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6. Ausgabe: Dezember 2008
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Jeden Morgen dieselbe Sehnsucht

Für Antje Rávic Strubel ist Schreiben eine Lebensform

Antje Rávic Strubel lives and works as a writer in Potsdam. After vocational training as a bookseller, she studied until 2001 literary studies, American studies, and psychology at the University of Potsdam and the New York University. In New York, she worked as lighting technician at an Off-Off-Broadway theatre in Greenwich Village. Later, this theatre served as the setting for her novel "Offene Blende." With the publication of her book, she decided on a pen name by adding the name Rávic to her civil name to signify a further identity that comes to her while writing. Antje Rávic Strubel also works as a translator. Most recently, she translated into German the novel "The Year of Magical Thinking" and essays by the American author Joan Didion, whom for Strubel has been an important influence.

Antje Rávic Strubel lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Potsdam. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin studierte sie bis 2001 an der Universität Potsdam und der New York University Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Psychologie. In New York arbeitete sie als Beleuchterin an einem Off-Off-Theater in Greenwich Village, das später zum Schauplatz ihres ersten Romans "Offene Blende" wurde. Mit Erscheinen dieses Buches entschied sie sich für einen Autorinnamen und ergänzte ihren bürgerlichen Namen um den Namen Rávic, der eine Erfindung ist und der eine weitere Identität bezeichnet, die ihrer Person während des Schreibens zukommt. Antje Rávic Strubel arbeitet auch als Übersetzerin und übertrug zuletzt den Roman "Das Jahr magischen Denkens" und Essays der amerikanischen Autorin Joan Didion, die für ihr Schreiben insgesamt eine wichtige Rolle spielt, ins Deutsche.

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Autorin Ràvic Strubel:
"Zu sagen, ich sei Schriftstellerin,
klingt wie Hochstapelei."
Foto: Zaia Alexander

Es gibt für das, was ich tue, keine Ausbildung. Ich übe auch keinen Beruf aus. Meine Ausbildung zielte auf eine Stelle in einer Zeitungsredaktion, in einem Verlag, bei einer Partei, ich habe auch Germanisten kennen gelernt, die nach dem Studium bei einer Computerfirma oder einem Markenartikelhersteller gelandet sind, sich um die Pressearbeit eines Immobilienbüros kümmern oder Physiotherapeutin werden. Kurz: Für die, die Germanistik studieren, stehen die Chancen, danach noch einmal neu zu beginnen, gut.
Literaturwissenschaften zu studieren, war schon zu DDR-Zeiten mein Traum gewesen, wäre aber ohne Parteimitgliedschaft der Eltern plus Einskommanulldurchschnitt beim Abitur schwer Wirklichkeit geworden. Der Schwung für den Durchschnitt war da und obwohl mein Abi schon in die Zeit nach der Wende fiel, wollte ich den Schwung nicht herausnehmen und hätte übergangslos beginnen können mit dem Studium. Aber entweder erschien mir das auf einmal zu leicht oder die Warnungen vor Arbeitslosigkeit im Westen, die uns die Schulzeit über begleitet hatten, waren wirkungsvoller gewesen als gedacht. Bei diesem Studium - so unpraktisch, so wenig funktionell in einer Marktwirtschaft, wie es hieß - schien das Risiko besonders hoch. Ich ging von Ludwigsfelde nach Berlin, lernte Buchhändlerin und den Westen kennen. Und wie zur Bestätigung der Unkenrufe traf ich in der Kreuzberger Handelsschule einen Azubi, der nach etwa sechzehn Semestern Germanistik aus Angst vor dem, was danach kam, das Studium abgebrochen und sich im Buchhandel beworben hatte. Ein schlechter Rettungsanker, wie wir in der dritten Stunde Buchhandelslehre erfuhren: 1992 gab es in Berlin zweihundert arbeitslose Buchhändler.
Buchhändlerin habe ich zwar gelernt, aber nie als Beruf ausgeübt. Auch die literaturwissenschaftliche Laufbahn habe ich nicht eingeschlagen und obwohl ich für verschiedene Zeitungen, unter anderem die Potsdamer Neuesten Nachrichten, schrieb und noch immer für den Rundfunk arbeite, bin ich keine Journalistin geworden. Das Studium hat mich denken gelehrt. Es hat mir das nötige Handwerkszeug mitgegeben, um Wirklichkeit zu begreifen. Mit meiner Arbeit als Schriftstellerin hat es jedoch wenig zu tun. Und nur mit großer Not lässt sich diese Arbeit als Beruf bezeichnen, auch wenn die Mitgliedschaft bei der Künstlersozialkasse, die die Arbeitgeberhälfte meiner Krankenversicherung zahlt, ihr diesen Anschein gibt. Es ist eine Lebensform. Eine Daseinsweise, die lange vor Studium, Ausbildung oder Abitur begann. Die begann, als ich anfing, mich in der Welt wahrzunehmen und diese Wahrnehmungen zu hinterfragen.

