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7. Ausgabe: Dezember 2009
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Ein seltenes Problem und Leichen im Keller

Philosophin Julia Glahn fand noch vor Studienabschluss eine Projektstelle in der Medizinethik

Even though she had not yet completed her studies in philosophy, Julia Glahn already had a position at the RWTH Aachen University in the bag. In order to begin on time, though, she had to take her six remaining oral exams for her master’s degree in only six weeks. At the outset of her time in Aachen, she experienced the move from the humanities to a medical institute as a “cultural shock.” In the meantime, however, she feels that her interdisciplinary work is very rewarding.

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Vom Studium zum ersten Job:
Für Julia Glahn ging es (fast zu) schnell.
Foto: privat

Julia Glahn hatte ihr Studium der Philosophie noch nicht beendet, da hatte sie schon einen Job an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen in der Tasche. Um die Stelle rechtzeitig antreten zu können, musste sie jedoch erst ihr Studium beenden und dazu innerhalb von sechs Wochen sechs Magisterprüfungen ablegen. Den Wechsel vom geisteswissenschaftlichen in ein medizinisches Institut erlebte sie zunächst als Kulturschock, empfindet aber das interdisziplinäre Arbeiten als große Bereicherung.

Das Studium noch nicht beendet, doch den Arbeitsvertrag schon in der Tasche. Dieses Problem begegnet angehenden Akademikern doch recht selten. Einem Betriebswirtschaftler oder Informatiker mag so etwas vielleicht noch passieren. In den Geisteswissenschaften hingegen gilt es schon als Lotteriegewinn, überhaupt eine Stelle in der Wissenschaft zu bekommen, so rar gesät sind Promotions- und Mitarbeiterstellen. Diese wenig hoffnungsvolle Aussicht im Hinterkopf zögerte ich nicht lange, als ich die Ausschreibung der Stelle bei Prof. Dominik Groß am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der RWTH Aachen entdeckt hatte. Zu verlockend klang einfach die Chance, in dem gerade von der Volkswagen-Stiftung angenommenen interdisziplinären Forschungsprojekt „Tod und toter Körper. Zum veränderten Umgang mit Tod und Sterben in der gegenwärtigen Gesellschaft“ mitzuarbeiten. Die Stelle schien perfekt für mich, da ich mich bereits in meiner gerade abgeschlossenen Magisterarbeit damit beschäftigt hatte, ob Menschenwürde das geeignete Kriterium für den Umgang mit Toten darstellt, ich unbedingt eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollte und eine Promotion anstrebte.

In dem Projekt erforschen Philosophen, Soziologen, Juristen sowie Medizinhistoriker und -ethiker, welche Bedeutung Sterben und Tod in unserer Gesellschaft haben, welche Entwicklungen unsere Einstellungen dazu durchlaufen haben, welchen Status der menschliche Leichnam eigentlich besitzt, was wir über unseren eigenen Tod wissen können und welche Unterschiede es im rechtlichen System im europäischen Raum hinsichtlich Toter gibt. Ausgehend von der Untersuchung der klinischen Sektion als Beispiel für einen besonders aussagekräftigen und bedeutsamen Umgang mit Toten soll langfristig der Grundstein für eine in Deutschland bisher so nicht existierende Thanatologie, also eine Wissenschaft vom Tod, gelegt werden, wie es sie in einigen europäischen Ländern bereits gibt.

Nach einer schriftlichen Bewerbung und einem persönlichen Vorstellungsgespräch im Institut hatte ich den Job in der Tasche und mir gleichzeitig ein großes Problem eingehandelt: Ich musste die Stelle bereits sechs Wochen später antreten und bis dahin mein Studium abgeschlossen haben. Dies bedeutete, ich musste in dieser Zeit alle meine sechs Magisterprüfungen absolvieren. Es ist erstaunlich, zu welchen Höchstleistungen man plötzlich in der Lage ist, wenn man einfach keine Wahl hat. Nicht zuletzt dank der außergewöhnlichen und unkonventionellen Unterstützung meiner Prüfer habe ich es geschafft, alle Prüfungen zu meiner Zufriedenheit abzulegen und pünktlich am 2. Januar 2009 in Aachen zu sein.

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Wissenschaftliche Herausforderung für das interdisziplinär
zusammengesetzte Team: „Tod und toter Körper“.
Foto: privat

Hier bin ich nicht nur direkt neben dem Anatomiesaal, sondern in einer anderen Welt gelandet. Wird die Angewandte Ethik, und im Speziellen die Medizinethik, als der mit Abstand praktischste Bereich der Philosophie angesehen, so ist sie für Mediziner wiederum extrem theoretisch und abstrakt. Diese Kluft, die sich in Kommunikation, wissenschaftlichen Methoden und Arbeitsweisen niederschlägt, ist eine tägliche Herausforderung, die nicht nur weit reichende Einblicke in eine mir bis dahin völlig fremde Disziplin eröffnet. Auch wie ich mich selbst als Wissenschaftlerin und Philosophin wahrnehme, wird zunehmend nicht nur durch den philosophischen, sondern auch durch den medizinethischen Blickwinkel geprägt. Natürlich ist der Wechsel von den Geisteswissenschaften an ein medizinisches Institut gewissermaßen ein Kulturschock. Das Tempo, mit dem dort gearbeitet wird, ist mit dem gemächlichen Zeitmaß des gemeinen Magisterstudenten und auch dem an einem geisteswissenschaftlichen Institut nicht zu vergleichen. Eine tatsächliche 20-Stunden-Woche, wie sie in meinem Vertrag steht, habe ich selten.

Mein Dissertationsprojekt, das ich mit Frau Prof. Andrea Marlen Esser aus dem Marburger Philosophie-Teilprojekt verfolge, ist leider noch nicht so weit fortgeschritten, wie ursprünglich geplant. Das ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass ich alle Möglichkeiten, die mir die Arbeit im Institut bietet, nutzen möchte. So arbeite ich als Mitherausgeberin an einer Buchreihe des Campus-Verlags „Totenbilder. Studien zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod“, in der im Frühjahr 2010 gleichzeitig drei Bände erscheinen werden. Darüber hinaus gehört seit dem Wintersemester auch die Lehre zu meinen Aufgaben. Als Koordinatorin für philosophische Thanatologie angestellt, liegen meine inhaltlichen Schwerpunkte derzeit in der Untersuchung der ethischen Aspekte der klinischen Sektion und ihrer Bedeutung für den Status des und den Umgang mit dem toten Körper.

Trotz der deutlich gestiegen Arbeitsbelastung, wie sie wohl jeder Berufsanfänger erfährt, habe ich es nicht bereut, gleich das erste Jobangebot angenommen und von der Philosophie in die Medizinethik gewechselt zu sein. Denn rückblickend habe ich in diesen ersten Monaten nicht nur unheimlich viel über die unterschiedlichsten Bereiche, die mit dem Thema Sterben und Tod zusammenhängen, sondern vor allem auch über mich selbst gelernt. Die Reflexion, zu dem interdisziplinäres Arbeiten wie kein anderes zwingt, öffnet Horizonte – menschlich wie auch fachlich. Und dass im Keller unter unserem Büro die Leichen für die Anatomievorlesung präpariert werden, kann mich mittlerweile auch nicht mehr schockieren.

Julia Glahn



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[Letzte Aktualisierung 28.11.2009, Räder]