfalls hat Schwierigkeiten mit solchen Fragen, denn bei diesen Dimensionen widersprechen sich die Gleichungen der Quantenphysik und die der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins. Klar, die oben gestellten Fragen sind rein hypothetisch, da die benötigten Energien weit jenseits dessen liegen, was man auch in der ferneren Zukunft wird erzeugen können. Trotzdem beunruhigen sie Physiker, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Welt bis zum Innersten und auf fundamentale Weise zu verstehen. Quantengravitation nennt sich dieses Forschungsgebiet und die Stringtheorie, die davon ausgeht, dass die Elementarteilchen in Wahrheit ultramikroskopische, schwingende Saiten sind, ist nach Meinung vieler ihr vielversprechendster Zugang.

Vielleicht ist es nötig, wenn man sich mit solchen esoterischen Fragen über den Mikrokosmos beschäftigt, selbst in einem abgeschiedenen Mikrokosmos zu leben. Einen solchen stellt die englische Universitätsstadt Cambridge dar, die für zwei Jahre meine Heimat ist. Hier arbeitet nicht nur Stephen Hawking, der Popstar der theoretischen Physik, im Büro nebenan. Hier ist auch Michael Green, einer der Väter der Stringtheorie, zu Hause. Nach meiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Golm und zwei Jahren als Postdoc an der Humboldt-Universität bin ich jetzt über ein EU-Programm zur internationalen Vernetzung von Forschungsinstituten hier angestellt.


Bootsfahrt auf der Cam:
Robert Helling
Foto: privat

Der Stolz, zu dieser Institution zu gehören, ist hier überall zu spüren. Auch heute noch wird der besondere Status der Traditionsunis in Oxford und Cambridge durch das britische Universitätssystem mit seiner klaren Rangordnung gefördert: Hier sollen die besten Studenten des Landes auf die beste Ausbildung treffen. Während in Oxford der Schwerpunkt eher geistes- und gesellschaftswissenschaftlich ist, haben die Naturwissenschaften in Cambridge ein besonderes Renomeé.

Es ist eine Besonderheit in Cambridge, dass die meisten hier nur auf der Durchreise sind: Die „undergrads" bleiben für drei Jahre, etwas länger bleiben die „graduate students", bis sie mit ihrer Promotion fertig sind. Danach verlässt man entweder den Wissenschaftsbetrieb oder beginnt das eigentliche Nomadenleben: Zumindest in den Naturwissenschaften hat sich weltweit das Postdoc-System etabliert, bei dem der angehende Wissenschaftler eine Reihe von zwei- bis dreijährigen Forschungsstellen in möglichst vielen verschiedenen Ländern antritt, um anschießend eine der begehrten permanenten Jobs zu ergattern. Dieses System stammt ursprünglich aus den USA. Dort allerdings winken nach einigen Postdoc-Runden Stellen als „Assistent-Professor", die später dank des Tenure-Track-Systems in permanente Positionen umgewandelt werden können.

Das deutsche Hochschulsystem sieht dies nicht vor. Während die amerikanischen Kollegen schon auf dem sicheren Weg zur Daueranstellung waren, sahen sich Deutsche bis vor kurzem vor der Aufgabe der Habilitation. Dies ist der erste Moment in der Karriere, in dem sich so etwas wie Jobsicherheit einstellen könnte. Oder aber es stellt sich heraus, dass gerade keine Professur zu haben ist. Inzwischen ist man so alt, dass man angesichts der nachrückenden Postdocs um die kurzfristigen Forschungsstellen nicht mehr konkurrieren kann. Andererseits ist der Ausstieg in die Welt der Wirtschaft auch schon verpasst oder zumindest erschwert.

Mit dem neuen Hochschulrahmengesetz und der Einführung der Juniorprofessuren soll diese lange Zeit der Unsicherheiten zu Ende gehen und der Forscher relativ schnell nach der Promotion Sicherheit erhalten, ob er sich auf eine akademische Karriere einrichten kann. Neben Übergangseffekten, wie etwa die unsichere Zukunft der Habilitierten, bleibt abzuwarten, ob in der deutschen Hochschullandschaft auch Juniorprofessuren für spekulative Bereiche wie Stringtheorie in einem Umfang eingerichtet werden, dass auch auf mittlere Sicht dieses moderne und in anderen Ländern wie Großbritannien und Amerika stark geförderte Gebiet in Deutschland wesentlich vertreten ist.

Für mich heißt es am Jahresende erst einmal wieder, für die im kommenden Herbst beginnende Saison nach einer neuen Stelle zu suchen. Es ist nicht einfach, trotz dieses Nomadenlebens auch ein Familienleben zu haben, und Partner müssen gehörige Abstriche machen, wenn auch sie mit umziehen wollen und sich immer wieder neue Stellen in fremden Ländern suchen müssen.

Robert Helling

Kontakt: Wer direkt mit Robert Helling Kontakt aufnehmen will, kann dies tun unter helling@atdotde.de oder über www.atdotde.de. Weitere Infos zur Uni Cambridge: www.cam.ac.uk/ und zum Institut für Angewandte Mathematik und Theoretische Physik: www.damtp.cam.ac.uk/.

 

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[Letzte Aktualisierung 25.01.2004, Knappe]