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7. Ausgabe: Dezember 2009
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„Der Mut Anderer ist ermutigend“

Der Zeithistoriker Ilko-Sascha Kowalczuk forscht zur Geschichte der DDR

Als Mitglied diverser Kommissionen war der Geschichtsstudent Ilko-Sascha Kowalczuk an der Reform der Berliner Humboldt-Universität ebenso mitbeteiligt wie an wichtigen geschichtspolitischen Debatten der Nachwendezeit, etwa als Mitglied des Unabhängigen Historikerverbandes. Gleich Anfang der Neunziger Jahre organisierte er eine Ringvorlesung mit den führenden Köpfen der bundesdeutschen Historiographie. Das Buch „Paradigmen deutscher Geschichtswissenschaft“ dokumentiert diesen Neuanfang. Als Zeithistoriker war (und ist) Kowalczuk überzeugt davon, dass man die DDR-Geschichte nicht ruhen lassen darf.

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Ilko-Sascha Kowalczuk promovierte 2001 an der
Universität Potsdam.

Das ist sein Thema, bis heute. Nach 1989 war er deshalb auch einer der ersten, die nach der Öffnung der Archive die dort gelagerten Akten und Materialien in Augenschein nahmen. Als die Mauer fiel, war der gelernte Baufacharbeiter 22 Jahre alt. „Die neue Freiheit war der wichtigste Einschnitt in meinem Leben, ein Akt der Selbstbefreiung. Historiker wollte ich schon immer werden, auch, als ich in den letzten Jahren der DDR als Pförtner arbeitete.“ Kowalczuk, 1967 in Friedrichshagen am Müggelsee geboren, promovierte 2001 an der Universität Potsdam. Von 1995 bis 1998 war er ehrenamtliches sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission des deutschen Bundestages zur Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit. Aus dieser Kommission heraus wurde die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gegründet, deren Referent er war. Seit 2001 arbeitet er als wissenschaftlicher Projektleiter einer Forschungsgruppe von zehn Mitarbeitern in der „Abteilung Bildung und Forschung bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“.

Zu seinen aktuellen Projekten zählt unter anderem eine Langzeitstudie zur Veränderung von Opposition und Widerstand im Ostsseebezirk Rostock zwischen 1949 und 1989. „Rostock hatte eine herausgehobene Stellung innerhalb der DDR: Es besaß einen Hafen, hatte eine Ost- und Westgrenze, und der Tourismus spielte eine wichtige Rolle. Rostocks Beliebtheitsgrad war hoch. Und da interessiert uns, wie, warum und welche Interaktionen es zwischen Opposition und Gesellschaft gab? Was kommt an oppositionellem Potenzial aus sich selbst, aber was wird da auch hineingetragen?“ Unter seiner Leitung wird auch zur Geschichte des Militärgefängnisses in Schwedt gearbeitet, einem Thema mit vielen Legenden, aber ohne systematische Aufarbeitung. Das Thema „Staatssicherheit und die Fälschung der Wahlen“ ist ein anderes Forschungsfeld. Auch hier fehle es an Systematik. Gemeinsam mit dem Bürgerrechtler Wolfgang Templin erstellt Kowalczuk eine Dokumentation zur Telefonüberwachung von Oppositionellen durch die Stasi. „Wir haben von den wichtigsten Berliner Oppositionellen die Erlaubnis, dass wir diese Abhörprotokolle auswerten dürfen. Uns interessiert, wie die Stasi abgehört hat und gleichzeitig, wie sich oppositionelle Denkweisen entwickeln. Und natürlich auch, was die Stasi mit diesem Wust an Informationen eigentlich gemacht hat.“ Und er schreibt an einer biographischen Dokumentation über Ernst Wollweber, dem zweiten Minister des Ministeriums für Staatssicherheit und Vorgänger von Erich Mielke.

Der verheiratete Vater von vier Kindern hat mittlerweile zu allen Zeiträumen der DDR geforscht, immer wieder zum 17. Juni 1953 oder zur Hochschulpolitik der DDR, die Thema seiner Promotion war. Sein kürzlich erschienenes Buch „Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR“ behandelt die Endphase der DDR seit Mitte der achtziger Jahre.

Als Wissenschaftler besteht Kowalczuk auf den aufklärerischen Impetus seiner Zunft. „Gerade Historiker haben eine eminent wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe und sollten sich in bestimmte Debatten einmischen.“ Dabei ist er kein Historiker, der das Spektakuläre sucht, sondern sich für die großen Entwicklungslinien interessiert. Dass ihm in den Akten Menschen begegnen, die mutig waren und Nein sagten, empfindet er selbst als ermutigend. „Es gibt immer gute Gründe, sich anzupassen, in einer Diktatur zumal. Aber man kann dabei trotzdem moralisch integer bleiben. Die Akten legen darüber deutlich Zeugnis ab.“

Als er am „Endspiel“ schrieb, war er, obwohl Zeitzeuge, dennoch verblüfft, wie stark die Gesellschaftskrise schon in den Jahren zuvor sichtbar war. „Frappierend in der Zusammenschau war, in welch großem Umfang die Krisensymptome thematisiert wurden, in der Musik, im Film, in der Literatur, also bei all dem, was offiziell, also legal veröffentlicht wurde. Aber auch, in welchem rasanten Tempo Demonstrationen, Massenflucht und Bürgerbewegung das gesamte Land erfassten und wie wichtig dabei auch regionale Ereignisse waren, außerhalb der großen Fixpunkte Berlin, Leipzig und Dresden. Die fanden in den Medien nicht statt, es gab keine Bilder aus diesen Regionen.“

Thomas Poesl

 

 

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Ilko-Sascha Kowalczuk:
Endspiel.
Die Revolution von 1989 in der DDR
C.H.Beck,
München, 2009,
ISBN 978-3-406-58357-5

 

 

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[Letzte Aktualisierung 29.11.2009, Räder]