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7. Ausgabe: Dezember 2009
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„Wickeln Sie sich das in den Schnurrbart!“

Matthias Zimmermann unternimmt einen Streifzug durch die europäischen Redensarten

Matthias Zimmermann hat sein Studium der Germanistik, Philosophie und Medienwissenschaften an der Uni Potsdam im Jahre 2007 abgeschlossen. Derzeit arbeitet er als Lektor im Sachbuchbereich des be.bra-Verlages in Berlin und hat dort vor kurzem sein erstes Buch veröffentlicht. Unter dem Titel „Von nackten Rotkelchen und furzenden Wölfen“ widmet er sich darin den witzigsten europäischen Redensarten. Über die sprachlichen Verwandtschaften des Kontinents sprach mit ihm Portal-Alumni-Redakteur Thomas Pösl.

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Alumnus Matthias Zimmermann:
Fasziniert von der Welt der Phrasen.

Was waren Ihre Beweggründe, sich eines solchen Themas anzunehmen?

Zimmermann: Phraseologie hat mich schon immer interessiert. Es ist doch interessant, dass etwa die Franzosen das Kondom „Englischer Regenschirm“ nennen und die Engländer „Französischer Brief“. Keiner will offenbar verantwortlich sein für diese Erfindung. Oder nehmen wir das Thema Liebe. Wir kennen in diesem Zusammenhang die Wendungen „jemanden um den Finger wickeln“, „jemanden nach der Pfeife tanzen lassen“ oder „jemanden an die Kandare nehmen“, also quasi drei Stufen von Beziehung. Ich finde es spannend, wie die unterschiedlichen europäischen Sprachen das machen. Außerdem hat sich noch keiner die Mühe gemacht, so etwas zu sammeln. Es gibt lediglich die Zusammenstellung eines Engländers über das Fluchen und Schimpfen der Europäer. Nach meiner bisherigen Recherche kann ich sagen: Das Material ergäbe ein wunderbares Kompendium und würde für mindestens vier Bände reichen.

Der amüsante Buchtitel zeigt deutlich an, dass dieses Thema auch und vor allem eine komische Seite in sich birgt. Was war Ihre Intention und wie sind Sie vorgegangen?

Zimmermann: Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern soll für jeden lesbar sein. Ich habe etwa zweieinhalbtausend Redewendungen gesammelt und dazu Quellen ausgewertet. Über achthundert aus fünfzehn Ländern sind in dem jetzigen Buch enthalten. Ich habe Wörterbücher gewälzt, mit Muttersprachlern gesprochen, Dolmetscher konsultiert und natürlich auch Vermutungen angestellt. Die Hintergründe zu recherchieren war auch das eigentlich Spannende. Die Redensarten sind in erläuternden, kommentierenden Texten integriert und verschiedenen Lebensbereichen zugeordnet, etwa „Sterben“, „Geld“, „Essen und Trinken“ oder „Liebe“.

Können Sie ein paar Beispiele geben?

Zimmermann: Wir „werfen die Flinte ins Korn“, andere Europäer werfen die Axt. Die Finnen werfen sie in den Brunnen, die Schweden in den See. Die Spanier jedoch werfen Strick dem Kessel hinterher. Wir „schwimmen im Geld“, aber die Franzosen „ertrinken“ darin. Da gibt es offenbar eine Beziehung zwischen Geld und Tod, und Angst spielt eine Rolle. Die Norweger „waten“ darin. Was also bei uns bis zum Hals reicht, reicht bei denen gerade Mal bis zu den Knien, und das obwohl Oslo einer der teuersten Städte der Welt ist. Wo wir uns „in die Nesseln setzen, setzen sich die Spanier ins Auberginenfeld. Keine Ahnung, warum das so ist. Die Muttersprachler wissen oft selber nicht, woher so etwas kommt. Bei uns heißt es, dass der der Chef im Hause ist, der „die Hosen anhat“. Bei den Norwegern und Finnen ist der Chef des Hauses der, der sagt, wo der Schrank steht. Klar, das Paar heiratet und bezieht sein neues Heim. Man kommt zwangsläufig zu den Kulturbereichen, etwa zwischen katholischer und evangelischer Welt. Oder nehmen wir den Bereich, was Nationen über andere denken. Es ist beispielsweise unglaublich, was Redewendungen etwa über das Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen offenbaren. Streckenweise ist das unglaublich brutal. Darin spiegeln sich Jahrhunderte von guten und schlechten Erfahrungen miteinander.

Was hat Sie beim Umgang mit den Redensarten Europas am meisten fasziniert oder überrascht?

Zimmermann: Zunächst war es für mich erst einmal schön zu merken, dass wir Europäer trotz der Vereinigung nicht alle eins sind, sondern in unserer kulturellen Vielfalt eben viele. Wenn man dann solche sprachlichen Dinge sammelt, merkt man einerseits, dass manche Wörter nur noch in Redewendungen gespeichert sind, quasi als Zeitreserve, und andererseits, dass viele Redewendungen ambivalent sind. „Den Vogel abschießen“ bedeutet historisch betrachtet, den Vogel des Jahrmarktes abzuschießen. Da der aber nicht echt ist, sondern aus Pappe, ist der Schützenkönig quasi ein falscher König. Das ist eher kein Triumph. Oftmals ist es so: Man nimmt eine fremdsprachliche Redewendung, freut sich, dass die so fundamental anders ist als unsere. Schaut man sich dann aber das sprachliche Pendant im Deutschen an, erfährt man, dass es das sogar genauso irgendwann mal gab. Bei uns heißt es „Das Herz rutscht in die Hose“, bei den Engländern rutscht es in die Schuhe, den Russen in die Fersen. Und das gab es im Deutschen genau so, nur fand im Laufe der sprachlichen Entwicklung aus irgendwelchen Gründen eine Umwandlung, eine Verschiebung zur etwas ordinäreren Hose hin statt. Freilich sind direkte Übertragungen oft nicht wirklich richtig. Übersetzungen von Redewendungen können aber auch nie wörtlich sein. Wichtig ist, dass Bilder entstehen. Jeder, der die betreffende Sprache lernt, muss ja solche Bilder entwickeln.

Zimmermann, Matthias:
Von nackten Rotkehlchen und furzenden Wölfen.
Die witzigsten Redensarten unserer europäischen Nachbarn.
Berlin-Brandenburg 2009, ISBN 978-3-86124637-4

 

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[Letzte Aktualisierung 29.11.2009, Räder]