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Abb.: dtv (2), Piper (1)

Noch heute fällt es mir manchmal schwer zu sagen, ich sei Schriftstellerin. Es klingt wie Hochstapelei, auch wenn ich mittlerweile davon leben kann. Wenn ich mich mit einem Kaffee früh um neun zu Hause an den Schreibtisch setze, in die Luft oder auf den Bildschirm sehe, entsteht nach Stunden vielleicht eine halbe Seite Text. Ich tauche in eine Welt, in einen Sprachraum ab, und jeden Morgen gibt es dieselbe Sehnsucht nach diesem Raum und dasselbe Risiko, ihn diesmal nicht zu finden. Wenn ich gefragt werde, was ich tue, sage ich manchmal, dass ich Sätze bilde und manchmal, dass ich mir Geschichten ausdenke oder mir Gedanken zu einem Thema mache oder eine Form für eine Idee suche. Und alles trifft zu und nichts davon. Denn wie lässt sich erklären, dass meine Aufgabe, meine Tätigkeit, das, womit ich auch Geld verdiene, darin besteht, an einem Ort zu sein, an dem ich entfernt von mir am meisten ich selbst bin?
Nach dem Studium hatte ich zwei Bücher fertig. Ich suchte einen Verlag und kurz nachdem ich meine Magister-Urkunde aus dem Studentensekretariat abgeholt hatte, traf die Zusage von dtv ein, "Offene Blende" und "Unter Schnee" zu drucken. Also musste ich mich nicht mehr fragen, was danach kommen sollte. Ich begann einfach, das, was ich immer schon tat, öfter zu tun. Dann kam das Finanzamt und fragte nach einer Steuererklärung. Da, glaube ich, wurde mir klar, dass ich mich selbständig gemacht hatte, dass das Schreiben mein Leben geworden war, ganz so, wie ich es als Kind vor mir gesehen, aber immer für einen Tagtraum gehalten hatte, für etwas, das andere Leute taten, für das Glück anderer.
Mittlerweile sitze ich als Schriftstellerin auf Podien und in Jurys, fahre zu Lesungen und Festivals, gebe Interviews, mache mir Gedanken über die Fotos, die von mir gedruckt werden, versuche, anderen ein paar Fertigkeiten zum Schreiben beizubringen. Meine Eltern und Freunde sagen ganz selbstverständlich, ich sei Schriftstellerin, wenn sie nach meinem Beruf gefragt werden. Aber da ich bisher nicht herausgefunden habe, wie das geht mit dem Schreiben, worin meine Tätigkeit also eigentlich besteht, und mir auch andere Schriftstellerinnen keine zufrieden stellende Antwort geben können, bleibt eine merkwürdige Zurückhaltung, wann immer ich gebeten werde, darüber zu sprechen.

Antje Rávic Strubel

Kontakt: E-Mail: ravic@antjestrubel.de; Internet: www.antjestrubel.de

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[Letzte Aktualisierung 12.12.2008, Schroeter]