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7. Ausgabe: Dezember 2009
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Ein hartes Brot

Viele der gängigen Klischees über Geisteswissenschaftler stimmen leider immer noch

The cliché of the taxi driver with a university degree is still stubbornly present, and everyone who has studied in the field of the humanities is quite familiar with the question: “And, what are you going to do with a degree in the humanities later? Are the employment prospects really that bad? And, in spite of this, why do many high school graduates still decide to enter into the field? In 2008, the Higher Education Information System (HIS) published a study carried out on behalf of the Federal Ministry of Education and Research regarding the professional development of persons with a degree in the humanities. To this end, a representative sample of 778 graduates was interviewed. At first glance, the study’s findings are sobering.

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Foto: Fritze

Das Klischee vom Taxi fahrenden Hochschulabsolventen hält sich hartnäckig und jeder, der Geisteswissenschaften studiert hat, wird die Frage „Und – was macht man später damit?“ zu genüge kennen. Sind die Berufsperspektiven dieser Absolventen wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Und warum entscheiden sich trotzdem immer noch viele Abiturienten für ein geisteswissenschaftliches Studium? 2008 veröffentlichte die HIS Hochschul-Informations-System GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eine Absolventenstudie zum Thema „Berufsverbleib von Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern“. Hierfür wurden 778 repräsentativ ausgewählten Studierende des Absolventenjahrgangs 2005 befragt. Die Ergebnisse der Studie sind auf den ersten Blick ernüchternd.

Die Klischees reichen von geringen Berufsperspektiven, über schlechte Bezahlung bis hin zur studierten Arbeitslosigkeit. Man sollte meinen, dass sich heute nur noch Wenige für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheiden. Doch bei den Studierenden erfreuen sich geisteswissenschaftliche Fächer nach wie vor großer Beliebtheit. Jährlich verlassen rund 17.000 Absolventen der Geisteswissenschaften die Hochschulen.

Woher rührt dieses Interesse? Die HIS-Studie kommt hier zu folgendem Ergebnis: Für Studierende der Geisteswissenschaften ist in erster Linie der Inhalt ihres Studiums von Bedeutung. Dies ist jedoch auch in anderen Studienrichtungen wichtig. Soweit kein Alleinstellungsmerkmal. Betrachtet man jedoch die Ergebnisse zur Motivation für die Studienwahl genauer, dann unterscheiden sich die Geisteswissenschaftler in drei wesentlichen Punkten von Studierenden anderer Fachrichtungen: Ihnen ist die persönliche Neigung wichtiger als später einmal über ein sicheres Arbeitsverhältnis zu verfügen und viel Geld zu verdienen. Geisteswissenschaftler wollen vor allem sich selbst verwirklichen, auch wenn die Zeit nach Abschluss des Studiums mit Risiken und Unsicherheit verbunden sein sollte.

Schwieriger Übergang

Einen Job nach dem Studienabschluss zu bekommen stellt entgegen der weitläufigen Meinung nicht per se ein Problem dar. Jedoch gestaltet sich der Übergang vom Studium ins Berufsleben meist schwieriger als beispielsweise bei Sozial- oder Wirtschaftswissenschaftlern. Bei letzteren liegt die Quote der regulär Erwerbstätigen ein Jahr nach dem Examen zwischen 73 und 85 Prozent. Im Vergleich dazu sind nur um die 50 Prozent der Geisteswissenschaftler ein Jahr nach dem Studienabschluss regulär erwerbstätig. Darüber hinaus sind Absolventen dieser Fachrichtung, auch längerfristig, häufiger als Werksvertrags- oder Honorarkraft beschäftigt. Die Studie beziffert den Anteil auf rund 20 Prozent. Ähnlich sieht es für Sozial- und Politikwissenschaftler aus. Für Wirtschaftswissenschaftler hingegen sind diese Beschäftigungsverhältnisse kaum von Bedeutung.

