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7. Ausgabe: Dezember 2009
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Geistreich zum Erfolg

Geisteswissenschaftler erobern neue Jobs in der Wirtschaft

Soft skills, intercultural competence, and autonomy: these are typical catchphrases used to describe graduates of the humanities and social sciences. Especially in times of new, tiered programmes of study, university graduates must position themselves early in order to have success in their professional career. But, how do graduates of the humanities actually fare in their professional lives? Portal Alumni asked around and portrays its findings in its new issue.

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Nach oben: Längst dringen Geisteswissenschaftler in
neue Arbeitsbereiche vor.
Foto: Ausserhofer

Soft Skills, interkulturelle Kompetenz, Selbständigkeit – Geistes- und Sozialwissenschaftler werden oft mit diesen Schlagworten versehen. Besonders in Zeiten neuartiger, gestufter Studiengänge sollen sich Uni-Absolventen schon früh auf das Berufsleben einstellen. Aber wie kommen Geistes- und auch Sozialwissenschaftler in der Berufswelt an? Portal Alumni hörte sich um und diskutiert nun die Hintergründe.

Für die einen ist es ein Reizthema, für die anderen ein alter Hut: die Frage, wie es um die beruflichen Chancen von Geisteswissenschaftlern in der freien Wirtschaft bestellt ist. Immer wieder fordern Positionspapiere aus Hochschule und Politik, die Geisteswissenschaften müssten sich klarer profilieren. Absolventen sollen lernen, ihre Stärken besser an den Mann zu bringen. Ebenso regelmäßig stellt sich aber auch die Frage, weshalb gerade die Geisteswissenschaftler ihren beruflichen Marktwert ständig diskutieren. Geradezu mit hypnotischem Unterton fragen sie sich: Was können wir? Eine Frage, die manchem Juristen oder Absolventen der Wirtschaftswissenschaften fast absurd vorkommt. In der freien Wirtschaft, so viel ist klar, sollte man nicht zu lange bei solchen Grübeleien verweilen. Wer sich so rechtfertigen muss, hat meistens schon verloren.

„Soft Skills, was soll das denn sein?“, knurrt der ehemalige Personalchef eines großen deutschen Verlages, im Aufzug auf die vermeintlichen Qualitäten von Geisteswissenschaftlern angesprochen. Der Headhunter mit Büro am Kurfürstendamm hat wenig Verständnis für akademische Selbstfindungstrips. „Spielen Sie doch Fußball, da erwerben Sie soziale Kompetenz“, sagt der athletische Jurist mit Abschluss aus Frankreich und internationaler Berufserfahrung. Fremdsprachen seien heute ohnehin selbstverständlich. „Satteln Sie noch was Ordentliches drauf, zum Beispiel BWL“, rät er, und tritt hinaus auf den Flur. „Oder bleiben Sie meinetwegen an der Uni, falls Sie mit so wenig Geld auskommen.“ Der durchtrainierte Mann, der sein Geld mit der Vermittlung hoch qualifizierter Führungskräfte verdient, wirft noch einen skeptischen Blick über die Schulter. Ratternd schließt sich die Aufzugstür.

Was ist also überhaupt die Frage? Im Gegensatz zu den Gerüchten ist die Arbeitslosigkeit bei studierten Geisteswissenschaftlern nicht höher, als bei Absolventen anderer Fächer. Wie bei allen Hochschulabsolventen ist die Arbeitslosigkeit also auch signifikant niedriger, als der deutsche Durchschnitt. Die Arbeitsplatzsicherheit ist gut. Dennoch herrscht Verunsicherung an den Philosophischen Fakultäten: Begriffliche Konstrukte wie „interkulturelles Wissen“, „Praxismodul“ und „Schlüsselqualifikationen “ tauchen in den neuen Curricula auf. Und trotzdem lachen junge Studierende in diesen Fächern noch immer über die Frage, was sie mal mit ihrem Fach anfangen wollen. „Taxi fahren“, das war einmal der Klassiker. „Hartz IV“, lautet seine erschreckend zynische Modernisierung. Solche Sätze fallen noch immer. Und sie fallen in den Fächern, die mit Abstand zu den beliebtesten an deutschen Universitäten gehören: auch in Potsdam zählt die Philosophische Fakultät die meisten Studierenden.

