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Bei Tausendfüßlern und freundlichen Menschen
Natalie Bergholz erforscht Biodiversität in den Regenwäldern Brasiliens

The love of nature was the deciding factor for Natalie Bergholz to study biology. Her great passion were tropical rain forests, which led her in April 2002 to Manaus, Brazil. There she has been doing a research on life and genetics of an Amazon centipede within the scope of her dissertation at the Max-Planck-Institut in Plön. However, she has discovered not only scientific facts, but also facts about another culture, herself and her homeland. In spite of different and for her rather difficult living and working conditions marked by poverty, armed guards, traffic jams chaos and permanent delay of work, she has learned to appreciate the friendliness, openness, patience and contentment of the people of Manaus.

Das Internet und die Interessen ihrer Kindheit brachten Natalie Bergholz in den tropischen Regenwald Brasiliens. Dort erforscht sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit Leben und Genetik einer kleinen Tausendfüßlerart. Dabei lernt sie nicht nur Neues über die Entwicklung der Artenvielfalt sondern auch über sich selbst, fremde Kulturen und das eigene Heimatland.


Praia Grande, der „Große Strand" am Rio Negro,
der einer der Quellflüsse des Amazonas ist.
Foto: Privat

Wieso Brasilien? Von klein auf hat mich alles Getier begeistert und der artenreiche, leider bedrohte, tropische Regenwald ungeheuer fasziniert. Mit der Liebe zur Natur erwachte auch der Wissensdurst, ich studierte Biologie an der Uni Potsdam. Ich besuchte alle Vorlesungen über die Tropen und bekam während eines Praktikums am Ende des Studiums die Möglichkeit, den atlantischen Küstenregenwald Südbrasiliens mit eigenen Augen zu sehen. Ich war beeindruckt und verliebte mich in das Land und seine Leute.

Noch während der Diplomarbeit bewarb ich mich auf die wenigen, im Internet ausgeschriebenen Doktorandenstellen im Ausland. So kam ich zur AG Tropenökologie am Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön. Die Arbeitsgruppe hat eine Außenstelle am Nationalen Institut für Amazonasforschung (INPA) in Manaus, Brasilien. Dort führe ich nun zwei Jahre lang Vorarbeiten für meine Promotion über die Ökologie und genetische Speziation eines amazonischen Tausendfüsslers durch.

Vor meiner Abreise nach Zentralamazonien gab es einiges zu erledigen. Ich musste meine Laborausrüstung organisieren, die nötigen Untersuchungsmethoden erlernen, Literatur studieren und ein Konzept schreiben. Auch ein Arbeitsvisum der Brasilianischen Botschaft in Berlin war erforderlich.


Schlafplatz für Forscher: Während des Sammelns der
Tausendfüßler diente ein Unterstand für Fischer als
Übernachtungsmöglichkeit.
Foto: privat

Seit April 2002 bin ich nun in Manaus, um die Populationen einer kleinen Tausendfüßlerart (Poratia obliterata) aus Weiß-, Schwarz- und Mischwasserüberschwemmungswäldern sowie aus nie überfluteten Standorten zu vergleichen. Ich möchte herausfinden, ob die jeweiligen Populationen spezialisierte Ökotypen darstellen, also ob sich die Tiere bereits an ihre verschiedenen Lebensräume angepasst haben, und Unterschiede in ihrer Ökologie und Genetik aufweisen. Solche Speziationsprozesse, die bei kleinen, tropischen Tausenfüßlern häufig auftreten, und ihre geografische Isolation führen letztlich zur Artbildung und tragen damit zur hohen Biodiversität vor Ort bei. Mit Poratia obliterata als Modell sollen die Adaptationsprozesse in Zentralamazonien erforscht werden. Ich untersuche die Enzymvariabilität, um genetische Unterschiede aufzudecken, sowie den Lebenszyklus, das Verhalten, die Fortpflanzung, die Entwicklungszeiten, die Lebensdauer und spezifische äußerliche Merkmale der Tiere.


Lebensraum für Tausendfüßler: Der Mischwasserüberschwemmungswald des Lago Janauari.
Foto: privat

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Manaus unterscheiden sich sehr von denen in Deutschland. Gesprochen wird Portugiesisch. Auch an der Universität und am INPA gibt es nur sehr wenige Leute, die Englisch können. Fast alles dauert länger, und bei der Arbeit verzögert sich vieles, da die Einheimischen es mit Fristen oft nicht so genau nehmen. Manaus ist eine Millionenstadt, groß und weitläufig, mit häufig sehr dichtem Verkehr. Fahrradfahren kommt nur unter Lebensgefahr in Frage. Das öffentliche Verkehrsmittel ist der Bus. Fahrpläne gibt es nicht, aber die Leute wissen aus Erfahrung, welcher Bus wohin fährt. Fast alle Türen und Fenster in der Stadt sind vergittert, viele Häuser durch Mauern, abgegrenzte Wohnviertel durch bewaffnete Wächter geschützt. Im Vergleich zu anderen brasilianischen Städten ist die Kriminalität trotzdem gering, da der Unterschied zwischen arm und reich hier nicht so extrem ist. Durch die hohe Luftfeuchte und Temperaturen von 28 bis zu 44 Grad Celsius treten laufend tropische Krankheiten, Parasiten und besonders in der Regenzeit Erkältungen und Grippe auf.


Im tropischen Regenwald: Natalie Bergholz.
Foto: privat

Dem gegenüber steht die Offenheit und Freundlichkeit der Bevölkerung. Ich habe noch nie vorher so freundliche Menschen kennen gelernt. Sie sind emotionaler, begeisterungsfähiger, sorgloser, geduldig, hilfsbereit und Fremden gegenüber sehr aufgeschlossen. Sie kennen keinen Stress und haben auch nicht wie wir das Bedürfnis, sich gegen alle Eventualitäten abzusichern. Der Anteil an jungen Leuten und Kindern ist viel höher als bei uns, und es gibt viel Armut. Gerade am Fluss wohnen viele Menschen in selbstgebauten Holzhäusern, in denen sich mitunter eine achtköpfige Familie ein Zimmer teilt, natürlich ohne Strom oder sanitäre Anlagen. Trotzdem wirken die Leute zufriedener als viele reiche Menschen bei uns. Das Leben spielt sich überwiegend im Freien ab und von allen Seiten her ertönt laute Musik und Lärm. Ruhe sucht man in Manaus vergeblich.

Ich habe hier viele sehr wertvolle Erfahrungen gesammelt, nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht. Der Einblick in eine völlig andere Kultur und Sprache erweitert den geistigen Horizont, das Verständnis für die fremden Bräuche erhöht die Toleranz, und durch den oft unbewussten Vergleich dieser Gesellschaft mit der eigenen lernt man überraschend viel über sein Heimatland. Beeindruckt hat mich vor allem die Freundlichkeit der Menschen hier, und ich habe gelernt, mit mir selbst und mit anderen geduldiger zu sein. Darüber hinaus ist es für mich als Biologin überwältigend, einen Ort mit einer solchen Artenvielfalt zu erleben.

Natalie Bergholz

Kontakt: Natalie Bergholz, Tel.: +55 92 643-3136 oder –3062, E-Mail: natalie@inpa.gov.br. Weitere Informationen zum Max-Planck Institut für Limnologie: www.mpil-ploen.mpg.de und zum Nationalen Institut für Amazonasforschung: www.inpa.gov.br 

 

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[Letzte Aktualisierung 25.01.2004, Knappe]