Arbeitslosigkeit ist bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern nur in den ersten Monaten nach dem Examen etwas weiter verbreitet. Sie nimmt jedoch schnell ab und liegt schon bald auf einem Niveau von etwa fünf Prozent.

Adäquate Beschäftigung

Doch fühlen sich die Absolventen auch adäquat beschäftigt? Auch dieser Frage geht die Studie nach. Die Befragten sollten selbst die Angemessenheit ihrer Tätigkeit ein schätzen. Hier wird eine Polarisierung der Berufsverläufe deutlich: Ein gutes Viertel der Geisteswissenschafter sieht sich laut Studie als volladäquat beschäftigt. 39 Prozent hingegen nehmen inadäquate Beschäftigung an. Bei den Sozial- und Politikwissenschaften sind es gar 40 Prozent, die sich als nicht angemessen beschäftigt sehen. Im Vergleich zum Durchschnitt aller Universitätsabsolventen liegt dieser Wert doppelt so hoch. Jedoch warnen die Forscher vor all zu großer Panik, denn längerfristig nimmt der Anteil der nicht angemessenen Tätigkeiten ab und sinkt auf etwa ein Drittel.

Geringeres Einkommen

Die Studie widmet sich natürlich auch dem Vorurteil einer geisteswissenschaftlichen Ausbildung: dem geringen Monatseinkommen. Dass man später keine Reichtümer verdient ist den meisten Absolventen klar, doch ist die Entlohnung wirklich so schlecht wie unentwegt behauptet? Leider gibt die HIS-Studie hier wenig Anlass zu Optimismus. Ein Geisteswissenschafter verfügt im Schnitt mit 22.500 Euro Bruttojahreseinkommen über deutlich weniger als beispielsweise ein Absolvent der Wirtschafts- oder Politikwissenschaften mit 65.000 Euro brutto pro Jahr. Dieser Wert ergibt sich aus den meist prekären Arbeitsverhältnissen der Geisteswissenschafter. Ein großer Teil befindet sich, gerade nach dem Studienende, in schlecht bezahlten Werks- oder Honorarverträgen oder macht sich, mangels Alternativen, selbständig. Zusätzlich sind Geisteswissenschaftler stärker den Schwankungen des Arbeitsmarkts ausgesetzt als andere Fächergruppen. Die Studie zeigt, dass im Jahr 2001 ein Geisteswissenschafter noch im Schnitt ein Viertel mehr verdiente als im konjunkturell schlechten Jahr 2005.

Breites Tätigkeitsfeld

„Und – was machst du mit deinem Abschluss?“ Diese Frage rangiert bei Geisteswissenschaftlern auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Nicht selten wird das Studienfach zum Ziel von Häme und Spott.

Im Gegensatz zu anderen Fächern führt ein geisteswissenschaftliches Studium nicht in eine klar konturierte Tätigkeit. Aber es gibt durchaus Berufsfelder, die vorwiegend von Geisteswissenschaftlern besetzt sind. So arbeiten viele Geisteswissenschaftler in der Publizistik, in der Kunst, der Lehre und Bildung oder auch in der Forschung und Wissenschaft. Allerdings gelingt es nur rund 50 Prozent diese „traditionelle“ Laufbahn einzuschlagen. Daneben üben Geisteswissenschaftler auch kaufmännische Büro- und Verkaufs- sowie Managementberufe aus und sind in der Werbung bzw. im Marketing und anderen Dienstleistungsberufen zu finden. Durch das Internet und den Wandel der Medienlandschaft entstehen zusätzlich neue potenzielle Berufsfelder.

Bianca Böhringer

Die vollständige Studie ist bei der Hochschul-Informations-System GmbH erhältlich:

Briedis, K.; Fabian, G.; Kerst, Chr.; Schaeper, H.:
Berufsverbleib von Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern (HIS:Forum Hochschule Nr. F11/2008) ISBN 1863-5563

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[Letzte Aktualisierung 29.11.2009, Räder]