„Ende der 70er Jahre glaubte man, dass die Studentenzahlen in den Geisteswissenschaften massiv zurück gehen würden“, sagt Karl-Heinz Minks vom Arbeitsbereich Absolventenstudien des Hochschulinformationssystems (HIS). Der bundesweite Bedarf an Lehrern war gedeckt, ein Einstellungsstopp an den Schulen schien viele Fächer unattraktiv zu machen. Doch das Gegenteil trat ein: „Die Geisteswissenschaften blieben weiterhin äußerst beliebt.“ Viele Frauen studierten die Fächer, auch ohne unmittelbare berufliche Ziele. Das sei kein Klischee, sondern eine statistische Tatsache, so Karl-Heinz Minks: Bildungsstudien statt Ausbildungsstudien. Gleichwohl drängten immer mehr Geisteswissenschaftler in den Arbeitsmarkt. Auch diejenigen, die ihre Zukunft plötzlich nicht mehr in einem Klassenzimmer sahen. Auch manch geplante Hochschulkarriere erwies sich als kurzlebiger oder weniger erstrebenswert, als gedacht. Obwohl geisteswissenschaftliche Studiengänge bis heute auf das Berufsbild des Lehrers oder Wissenschaftlers abzielen, ist es keineswegs selbstverständlich, dass Studierende ihre Zukunft so sehen.

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Foto: Fritze

So änderte sich die Perspektive der Geisteswissenschaftler. Die Geradlinigkeit verschwand aus vielen Lebensläufen. Es blieb Raum für Unsicherheiten, aber auch für Kreativität. Heute sitzt Rudolf Langer gerne mit einem Glas Wein auf seiner Terrasse, vor dem Eigenheim im Grünen. Die unmittelbar bevorstehende Verbeamtung als Englischlehrer ließ ihn einst nicht mehr ruhig schlafen. Der angehende bayerische Staatsdiener brach die Prozedur kurz vor dem Ziel ab. Er wagte einige berufliche Experimente und wurde schließlich Mitbegründer einer erfolgreichen PR-Firma. Heute plädiert Rudolf Langer für das kreative Experimentieren mit den eigenen Fähigkeiten. Er hält Geisteswissenschaftler für besonders wandlungsfähig und innovativ. Allzu strenge Ziele hält der Unternehmer für falsch. Stattdessen möchte er den Menschen Mut machen, an sich selber zu glauben. „Gehen Sie mit offenen Augen durchs Leben!“ So lautet sein minimalistisches Erfolgsrezept.

Dem fügt Christoph Anz noch einiges hinzu. Der promovierte Historiker arbeitet im mittleren Management der BMW-Group in München, mit den Schwerpunkten strategische Personalthemen und Bildungspolitik. „Geisteswissenschaftler sehen wir hier gerne“, sagt Christoph Anz. Sobald ein Job nicht unmittelbar mit Forschung und Produktion verknüpft sei, sei er auch für Geisteswissenschaftler offen. Abgesehen von den „Klassikern“ wie PR, Kommunikation und Pressearbeit gebe es Stellen im Personalwesen, im Vertrieb oder im After Sales-Bereich. Für erfahrene Arbeitnehmer kämen auch ressortübergreifende Positionen im mittleren Management in Frage. Aber Christoph Anz betont: „Wir erwarten als Unternehmen wissenschaftlich fundierte Praktiker. Ein Geisteswissenschaftler, der ohne praktische Erfahrungen bei uns anklopft, hat keine Chance.“ Mit den üblichen Schlagworten aus dem Katalog geisteswissenschaftlicher Qualifikationen ist es also nicht getan. Gefragte Eigenschaften seien die Fähigkeit zum durchdachten und zielstrebigen Handeln, die Offenheit für den Blick über den Tellerrand, sowie Wissen über schnelle und zielgruppengerechte Kommunikation. Hier diagnostiziert der Personal- und Bildungsspezialist noch einen Nachholbedarf in der universitären Lehre. Dabei bleibt Christoph Anz aber stets besonnen und realistisch: schließlich begann er selbst seine Karriere als Forscher am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen.

So dringen die Geisteswissenschaftler zunehmend in neue Arbeitsbereiche vor. Eine neuere Studie des Instituts für deutsche Wirtschaft Köln (IW) belegt, dass selbst Personalchefs in konservativ geführten Unternehmen immer offener auf die vermeintlichen Exoten reagieren. Mit etwas Wagemut, aber auch geschickter Lobbyarbeit gelingen beeindruckende Karrieren. Aber die Geisteswissenschaftler müssen auf der Hut bleiben: noch verdienen sie durchschnittlich weniger als Absolventen aus anderen Fakultäten. Die Würdigung ihrer Arbeit spiegelt sich seltener in ihrem Gehalt wider. Es bleibt oft beim warmen Händedruck und vagen Versprechen. Dennoch haben Geisteswissenschaftler, die wissen, was sie wollen, einen guten Stand. Peinliche Rechtfertigungen und einfallslose Argumente aus der Retorte sollten den Geisteswissenschaftlern nicht mehr über die Lippen kommen. Dafür sind sie viel zu gut.

Mark Minnes
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[Letzte Aktualisierung 28.11.2009, Räder]