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7. Ausgabe: Dezember 2009
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„Deswegen rate ich, ein klares Ziel zu verfolgen“

Experte Kolja Briedis über Chancen für Geistes- und Sozialwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt

2008 veröffentlichte ein Autorenteam die HIS-Studie zum „Berufsverbleib von Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern“. Bianca Böhringer sprach mit Kolja Briedis, einem der drei Autoren.


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Kolja Briedis ist seit sieben Jahren für den HIS-
Bereich Absolventenforschung und lebenslanges
Lernen zuständig. Er untersucht die
verschiedensten Aspekte des Übergangs von
Studium ins Berufsleben.
Foto: HIS
Herr Briedis, was haben Sie studiert?

Kolja Briedis: Ich habe Erziehungswissenschaften an der Universität Oldenburg studiert, bin also Diplom-Pädagoge.

Können Sie somit auch aus persönlicher Erfahrung heraus die Ergebnisse Ihrer Studie, wie längere Übergangsfristen vom Studium in ein gesichertes Arbeitsverhältnis und geringeren Verdienst bestätigen?

Kolja Briedis: Ja, das kann ich. Zwischen meinem Abschluss im März 2001 und dem Beginn meiner Arbeit bei HIS im April 2002 habe ich ein Jahr als wissenschaftliche Hilfskraft in einem Dekanat an der Universität gearbeitet und dort beispielsweise Evaluationen begleitet und Studierendenbefragungen ausgewertet. Das war damals weniger als eine halbe Stelle und es war vor allem eine Hilfskraftstelle. Es war mir aber wichtig, etwas zu tun, das mit meinen im Studium erworbenen Kompetenzen und meinem angestrebten Tätigkeitsfeld in Verbindung steht. Erst danach habe ich bei HIS angefangen, auch dort zuerst auf einer befristeten Stelle.

Würden Sie heute Abiturienten empfehlen, ein Studium dieser Fächer zu beginnen?

Kolja Briedis: Doch, das würde ich tun. Wichtig ist aber, dass man sich nicht erst am Ende des Studiums oder Arbeitsmarktdanach Gedanken über die Zeit nach dem Abschluss macht. Wenn man sich frühzeitig damit beschäftigt, dann kann man schon im Studium den roten Faden aufnehmen, der es einem später erleichtert, eine Stelle zu finden.

Was sollten Studierende tun, um ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern?

Kolja Briedis: Man sollte sich schon früh im Studium ausprobieren und klären: Was kann ich? Was möchte ich? Dabei helfen Praktika, aber auch die intensive Befassung mit theoretischen Inhalten. Wenn das geklärt ist, sollte man den Weg konsequent gehen und in diesem Feld weitere Praktika absolvieren, gezielt Veranstaltungen dazu in der Uni besuchen, Hausarbeiten, Referate und nach Möglichkeit, die Abschlussarbeit zu dem Thema schreiben. Auch empfiehlt es sich, vielleicht sogar in dem Bereich zu jobben. Je mehr ich mich schon während des Studiums in Theorie und Praxis mit meinem bevorzugten Arbeitsfeld beschäftigt habe, desto mehr Stärken entwickle ich dort und desto besser kann ich einem Arbeitgeber verdeutlichen, warum gerade ich für die freie Stelle die beste Besetzung bin.

Über welche von Vorgesetzten und Personalern geschätzten Qualifikationen und Kompetenzen verfügt ein Absolvent der Geistes- oder Sozialwissenschaften?

Kolja Briedis: Die Absolventinnen und Absolventen dieser Fächer können oftmals besonders gut in Zusammenhängen denken und diese erkennen. Außerdem sind sie häufig in der Lage, zwischen verschiedenen Fachkulturen zu wandern und zu vermitteln. Dafür werden sie oft von größeren Wirtschaftsunternehmen geschätzt. Es gibt aber auch noch andere Kompetenzbereiche, die interessant sind. Ich denke an die Fähigkeiten, die Arbeit selbst zu organisieren oder Problemlösungsstrategien zu entwickeln.

Viele Absolventen ziehen angesichts der momentanen wirtschaftlichen Situation eine Promotion in Erwägung. Haben Sie damit bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Kolja Briedis: Es kommt darauf an, mit welchem Ziel man eine Promotion verfolgt. Als reine Übergangslösung und aus Verlegenheit wird man damit nicht unbedingt besser da stehen. Deswegen rate ich, ein klares Ziel zu verfolgen und die Frage zu beantworten: In welchen Bereichen nützt mir eine Promotion, in welchen eher nicht? Und was bräuchte ich eher an Qualifikationen, sofern mir eine Promotion dort nicht weiterhilft. Dies ist jetzt kein Plädoyer, ausschließlich auf die Nützlichkeit zu achten. Aber eine Promotion ist ein langwieriges Verfahren. Wenn es allein darum geht, eine Phase der Arbeitslosigkeit nach dem Studium zu überbrücken, dann sollte man eher über Aufbaustudiengänge, Weiterbildung oder Jobs nachdenken.

Wie wird sich die berufliche Situation für Geistes- und Sozialwissenschaftler Ihrer Meinung nach durch die momentane Wirtschaftskrise verändern?

Kolja Briedis: Es wird natürlich schwieriger, eine Stelle zu finden. Das gilt im Moment aber eigentlich für so ziemlich alle Fachrichtungen. Allerdings sollte man wissen, dass die Suchdauer bis zur ersten Stelle gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften ohnehin immer etwas länger war und auch Zeiten von einem Dreivierteljahr oder noch mehr nicht unnormal sind. Wenn die Wirtschaft lahmt, haben Geistes- und Sozialwissenschaftler meist auch schlechtere Chancen, in der Privatwirtschaft einzusteigen. Ich halte es aber für wichtig, dass man sich nicht gleich beunruhigen lässt, wenn es bis zur ersten richtigen Stelle etwas länger dauert. Unsere Studien belegen eindrücklich, dass es meistens fünf Jahre nach dem Studium doch recht gut aussieht und zwischen 80 und 85 Prozent eine Stelle hat oder selbstständig ist.

Herr Briedis, danke für das Gespräch.

Bianca Böhringer

 

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[Letzte Aktualisierung 29.11.2009, Räder]